Rr. 153 Drittes Blatt. Sonntag den 3. Juli
18»8
Gießener Anzeiger
General - Anzeiger
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
zrezugtpreiL vierteljährlich
2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh».
*M0m< »0» Anzeigen zu der Nachmittag« für den folynho* Lag erfcheinenden Nummer bi« Norm. 10 Uhr.
Alle Anzeigen-BermittlungSstcllen deS In« und AuSlandeL nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger -ntgegen.
Erscheint tLgttch mit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener MM«1kre«vtätter Werden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.
Amts- und Anzeigeblutt fiw den Ureis Giefzen.
Äetodfoe, Expedition und Druckerei:
Metftrefct Kr. 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger HiettB.
Fernsprecher Nr. 51.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
2lmtiid>er Tyeil
Bekanntmachung.
In der Stabt Wetzlar ist die Maul- und Klauen seuche amtlich feftgestellt worden.
Gießen, den 30. Juni 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Betr.: Die achtundzwanzigste General-Versammlung de» BereinS zur Unterstützung und Besserung der au» den Strafanstalten Entlassenen zu Darmstadt am 12. Juli 1898.
Die Mitglieder und Freunde de- Verein» zur Unterstützung und Besserung der au» den Strafanstalten Ent- loffenen werden in Gemäßheit de» § 21 der VereinSstatuteu zur 28. Generalversammlung auf
Dienstag den 12. Juli d. I., Nachmittags 3 Uhr,
in da» Justizgebäude, Mathttorvpiatz Nr. 13 zu Darmstadt Sitzungssaal de» Oberlaude-gertcht», Zimmer Nr. 9, ergebenft etngeladen.
Darmstadt, 27. Juni 1898.
Großh. BereinScentralbehörde.
Schlink.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juli. Da» „Berliner Tageblatt" meldet au» Konstantinopel von einer Zetteluug, welche sich gegen die Jerusalemer Reise de» Kaiser» am Bosporus abspielt. Darnach wäre Munir Bai, der türkische Botschafter in Part», vom Sultan abberufen worden, um Tewfik Pascha im Ministerium de» Innern zu ersetzen, was als cm bemerkenSwerther Steg der franzosenfreundlichrn Partei im Aildiz-KioSk angesehen wird, welche unabläsfig darauf hinarbeitet, den deutschen Einfluß zu paraltfiren und hierdurch die Katserreise nach Jerusalem zu vereiteln.
Kiel, 1. Juli. Der Kaiser ist heute früh'8 Uhr auf seiner Aacht „Meteor" nach Travemünde in See gegangen. Eine Stunde später erfolgte die Abfahrt der Kaiseryacht „Hoheuzollern" nach Travemünde mit der Kaiserin, der Prinzessin Heinrich und dem Prinzen Adalbert an Bord.
Kiel, 1. Juli. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist heute Vormittag 9*/4 Uhr nach Berlin zurückgeretst.
Ausland.
Wien, 1. Juli. Die neuerding» in Amerika verbreitete Nachricht, daß fich Oesterreich-Ungarn im spanisch amerikanischen Kriege eine» Neutralität»bruches schuldig gemacht habe und sür die für Spanten gelieferten Waffen ZrhlungS - Bürgschaft geleistet habe, wird von hiesigen maßgebenden Kreisen kategorisch al» böswillige Erfindung bezeichnet.
Krakau, 1. Juli. Auf Grund deS Ausnahmegesetzes verbot die Polizei da» Weiter-Erscheinen von fünf hiesigen soctaltstischen Blättern. Wettere erhielten den Auftrag, die Vorlegung deS Pfl cht-Excmplare» drei Stunden vor dem Erscheinen zu erfüllen. Ja ganz Galizien herrscht andauernd Ruhe. Trotzdem ist an eine baldige Aufhebung des Stand- recht» nicht zu denken, da im Bezirk Limanova noch mehrere Tausend Bauern fich in den Wäldern und Gebirgen versteckt halten.
Madrid, 1. Juli. Der Martnemintster erhielt eine Depesche, welche die Durchfahrt der Flotte Camara'S durch den Suez-Canal meldet.
Madrid, 1. Juli. Die Socialtsten veröffentlichen einen Aufruf an ihre Partei zu Gunsten de» Frieden».
Rev-Hork, 30. Juni. Krtegssteuern in den Vereinigten Staaten. Die ungeheuren Ausgaben, die der Regierung der Union durch die KrtegSrüstungen, vor Allem durch die Aufwendungen für die erst neu zu schaffende und neu auszurüstende Armee erwachsen, sollen vom 1. Juli ab durch eine große Reihe neuer Steuern gedeckt werden. Der JahreSbetrag dieser eigens für den Krieg aukgeschriebeueu Lasten soll gegen 200 Millionen Dollar betragen. Bor Allem werden die Handel- urb Gewerbetreibenden, demnächst die Consumenten von Tabak und alcoholtfchen Getränken von den neuen schweren Ausschreibungen betroffen. Wie fich im einzelnen diese neuen Steuern, die mehr als die gesammteu Steuern und Zölle de» deutschen Reiche» etnbringen werden, auf Gewerbe und Verbrauch vertheilen, ergiebt fich aus der folgenden Zusammenstellung: Bankhäuser mit einem BetrtebS- capital unter 100 000 Mk. 200 Mk., solche mit größer« Capital für jede 4000 Mk. eine weitere Abgabe von 8 Mk. Makler, Pfandverleiher 80 Mk., Theater, Museen, Concert- säle, Singsptelhallen in allen Städten von mehr al» 25000 Einwohnern 400 Mk., alle übrigen öffentlichen Schaustellungen 40 Mk. - Spielplätze für Tennis, Bowling u. s. w., sowie jedes Billard 20 Mk., — Für Tabak im Allgemeinen 1 Mk. für das Kilogramm. Für Tabakhändler auf jede 25000 Kilogramm 25 Mk. — Bet allen Schuldverschreibungen, Rechnungen, Quittungen für je 400 Mk. eine Taxe von 20 Pfg., bei allen Wechseln und CH:ckS für je 400 Mk. oder einen
Bruchtheil dieser Summe 10 Pfg. Alle geschäftlichen Abmachungen, LteferungSanweisuugeu, Miethverträge, Pachten Hypotheken usw. für je 2000 Mk. ein Stempel von 2 Mk, Bet allen Berficherungen (Leben, See, Feuer, Diebstahl, Unwetter usw.) für jede 4 Mk. der versicherten Summe 2 Pfg. Für Fahrkarten und Seereisen in» Ausland sür jede 120 Mk. eine Steuer von 4 Mk. Geistige Getränke in jeder Form tragen 8 Mk. für jedes Hectoliter. Außerdem werden alle Telegramme und Fernfprechunterhaltuogen je nach Wortzahl und Dauer mit einem Zolle belegt.
Rew-Vork, 1. Juli. In Sau Juan auf Portorico soll die Postbehörde ein Complott zum Sturz der Regierung entdeckt haben, zu welchem Zweck auch da» RegierungS-Palai» mittelst Dynamit in die Luft gesprengt werden sollte. Eine Anzahl Verhaftungen wurden vorgenommeu.
Locale» und provlnzlette».
-e. Neu - Ulrichstein, 1. Juli. Monatsbericht der Arbeiter -Colonie pro Juni 1898. Ende Juni 1898 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitsloS 30 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 5; Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kaffel 5, Regierungsbezirk Wiesbaden 2; Provinz Rhein- lande 2, Provinz Hannover 1, Provinz Sachsen 3, Provinz Schlesien 1, Provinz Westfalen 1; Königreich Bayern 2, Königreich Sachsen 1, Königreich Württemberg 1; Groß- herzogthum Baden 1; Mecklenburg 1; thüringische Staaten 3. Ausland: Oesterreich Ungarn 1. Hiervon waren: Arbeiter 12, Anstreicher 1, Gärtner 1, Kappenmacher 1 , Kaufleute 4, Kellner 3, Klempner 1, Kürschner 1, Landwirth 1, Schlosser 2, Schneider 1. Schuhmacher 1, Schreiner 1. Gearbeitet wurde an 940 Tagen. Verpflegt wurde an 1068 Tagen. Im Monat Juni 1898 wurden entlasten 17 Mann, und zwar in Arbeit durch eigenes Bemühen 1, auf eigene« Wunsch 7, wegen Contractbruche» 6, wegen TrunkeS 3. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen worden im Ganzen 3443, dagegen abgegangen im Ganzen 3413 Mann, bleibt Bestand am 30. Juni 1898: 30 Mann.
Offenbach, 1. Juli. Die VerbrauchSabgabe auf Mehl und Brod wird von heute ab wieder erhoben, da die Mehlpreise auf ihren früheren Stand zurückgegangen find.
Pfungstadt, 1. Juli. Laut telegraphischer Nachrichten hat der hiesige Ziegenzucht-Verein für die auf der Ausstellung der Deutschen LandwirthschaftS-Gesellschaft in Dre-ben ausgestellten zwölf Ziegen 2 Ehrenpreise, gestiftet von der königlich sächsischen Regierung, 3 erste, 1 zweiten und 2 dritte Preise erhalten.
Feuilleton.
Melchior Lechter.
Von Georg FuchS.
(2. Fortsetzung.)
Lechter zeichnete fich hier, wie in all seinen Zierblättern, vor den meisten, die in Deutschland AehnltcheS versuchten, dadurch auS, daß er nicht als dienender Illustrator fich damit begnügt, den „interestauten" Inhalt deutlich zu machen und so bequem zu einer gedankenreichen Wirkung zu gelangen, sondern daß er au» den Motiven selbständig schafft, ganz als bildender Künstler nur mit Rückficht auf den Zweck verfährt, welcher ist: eine Fläche schön auszufülleu. Ihm war selbst der überaus verfeinerte Stoff, den ihm der Dichter gab, eben nur Stoff, rohe Maffe, die für seine Zwecke erneuter Bildung bedurfte. So wirkt in allen seinen Werken nicht der angeblich tiefe und bedeutende „Inhalt" — den man doch zumeist dem Spender: sei er Wagner oder Nltzsche oder wer sonst, zu gute halten müßte — sondern die wirklich tiefe und bedeutende Form. Wenn wir' hier nachwiesen, daß Lechter den modernen Geist in seiner höchsten Verfeinerung in fich ausgenommen hat, so wollten wir dabei nur wahr- nehmen, warum er die überkommenen Formen weiter entwickeln mußte, nicht aber wollen wir seine Bedeutung al» Künstler darein setzen. Lechter ist selbst weit davon entfernt, den Werth seiner Kunst in etwa» anderem suchen zu wollen, al» im Rein Malerischen und Rein Decorativen. Die Beziehungen, welche zwischen seinen Gebilden und etwa Schopenhauer, Wagner und Nltzsche bestehen, sind vielmehr die der Huldigung, der Zuneigung: durch Inschriften, durch Deutung.
Ihr Werth liegt in ihren Formen und Farben, nicht im „Thema", nicht im Stoffe, wie bei der barbartsch-ltterarischen Kunstbehandlung, die, außer bet den wenigen Führern, gegenwärtig die Geister beherrscht. Wohl aber ist die Kunst in dem Sinne, wie wir sie hier fordern nnd geben, die „Kunst unserer Zeit", wenn auch das Entgegengesetzte die „öffent- liche Meinung" erfüllt, andernfalls müßte man ja Kotzebue und nicht Goethe al» den führenden Genius des vorigen Jahrhundert Endes bezeichnen.
Mir kennen ferner Bucheinbände aus Pergament, welche Lechter bemalt hat. Der Pergamentbaud, au sich etwas Kostbares, um ein kostbares Buch, verlangt eine reichere Entfaltung der Zierden- hier können Goldgrund und Edelsteine Verwendung finden, nicht minder stärker aufgetragene Malereien in satten Farben zur Ausfüllung der glatten Fläche. Allein auch den Pergament- und Lederbaud will Lechter structiv behandelt wiffen, e» soll auch hier nicht» willkürlich, allrs vom Material, seinem Werthe oder dem Inhalte bedingt erscheinen. Auf dem Einbände zu wDe Profundis“ von Stanislaw Przybyrzewski erstreckt fich die malerische Behandlung nur auf etwa ein Drittel der Breite recht» und links vom Rücken. Wie e» die Umdeutung der architectonischen Elemente für die Zwecke der Buchausstattung nothwendig verlangt, find in den BuchauSzierungen von Lechter olle Formen von der Bestimmung zu tragen, zu stützen und fich gewichtig zu fügen, befreit und der neuen Bestimmung gemäß, welche Erfüllung einer Fläche gebot, gelöst, imaginär gemacht. Diese Linien stellen keine Säulen und Gesimse dar, sie find Linien und durchaus nach linearen Princtpieu zu einem Ganzen geordnet. UeberdteS treten an allen Knotenpunkten, frieSartigen Bändern und Endigungen Pflanzenmotive auf, welche die Erinnerung an die alten Vor
bilder gänzlich benehmen und den architectonischen Charakter aufheben.
Diese Pflanzenmotive find durchaus neuzeitlichen Ursprünge». Wie alle unsere jungen Vertreter der angewandten Kunst wurde auch Lechter durch da» Studium der Pflanze zu neuen ornamentalen und linearen Gebilden angeregt. Hiermit tritt er in nächste Beziehung zur allgemeinen Entwickelung, nur daß er, strenger in der Prägung, fich nicht so leicht zufrieden gibt mit eilig der Natur entriffenen Fasern und Schnörkeln, wie so viele Andere.
Nächst den drei Elementen: Schrift, Architectur und Pflanzenschmuck, ist auch da» dritte und wichtigste ganz in dem Stile der Druckfläche übergesührt: die menschliche Figur. Auch fie ist gänzlich linear behandelt mit reiflicher Erwägung der zu erzielenden Hellen und dunklen Flächen. Auf Plastik ist mit Recht fast durchaus verzichtet, denn diese widerstrebt dem imaginären Grsammt-Character- nicht aber auf Ausdruck.
Auffällig ist die überlange und überschlanke Gestaltung der Gelenke und Hände. Vielleicht läßt sich diese Bildung nicht immer rechtfertigen. Im Allgemeinen jedoch muß man festhalten, daß die Hände ein sehr wesentliche» AuSbruck»- mittel find, im Leben wie in der Kunst, nur daß fie in dieser Anderes auszudrücken haben, al» in jenem. Sie bedeuten im Werke oft einen wichtigen Abschluß, einen Mittelpunkt der compofitorischen Uebergänge, ja, wie im „Orpheus", die höchste Ausstrahlung des Ganzen. So wenig fich ein alter Meister oder ein Arnold Böckiin vor einer „Verzeichnung" scheute, wenn er durch dieselbe ein kräftigere» Mittel de» Ausdrucke» oder eine Verbesserung der fiuulichen Erscheinung seine» Bildes gewann, so wenig läßt fich Lechter darein reden, wenn er Pflanzenformen oder Hände ober sonst ein der


