Ausgabe 
4.11.1898 Erstes Blatt
 
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Freitag den 4. November

Nr. 259 Erstes Blatt.

1898

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Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 6L

veutsche» Reich.

Tarmstadt, 2. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben gestern Nachmittag folgendes Leie- -ramm erhalten:

Au Seine Königliche Hoheit den Grohherzog von Hesteu und bet Rhein.

Jerusalem, 81. October.

Unter dem Eindruck der erhebeodeo Frier der Einweihung der Erlöserktrche ist e» Mir HerzenSbedürfniß, Eurer König« licheu Hoheit Meinen herzlichsten Dank für d e warme Ltzetl« oahme anSzufprechen, welche Eure Königliche Hoheit dtrirr für da» evangelische Bekeuutuih so bedeutuugSvolleu Feier durch Eotfeuduug eiur» Vertreter» de» dortigen Kirchen- regiment» zu bethätigeu die Gewogenheit gehabt hattru.

Wilhelm.

Auf diese» kaiserliche Telegramm ist al»bald folgende Antwort von hier abgeseudet worden:

Kaiser Wilhelm, Jerusalem.

Eurer Majestät sage Ich Meinen tiefgefühlteo Dank für da» gnädige Telegramm au» Jerusalem. Wa» Eure Majestät sür unser gesawmte» deutsche» Vaterland, inSde« soudere sür seine Aogrhörtgeu der christlichen Loufesfionen durch die Palästtuaretse thuo, wird stet» in Dankbarkeit von Mir und Meinem Heffeolaude anerkannt werden.

Ernst Ludwig.

Seine Hoheit der Erbprinz und Ihre Königliche Hoheit dir Erbprinzessto von Sachsen«Meiningen sind heute Nachmittag 1 Uhr 60 Mio. von hier wieder abgeretst. I« Gefolge befanden sich die Hofdame Fräulein v. Abrkeu und der Hofchef Major Frhr. d. Röder.

Berit», 2. November. Der ^Nordd. Allgem. gtg/ wird gegenüber deu tu ausländischen Blättern verbreiteten sensationeller' Serüchieu an unterrichteter Stelle al» zutreffend bestätigt, daß da» Katserpaar Angesicht» der ungewöhn­lichen troptschru Hitze, dte zor Zett tn Palästina herrscht, deu Ausflug nach Jericho und de« Todteo Meere aus- gegebeu habe uud demgemäß bereit» am 8. November Jerusalem verlassen werde.

Berlin, 2. November. Wie derLocal-Anzeiger" zu melden weiß, soll der Dtrecior der Eolonial-Abtheilung de» Auswärtigen Amtes, Dr. v. Buchka, amtSmüde sein. Der hier etugeiroffeoe Generalmajor Liebere wirbln betheiligreo Kreisen als sein Nachfolger bezeichoet. Gleichzeitig ist dte ,Post" ermächtigt, der wiederum auftauchenden Meldung, daß Generalmajor Liebert von seine« Gouverueurposteu zurücktrerro werde, eotgegeozutreteu. Herr Liebert werde zunächst wieder auf seiueu Posten zurückkehren.

Berlin, 2. November. Im Prozeß Harden wurde heute vormittag zunächst unter Zulassung der Orffeotlichkeit verhandelt. Der Staatsanwalt erklärte, daß es ihm darum zu thuu fei, deu verfaffer des Artikels .Der Wahrheit Rache" keuvea zu leruru. Der Angeklagte weigerte sich, deu Nameu zu ueuoeo. Nachdem der Staatsanwalt noch dte Vorladung eine» neuen Zeugen, de» Dr. Berthold, beantragt hatte, wurde für dte wettere Verhandlung dte Oeffeotlichkett wieder au»geschloffeu. Da» Urthril ist nach einer Bemerkung de» Staat»aowalt» nicht vor Freitag zu erwarten.

Berit», 2. November. Etoe socialtsttsche Volk»« versammluog soll an Stelle der polizeilich verbotenen Anarchisten.Versammlung am heutigen Mittwoch sich mit der Stillung der Socialdemokratie zu dem auf das deutsche Kaiser- paar geplanten Attentate beschäftigen. Als Referent ist Ab- geordneter Bebel augekündigt.

Berli», 2. November. Ein Gesuch um Regelung de» ApothrkenwesenS hat der Centralvorstand der Pharmazeutischen Bereinigung dem CuluSminister unterbreitet. Der Minister wird darin gebeten, zu veranlaffen, daß durch die verbündeten Regierungen für da» Deutsche Reich, oder wenn dem große Schwierigkeiten entgegen stehen, für Preußen durch da» kgl. staatsministrrium ein Gesetzentwurf vorgelegt werde, der die Ablösung der bi» jetzt geblldeten Apothekenrechts werthe durch genoffenschastliche Amortisation der Apothekeninhaber, ähnlich vie da» in Schweden mit ausgezeichnetem Erfolge geschehen 4«, bestimmt und die Verkäuflichkeit der Apothekenbetriebs- rechte avfhebt.

Berlin, 2. November. Der Colonialrath hat sich in -einen letzten Sitzungen auch mit der Eisenbahnfrage in len Colonien beschäftigt. Der ,Hamb. Corr." knüpft daran «ine Betrachtung über den jetzigen Stand der Dinge. Hin­sichtlich der Usawbara-Etsenbahn war man aber an amtlicher Stelle schon fett einem Jahre entschlossen, die bisher fertig- gestellte Strecke wie deren Wetterbau zu übernehmen; die Regierung will aber damit über den bisher ins Auge ge- .

faßten Endpunkt Korogwe noch etwa 50 Kilometer bi» Mombo hinausgehen, die Bahn also im Ganzen auf eine Länge von 120 Kilometern bringen. Man würde so den Plantagenbau bi» tief in« Innere unterstützen und fördern, doch würde e» sich auch dann noch nur um eine Küstenbahn handeln, die nicht in Betracht kommen kann, wenn der Verkehr bis ins Centtum Afrikas und dte Verbindung mit fremden Colonien ins Auge gefaßt wird. Allerdings ist auch der Ausbau der Tangabahn bi« tief in« Innere, also bi« zum Victoriasee und in einer Abzweigung bi« zum Tanganjika in Vorschlag gekommen. Sollte bei den schließlichen Erwägungen dieser Vorschlag zur Annahme gelangen, so würde allerding« die Bahn Tanga-Korogwe Mombo die Bedeutung einer Centtal­bahn gewinnen. Hinsichtlich der schon 1895 vorbereiteten Centralbahn von Bagamoyo au« bi« zu den Binnenseen scheint ein bestimmter Beschluß gefaßt zu sein. Damals sind die Tracirungs-Arbetten für die Anfang«strecke bis Mrogoro in Länge von 258 Kilometer nicht zum Abschluffe gekommen; nunmehr soll eine Summe in den Eiat eingestellt werden, die die Ausführung der Tracirung ermöglicht. In Togo ist, wie schon seit einiger Zeit bekannt, der Bau einer Küstenbahn beschlossen. Sie soll bis zur französischen Colonie Dahome verlängert werden und Anschluß an die dort zu bauenden Bahnen erhalten. Ferner ist eine Summe in den Etat ein­gestellt für die Fortsetzung der angefangenen Bahn von Swakopmund nach Windhoek. Sachkenner sind indessen der Ansicht, daß da» in Ansatz gebrachte'Kapital nicht genügt, man wird später mit neuen Forderungen kommen müffen. Wenn auch dte Bahn nach Windhoek den Anfang einer Befferung der Verkehrsverhältniffe bildet, so ist doch noch unendlich viel zu thun, um den benachbarten Colonien gleichzukommen. Vor Allem ist ein» der dringendsten Erfordernisse, daß Deulsch- Südwest Afrika nach Osten hin an die fremden Colonien an­geschloffen wird. Die Jsolirung Südwest-Afrika- gegenüber dem übrigen Südafrika blldet da« Haupthinderniß sür die Entwickelung unserer Colonie. Ob da« deutsch-englische Ab­kommen wenigsten« eine Verständigung über alle afrikanischen Fragen bringen wird, ist nicht bekannt.

Von den Deutschen tn Transvaal wird der Rhein.-Wests. Ztg." au« Johannesburg geschrieben: Dte Verhältnisse in unseren deutschen Kreisen find durch den deutsch-englischen Verttag sehr aufgewühlt. Die mit dem englischen Kapital zusammengehenden Deutschen stellen fich auf Sette de« Vertrages, während dte unabhängigen Deutschen aufs Peinlichste von demselben berührt sind, einer der Haupt- Wortführer der englischen Partei unter den Deutschen ist der Redacteur derSüdafrikanischen Zeitung", Dr. Geehl; da« Blatt, welches finanziell von den Anzeigen der englischen Kapitalisten stark mit abhängt, hat mehrere sehr scharfe Artikel gegen die Buren und für dm Delagoa-Vertrag ge« bracht, welche von Seiten der hier wohnenden Briten mit großem Jubel begrüßt worden find. Dr. Geehl ist zugleich der Correspondent derKölnischen Zeitung" und Verfaffer der dort erschienenen burmfeindlichen Artikel. Wegen dieser Artikel wird er in hiesigen deutschen Kreisen stark angegriffen, in der hiesigen Ortsgruppe de« Alldeutschen Verbandes ist er öffentlich so scharf getadelt worden, daß er aus derselben ausgeschieden ist, eine Thalsache, die im Interesse der Klärung nur angenehm berühren kann. Im Ganzen stehen die Deutschen nach wie vor auf ihrem allen Standpunkt, daß, um ein bewußtes Deutschthum in Südafrika zu erhalten, die Existenz der Burenstaaten unerläßlich ist.

Kol», 2. November. Dte ,Röln. Ztg." meldet an» London: Dte Lage wird in den letzten Tagen tn allen wirklich unterrichteten Kreisen sehr ernst ausgefaßt, in de« am besten unterrichteten am ernstesten. E» wäre eine Täuschung, die neuesten Rüstungen einfach al« Säbel- rasseln aufzufaffen. Jedenfalls liege guter Grund für die Annahme vor, daß der französische Botschafter diese leichte Auffassung nicht theilt, sondern in Mittheilungen an seine Regierung dte neuerliche straffere Haltung Salisbury« betont hat, dte nicht erst vo« letzten EabinetSrath, sondern von Privatvorstellungen seiner Lollegen nach de« Erscheinen deS französischm GelbbucheS bathrt.

Mannheim, 2. November. In Neckarau stürzte heute vormittag «ährend der Arbeit ein 13 Meter hohes Gerüst an einem Fabrik Neubau zusammen. Ein Arbeiter blieb so­fort tobt, zwei »obere sind schwer verletzt.

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Wie». 2. November. Einer Athener Meldung der Lorresp." zufolge notificirte der König von Griechenland den Kretamächten die offictelle Zustimmung zu der Ernennung de»

Prinzen Georg zum Gouverneur von Kreta. Derselbe erhält den Titel eines Fürst Gouverneur. Falls der Sultan feine Zustimmung gibt, begibt fich der Prinz nach Konstantinopel, um die Bestätigung feiner Ernennung tu Empfang zu nehmen.

Wie», 2. November. Da» hiesige Ober-LaudeSgeriche hob dte Untersuchungshaft gegen den Redacteur Hecht vo« Wiener Tageblatt" auf.

Budapest, 2. November. Nachdem die ungarische Quoten-Deputatton btt Erhöhung btt Quote auf 38pEt. abgelehnt hat, sollen btt Verhandlungen der Depu­tatton als gescheitert betrachtet werden. Dte Regierung wird nunmehr dte Entscheidung der Krone anrusen. Mau erwartet, daß dte Krone dte Quote sür daS nächste Jahr auf dte biShertge Höhe bestimmt.

Rom, 2. November. Der Entwurf der Thronrede betont dte Nothwendtgkett des FesthalteuS an den Bündnisse», zollt dem AbrüstuugSvorschlage Beifall und empfiehlt der Kammer wärmstenS dte finanziellen öconomtschen Vorlagen.

Rom, 2. November. Trotz vaticanischer Ableugnungen steht t« fest, daß der Papst in letzter Zeit wiederholt Ohn- «achtSanfälle hatte.

DaSZustandekommen der Snarchistencousereoz ist gesichert. Ob aber au» den Berathnngen derselben eine so weit gehende Einigung der Mächte sosort hervorgehen werde, wie vielfach erwartet wird, steht nach unseren Infor­mationen, die fich auf Mittheilungen an» mehreren Ländern de» politischen Verkehr» stützen, zur Zeit noch etwa» dahin. Deutschland wird selbstverständlich allen Maßnahme» zu- stimmen, die geeignet find, die Abwehr der Anarchistengesahc zu einer möglichst erfolgreichen zu machen, ob aber auch die franzöfische, ob dte belgtsche und dte englische Regierung fich bereit erklären werden, die Eonsequenzen der von der italie­nischen Regierung gemachten Vorschläge auf fich zu nehmen, da» dürfte abzuwarten sein- »in diplomatischen Kreisen wird e» mindesten» nicht als sicher betrachtet.

Pari«, 2. November. In dem neuesten Abschnitt, in den die Drehfu»fache jetzt eintritt, bringt eine» der Ge« neralstab»biätter wieder Bedenken wegen der geheimen Acten vor. Der ,®aulotfl" erklärt nämlich, er hoffe, der Kassations­hof werde, bevor er amtlich einen Einblick tn jene Acten nehme, sich über dte Folgen eines etwaigen Verschwiegenheit« bruche» vergewiffern. Die Acten seien bt»her au» drei Gründen gehet« gehalten worden: erstens hätte eine ver öffentlichung t« gegebenen Zeitpunkt ernsteste biplo«attsche Verwicklungen herbeigesührt, diese Gefahr sei gegenwärtig allerding» weniger zu befürchten- zweiten» würde die Organi satiov de» französischen Spionagedienstes auf» Schwerste da­runter leiden, und dritten» würden hochgestellte Persönlich« ketten dadurch bloßgestellt, deren selbstlose Etn«ischung tn die DretfuSsache geheim gehalten werden mflffe. Wa» den ersten Punkt betrifft, so ist aus deutscher Seite bekanntlich oft genug erklärt worden, daß hier derartige Bedenken keine»- weg» bestehen. Mit den beiden übrigen Bedenken dagegen mag e» feine Richtigkeit haben.

London, 2. November. »Daily Mail" berichtet, daß fich die franzöfische Regierung endgültig entschloffen habe, die französischen Truppen au» Faschoda zurück-»- ziehen. Frankreich habe sich jedoch Vorbehalten, sofort bk ägyptische Frage aufzuwerfen, da dieselbe augenblicklich eine günstige Lösung finden könnte, indem alle europätschm Staaten gegenwärtig zu einer Lösung bereit seien.

Lo»don, 2. Novewber. Den ,£t«e»* wird an» Irr», falt« gemeldet, am Montag sei ein von Jaffa kommender Eisenbahnzug mit deutschen Matrosen ver­unglückt. vier Personen seien getödtet.

London, 2. November.Daily Statt* meldet an» Kairo, Marchand werde sofort nnch seiner Ankunft k> selbst mit dem Khedtven eine Unterredung haben und ihm einen vollständigen Bericht über seine Reise unterbreiten.

London, 2. November. Bezüglich der neuesten Flotte»- Vorbereitungen heißt e», daß zunächst au» den Wacht- schiffen ein Geschwader von zehn Schlachtschiffen und fünf Panzerkreuzern 1. Klaffe tu Devonpott und Pott»«onth zu« sammengezogeu und auf die volle Mannschaft»stLrke gebracht wird, da» mit 18 neuen Torpedojägeru von 30 Knete» Ge­schwindigkeit bestimmt ist, die bet Gibraltar vorläufig auf drei Wochen ankernde Kanalfiotte zu ersetzen und weitere Ver­stärkungen nach dem Mittelweer abzugebeu. Die ftüher er­wähnte erfte Abthettung der Reserveflotte liegt bei Portsmouth soweit bereit, daß sie in 24 Stunden tn Dienst gestellt werben kann. Auf allen Flottmstationen herrscht rege vorbereitende THLtigke-t.