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Nr. <53 Zweites Blatt. Sonntag den 3. Juli
189S
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TS hat diesmal recht lange gedauert, bis das amtliche Resultat über die ReichStagSwahleo bekannt geworden ist. Freilich konnte es keine Uebrrraschung mehr bringen, da wir ja über den Ausfall der Wahlrn gut unterrichtet waren. Selbstverständlich dauern die Commentare in der Preffe über da- Ergebniß noch fort, aber wir brauchen an dieser Stelle nicht Wetter darauf zurückzukommen, da wir in besonderen Artikeln die Wahlen bereit- mehrfach ausführlich besprochen haben.
Einige- Aufsehen hat der Erlaß deS StaatSsecretärS des ReichspostamtS an die Beamten seines ReffortS gegen die Socialdemokratie gemacht, und man will wissen, daß ahn- ltche Kundgebungen auch von anderem Stellen au- erfolgen sollen. Der Erlaß wird natürlich lebhaft erörtert, nicht nur in den betheiltgten Beamtenkceisen, sondern anch in der Preffe der politischen Parteien- daß ihm die innere Berechtigung nicht abgesprochen werden kann, ist auch unsere Ansicht.
Wer hätte vorau-sehru können, daß Spanien in dem Kampf mit den Bereinigten Staaten sich so widerstand-» unfähig zeigen würde! ES scheint, als ob die Spanier den Muth vollständig verloren und keine Hoffnung auf irgend welchen Erfolg mehr hätten. Man muß ja zugeben, daß die Lage derselben auf den Philippinen eine recht verzweifelte ist, da sie dort gegenüber den Insurgenten in der Minderzahl find und durch die Entbehrungen der letzten Zeit sowie durch die Desertion der eingeborenen Soldaten aller Widerstandskraft bar geworden find. Aber man sollte annehmeu, daß fie wenigstens auf Cuba Herr der Situation hätten bleiben können, wenn fie sich zu einer kühnen Offensive aufgerafft haben würden. Denn der Gegner der Spanier ist dort wirklich nicht imponireud- die Amerikaner bilden doch nur eine Truppe, die Mangel au DiScipltn zeigt und welche den Stempel der Kraftlosigkeit und Unerfahrenheit deutlich an der Stirn trägt. Dafür haben fie freilich die Kühnheit, welche den Spaniern fehlt. Wir können hier natürlich nicht untersuchen, ob es klug gethau war, die Amerikaner festen Fuß auf Cuba fassen zu lassen, ebensowenig, ob die Spanier damit etwa einen besonderen Plan verfolgen. Sollten fie etwa beabsichtigen, die Amer'kaner in eine Falle zu locken und fie dann mit überlegener Kraft zu überfallen, so müßte das letztere bald geschehen, ehe der Feind neue Berstärkuugen erhalten hat. Wie es heißt, soll am Dienstag der Angriff auf Santiago erfolgen- davon dürfte da- Schicksal CubaS abhängen.
Ueöer die Zustände im galizischen AufstandSgebiete laufen haarsträubende Meldungen ein. Wenn man diese liest, so ist man versucht, daran zu zweifeln, daß e- ein Culturlaud ist, in welchem fich diese Dinge zutragrn. Oder wo kann eS noch im civilifirten Europa geschehen, daß fich die ganze Einwohnerschaft eine- Orte- vereinigt zu Raub und Plüude» rung! Mit der Verhängung de- Standrecht- über die im Aufruhr befindlichen Gebiete dürfte übrigens der Bewegung Einhalt geboten werden.
In der inneren Politik Oesterreichs ist noch keine Klärung eingetreten. Die Ouotendeputation hat sich, da die Verhandlungen auSficht-lo- waren, vertagen müssen und wird erst im Herbst wieder zusammen kommen, und Graf Thun verhandelt jetzt eifrig mit den Parteien, um eine Verständi» gung zu Stande zu bringen. Die Führer der Jungczechen find bereits in Wien etngetroffen, während die Deutschen alle Unterhandlungen ablehnen, bevor nicht die Badeni'schen Sprachenerlaffe aufgehoben wo den find.
In Frankreich hat fich da- Ministerium Brisson jetzt covstituirt, aber schon jetzt beginnen die Anfeindungen gegen dasselbe und er wird ihm keine lange Lebensdauer prophezeit. Brisson hat die Sache recht einfach gemacht. Während Ribot, Sarrteu und Pehtral bei den Versuchen, ein Cabinet zu bilden, fich auf Compromtffe mit den verschiedenen Parteien legten, hat Brisson sein Ministerium ausschließlich mit seinen Anhängern und GefinnungSgenoflen besetzt. ES fehlt ihm nun aber die Kammermththrit, ohne welche in Frankreich kein Ministerium lauge am Ruder bleiben kann.
Auch Italien hat jetzt sein neues Cabinet. General Pellone har fich schließlich bereit finden lassen, die Leitung der Geschäfte zu überurhmen, und im Allgemeinem findet er im Lande Zustimmung- man hofft, daß die innerpolitischeu Zustände fich jetzt besser gestalten werden.
Die internationale Lage war in der letzten Zeit nicht allzu ermuthigend, deshalb dürften die Worte Lord Salisburys, daß, abgesehen vom spanisch»amerikantscheu Kriege der politische Horizont der W:lt jetzt ziemlich heiter sei, um so größere Genugthuung Hervorrufen. (xx)
Deemifd?t«».
* Die Elettricitat im Dienste der Medicin. Schon seit mehr als hundert Jahren versuchten idie berühmtesten Aerzte wie Hufelavd, Reil, Pfoff und Walther die Elettricitat der Heilkunde dienstbar zu machen. Aber noch bi- vor nicht | gar langer Zeit war die Eltctricität eine so unbekannte
Macht, daß das Resultat der unermüdlichen Versuche sehr bescheiden blieb. Directe Anwendung inducirter Ströme za localen Reizen und später electrische Bäder hatten zwar bei inneren Krankheiten, namentlich bei Krankheiten der Nerven, gute Erfolge. Aber verschwindend find diese Erfolge gegenüber den Errungenschaften, die auf dem Gebiete der Instrumenten-Fabrikation zu chirurgischen Zwecken mit Zuhilfenahme der Electricität gemacht wurden. Abgesehen von den allerneuesten Erfindungen der Durchleuchtung des Körper- mit den X-Strahlen, find es vor Allem die kaustischen Instrumente und die Vorrichtungen zur Beleuchtung der Körperhöhlen durch electrisches Licht, die der Chirurgie so gut wie unentbehrlich geworden find. Wer erinnert sich nicht der peinlichen Prozedur auS seiner Kindheit, wenn der Arzt bei einer HalSentzüadung den silbernen Löffel dem kleinen Patienten in den Mond schob und da- nach Luft schnappende Kind dann aus Commando sein A herauSwürgte, um durch die Stellung der Mundwände bei diesem Laute dem Arzt drn Einblick zu gewähren. Heute sührt der Arzt ein bequemes Hartgummi'Jnstrument ein, an deffeu Spitze ein durch Druck und Biß geschütztes Glühläwpchev fitzt. Eia Druck — und die ganze Rachenhöhle und der Hals find hell erleuchtet und zugleich auch durchleuchtet, so daß der Sitz der Krankheit überhaupt nicht mehr verborgen bleiben kann. Ein andere» Instrument dient zur Untersuchung der Nasru- und Ohrenhöhlungen, mit einem weiteren laffeu fich die Harnröhre und andere Körperhöhlungen beleuchten. Operationen, die früher im Innern de- Körper- de-halb nicht gemacht werden konnten, weil mangel- einer Unterbindung der Blutverlust zu stark gewesen wäre, werden jetzt mit einem Meffer gemacht, da-, durch einen Druck zur Glühhitze gebracht, die Schnittfläche sofort schließt und zugleich den Heilprozeß mit dem Zubrenueu und der Schurfbildung einleitet. E- würde zu weit führen, alle die Apparate und Instrumente, die Meffer und Spiegel und Drahtschlingen aufzuzählen, die theil- mit electrischer Beleuchtung, theilS mit elektrischer Hitze versehen, dem Chirurgen unentbehrlich find. Aber die Männer der Wiffeuschaft, die in unermüdlicher Forschung die Heilkunde um einen mächtigen Gehilfen bereichert haben und den Männern der Technik, die den Gelehrten mit ihrer Kunstfertigkeit zur Seite stehen und deren Ideen ausführeu, ihnen gebührt gleichmäßig der Dank der leidenden Menschheit. Nicht unerwähnt soll hier eine Firma bleiben, die mit viele« R fiko ihre Arbeit und ihr Wiffrn daran gesetzt hat, die elektrisch mediclnische Jnstrumevteofabrikatiou zuvervollkommen, «. theilweise sogar erst brauchbar zu machen. ES ist die Er»
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Feuilleton.
Z>er Sonntagsschütz.*)
Da lag er im Bette, auf das die Sonne hineinschien, und betrachtete schmunzelnd das schwarze Kreuz auf der blauen Decke.
Wenn der Mensch abergläubisch wär! So ein schwarzes Kreuz da — just wie auf Bahrtüchern, nur schmälere Streifen, weil die Fenstergitter eben nicht dicker sind.
Ein Schaltenkreuz läßt sich für allerlei deuten, da muß der Mensch nicht gleich allemal ans Sterben denken. Treff ich den Rehbock am Kreuz, so bricht er ein. Fällt mir im Spiel das Kreuz-Aß in die Hand, so steche ich. Und halft mich ein Dirndl übers Kreuz, so wirds mich auch nicht grämen
Wer ists denn, der schon so früh Morgens im Bett so wunderlich simulirt?
Der Prestl, der Jungknecht im Hollershof ifts, der leibhaftige Uebermuth, und heute schon gar — heute am Sonntag. Jetzt wirft er die Decke fußüber hin, als wollte er das schwarze Kreuz von sich schleudern, aber dieses, so still und schlank wie früher, liegt jetzt auf der weißen Pfaid.
Da ist schon wieder was Verkehrtes, denkt der Prestl in seiner Schalkhaftigkeit, auf der Netteldirn ihrer Hüll' (Decke) wird jetzt gewiß kein Kreuz liegen, weil ihr Fenster kein Gitter hat. — Jetzt ists schon sieben Wochen, seit wir das eiserne Gitter dort aus dem Loch gehoben und hier ein- gesetzt haben, daß sie aus dem Hollershof den Jungknecht nicht stehlen, wenn ers nicht selber thut — und der Bauer hats. immer noch nicht bemerkt.
Plötzlich wurde in der Sonnentafel, die das Fenster aufs Bett legte, aus dem Krcuzbilde eine schwarze Scheibe, denn durchs Fenster schaute der Kopf der Netteldirn herein.
*) Au« P.R. Roseggers Schriften, 2 Serie, compl. 35 Mk., A. Hartlebens Verlag, Wien.
Ob denn die Kirche heute zu ihm komme? war die Frage, da er um Stund acht noch nichts dergleichen thue zu ihr zu gehen. 0
„Wenn sie mir was will", antwortete der Prestl, „sie weiß, wo sie mich findet".
„Ja, im Bett", sagte das Mädchen, „ich geh halt voraus und verhoffs, Du passest mir nach dem Amt beim Bäcker» kramerstandl auf und führst mich zum Tanz".
Da war sie fort. Und der Bursche Hub nun, während er sich langsam anzog, mit fich selber ein Gespräch an. „Ja freilich", sagte er, „das ginge mir ab — ja freilich. Heute haben wir was Anderes zu thun, meine liebe N tteldirn, als Dich zum Tanz führen. Fürs Erste" — er that sein Rauchzeug hervor — „stopfen wir uns Eine an. Nachher thun wir uns über die Griessuppen her, wenn die Kirchleute wohl eine übrig gelassen haben. Haben sie V alle geschledert (aufgegessen) , auch gut, suchen den Brannweinplutzer herfür. Nachher gehen wir Gott loben, 's ist schön, wir machen's ganz, wie die Neuchristen, von denen der Steuereinnehmer einer ist, der seinen Gottesdienst im grünen Walde hält. Wo die Geschöpf' sind — der Baum, der Fuchs — der Rehbock. Heute steht er mir, das weiß ich, der Bock, und der Jäger Mathias ist zum Glück noch einer von den Altchristen. Geht ihn zwar weiter nichts an, das Dankamt für'» fruchtbare Jabr, so wenig wie mich; unser Acker ist das Hirsch- und das Rehfell, in das wir Bohnen säen, der ganze Unterschied zwischen uns ist der, daß er der Jäger heißt und ich der Wildschütz. Jetzt ist der Teufel auseinander".
Der Teufel, der auseinander war, das war der Schuhriemen, den er bei dem Durchziehen entzwei gerissen hatte.
„Dos ist kein Hundshäutener!" brummte er; „der Gürtler schmiert Leut' an, der Krämer, der Müller, der Wirth und Alles schmiert Leut' an, nur Unsereins soll den Narren machen und ehrlich sein. Und Gottigkeit (sozusagen) thu' ich's nicht einmal des Leutanschmierens wegen, wenn ich mir den Bock nehm'; der Wirth braucht Wildpret, und ich
brauche Geld. Ja, Netteldirn, und nach dem Amt werd' ich Dir beim Bäckerstandl aufpassen und Dich zum Tanz führen! Das wird just so sein. Just so. Als ob ich grab wegen Deiner auf der Welt wäre! Wir werden es ganz gut machen, wenn Du Dich wieder einmal willst anhängen. Nettel, werden wir sagen, was sollst in Deiner Jungheit an Einem kleben bleiben; von einer Schönen wollen Andere auch was haben. Der Bäckerjung stellt Dir schon lang nach, der braucht Eine zum Heirathen, weil er ein eigenes Geschäft anhebt — ich will Deinem Glück nicht im Wege stehen. Was kann sie drauf sagen? Daß ich gutherzig nachgebe, wo Andere raufen! —Leicht, Prestl, leicht raufen wir heut nach der Vesper auch noch um Eine, der Wirth ist schon mitgespielt und ich nehm dem Schmied-Franz die Dirn weg — die rothhaarig Thresel. Das ist ein Brocken! — Auf das wird der Tag wohl vorbei fein."
Das Programm war gemacht, der ganze junge Kerl stak im Sonntagsgewand — und jetzt kann» vorangehen.
Als er bei dem rückwärtigen Thürchen aus dem Hause tritt, könnte man sich nur verwundern, daß er ein so schweres Gebetbuch im Sacke trägt. Es zieht die graue Jacke nach euer Seite tief hinab. Der Bursche legt auswendig den Arm drüber hin, daß es nicht schlenkern kann, und eilt durch den Hohlweg gegen den Wald hinan. Der langen Woche harte Arbeit hat nicht eine Spur an dem frischen, sehnigen Burschen zurückgelassen, so leicht und flink wie ein Seiltänzer springt er dahin Über die Steine, die das Wasser kahl geschwemmt hat, und so geräuschlos hüpft er hin, als wäre der Sand Pelzwerk und als hätten die Steine Schnellfedern.
Der alte Waldjodel torkelt mühsam auf seinen dünnen Beinen und mit einem langen Stocke des Weges herab. Der hat da oben hüte Hütte; er geht in die Kirche und gedenkt der Freuden, die nach dem Gottesdienst sein könnten, wenn man einen Sechser in der Tasche hätte. In seinem mageren Gesichte, aus dem der weiße Bart hervorsticht, hat er das Pfeiflein stecken, er raucht den ganzen Tag, der alte Jodel,


