Ausgabe 
4.2.1898 Zweites Blatt
 
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ohne dieses find keine durchgreifenden Reformen vorzunehmen. Aber Geld ist beim Sultan ein sehr rarer Artikel, jetzt nach den Aufwendungen und Anstrengungen de» letzten Krieges erst recht rar. Vielleicht bringen die bevorstehenden Er­eignisse eine endgiltige Entscheidung über daS Schicksal der Türkei und über dasjenige deSkranken Mannes". (xx)

Deutsches Aeich.

Darmstadt. 2. Februar. Ihre Königlichen Hoheiten der Grohherzog und die Großerzogin wohnten, wie der Darmst. Ztg." auf Berlin berichtet wird, gestern Abend der Defilter-Lour bei Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin im Ritterfaale des Schlosses bei. Ihre König!. Hoheit die Großherzogin empfingen im Laufe des gest- rigen Tages Frau v. Lucke, geb. West, und Freifrau v. Leonhardt, geb. Frettu v. Hehl. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin werden Samstag den 5. Februar, Nachmittags 5 Uhr 8 Mtv. von Berlin wieder hier eiatreffev.

Berlin, 2. Februar. Der 'Kaiser besuchte nach der gestrigen Frühstückstafel den hiesigen englischen Botschafter.

Berlin, 2. Februar. In unterrichteten Kreisen wird es als ausgeschlossen betrachtet, daß die Berathuug der Marine- Vorlag e in der nächsten Woche in der Budget Commission de» Reichstages beginnen werde.

Berlin, 2. Februar. Im Reichstage hat der Abgeord­nete Singer seinen Antrag bezüglich der Unterbeamtea der Post-Verwaltung, der in der Budget-Comm'ffio« abgelehnt worden war, zur zweiten Berathuug des Postetats wieder eingebracht.

Berlin, 2. Februar. Generalmajor Ltebert beabsichtigte, Anfang Januar eine Juspectionsreise nach dem Kilimandscharo zu unternehmen, um diese» Gebiet im Hinblick auf Wirth- schaftliche Unternehmungen genauer zu untersuchen.

Berlin, 2. Februar. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist, wie dieNordd. Allg. Ztg." berichtet, von seiner leichte« Erkältung wieder hergestellt.

Berlin, 2. Februar. Gegevübe<alarmtrendeu Nachrichten englischer Blätter au» Ktao-Tschau erfährt dieNat.- Ztg." von iuformirter Seite, daß dort die Ruhe fett der Ermordung des Matrosen Schulze nicht mehr gestört worden sei.

Berlin, 31. Januar. Heute tagten hier unter de« Vorsitz des Handelsminister» und auf dessen Einladung Ber-

stammelte sie. Doch schon war Müller verschwunden und wenige Minuten darauf erschien der ertappte Sünder, noch ganz nüchtern und eilig, beim Anblick seiner Ehehälfte aber knickte er jedoch zusammen.

Du, Inste ?*

Dte nahm ihn einfach beim Arme und unter de« dröhnenden Gelächter Aller verschwand da» Ehepaar tat Dunkel des Hauses.

Jottlieb, hab ick Dir endlich!"

Der Mann war wie erstarrt.

Joste!"

Ja, meeu Lieber, nu Juste man zu!" Sie zog den Widerstrebenden hinter sich her.In dte Jrube möchte ick fahren, so een scheinheiliger Kerl!"

Muddern!" stöhnte der arme Sünder, den seine Ehe* Hälfte erbarmungslos am Ohr hinter sich herzerrte,Mudder, sei doch man jut!"

Schrille btste!" zischte ihm die Frau zu, und al» sie jetzt nebeneinander im Flur ihrer Wohnung standen, hallte« zwei klatschende Laute durch dte nächtliche Stille.Ick will Dir Raison lehren, Manncken! Det also war Deine Mond­sucht, als ob ick mir ntch so waS jedacht hätte!" Und wieder klatschte eS tm verschwiegenen Dunkel der Nacht.

Au, au, Juste!"

Dte erzürnte Frau rüttelte ihn an der Schulter.

Ick will Dir wat sagen, meen Inter: KoruuS i» ntch, Hausschlüssel iS nich In Zukunft un drei Daje krtegste Häringe, ick weeß ja, wie jerue Du die wöjen dhust, sie werden Dir jut dhun nach dem heutijen Kater, meeu Jungchen! Un an« marsch tn die Klappe!"

Ergeben folgte der Delinquent dem Geheiß seiner Ehe­hälfte, auf dem Wege aber ballte er dte Faust.

Dat hätte ick nur dem Windhund von Müllern j» danken. Na, möge Dir det Schicksal mit een Weib bedenken, wie meene Olle eeneS ifl; bann weeste wenigstens, wie «an zum Mondsuchtsschwindel kommt."

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1808

Nr 29 Zweites Blatt. Freitag den 4. Februar

Grscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

Mamilieuvlätter »erden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

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Amtliche«« Toeit

Gießen, den 31. Januar 1898. Betr.: Die Einfuhr von Rindvieh.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grofth. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflaoe vom 30. November 1895 (Änzeigeblatt Nr. 284 von 1895) und vom 13. Januar l. I. (Anzeigeblatt Nr. 13) noch nicht ent. sprochen haben, werden hierdurch an Erledigung derselben erinnert.

v. Gagern.___________________

Aus dem Reiche des Padischah.

Wenn man sich in die Lage de« Sultans versetzt, so kann der Herrscher aller Gläubigen Einem wirklich leid thnn, denn er kommt auS den schwierigen Lagen gar nicht heraus. Bet den FctedenSverhandlungen mit Griechenland oder, richtiger gesagt, mit den Vertretern der europäischen Groß- ff dächte hat er unendlich viel Selbstverleugnung beweisen i müssen, und vom Erfolg deS Steges ist ihm fast Nicht» ße« i blieben. Dte Grenzregulirung in Thessalien ist nicht wett | her und die KrirgSkostenemschädigung, welche Griechenland r zahlt, wird jedenfalls nicht hinreichend sein, alle von der Türkei gemachten Aufwendungen zu decken. Anscheinend wollen die MoSltmS jetzt daS, waS sie auf dem Vertrags- f wege nicht erreichen konnten, auf eigene Faust in Thessalien c holen, denn von dort kommen Meldungen, daß die türkischen I Truppen Eontributionen Über Ortschaften in der neutralen I Zone verhängen und dabei mit der griechischen Bevölkerung | hart zusammengeraihen, Plünderungen begehen und MassacreS I verüben. Daß dies nicht ungeahndet bleiben kann und zu l neuenSchritten" der Großmächte gegen die Türkei führen - wird, ist selbstverständlich.

Mehrere Jahre galt der Sultan als ein Schützling de» Lzaren, was wohl hauptsächlich deßhalb der Fall war, um allzu stark hervorgelrerenen Begehrlichkeiten Englands am Goldenen Horn wirksam entgegenzutreten. Zum Schaden der so nothwendigen Reformen im Osmanenreiche hat diese Rolle Rußland» lange genug bestanden, und es kann nur mit Genug- thuvng begrüßt werden, wenn der Czar jetzt dem Sultan dte Zähne zeigt. So soll er seinen festen Entschluß zu er-

i

Feuilleton.

Herrn Piepers Mondsucht.

Humoreske von S. Halm.

(Schluß.)

Drei Nächte hindurch that sie kein Auge zu und bewachte I tea Schlaf ihres Gatten, doch der ließ nicht» zu wünschen übrig, trotzdem gab sie ihrem Verdacht noch nicht den Ab- schied. In der vierten Nacht schlief sie ein, dte Natur heischte ihr Recht, doch Mißtrauen und Argwohn wachten ihren sonst so festen Schlaf zu einem sehr leichten. So kam i efl, daß sie kurz nach Mitternacht erwachte. Ein Geräusch mnhte sie in ihrem Schlummer gestört haben. Sie hörte jetzt zwar nicht-, dafür aber sah sie die Thür sich bewegen, al» wenn sie vor? außen sehr behutsam ins Schloß gedrückt werde. Sofort saß sie aufrecht tm Bett, ihr Blick streifte da» Bett ihres Mannes--leer.

Daß Du dte Motten kriegst," murmelte sie, und dann: Na warte, Jottlieb, ick werde Dir lehren, den Mondsüchtigen zu fchpielenl"

Mit einem Satz war sie au» den Federn und warf sich den Morgenrock über. Geräuschlos schlich sie zur Thür und horchte- ihr war«, als ob dte Etagenthür aufgeschlossen würde. Einen Augenblick wartete sie, dann schlüpfte sie hinaus. Die Entreethür war nur angelehnt. Sie öffnete und trat tn» Treppenhaus hinaus. Sie hörte die Treppe unter sich knarren. Le,e schlich sie ans Geländer und ver­suchte etwa» zu erspähen. Da quiekte eine Thür.

Hab ick» mir doch jedacht," murmelte dte Rentiere wüthend.Schleicht er sich durch die Hinterthür in den Keller. Na, ick werde Dir krtejen, Jottlieb. Det also wäre Deene Mondsucht! Ntch jenug, dat der Olle den halben Dag in dte Schnapsbudicken verbringt, nu jetzt er jar noch In die Nacht uffS Sausen auS und dat jerade bei die Jröbern, die doch meene Dodfeindin iS! Nu lacht sich det Weibsbild

kennen gegeben haben, neue Niedermetzelungen in Armenien nicht mehr zu dulden. Und in der Frage de» kretenfischen Gouverneurs scheint der Czar auf seinem Willen zu bestehen, den Prinzen Georg zum Gouverneur von Kreta zu machen. Mag nun den russischen Selbstherrscher die Elkenntniß letten, daß Prinz Georg von Griechenland wirklich dte geeignetste Persönlichkeit für jenen Posten ist, oder mag er von den dem griechischen KönigShause verwandten Höfen beeinflußt worden sein, dem Sultan wird nicht» weiter übrig bleiben, al» sich dem russischen Verlangen zu fügen, insbesondere da in diesem Falle auch England an der Seite Rußland» marschirt, um dem Enkel der Königin Victoria zu einer anständigen Ver­sorgung zu verhelfen, und die übrigen Großmächte viel zu wenig Interesse an der kretenfischen Angelegenheit haben, um deßwegen da« europäische Concert tu Frage zu stellen.

Der Sultan wird also wohl oder Übel in den sauren Apfel beißen müssen, WaS ihm vielleicht weniger Mißbehagen verursachen würde, wenn e» nicht wahrscheinlich wäre, daß ihm seine lieben Unterthanen die Hölle heiß machen und die kleinen BalkanstaatenCompensationen" für die Griechen­land gewährte Gunst verlangen werden. Wir haben unS über den letzteren Umstand erst vor Kurzem ausführlicher ausgelassen, sodaß eS erübrigt, heute näher darauf etnzu- gehen, aber alle Merkmale sprechen dafür, daß fich auf der Balkanhalbtnsel gewisse Dinge vorbereiten, welche eine neue Gefahr für den europäischen Frieden zu werden geeignet find. Serbien intriguirt gegen Bulgarien- diese- würde neidisch sein, wenn Griechenland mit der Ernennung seine- Prinzen Georg zum Gouverneur von Kreta irgend welche Aussichten oder Vortheile erringen sollte, und Rumänien befindet sich au» kirchenpolitischen Gründen In einem gespannten Verhält- niß zur Psorte. Nur Montenegro ist noch anscheinend un» betheiligt, aber auch diese- Land würde sich, ebenso wie dte übrigen eben genannten, auf die Türkei stürzen, wenn diese Griechenland irgend welche Vorttzeile gewährt, fie alle würden Compensattonen verlangen und gar zu gerne wettere Ge- bictSthetle der Türket an fich reißen.

Man steht auS dem Vorstehenden, daß die Sorgen des Sultans nicht gering find. Dabet bessern fich die finanziellen Verhältnisse der Türket nicht etwa, fie werden im Gegentheil immer mißlicher, weßhalb gar keine Ausfichten vorhanden find, daß jemals culturelle Aufgaben eine Förderung er- fahren werden. Dte Großmächte haben gut reden mit ihren Reformen- dte Reorganifatton der Verwaltung kostet Geld,

in» Fäustchen un meen Oller versaoft feen Jeld bet fie, na wartet, der werd ick Euch jedenken!"

Vorsichtig fchltch sie dte dunkle Treppe hinab.Jott, da bricht man sich noch um det olle Karnickel det Jenick!" schimpfte sie dabei. Endlich war sie unten angelangt.

Sie schlich an die ihr wohlbekannte Thür, doch die gab nicht nach, also war fie von innen abgeschlossen und blieb nur im Etnverständntß zwischen Pieper und der Budiker- wittwe bi» zu des Ersteren Kommen offen.

Jottlieb," zeterte die Pieper,wrllste wohl jleich uff« machen. Ick kenn Dir jetzt!"

Von drinnen vernahm man jetzt Stimmen, einzelne Ruse, unterdrücktes Lachen.

Jottlieb!" schrie die Pieper.

Da öffnete fich die Thür und eine vierschrötige Weibs­person, die Budikerwittwe, zeigt fich den Blicken der Draußen- stehenden.

Madame Piepern, wie komme ick denn zu die Ehre!" höhnte die Wittwe.

Bon Sie olle Jistrübe will ick jar nischt! Sie find mir janz schnuppe," geiferte die Rentiere,meenen jott- verlassenen Jatt-n will ick, verstehen Sie mir?"

Ne tote rührend!" spöttelte die andere.Ick hätte Ihnen jar nich so ville JesühlSduselei zujetraut, Frau Rentiere, doch kommen Sie man immer rin, wenn Ihr Kopfputz Sie «ich genirrn dhut!" Dabei deutete fie grinsend auf das von einer Nachtmütze geklönte Haupt ihrer Feindin.

Die Pieper fuhr fich erschreckt an den Kops.

Jotte nee!" murmelte fie dabei- die herbeidrängenden Gäste aber lachten.

Da erspähte die Rentiere zwar nicht ihren Gatten, wohl aber ihren ehemaligen Miether Müller.

Sie ooch?" fragte sie lakonisch-

Herr Müller machte ihr eine Verbeugung.

Soll ick Ihnen Ihren mondsüchtigen Jatten holen, Frau Rentiere?"

Die schäumte vor Wuth.Sie Sie oller--