Ausgabe 
4.5.1898 Zweites Blatt
 
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*0» dea angegriffenen so gründlich mit gefährlichen Werk­zeugen behandelt, daß er gegen vier Wochen arbeitsunfähig wurde. In Anbetracht der besonderen Umstande des Falles kamen beide Thetle mit Geldstrafen davon, die Caroussel- inhaber wurden aber weiter für schuldig erkannt, an den Ver­letzten eine Geldbuße von 200 Mark zu zahlen.

Darmff. Ztg.

4- Liidhei», 2. Mai. In unserem hübsch an der Nidda gelegenen Flecken besteht seit neun Jahren ein sogen, reiches Institut, nämlich dte Haushaltuugsschule des lanüwtrthschaftlichen Bezirksvereins Oberhessen. Dieselbe hat die zeitgemäße Aufgabe, junge Damen zur Führung einer wohlgeordneten bürgerlichen Haushaltung vorzubereiten, steht unter Oberaufsicht des Herrn Geh. RegierungSrathS Kitetsch in Büdingen und eines LocalcomitLs dahier, und wird von einer Hausmutter sowie einer Assistentin geleitet; außerdem ertheilen Herr Kreisarzt vr. Wteßner, zwei Lehrer und ein Obffbautechniker noch Unterricht. Die Anstalt wird am 1. Juli ihren zweiten diesjährigen Cursus eröffnen und erfreute sich bisher einer großen Frequenz.

e. Neu - Ulrichstein, 1. Mai. Monatsbericht der Arbeiter-Colonie pro April 1898. Ende April 1898 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 40 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Heffen 5; Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 8, Regierungsbezirk Wiesbaden 6; Provinz Rhein­lande 3, Provinz Hannover 1, Provinz Sachsen 2, Pro­vinz Westffpreußen 1, Provinz Schlesien 1, Provinz West­falen 1; Königreich Bayern 2, Königreich Sachsen 2, König­reich Württemberg 1; Großherzogthum Baden 1; thüringische Staaten 4; Herzogthum Braunschweig 1; Ausland: Oester­reich Ungarn 1. Hiervon waren: Arbeiter 22, Anstretcheri, Gärtner 1, Glaser 1, Kappenmacher 1 , Kaufleute 4, Kellner I, Klempner 1, Kürschner 1, Landwirth 1, Porzellan- maler 1, Schlosser 2, Schneider 1, Schuhmacher 1, Tape­zier 1. Gearbeitet wurde an 11071/* * Tagen. Verpflegt wurde an 1323 Tagen. Im Monat April 1898 wurden entlassen 20 Mann, und zwar in Arbeit durch die (Kolonie 1, auf eigenen Wunsch 14, wegen Contractbruches 5. Seit Be­stehen der Colonie find ausgenommen worden im Ganzen 3430, dagegen abgegangen im Ganzen 3390 Mann, bleibt Bestand am 30. April 1898: 40 Mann.

Seligenstadt, 29 April. Gelegentlich der Bagger­arbeiten im Maine wurden im Spätherbst oberhalb Klein- Krotzenburgs im ganzen 14 wohl erhaltene Goldmünzen aus der Tiefe gefördert. Sie waren von verschiedener Prägung und entstammten dem 14. Jahrhundert; wie neuer* ^ing* srstgestellt wurde, haben fie einen Gesammiwerth von 600 Mark. An dem Funde partizipirten zu gleichen Theilen der hessische und der bayerische Staat. Bon beiden Seiten wurde dem Arbeits- bezw. AuffichtSpersonal, durch welches der Fund gelang, eine Prämie von zusammen 60 Mark be* willigt.. Darmft. Ztg.

RuffelShei«, 27. April. Hurrah! nach Afrika! HeirathS- luftige junge Mädchen sollen jetzt für Deutsch-Südwest- afrika mobil gemacht werden. Wie die hiesigeMain- fpitze" meldet, hat fich auch ein junges Mädchen, Emilie Laux, welches im Dienste des Herrn Georg Schmidt, hier, steht, zu dieser Mobilmachung gemeldet. Dieselbe erhielt vor- gestern von dem Colonialverein zu Wiesbaden die Weisung, sich am 23. Mai nach Berlin zu begeben, um fich dort beim Auswärtigen Amt zu melden.

Kra-kfnrt, 30. April. Als Termin für die Reichs- tagsstichwahlen soll schon der 24. Juni in AuSficht genommen sein. Wenigstens folgert man das aus der Mel­dung eines Münchener Blattes, wonach in Sachsen Weimar

des Geburtstags des Großherzogs die Stichwahlen erst" am 25. Juni stattfinden sollen.

*D. Frankfurt a. «, 29. April. Maifest der Austria-. Der Oefterreichlsch Ungarische VereinAustria" hält im Mai ein Fest im Zoologischen Garten ab, baß sich auf zwei Tage erstreckt; es wird SamSlag den 21. Mai Nachmittags beginnen und Sonntag bis in die Nacht hinein dauern. Ein besonderer Feff-AuSschuß ist gebildet worden und entfaltet bereit» eine eifrige Tätigkeit für die Bor- Bereitungen.

Krefeld, 26. April. Die Strafkammer hatte heute Über ein Aufsehen erregende» Botkommniß zu urtheilen. Im December war dem hiefigen Fabrikanten Karl Wacker» im Restaurant Beuren statt eine»Steinhäger»" ein Glä»chen Natronlauge verabreicht worden, und dieser verhängniß- volle Trank hatte den baldigen Tod Wackers herbeigesührt. Die Anklage wegen fahrlässiger Tödtung war gegen den Wirth Wischer, seinen Hausknecht, gegen die Fabrikanten Emil und Karl von der Linde und deren Buchhalter Düsselberg erhoben worden, gegen letztere drei Personen, weil fie die polizeilichen Vorschriften betreffend den Handel mit Giften nicht befolgt hatten. Die umfangreiche Verhandlung endete nach Anhörung zahlreicher Zeugen und Sachverffändiger mit Freisprechung sämmtlich Angeklagten. Der W rth und sein Hausknecht, die an der Verwechselung die Schuld tragen, fonnten nachweisen, daß fie die Gefährlichkeit btr zu Reinigungszwecken verwendeten Lauge nicht gekannt, während den angeklagten Fabrikanten der Beweis gelang, daß fie über die nur im Amtsblatt publicirte Polizeiliche Verordnung nicht unterrichtet gewesen waren.

* Origineller Schwindel. An ffngirte deutsche Adrtffen find in letzter Zeit vielfach Blumensendungen hauptsäch- lich aus Italien und Frankreich mit der Poft geschickt worden. Die Sendungen gehen als unbestellbar an da» Packetpostamt zurück und werden dann bekanntlich von diesem sofort ver­steigert. Hierdurch wird ein Preisdruck sehr zum Nachtheil de» reellen Geschäfts herbeigeführt, wahrend den Absendern au» ihren am ProductionSort nicht verwerthbaren Erzeug- niffen durch den AuctionSerlös Immer noch ein genügender

Gewinn erwächst. Der Gartenbau-Sonderschuß der Berliner Landwirthschaftskammer hat daher den Kammervorffand er­sucht, durch das Reichspostamt über diese Anctionen Er­hebungen aaffeQen und für Abhilfe kargen zu taffen.

Der beste Begleiter für radfahrende Damen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß der Einfluß der Frühjahrs- fonnc und der FrühjahrSluft auf den Teint und die Haut einen ungünstigen Einfluß ausübt. Speciell der Teint der­jenigen Personen, welche eine besonders feine, zarte Haut haben, welche, wie Radfahrer und Touristen viel im Freien find, hat unter diesem Einfluß sehr viel zu leiden und ist deshalb angezeigt, auf ein Teint- und HautprSparat hinzu- weisen, durch deffen Gebrauch man sich vor allen diesen Un­bequemlichkeiten unbedingt schützt. Die durchaus unschädliche, ärztlich warm empfohlene Reut Creme JriS des Herrn Apotheker Walter Weiß (früher Gießen jetzt Berlin) ist ein derartiges Präparat. Ihre Zusammensetzung beruht auf wissenschaftlichen Principien, fie verdient auf dem Gebiete der Teint- und Hautpflege an erster Stelle genannt zu werden. Dieses bequem in Tuben zu 20 und 60 Psg. und Töpfen zu Mk. 1 verpackte Präparat sollte fich in dem Rucki'ack eineß jeden Touristen und besonders in der Satteltasche der rad- fahreuden Damen befinden. Letztere haben dadurch die Be­ruhigung, daß fie fich durch eine Einreibung vor jeder Aus­fahrt, nicht nur ihren Teint und die Hände weiß erhalten, daß fie fich kein Wundsein, keine Schwielen zuziehen, sondern daß fie auch bei einem etwaigen Sturze sofort ein antisepti­sches, kühlendes Linderungsmittel mit fich führen, was schlimmen Folgen vorbeugt. Man verlange In den Apotheken, Drogerien, Parfümerien ausdrücklich die Nene Creme Iris von Apotheker Walter Weiß (früher Gießen jetzt Berlin) in blauer Packung mit der patentamtlich eingetragenen Schutz­marke, welche ein Schild mit der Jrisblume darffellt.

Sine neue medicinifche Entdeckung? Ans Wien wird demB. T-" gemeldet: Der berühmte Gynaekologe Profeffor Schauta machte die Entdeckung, daß der bet Frauen zu gewissen Zeiten auftretende Verfolgungswahn ober Stumpf­sinn heilbar seien. Seine langjährigen Studien überzeugten ihn, baß diese Arten von Verfolgungswahn ungleich mehr mit der Gyaaekologie als mit der Psychiatrie zusarnmenhängen. Die WahnsinnSanfälle werden durch operative Eingriffe ge­bellt. Profeffor Schauta führte bereits zahlreiche solche Operationen ans und sämmtliche Patientinnen wurden geheilt. In mehreren Fällen waren Jrrfinnssymptome vorhanden. Binnen Kurzem wird der Gelehrte seine wichtige Entdeckung veröffentlichen.

Liebe und Vitriol. Ein junger Don J'tan Brüffel» hatte wieder einmal ohne GewiffenSscrupel einer seiner Ge­liebten den Rücken gekehrt und fich eine andere Herzens­königin erkoren. Doch die verlaffene Geliebte beschloß, grau­same Rache an dem Ungetreuen zu nehmen. Sie ging in eine Handlung und verlangte eine Flasche Vitriol. Der Provisor aber, welchem da» Benehmen der aufgeregten Schönen sehr verdächtig vorkam, gab ihr statt Vitriol ganz harmlose» aqua destillata. An demselben Tage noch traf sie den Ungetreuen. Wild stürzte fie auf ihn:DaS ist der Lohn, Abscheulicher!' und goß ihm daS vermeintliche Vitriol in» Gesicht. Der Don Juan war auf» Höchste erschrocken, und es bedurfte einer geraumen Zeit, bi» er fich davon über­zeugt hatte, daß sein Geficht nicht verbrannt war. Und auf da» Drama folgte die Cornödie. In den Armen lagen fich, Beide, Versöhnung wurde gefeiert, und der Schluß wird nun wohl die Hochzeit sein.

e Auch der «iffchtskartenfport wird diesmal in den Dienst der Wahlbewegung gestellt. Eine Hofbnchdruckerei in Mitteldeutschland hat eine ganze Serie von Scherzkarten in den Handel gebracht, welche sich gegen die oppofitionellen Parteien im Reichstage, insbesondere gegen die Flottengegner, richten. Gegen die Parteiführer der Linken wird ganz be­sonder» schweres Geschütz aufgefahren, so Eugen Richter al»blinder Seher" mit einem Fernrohr auf» Meer spähend, Bebel al» Rattenfänger von Hameln dargestellt. Von der Oppofition antwortet man mit gleicher Münze, und die ittuffrtrten Ansichten", die sie über die Freunde der Regier­ung verbreiten, find auch nicht» weniger als schmeichelhaft. Hier werden namentAch die Nationalliberalen, die um Rickert, und dieUmgefallenen" vom Centrum arg mitgenommen. Eine weitere, viel bedeutsamere Verwendung btr Ansichts­karten zu Wahlzwecken soll barin bestehen, daß In ver- schiebenen Wahlkreisen bie in Kartenformat an die Wähler versandten Empfehlungen der einzelnen Candidaten mit deren Porträt versehen sind. Au» einzelnen Kreisen find bereits Maffenbestellungen solcher Karten erfolgt. Man verspricht sich von der neuen Art von Agitation, die sich schon bei der Nachwahl in Oldenburg-Plön bewährt hat, besonderen Erfolg.

* Ein äußerst höflicher und solide denkender Ausbrecher ist der aus Dänemark gebürtige Landstreicher W. Karlow, der behufs seiner Auiweilung nach seiner Heimath seit einiger Zeit im GerichtS-Gefängniffe zu Itzehoe untergebracht worden war. Hier gelang e» ihm, in die Mauer der Zelle ein große» Loch zu schlagen, welches ihm ermöglichte, während einer der letzten Nächte das Weite zu suchen. Als am anderen Morgen der Gefangenenaufseher die Zelle de» Arrestant'n revidirte, fand er den Bogel ansgeflogen und nur ein von diesem zurückgelaffeneS Schreiben vor, da» an die königliche Polizeiverwaltung zu Itzehoe adresfirt war und folgenden Wortlaut hatte:Es macht zwar gerade keinen besonders guten Eindruck, wenn man bet Nacht und Nebel durch die Mauern von dannen gebt, auch kann man der Behörde da­mit keinen besonderen Gehorsam erzeigen; doch darf man nicht vergessen, daß Einem Angesichts der Thatsache, daß man nichts begangen hat, was bte Staatsgesetze verletzt, aber dennoch halte Jahre lang, wie es die Erfahrung von An­deren lehrt, ganz schuldlos eingesperrt wird, bloß weil man auSgewiesen werden soll, der Drang bezwingt, sich auf diese Weise die Einem gehörende Freiheit zu verschaffen. Ich werde mich schleunigst auf den Weg nach Dänemark begeben, und, da ich nach dorthin auSgewiesen werden sollte, spate ich

dem deutschen Staate das Reisegeld. Das Loch in der Mauer kann reichlich wieder für die Soffen zugemacht werden, die ich noch während des Sommers hier gemacht hätte. Achtungs­voll W. Karlow."

Den Gipfel der Setoiffenhaftigkeit hat das Berliner städtische Bauamt mit einer Bekanntmachung erklettert, ia welcher es heißt:Der von den angrenzenden Eigenthümern der Levetzowstraße zwischen der Verlängerung der Bauflucht­linie der Straße 34a und der Jagowstraße zu erstattende Beitrag zu den Kosten der ersten Einrichtung und Pflasterung beläuft sich auf 76 Mark 64,8411 Pfennig für das Meter GrundstückSfront" rc. Weiter, als hier geschieht, nämlich bis auf einen Zehntausendstel (!) Pfennig kann man die Achtung vor dem schnöden Mammon wahrhaftig nicht treiben.

* Hebet bei Einfluß des AlcoholS elf die Miskelarbett hat D eff r e e-©rüffel interessante Versuche angestellt, die mit dem Moffo'scheu Sphyzmograph auSgesührt wurden. An diesem Apparate wurde alle zwei Secunden ein Gewicht von 5 Kilogramm gehoben, bis die Ermüdung die weitere Arbeit verhinderte. Nach einer Pause von zwei Minuten wurde der Versuch wiederholt und bann die Arbeitscurven ausge­rechnet. Hatten die Versuchspersonen Alcohol genoffen, so steigerte fich zwar die Arbeit der Muskeln, gleichviel ob die­selben zuvor noch frisch ober schon ermüdet waren. Diese Steigerung der Arbeitskraft, welche sehr schnell zum Ausdruck kommt, ist aber nur momentan. Die Ermüdung tritt sehr schnell ein, und erreicht bald fein Mindestmaß, wobei neue Alcoholgaben erfolglos bleiben. Die Gesammtsumme der geleisteten Arbeit ergtebt auch deutlich, daß die momentane Steigerung der Leistungsfähigkeit ohne Einfluß ist, daß viel­mehr die geleistete Arbeit nach Alcoholgenuß bedeutend ge­ringer ist. Kaffee, Thee und Colanüsse welche von den Negern Central Afrikas ähnlich wie bie Betelnüffe gekaut werben sollen bte durch den Alcohol hervorgerufenen Wirkungen nicht erzeugen.

* Eli Opfer bei Banfchwindels. Dem modernen Bau- schwindel ist wieder eine Existenz zum Opfer gefallen. Der Maler-, Tüncher- und Lackirermeister Michael Gucken- berger in Würzburg hat fich in einem Neubau erhängt. Die Veranlassung dazu ist in dem AusbeutungS-System eines sogenannten Baumeisters zu suchen, für den Guckenberger Jahre lang arbeitete, und zwar im wahren Sinne des Wortes, denn der HerrBaumeister" steckte selbst daß Geld ein, zahlte aber Guckenberger metffenß mit faulen Wechseln, so daß Letzterer fortgesetzt Geld verlor. Die birecte Veranlassung zum Selbstmorb Guckenberger» ist barin zu suchen, daß er von dem erwähntenBaumeister" einen Wechsel über drei­hundert Mark erhielt, den er wieder für 40 Mark an einen Würzburger Glasermeister verkaufte. Nachdem der Wechsel an denBaumeister" gegangen und von diesem natürlich nicht etngeläff worden war, wurde er Guckenberger präsentirt, der ihn aber, da er von mehreren solch sauberenBau­meister" reingelegt worden war, ebenfalls nicht einlösen konnte. Die Folge war ein Proceß und die verurtheilung Guckenberger» zur Zahlung. Guckenberger hat fich Alle» die» so zu Herzen genommen, daß er seinem Leben ein Ende machte.

Bei btr heeresmisiering find sowohl in Frankreich al» auch in Baden mehrfach berühmte Radfahrer als dienstuntauglich zurückgewiesen worden. Die übertriebenen Anstrengungen hatten die Entwickelung des Brustkörbe» ge­hindert, theilweise auch Verkrümmungen herbeigeführt. Sehr stark entwickelt waren bet ihnen dafür die Beinmu»keln.

* Solides Geschäft. Zechpreller (der aus einer Wirthschaft herauSgeworfen wurde):Wirklich solide» GeschSst sogar einen besseren Hut haben sie mir nachgeworfen."

Der Stbulttbenb einer Präfidenteatochter. Welchen merkwürdigen Veränderungen da» Schicksal eint» Menschen oft unterworfen Ist, dafür liefert die in Amerika kürzlich zur allgemeinen Kenntntß gekommene Lebenßgeschtchte einer einff viel genannten Amerikanerin wieder einmal einen Be­weis. Im Armenhause zu Washington exiffirt eine weiß­haarige, vergräm' aussehende Frau von 77 Jahren, die vor ungefähr einem halben Jahrhundert nicht nur zu den ge­feiertsten und schönsten Damen deS Landes gehörte, sondern auch in socialer Beziehung den ersten Rang in den ver­einigten Staaten einnahm. MrS. Semple war die Tochter deS ehemaligen amerikanischen Präsidenten John Tyler, außer­dem die rechte Cousine D<n drei anderen Präsidenten,James Monroe und den beiden Harrisons. Als Miß Tylers Vater, der biß babin den Posten deS Gouverneur» von Virginia bekleibet halte, die Präsidentschaft übernahm, war feine Tochter ein blühend schöne» Mädchen von zwanzig Jahren, die bald den Mittelpunkt der exclufivsten Gesellschaft Amerika» bildete. Da ihre Mutter sehr leidend war, mußte fie alle Pflichten der Gattin eine» Präfidevten auf sich nehmen und nach dem Tode her Mutter war sie tatsächlich «Lady of the White House". Noch heute erinnert fich dieselbe gern der Tage, da sie mit dem witzsprüheteden Daniel Webster Ge­dankenblitze tauschte, Charles Dickens neckte, fich von Wa­shington Irving verhätscheln ließ und mit dem Lord Aihburtoi und Morpeth nach Herzenslust flirtete. Sie empfing den Besuch von Prinzen und behandelte Millionäre mit herab­lassender Göoneimtene. Nachdem John Tyler sein hohe» Amt niedergelegt hatte, heirathete die verwöhnte Schönheit an» Liede einen einfachen Zahlmeister der Marine und folgte diesem durch alle Werfelfälle de» Leben», Krankheit und Sorgen jeder Art, und eine lange Reihe pecuniärer Verluste brachte baß Paar soweit herunter, daß bet dem Tode des Mannes der Wittwe nichts blieb, als die kärgliche Beamten- Pension von acht Dollars (32 Mk.) im Monat. Der be- dauemswerthen Frau gelang es zwar, durch Unterrichten so diel zu erwerben, wie fie zu einer bescheidenen Existenz vöthig hatte, doch verhinderte fie die mit dem Alter imm-r mehr abnehmende Sehkraft daran, tiefe anstrengende Tätigkeit sorrzusetzen. Seit mehr als zwanzig Jahren exiffirt nun die einst so stolze und vielbeneidete Amerikanerin von kaum acht Mark in der Woche; erst jetzt In der elften Stunde hat man