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Nr. 232 Zweites Blatt_______Dienstag den 4 October
1S99
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Fernsprecher Nr. 51.
Deutsches Reich.
Betül, 1. October. Der Kaiser empfing auf Jagdschloß Rominten heute den Lhef bei Livil-Labinets v. Lucaou» zu« Bortroge und hat zu morgen den Staats- secretSr Ttrpttz sowie den Lhef des Marine-Labtoets, Aretherro v. Seudeo-Btbran, dorthin besohlen.
Betül, 1. Oktober. Der Königliche Hof legt heute für die Köaigtu vou Dänemark die Trauer auf drei Wochen au.
Bettln, 1. Oktober. Der »Nordd. Allge«. Ztg." zufolge gedeokt der Reichskanzler Fürst Hoheulohe erst morgen wieder tu Berlin eiozutreffeo.
Berlin, 1. Oktober. Die von den »Daily News" gebrachte Mtitheiluvg über den Empfang des Gesandten der südafrikanischen Republik, Dr. Lehds, Seitens des Ber- trerers des Staatssekretärs v. Bülow, des Geheimrath d. Dereurhall ist, wie der ,8off. Ztg." von uuterrichteter Sette mitgetheilt wird, buchstäblich wahr. Dr. Lehds ist über den gegen ihn wie seine Regierung iu Prätoria gerichteten Vorwurf, als hätten fie io der deutschen Presse irgendwie agttirt, aufs höchste entrüstet, da auch nicht der gertugste Anhalt für eine solche Beschuldigung vorhanden ist.
Betül, 1. Oktober. Der »Reichsanzeiger" veröffentlicht tu seiner heutigen Rümmer ein vom Eultusmiuister ausgehendes Preisausschreiben, tu welche« preußische und In Preußen lebende andere deutsche Künstler aufgefordert werden, bts zu« Monat April 1899 Modelle für etue Tios-Medatlle oder Tauf-Plakette etuzuretcheo. Die Medaillen sollen für Eltern und andere Familien-Mitglieder als Eriunerung au die Geburt oder Taufe eines Kindes dienen. Für den besten Eatworf wird ein Preis von 80 000 Mark ausgesetzt.
Berlin, 1. Oktober. De« »Loeol-Auzeiger" wird aus Loudon gemeldet: Rach einer Depesche aus Lapstadt erhoben fich die Eingeborenen in Damara-Laud gegen die deutsche Herrschaft. Ein Gefecht blieb uueutschiedev. Elf deutsche Soldaten sollen getödtet sein.
—- Aus Rominten, 28. September, berichtet das ^Memeler Dampfboot": Einen Vteruudvterztg-Ender hat ,mser Kaiser am DtenStag Abend 1« Bezirk der Ober- sörsteret Shssawen geschaffen. Der Hirsch brach augenblicklich Im Feuer zusammen. Groß war die Freude Sr. Majestät,
deuu eine Reihe vou über 150 Jahren ist verflossen, seitdem ein solch ungeheurer »Kapital-Hirsch" zum letzten Male zur Strecke gebracht wurde. Bor ungesähr 200 Jahren, so wird hier als ganz besonderer Fall erzählt, soll ein Hirsch erlegt worden sein, der vierundsechzig Enden gehabt hat. Mau stellt fich wohl das Geweih solch etueS Bieruudvierzig-EoderS im ersten Augenblick rtefig vor. Jedoch find die jüngsten Sprossen nicht sehr groß und au de« oberen Thetle des Geweihs zu einer Krooe vereint. Die Kaiserin hat eS fich nicht nehmen lassen, noch am Abend desselben Tages persönlich drei Aufnahmen mit Blitzlicht vou de« Hirsch zu «acheu, um ihren Gemahl damit zu erfreuen. Heute liegt der Hirsch vor dem kaiserlichen Jagdschlösse und wird vou einem hierher befohlenen Photographen aus Königsberg photographirt, während gleichzeitig Professor Bollrarh beschäftigt ist, ein Bild des Thteres auf die Leinwand zu bannen. — Jeden Morgen betritt unsere Kaiserin die dicht am Schlosse befindliche St. Hubertus-Kapelle zum Orgelspiel, uud zwar bevorzugt die hohe Frau hauptsächlich geistliche Volkslieder. Jo der kleinen, aber sehr netten Kirche befindet fich eine sauber gestimmte Orgel. Auf ihr erkltogeo neben Lhorälen die schönen Melodien: „(il ist bestimmt in Gottes Rath," — ,®o findet die Seele", — „@o nimm denn meine Hände".
— Der 14. deutsche Lougreß für erziehliche Kuaben-Haudarbeit wurde am 1. Oktober tu Dresden bei zahlreicher Betheiligung aus allen Thetlen Deutschland» eröffnet. Stue größere Anzahl von Ministerien, Regierungen und Städten haben Vertreter entsandt. Ueber die Neubildung des deutschen Vereins für Koabeo-Handarbeit, die einstimmige Aufnahme fand, berichtete der vor fitzende v. Scheuckendorff, über die Methode de» Handarbeit»-Unterricht» Direktor Dr. Goetze, ferner Rector Brurckmaun Köaig»berg über die versuchsweise Ertheiluog des Unterrichts im Lehrplan der Volksschule uud Schalrath Polak über die ländlichen Arbeitsschulen im Kreise Worbis.
Betül, 2. October. Rechte der RetchStele- grapheuv erwaltuug. Die »Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der Herr StaatSsecretär des RetchS-PostamtS hat tu der Antwort auf die Beschwerde etuer Reihe industrieller Vereinigungen über Störungen des Fernsprechverkehrs durch die elektrischen Straßenbahnen die Nothweudigkeit betont, die Rechte der Reichs Telegraphenverwaltung an der Benutzung der öffentlichen Wege gesetzlich sicher zu stelleu. Demgegeu-
über wird tu der Presse behauptet, daß ein Geietzeutwurf dieser Art schwerlich die Zustimmung des Reichs finden werde. Bet dieser Behauptung scheint übersehen zu sein, daß der iu de« Uebergaoge zum reinen Doppelleitungssystrm sür die Fernsprechleitungrn liegende große Fortschritt für den Fernsprechverkehr fich nicht verwirklichen läßt ohne weitgehende Umwandlung des oberirdischen Leitungsnetzes tu ein unterirdisches, und daß diese Maßregel nur durchgeführt werden kann, wenn der Telegraphenverwaltung die Benutzung der Straßenkörper zu diese« Zwecke gefichert ist. Es kommt ferner in Betracht, daß in einem Gesetzentwürfe der bezeichneten Art, wie er gegenwärtig in der Ausübung begriffen ist, selbstverständlich Fürsorge getroffen werden, wird daß berechtigte Einwendungen der Städte oder sonstigen Eowmuual- verbände gegen die Inanspruchnahme ihrer Straßen für den Fernsprechverkehr die gebührende Berücksichtigung finden, sowie daß ihnen volle Entschädigung für die ihnen etwa aus dieser Jaauspruchoahme erwachsenden finanziellen Rachtheile gewährt werde. Die Behauptung, daß der von der Reichs Postver- waltung geplante gesetzgeberische Vorschlag in dem Reichstage keine Mehrheit finden werde, darf daher al» eine bloße, auf etuer Verkennung der thatsächlicheo und rechtlichen verhält- uisse beruhende Eombination bezeichnet werden.
— DaS sogenannte Strikegesetz. Bestätigend will die »Allg. Ztg." erfahren haben, daS der vom Kaiser tu der Oehnhauser Rede angekündigte Gesetzentwurs nicht tu etuer Seuderuug der Gewerbe-Ordnung, sondern tu spectalt- firteu Bestimmungen zum Schutze der p-rsöultchen Freiheit auf dem Gebiet deS allgemeinen Strafgesetzes bestehen werde.
— Bismarcks Memoiren. Zu der Mittheilung der Lottaschen Buchhandlung über die Memoiren Bismarcks erfährt die »Franks. Ztg.": Die Ueberuahme des Werkes durch den Lottaschen Verlag geht bts auf das Jahr 1890 zurück. Damals einigte fich Fürst BiSmarck, nachdem er fich nach längere« Zögern zur Niederschrift seiner Erinnerungen entschlossen hatte, mit dem Lhef des Lottaschen Verlags, der ihn in Friedrichsruh besuchte, im Prinzip über diese Ange- legeuheit. Der Altreichskauzler begann alsbald seine Gedanken und Erinnerungen niederzuschreiben und setzte seine Aufzetchnuogen, die et zumeist iu die Feder dictirte, bis zu seinem Lode fort, immer wieder ergänzeud und corrigirend. Bei seine« Hinscheiden fanden fich noch Nachträge zu dem Memoireuwerk vor. Ueber den Zeitpunkt des Erscheinens
Feuilleton.
Aus der Krupp'schen HußstaMabriK.
(Schluß.)
Dir Einleitung zu deu Fabrikattonszweigen des Essener Gußstahlwerkes, welche den Bedarf für Sriegsmittrl zu bestreiten haben, bildet auf unsere« nächsten Rundgange das große Panzerplatt euwalz« erk, daS eine Schöpfung des jetzigen Eigenthümers de» Etablissements ist. Die Vorstufe — wenn man fich so au»drückeu darf — zu dem großen Walzwerke für Schiffspauzer bildet da» alte Blechwalzwerk au» de« Jahre 1864, beziehtmg»weise jene Anlage, welche zwölf Jahre später dazu ka«. In diesen drei walz- werken könieu, bei einer größten wirksaweu Walzenläuge von 3 Meter, Bleche von der Dicke zwischen 0,5 bi» 75 M«. gewalzt werden. Die Production u«faßt neben den Feinblechen vorwiegend Kessel- nud Schiffsbleche, Locomotivrahmen und Deckpanzerbleche. Da» neue, seit 1891 in Betriebe stehende große Plattenwalzwerk ist die hervorragendste Anlage des ganzen Etabliffewent». Schon die Di«eufionen der Baulichkeiten uud der etizeluen Objette iwpontrt. Da» Ge- bände, ganz au» Etseu und 9la», ist 200 Meter laug, 100 Meter breit uud «acht durch die Helligkeit, die tu diese« vefigeu Räume herrscht, einen überraschend freundlichen Eindruck. Mau hat hier mit jener Tradition gebrochen, welche für da» Innere einer Hütte keine andere Anordnung kennt, al» da» Halbdunkel, die düstere Dämmerung, da» Schattenhafte.
Um eine Panzerplatte von 60 Touneu Gewicht her- znstellen, bedarf e» de» flüsfigev Inhalt» der beiden Martin- Sseo, welche chargebereit find. Nun rollen zwei der 75 Tonnen- krahne mit ihren Pfannen heran, senken diese in die Grube und nach erfolgte« Abstich strömt die bläulich glühende Masse in dir Pfauueu ab. Sowie diese gefällt find, rollen die Krahne zur Formgrube, wo eine mächtige Loqaille die Schmelzmasse ausuimmt. Die mit feuerfester Masse geschlosseoeu Bodenlöcher der Pfannen werden durchstoßen uud da» flüsfige
Metall stiömt in kleinen R nneu in die Loquille ab. Langsam nnb ruhig füllt fich letztere und nach Ablauf eher halben Stunde «st der Guß fertig. Da» Material ist Nickelstahl, eine neue Specialität der Fabrik, welche vorwiegend bei der Erzeugung von Panzerplatten und Schiffskurbelwellen Anwendung findet. Da» Gußstück wird bis zu einem gewissen Grade der Erkaltung ausgesetzt, sodann auSgehoben und zum Anwärmen in den weiter oben erwähnten riesigen Siemens- ofen mit seiner 5 Meter langen nnb 5 Meter breiten Kammer gebracht. Es ist noch zu erwähnen, daß außer diesem Ofen rückwärts desselbeu ein zweiter Martinofen vorhanden ist, welcher den für die Lompoundpanzerplatten erforderlichen harten Stahl liefert. Mit diese« letzteren übergießt man die weichen weißglühenden Platten ans Rickelstahl, einem Material, das mit der Elasticitätsgrenze des Stahles die Zähigkeit des Flußeisens verbiudtt.
Mit dem Platteuwalzwerk steht der Preßbau in Verbindung. Den Schmiedepreffen kommt der vortheil zu, daß fie, bei größerem Kraftanfwaude als die Hämmer, ganz geräuschlos arbeiten. Diese Pressen machen, so obenhin betrachtet, ganz den Eindruck von Dampfhämmern, wenn auch ihre äußere Anordnung von derjenigen der letzteren etwas adweicht. Ein mächtiges, auS stärksten Stahlplatten zusammen- genietetes Joch ruht auf vier masfiveu Stahlsäolen und schließt einen äußerst stark dimenfiouirten Hohlchliuder ein. In diesem bewegt fich der eigentliche ch'.indrische Preßkolben glttch einem gigantischen Stempel (er hat einen Meter Durch- meffer) auf- und abwärts. Au seiner unteren Fläche besitzt er einen hammerartigen Ansatz. Der gewaltige Amboß ist ähnlich fuudirt wie jener der großen Dampfhämmer.
Der Vorgang beim Pressen ergibt fich nach dem Borgesagten von selbst. Da» Schmiedestück — nehmen wir einen «tterdickev Block — wird eine« der vier tu derselben Halle installirten Martinöfen entnommen und auf den Amboß gebracht. Nun setzt fich der Preßcylinder durch hydraul'scheu Druck langsam nach abwärts tu Bewegung. Da der Quer- schnitt des Preßcyltuder» einen Meter t« Durchmesser beträgt und auf jeden Quadratcentimeter ein Druck von 600 Kilo
gramm ansgeübt wird, beziffert fich die Gesammiwirkuug de» hydraulischen Drucke» mit 5 Millionen Kilogramm — eine Kraft, der nicht» widerstehen kann. Die Schmiedestücke werden denn auch bei jedem Drucke um da» bedeutende Maß von 5 Zentimeter zusammengepreßt, was einer Leistung von 660 Pferdestärken bei 12 Hüben entspricht. Ebenso viele Schläge mit dem großen Hammer »Fritz" entsprechen einer Leistung von 400 Pferdekräfteu. Dementsprechend ist auch die Wirkung etwa» kleiner, indem der Bär bei jedem Schlage nur etwa 3 Zentimeter in das Schmiedestück eindriugt.
Beim Pressen ist es nicht uothwevdig, daß der Kolben einen großen Weg nach aufwärts zurücklegt, wie beim Hammer, der bei voller Thätigkeit nach jedem Schlage 3 Meter hinaufschießt. Dort genügt es, den Kolben nur so meit zu heben, um da» Schmiedestück wenden und verschieben zu können. Dieser Spielraum kann aber bei der geringen Bewegungsfreiheit des Kolbens unter Umständen zu klein werden. Aus diesem Grunde ist die Einrichtung getroffen, daß das ganze Joch mit der Preßvorrichtuog in der Richtung der Stahlsäulen nach ans- nnb abwän» mittelst mächtigem hydraulischem Druck bewegt werben kann, wobei eine besondere Borrichtung ble jeweilig gewünschte Stellung beS Joches fixirt.
Das Pressen hat vor ber Hammerarbeit neben den bereits berührten Borthellen noch einen weiteren sehr wichtigen voraus, deu nämlich, daß die Preßoperation durch die ganze Dicke des Schmiedestückes hindurch wirksam wird, was leicht erklärlich ist. Beim Hammer kommt mit jedem Schlage nur eine plötzliche Erschütterung zur Geltung, welche keineswegs die ganze Masse durchdringt. Die Hammerarbeit nimmt so- uach mehr Zelt In Anspruch, da daS Schmiedestück nach allen Seiten gewendtt und gedreht werden umß, um gleichmäßig herabgearbeitet zu werden. Zu« Schluffe wollen wir erwähnen, daß der Preßban die Kleinigkeit von 12 Millionen Mark gekostet hat.
(Rach F. E. G. Müllers »Krupps Sußstahlfabrik".)


