Ausgabe 
3.7.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 153 Erstes Blatt. Sonntao beit 3. Juli 1898

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Fernsprecher Nr. 51.

Ein Erfolg des Cabinets Brisson.

Nach der Anficht der gemäßigten Republikaner sollte dem neuen französischen Cabtuet schon in der ersten Sitzung der Deputirtenkammer, in welcher sich da» Mini­sterium Brisson den Volksvertretern vorstrllen würde, der Todesstoß versetzt werden, und wenn man fich die Lage des EabtnetS vergegenwärtigt, in der es fich ohne eine Mehrheit in der Kammer befand, so hätte man guten Grund, den pessimistischen Anschauungen beizupfl-chten und eine Nieder­lage der Regierung für sicher zu halten. Aber die Fran­zosen find ganz unberechenbar, und der Verlauf der Donnerstag- Sitzung in der Kammer hat wieder einmal die Wahrheit dieser Behauptung zur Evidenz gezeigt.

Wir haben gelegentlich der Besprechung deS neuen LabtuelS bereit- auSgeführt, daß Briffon bei der Auswahl seiner Collegrn sich nicht an die Kammermehrhett hielt, son­dern die Minister sammtlich auS mehr oder minder radicaleu Kreisen entnahm. Aus diese Weise ist ihm auch die LabinetS- bildung verhältnißmäßig leicht gelungen, da er mit den ein- zeluen Parteien nicht über die Zahl der von ihnen bean­spruchten Portefeuilles zu unterhandeln brauchte. Dies scheint den Deputirten imponirt zu haben, denn die Aufnahme deS Ministeriums in der Kammer war nicht unfreundlich, und Briffon war in der glücklichen Lage, aus der ersten Sitzung ein Vertrauensvotum mit nach Hause zu nehmen.

Briffon entwickelte nach altem Brauche das Programm der neuen Regierung, und man muß anerkennen, daß er seine Franzosen genau kennt und sich ihren Anschauungen gut anzupaffeu verstand. Mit Vorbedacht ging er zuerst auf die inuerpolitischen Fragen ein, über welche am Leichtesten Differenzen mit der Kammer-Majorität entstehen könnten, um dann in seinen weiteren Ausführungen diejenigen Punkte zu berühren, von denen er voraussetzen konnte, daß sie die Zustimmung aller Deputirten finden würden. Die Steuerreform steht tu Frankreich schon lauge auf der Tages­ordnung, aber bisher hat fich noch keine Einigung darüber erzielen lassen; vom letzten Lavinet wurden die Reforwpläne einfach zurückgestkllt. Auch Briffon dürfte dam't kaum einen Erfolg haben, insbesondere angefichts deS Widerstände-, den er and seine Regierung im Senat finden wird. Mit großem Beifall wurde aber seine Abficht ausgenommen, für Armee und Marine, diese beiden Schooßktuder der Franzosen, jede- Opfer zu bringen, und e- ist ganz erklärlich, daß gegenüber Briffon eine freundliche Stimmung die Oberhand erhielt. Auch die Erwähnung des russisch französischen Bündnisse« und die Berficherung, an demselben treu festhalten zu wollen, trug dazu bei, Briffon Shmpathieen zu erwecken. Seine Erklärung, daß die auswärtige Pol rik Frankreichs von dem nationalen Geiste durchdrungen bleiben solle, in welchem jene Allianz abgeschloffen wurde, kann uvS nur befriedigen, denn sowohl der Zar, wie auch Präsident Faure haben bet der Verkündigung de- Büuduiffrs klar zum Ausdruck gebracht, daß daS letztere geschloffen sei zur Erhaltung deS Weltfriedens.

Damit ist das Jntereffe, welche- für uu- die Programm« rede Briffon'- haben kann, erschöpft, und wie wollen nur wünschen, daß die Pessimisten Unrecht behalten werden und dem Cabiuet eine längere Lebensdauer beschiedeu sein möge. Auch in Frankreich harren so viele innerpolitische Fragen der Erledigung, daß wohl kaum daran zu denken ist, daß eine aggressive internationale Politik betrieben werden wird.

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Deutsches Reich.

Berlin, 1. Jult. Urber die Reich-tag-wahlen schreibt Prof. Delbrück in denPreuß. Jahrbüchern": E« ist die eigentlich charakteristische Erscheinung dieser Wahlen, daß die specifisch wirthschastltchen Gruppen am allerwenigsten erreicht haben. Da- Wirthschaftsstreben ist eben unter den vielen, den unzähligen Kräften und Anlagen de- Menschen nur eine-, und e- ist ein platter, einseitiger Docuinari-mu-, daß diese- eine Moment alle anderen beherrsche. Da- Bauernbündlerthum in Süddeutschlai d und am Rhein hat von dem Thurm de- CentrumS kaum einige Tierchen abzu­bröckeln vermocht. Der Bund der Landwirthe hat fast nur da Erfolge erreicht, wo er unter der alten Flagge der con- servativen Partei segelte, und wo er selbstständig vorzugehen unternahm oder gar gegen die Conservattven, da ist er ge­scheitert. Umgekehrt hat die größten Erfolge erzielt diejenige Partei, die die wirthschastltchen Gegensätze zu vermitteln sucht, da- Eentrum. Selbst die Rat onalliberalen, die kaum noch ein andere- positive- Priocip haben, was sie zwammen- hält, als ihre große historische Vergangenheit und die weniger zu vermitteln al- zwischen den wirthschastltchen

Gegensätz'.n hindurch zu laviren gesucht haben, haben fich fast , intact erhalten. Wie viel ist über fie gespottet worden, von der einen Veite, daß fie die agrarischen Forderungen nicht genügend anerkennen, von der anderen, daß fie die agrarischen Begehrlichkeiten nicht haben abweisen wollen! Jetzt zeigt fich, daß gerade diese Takt-k deS Ausweichen- und Nachgeben- nach beiden Seiten, obgleich im Einzelnen keineswegs geschickt gehandhabt, ganz richtig war. Die Nationalliberalen bilden noch immer eine ansehnliche Partei tm Parlament; diefrei« finnige Vereinigung" dagegen, die ihr an persönlichen Talenten wett, ja unvergleichlich überlegen ist, aber nur ein etnzelne- wirthschaftlicheS Jntereffe, das dcS Handel-, vertritt, ist und bleibt eine kleine Gruppe. Am allerdeutlichsten aber zeigt fich die Unfruchtbarkeit deS Grundsätze-, die Parteien aus­schließlich auf die Vertretung eme- wtrthschaftlichen Jntereffe- aufzubaucn, bei den Soctaldemokraten. Die Socialdemokraten find und wollen nicht- sein, als die Vertreter eines bestimmten Stand:-, de- Standes der Handarbeiter. Da- ist ihre Stärke und sobald man näher zu steht, noch viel mehr ihre Schwäche. Die Lohnarbeiter bilden naturgemäß einen sehr großen Theil der Bevölkerung, bet Weitem nicht die Majorität, wie häufig angenommen wird, aber doch vielleicht ein Drittel oder mehr. Trotzdem haben fie in nicht mehr als 32 ReichStag-wahl- kreisen, also in 8 v. H., die Majorität erlangt. Nur durch die Stichwahlen find fie auf etwa 58 Sitze, da­find etwa 15 v. H., gelaugt. Wie recht hatte doch Lorenz Stein, al- er schon 1847 schrieb, da- Proletariat sei durch­aus nicht, wie man meine, ein sehr starker, sondern ein schwacher Stand? Niemals find die Soctaldemokraten unter günstigeren Verhältniffen in den Wahlkampf gegangen, als die« Mal: schwerlich je wird ihnen da- Schicksal wieder ein so Vortheilhaftes Schlachtfeld gewähren. Der Wahlkampf ist an-gefochten worden ohne eine allgemeine und namentlich ohne eine nationale Parole, die für die Soctaldrmokratte so ganz besonder- gefährlich ist. Die bürgerlichen Parteien find auf« Heftigste untereinander verfeindet, in sich aufgelöst, von schwankenden Grenzen; lau und gleichgiltig standen sie dem Wahlkampf gegenüber.....Unter den neugewählten

socialdemokratischen Abgeordneten find einige, Rrcht-anwalt Heine-Berlin, Sohn de- Director- der Brandenburger Ritter-Akademie, und Kloß-Stuttgart, die eine starke und ausgesprochene Neigung haben, die Partei aus dem doctri- nären Revolution- Prinzip in eine parlamentarisch praktische Thätigkeit überzuführen. Die große Stärke der Fraction drängt mit einer Art von Gewalt auf diese Entwickelung hin. Wesentlich von der Klugheit der Regierung wird es abhängen, ob au- diesen Neigungen für Deutschland eine Frucht gezogen werden kann.

DLe große landwirthschaftliche Ausstellung in Dresden.

Ein dem Herzen der Stadt Dresden naheliegendes Ge­bäude am E ngange de- herrlichengroßen Garten-" hat die Ausstellung ausgenommen, die selbst wie auch ihr Catalog bereit- vor der Eröffnung fertig war!

Der Tag vor der Eröffnung stand unter dem Zeichen deS Preisrichter-. In der Hauptsache unterliegt das Vieh der Beurtheiluog; Maschinen und Geräthe werden nicht preis­gekrönt. Um aber doch auf dem Felde de- landwirthschaft* lichen Maschinenwesen- die Fabrikanten, Gewerbetreibenden und E, sinder nicht leer au-gehen zu laffen, finden alljährlich besondere Prüfungen statt, die sich einerseits auf Neuheiten aller Art erstrecken, andererseit- gewiffe eugbegrenzte Gruppen von Geräthen zum Gegenstände nehmen; so werden in diesem Jahre, außer den vorgeführten Neuheiten, Trockengeräthe für Getreide, Schrotmühlen und Stroh und Heupreffen geprüft, bezw. mit Preisen ausgezeichnet. Bei so enger Begrenzung der Aufgabe ist eine wirkliche Feststtllung des WertheS, ein wirklicher Vergleich der einzelnen zum Wettbewerbe gelangenden Gegenstände untereinander möglich.

Seit der Stuttgarter Wanderausstellung wird alljährlich ein großer Wettbewerb für Butter und Käse veranstaltet, ein Wettbewerb, der mehr und mehr die Beachtung der Molke- reien auf sich zieht. Da- feuchtkühle Wetter war bis jetzt dem Unternehmen günstig. Mit Hilfe einer finnreich dnrch- grführten Eiskühlung gelang es, die Butter auf einer Wärme von 8 bis 11 Grad Maumur zu erhalten, sodaß die Preis- richter verhältnißmäßig leichte Arbeit hatten Verhältnis mäßig; denn die Beurtheilung von mehr alS 400 Butter- proben bedeutet immerhin eine Leistung. Zur Bewält gung der Aufgabe hatte man sieben PleiSrichtercoll'gien bestellt. Die von diesen sieben Collegien ausgewählten 68 besten Proben wurden einem OberpreiSrichteramte übergeben, da-

aus den 68 nach eingehender Prüfung 18 als preiswürdig bezeichnete. Dabei ergaben sich einige auffällige Erschein­ungen; z. B. die, daß an der Herstellung von ungesalzener Butter fich jetzt auch Schleswig-Holstein, Hannover und Braunschweig betheiligen. Während die ungesalzene Süß­rahmbutter sehr stark vertreten war, ließ die gesalzene Süß­rahmbutter an Zahl der Einsendungen vermiffen. Eigen« thümlicherweise lagen neben denen aus Holstein, den Pro­vinzen Sachsen und Hannover, welche diese Abtheilung in der Hauptsache bestritten, auch Proben aus Bayern vor. Es fiel sogar der Siegerpreis nach Bayern, obwohl namentlich Han­nover sehr Gute- geliefert hat. Am stattlichsten stellt fich die Abtheilung der au- saurem Rahm nach demBer­liner Geschmacke" hergestellten gesalzenen Butter dar, die alletn 242 Proben umfaßt. Wie sehr diese Abtheilung die Buttererzeuger angelockc hat, beweist der Umstand, daß selbst Bayern dabei vertreten ist, da- doch sonst eine ganz andere Geschmack-- bezw. VerbrauchSrichinng besitzt.

Ein geradezu prächtige- Bild gewährt die in demselben Gebäude wie die Butter untergebrachte Käfehalle, vor Allem die langen Reihen der mächtigen, wagenradgroßen runden Schweizerkäse. Am vollständigsten bedacht steht mau die Gruppen de- Schweizer (Emmenthaler) und de- Limburger Vollfettkäses. Da- Allgäu wendet neben dem Emmenthaler seine Aufmerksamkeit hauptsächlich den verschiedenen Sorten de« Limburger und des sogen. Wrißlack-KäseS, Westpreußen die seinige dem Tilfiter Käse zu. BemerkenSwerth ist die alljährliche Zunahme der feineren Weichkäse auf der Aus­stellung. Sir betreffen namentlich Nachahmungen der be­kannten französischen Weichkäfesorten: Camembert, Brie, Ger­vais, Neufchateller ufto., und man kann nur sagen, daß die Nachahmungen sehr geschickt auSfalleu, sodaß wir auch nach dieser Richtung hoffen dürfen, bald vom AuSlaude unab­hängig zu werden. Harzer- und Ziegenkäse, alle möglichen Arten von Backsteinkäse, Kräuterkäse und selbst der sogen. Holsteinische Beamtenkäse", ein Magerkäse, fehlen in der Abtheilung nicht.

Von Jahr zu Jahr, Schritt für Schritt, hat fich die Vervollkommnung unserer deutschen Viehzucht auf den Wander-Au-stellungen kund gegeben; heute stehen wir vor einem Ergebnisse, das un- zu der Ueberzeugung berechtigt, kein noch so hoch gesteckte- Ziel der Viehzucht werde un- unerreichbar fein. Wer beispielsweise die Abtheilung der Rinder durchwandert, staunt über die gleichmäßige Vor­züglichkeit de- Dargebotenen. Unter nahezu 600 NiedernngS- und über 400 Höhenrindern find kaum einige Stücke, die nicht eigentliche« Au-stellung-gut darstellen. Den Glanzpunkt in der Rinder-Abtheilung bilden die rothbraunen, einfarbigen Schläge. Diese alten deutschen, meist kleinen Rinderraffen find neuerdings durch planmäßige Arbeit, mit Hilfe von Zuchtgenossenschaften und Herdbuch Gefellschaften zu wahrhaft überraschender Vollkommenheit gebracht worden. Geradezu herrliche Thiere stehen da unter den Bogel-bergeru, den Vogtländern, dem schlesischen Rindvieh, den Harzern u. s. w. Die genoffenschaftliche Zusammenfaffung der zerstreut arbeiten­den Kräfte hat fich, vor Allem für den kleineren bäuerlichen Besitz, glänzend bewährt.

Eine nicht minder befriedigende Wandlung macht fich in der Abtheilung der Schweine geltend. Dank einer ver- ständigen Zuchtanffaffung, die namentlich durch die Vereinigung deutscher Schweinezüchter gepflegt wird, ist e- gelungen, einerseits die Monstrositäten, mit denen die Engländer un- beglückten, aus der Welt zu schaffen und wieder zur Natur zurückzukehren, andererseits ober unsere z. Th. noch etwa- gar zu urwüchsigen Landraffen soweit zu verfeinern, daß sie auf die BezeichnungEdelschweiue" Anspruch machen können. In der Zucht deS weißen Schwein- find wir auf diesem Wege so weit gekommen, daß wir von England keinen Eber mehr beziehen, im Gegentheile eher in der Lage wären, den Engländern gute Zuchtthiere abzugeben. Nicht ganz so gut steht eS mit dem schwarzen Berkshire Schweine. DieS Schwein erfreut fich noch nicht einer so großen Verbreitung, daß wir einer mäßigen Zufuhr frischen BluteS au- dem Heimathlande eutrathen könnten. ES besitzt aber auch nicht die Wichtigkeit de« weißen Schweines, obwohl es wegen seines breiteren, runderen Baue- inhaltreichere Schinken liefert. Beides, weiße wie schwarze Edelschweine, find auf der Ausstellung trefflich vertreten, nicht minder da- veredelte schlappohrige Marschenschwein da- in unseren Küstengebieten von Meckunburg bi- Oldenburg und OstfrieSland und wiederum landeinwärts im Westen bi- Westfalen mit Erfolg gezüchtet wird. Auch daS ihm verwandte Meißener Schwein, von einer besonderen Zuchtgenoffenschaft erzeugt, sieht man