Berlin, 2. August. Infolge eine« heute hier einge* gangenen Telegramms des Kaisers wird von der Veranstaltung einer großen Trauerfeier auf dem Königßplatz Hierselbst Abstand genommen werden. Dagegen wird eine solche Feier am nächsten Donnerstag in der Kaifer-Wtlhelm- Gedächtnißkirche Vormittags 10 Uhr stattfinden, wozu die Mitglieder des BundeSrathS, des Reichstag-, de« Landtags sowie der höchsten Staat-- und städtischen Behörden Einladungen erhalten werden.
Berlin, 2. August. Nach dem Beschluß der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft wird am Donnerstag anläßlich der Trauerfeterlichkeiten für den Fürsten Bismarck keine Börse stattfinden.
Berlin, 2. August. Die Prägung einer Sterbe- Medaille des Fürsten Bismarck hat ein hiesiger Groß Fabrikant in die Hände genommen. Die Medaille wird schon übermorgen in den Handel kommen.
Köln, 2. August. Laut der „Köln. Ztg." wurden die viel besprochenen BtSmarck'schen Memoiren bereits seit geraumer Zeit an die BrrlagS-Anstalt „Union" zum Preise von einer Million Mark verkauft. Die Memoiren wurden vom Fürsten bi« in die letzte Zeit hinein fortgesetzt. Die Veröffentlichung dürfte bald erfolgen.
Wirsbadrn, 2. August. Der „Rheinische Kurier" meldet auS Eambert: Der ReichßtagSabgeordnete Dr. Lieber ist zur Theilnahme an dem nordamerikanischen Katholikentag nach Milwaukee abgereist.
Arr-lav-
Fiume, 2. August. Die diesjährigen großen Kaiser- Manöver der österreichisch-ungarischen Armee werden unter der Leitung deS Kaiser« Franz Josef stattfinden. Kaiser Franz Josef soll den deutschen Kaiser eingeladen haben, an den Manövern theilzunehmen, worauf dieser eine zusagende Antwort gegeben haben soll.
Mailand, 2. August. Der Belagerungszustand wird am 10. August aufgehoben werden.
Lazero, 2. August. Prosiffor Schmtdtpauer aus Bafel stürzte vom Großhorn bet Trient ab und war sofort tobt.
Madrid, 2. August. Der an den Masern erkrankt gewesene König ist vollständig wiederhergestellt.
— Friedensberathungen. Am Montag erörterte in Madrto ein vierstündiger Ministerrath die von den Bereinigten Staaten festgesetzten Grundlagen der Friedensbedingungen. Wegen Unklarheit einiger Punkte wurde zunächst noch telegraphische Aufklärung verlangt. Nach Eingang der Antwort wird der Ministerrath aufs Neue zusammentreten. Daß Spanien, als der besiegte Theil, den Frieden theuer wird erkaufen müffen, liegt auf der Hand, und die Regierung scheint sich darein ergeben zu wollen. In richtiger Erkenntntß der Lage schließt sich denn auch die öffentliche Meinung in überwiegendem Maße dieser Auffassung an. DaS Land hat eben das Gefühl, daß eS durch die Weiterführung deS Krieges bis aufs Mark ouSgesogen werden müsse, ohne daß irgendwelche Aussichten auf Erfolg vorhanden wären. Natürlich versucht man hier und da, die Regierung der Feigheit und des Mangels an Ehrgefühl und Vaterlandsliebe anzuklagen. Eine viel größere Gefahr für die Ordnung aber, al« von der Annahme der amercka- ntschen Vorschläge, wird erwartet, falls eine Brodtheuerung in Folge der Wiedereinführung der Getreidezölle eintreten sollte.
* Einer, von dem sich Bismarck einschüchten ließ. Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der Fürst fast täglich auf seinem MOrgenspaziergange die
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Feuilleton.
Gedanken und Sentenzen
des Staatsmannes Aismarck.
Eine Fraction ist gewiffermaßen eine Satire auf das Arndt'sche Lied: „Das Vaterland muß größer sein! Das ganze Deutschland soll es seiin!" Wer in die Fraction tritt, dem ist das Ganze zu groß. Es schrumpft, durch seine Brille gesehen, zusammen auf das Fractionsinteresse, und in der Fraction verliert der Volksvertreter den Blick für das Allgemeine. Die Fractionsbrille verdunkelt seinen Blick für die Gesammtintereffen. Man fragt nur noch, was hat die Fraction davon, nicht: was hat das Reich davon.
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Jede herrschsüchtige Minorität strebt dahin, die Majorität zu sprengen und zu theilen.
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Finanzielle Rücksichten müffen schweigen, wo es eine moralische Politik gebietet.
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Das erste Erforderniß einer Regierung ist Energie.
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Unser Unglück in der Kammer ist und bleibt der Ehrgeiz der Parteiführer.
Mit schlechten Gesetzen und guten Beamten läßt sich immer noch regieren, bei schlechten Beamten aber helfen uns die besten Gesetze nichts.
Der Pöbel ist ein Herrscher, der ebenso geschmeichelt sein will, wie irgend ein Sultan.
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Gereiztheit zu zeigen, ohne Abhilfe zu erlangen oder zu erzwingen, ist für einen Staat gewiß noch schlimmer als für einen Partikulier.
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Lohnarbeiten. ES war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die heiligen Eichen gelegt wurde,- aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der Zeit und hieß sein Herz, da- Herz de« naturliebenden Landwtrthe«, schweigen. Da kam er einst dazu, al- die Arbeiter gerade eine mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine Riesin de- Walde-, voll Kraft im tausendjährigen Alter, sein eigen Ebenbild. Da übermannte den Fürsten fein heftige« Temperament und er befahl den Uebelthäter, der de« BanmeS Tode-urtheil gesprochen hatte und vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich auf- Schloß. Wüthend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigem Schritt auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Miffethäter meldete, dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüber stand, da erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster zusammengezogenen Brauen glätteten sich und verlegen, ja verlegen, bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessene neun Schuh hohen, breitschulterigen Sohne Mecklenburg«, eine Cigarre und entließ ihn nach einem Gespräche Über die gleichgiltigsten Dinge der Welt. Im Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch den Vorgang: „Ich konnte thatsächlich nach „oben" den Ton nicht finden", meinte er, „der Mensch war ja größer wie ich!"
* In diesem Jahre peinigt die Blutlaus besonders stark unsere Aepfelbäume und deren Befitzer. ES dürfte deshalb intereffant sein, zu erfahren, daß der unermüdliche „Schäb- ling«mann" und Freund der deutschen Obstzüchter, Freiherr v. Schilling, soeben im praktischen Rathgeber für Obstund Gartenbau mit der Vei öffentlichung einer größeren, reich illustirten Arbeit über „ble Blutlaus, wo fie zu suchen und wie fie zu vernichten ist" beginnt. Die Blutlau» macht sich bemerklich durch Anfang- unbedeutende Mengen weißer Wolle, die fie dauernd spinnt zum Schutz gegen ihre natürlichen Feinde. Zerdrückt man diese Wolle, so tritt ein röchlicher Saft hervor — nach Freiherrn v. Schill'ng nicht« andere-, al- der röthl che Baumsaft, den die unter der Wolle hockenden Läuse au- der obersten Rinden- und Cambiumschicht der Bäume mit ihren langen Rüffeln gelogen haben. Wir können die hochintereffante Arbeit allen Odstzüchtern nur auf da- Dringendste empfehlen.
* Unter dem Secirmefser erwacht. Au- Pari» 29. Juli, berichtet man: Bor drei Tagen brachte man einen, wie man glaubte, tobten Zuaven in die Leichenkammer be- Militär- Hospital- von Algier, um bie obligate Section vorzunehmen. Gestern Abenb machte sich nun ber Gehilfe de- Militärarzte- batan, ben Leichnam zu öffnen, al- in demselben Augenblicke, da er das Mesier ansetzen wollte, der Todtgeglaubte die Äugen aufschlug und seinen Platz verließ. DaS erstaunte Dienstpersonal setzte die Spitalleitung von dem Vorfälle in Kenntniß, die die nöthigen weiteren Schritte etnleitete. Es ist zu hoffen, daß der Zaave noch recht lange leben wirb.
* Lachen und — Herzkrankheit. Ueber eine merkwürbige Plötzliche Erkrankung bes H e rz m u - k e l S infolge Übermäßigen LachrnS berichtet ein Arzt in ber „Deutschen. Meb. Wochenschrift". Ein junge- 13 jährige- Mädchen belustigte sich am 29. November 1895 inmitten einiger seiner AlterSgrnofstnnen harmlos durch heitere Erzählungen. Das Mädchen gerieth dabei in ein nicht zu unterdrückendes Lachen, das sich plötzlich in schmerzhaftes Stöhnen und Weinen verwandelte. Alle Versuche, das Kind zu beruhigen, blieben erfolglos. DaS Rädchen klagte über heftige Stiche in der Herzgegend, über Luftmangel, starken Hustenreiz und über Zuckungen. Am reinlichsten war der Luftmangel. Der erste derartige Anfall dauerte etwa vier, der zweite etwa- Über zwei Stunden. Während dieser Anfälle staub ba- Mädchen bleichen verstörten Antlitzes, mit blauen Lippen aufrecht nach Luft schnappend
und stöhnend im Bett. Der Pul« war äußerst frequent, fast fadenförmig, die Herztöne waren undeutlich, jedoch ein Geräusch an ihnen nicht zu bemerken. Auf einige kleine Gaben Phenacetin linderten sich die Anfälle. Sie wiederholten sich in den ersten 14 Tagen nur je einmal täglich, wurden alsdann noch seltener, blieben Wochen- und monatelang auS, nm endlich ganz zu verschwinden. Nur auf starke körperliche Anstrengungen oder auf seellche Erregungen pflegt ein derartiger Anfall sich wieder zu zeigen. Der Arzt glaubt, doß eS sich hierbei um einen Krampf des Zwerchfells handle, durch ben ber nervus vagus anfänglich gereizt und später vorübergehend gelähmt werde. Bon einem ähnlichen Fall ist bisher in der meb'cinischcn Literatur kein Beispiel verzeichnet worben.
* Zahnstocher und Wundstarrkrampf. Ueber einen Fall von Wundstarrkrampf au« einer gewiß seltenen Ursache berichtet Dr. Brau bisch in Laskehnen (früher In Szibden) in ber „Berliner klin. Wochenschrift". Er würbe eine» Tage« zu einem Gärtner gerufen, der seit vier Tagen über Schwere in ben Gliebern, Steifigkeit im Nacken unb Schlaflosigkeit Hagle; babei konnte er ben Mund nicht öffnen unb halte bisweilen eigentümliche Zuckungen in den Beinen. Die erste Untersuchung gab für die Ursache be« Zustanbe« keinen Anhalt; nach drei Tagen jeboch bestanden deutlich Erscheinungen von Wundstarrkrampf; krampfartige Zuckungen in den Bein- muSkeln, die bet Erschütterungen be« Bettes und auf bloße« Anrufen schon eintraten, der Kopf bohrte sich durch Krampf der NackenmuSkeln in das Kopfkiffen usw. Strychuinvergiftung, die ähnliche Erscheinungen macht, war auSgeschloffen; eS konnte sich nur um Wundstarrkrampf handeln. Ader wie war der TetanuSbacilluS in ben Körper gelangt? Da- Kranken- examen ergab nun eine merkwürbige Eingangspforte. Der Mann hatte hohle Zähne und die Gewohnheit, sich mit einem Holzsplitter darin herumzustochern. Bekam er einmal Zahnschmerzen, so bohrte er so lange in dem schmerzenden Zahn herum, bi- dieser zu bluten anfing; davon soll der Schmerz immer nachgelaffen haben. Eines Tages machte ihm bei der Gartenarbeit der Zahn zu schaffen, und er behandelte ihn wiederum mit einem Splitter. Dr. Bandisch nimmt nun an, baß ber Splitter mit ber Gartenerde, die ja bekanntlich sehr häufig bie Erreger be« Wundstarrkrampfes beherbergt, in Berührung gekommen und dadurch die Bacillen in die kleine Verletzung de» Zahns hineingebracht worben sinb. Der betreffende Zahn wurde au-gezogen unb schon am nächsten Tag war sichtlich Beste,ung eingetreten. Da bie Erreger be« Wundstarrkrampfs erfahrungsgemäß sich nur an ber Stelle der Verletzung anfiedeln, so war mit der Entfernung des Zahn« jedenfalls ein gutes Theil ber Krankheitsursache mit entfernt. Dieser Fall mag aber als warnender Beweis dafür dienen, daß durch unvorsichtigen Gebrauch eines unsauberen Zahnstochers eine lebensgefährliche Blutvergiftung eintreten kann.
* Es ist bekannt, daß die Auffindung von Fremdkörpern im menschlichen Körper vermittelst der Röntgen-Durchleuchtung möglich ist. In der Praxis ergab sich aber bisher der Uebelstand, daß die Röntgen-Photographien den Fremdkörper wohl zeigten, daß er sich in Wirklichkeit aber sehr häufig an einer ganz anderen Stelle befand, als auf dem Bilde, was vielfach falsche Einschnitte der Chirurgen zur Folge hatte. Herr Profestor Dr. Angerer berichtet nun im „Centralblatt für Chirurgie", daß es vermittelst eines äußerst einfachen Apparates, — den die Voltohm-Electricitäts-Gesellschaft, A. G., München, construirte, — des Voltohm Punk- tographen, nun möglich geworden ist, in einfachster Weife die Lage der Fremdkörper so genau und sicher festzustellen, daß ein Jrrthum künftig ausgeschloffen ist.
* Der echte Mokka wird in seinem Heimathlanbe unter ben Bebutnen Arabiens ganz anberS unb viel sorgsamer zu- bereitet, als bei uu«. Wer ba meint, daß Kaffeekochen eine leichte Arbeit fei, wirb aus bem Verfahren ber Araber
Es geht nichts über Ketzerrichter im eigenen Lager, und unter Freunden, die lange aus einem Topfe gegessen haben, ist man ungerechter, als gegen Feinde.
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Es kommt nicht auf die Worte an, sondern auf den Glauben, der dahinter steckt.
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Polizeiliche Plackereien sind oft viel bedenklichere Quellen der Verstimmung gegen eine Regierung, als Meinungsver- fchiedenheiten über Regierungsform und Budget.
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Gesetze sind wie Arzneien, sie find gewöhnlich nur Heilung einer Krankheit durch eine geringere oder vorübergehende Krankheit.
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Die einzige gesunde Grundlage eines großen Staates ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik, und es ist eines großen Staates nicht würdig, für eine Sache zu streiten, die nicht seinem eigenen Interesse angehört.
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Es muß in jedem Redner, der auf Zuhörer wirken soll, ein Stück von einem Dichter stecken, und soweit das der Fall ist, soweit er als Improvisator Sprache und Gedanken be- herrscht, soweit hat er die Gabe, auf seine Zuhörer zu wirken.
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Ich habe in allen Kämpfen nur eine Magnetnadel gehabt, die mich leitete. Das war das: was ich in jedem Falle für das Reichsintereffe erkannte, das habe ich vertreten, mochte die Fraction, die ich dabei bekämpfte, mir nahe stehen oder nicht.
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Es liegt ohne Zweifel etwas in unserem Nationalcharacter, was der Vereinigung Deutschlands widerstrebt. Wir hätten die Einheit sonst nicht verloren, oder hätten sie bald wieder- gewonnen. Was ist der Grund, der uns die Einheit verlieren liefe und uns bis jetzt verhindert hat, sie wieder zu gewinnen? Wenn ich es mit einem kurzen Worte sagen soll,
so ist es, wie mir scheint, ein gewisser Ueberschuß an dem Gefühle männlicher Selbständigkeit, welcher in Deutschland den Einzelnen, die Gemeinde, den Stamm veranlaßt, sich mehr auf die einzelnen Kräfte zu verlaffen, als auf die der Gesammtheit.
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Doctrinär bin ich in meinem Leben noch nie gewesen; alle Systeme, durch welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich in zweiter Linie: in erster Linie kommt die Ration, ihre Stellung nach außen, ihre Selbständigkeit, unsere Organisation in der Weise, daß wir als große Ration in der Welt frei athmen können.
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In der Politik, in der Nationalöconomie, in der Statistik ist die Wiffenschaft mitunter auf einem sehr hohen Pferde, aber sie sieht den Boden nicht, auf dem sie reitet, und erkennt ihn nicht.
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Meine Ehre steht in Niemandes Hand als in meiner eigenen, und man kann mich damit nicht Überhäufen; die eigene, die ich in meinem Herzen trage, genügt mir vollständig, und Niemand ist Richter darüber und kann entscheiden, ob ich sie habe.
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Ich bin in keiner Weise für eine absolutistische Regierung, ich halte eine richtig geübte parlamentarische Mitwiräng für ebenso nothwendig und nützlich, wie ich eine parlamentarische Herrschaft für schädlich und unmöglich halte.
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Ich frage gar nichts danach, ob eine Sache populär ist, ich frage nur danach, ob sie vernünftig ober zweckmäßig ist; bie Popularität ist eine vorübergehenbe Sache.
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Die Kritik ist bekanntlich leicht unb bie Kunst ist schwer. Die Politik ist keine Wiffenschaft, wie viele der Herren Profefforen sich einbilben, sie ist eben eine Kunst.
(Fortsetzung folgt.)


