Ausgabe 
2.10.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 231 Drittes Blatt.Sonntag den 2. October

1898

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Fernsprecher Nr. 61.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 30. September 1898. Vetr.: Die Controlle der Bierdruckapparate.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen e* Wie «rosth. Bürgermeistereien der Land- gemeinden deS Kreises.

Sie wollen binnen 8 Tagen die Zahl der Wtrthe ein- berichten, welche Bierdruckapparate in Gebrauch habe».

I. 33.: Dr. Wagner.

politische Wochenschau.

Auf dem Gebiete der inneren Politik herrscht noch immer Windstille, und es verlohnt fich eigevtl ch kaum, derselben Er« wähnung zu thnn- es ist wie jedes Jahr um diese Zett: hinter den Couliffen wird emsig geardettet, und nur selten dringt etwas von dem, was für Reichstag und Landtag vor« bereitet wird, in die große Orffentlichkeit. Der Kaiser weilt, nachdem in seiner Gegenwart die neuen Stettiner Hafen« anlagen eiogeweiht worden find, zur Jagd In Romtvten - bie Minister find auch noch nicht wieder vollzählig in Berlin versammelt, n. A. treffen der Reichskanzler und der Staats­sekretär des Auswärtigen erst dieser Tage io der Reichs- Hauptstadt ein. Die Sorglosigkeit, der fich unsere maßgeben­den Kreise htogebev, ist wohl der beste Beweis dafür, daß Deutschland allen Vorgängen im Auslände gegenüber sehr unbefangen sein kann.

Die aus dem chineftfcheo Reiche etogrgangeuen alarmirenden Nachrichten haben wir bereits eines besonderen Artikels gewürdigt- es bleibt nur noch nachzufügrn, daß der Tod des Kaisers Tsai tieu fich nicht bestätigt hat und daß unsere Annahme ganz richtig war, wonach der Kaiser nicht die Regentschaft seiner Mutter übertragen hat, sondern daß die letztere die Regierung einfach an fich riß. Nun wird es wohl vorläufig mit den Reformen, die der Kaiser angeblich geplant hatte, nichts sein, und das Mandarinenthum mit feine« starren Festhalten am Althergebrachten hat wieder einmal den Steg davon getragen.

Das intereffanteste Land ist unzweifelhaft gegenwärtig Frankreich, welches fich in Extremen gefällt. DaS .Rieder rit DreyfnS" hört man kaum noch, uub wenn man von den Ehauvintsteu und Antisemiten abfieht, so ist wohl heute die ganze Ration mit der Wiederaufnahme des Drryfus-Prozeffes einverstanden und begreift nicht, weshalb mau fich so lange dagegen gewehrt und unnützer Weise so viel Staub auf- gewirbelt hat. Die Reviflou ist beschlossene Sache, ob sie aber mit der erforderlichen Beschleunigung vor fich gehen

wird, erscheint sehr fraglich, da immer neue Schwierigkeiten, besonders formaler Natur, zu überwinden find. Daß der Etofloß deS Geueralstabs noch nicht gebrochen ist, zeigt übrigens die Weiterentwickelung, welche der Fall Ptequart erfahren hat- trotz des Einspruchs der Eivtlbehörde ist der Oberst der Gewalt seiner mtlitärtschrn Vorgesetzten aus- geliefert worden. Das Eabiuet Bnffoa steht auf nicht all­zu festen Füßen, wenigstens find Veränderungen innerhalb desselben sehr wahrschetvltch. Esterhazyenthüllt- jetzt fortgesetzt, jedoch werden die Anpassungen dieses Biedermannes wenig gewürdigt.

Die Kretafrage ist insofern in ein neues Stadium ge­treten, als die betheiltgteu Eabioette befchloffro haben, die Pforte zur Zurückziehung der türkischen Truppen von der Insel aufzufordern. Ehe diesem verlangen nachgekommeu wird, dürfte natürlich noch eine sehr geraume Zett vergehen - hoffentlich beharren aber die Großmächte auf ihrem Beschluß und räumen endlich einmal mit der türktichen Herrschaft auf der zum größten Thetle christlichen Jasel auf.

Zu deu Frtedeusverhaudluogeu find nunmehr die spanischen und amerikanischen Delegirten in Paris zusammengetreteu, die Verhandlungen dürsten bald beginnen. Abgesehen von der Phtltpptneufrage werden die Louferenzeu ohne große Schwierigkeit verlaufen. Ueber die Lage tu Spauteo ver­lautet nichts, doch ist es immerhin bezeichnend, daß trotz der streugeu Ceosnr ein in Barcelona erscheinendes Blatt die Unabhängigkeit für eine Reihe von spanischen Provinzen zu fordern vermag.

In Oesterreich ist der ReichSrath wieder eröffnet worden. Wenn man geglaubt hatte, daß die Trauer um die dahiugernordete Kaiserin Elisabeth die Vertreter der einzelnen Parteien einander nähern würde, so hat mau fich schwer geirrt. Alles läßt darauf schließen, daß die Kampfeslust der Parteien ungeschwächt fortbesteht und daß von Versöhnung keine Rede sein kann.

Auf Schloß BeruStorff ist am Donnerstag hoch­betagt die Schwiegermutter von Europa, Königin Loife von Dänemark gestorben. Mau versuchte noch in letzter Zett, ihre Krankheit als nicht gefahrdrohend htnzustellen- aber ein- geweihte Kreise wußten schon lange, daß das Lebensende der Königin nicht wehr fern fei, die Avtheiloahwe der ver­storbenen an der Weltgeschichte und ihren Einfluß auf deu Gang der letzteren werden wir in einem besonderen Artikel würdigen. xx

Deutsches Reich.

Berlin, 30. September. Sofort nach dem Eiutrlffen des Telegramms, welches dem Kaiser das Ableben der Königin Louise von Dänemark meldete, sandte der Kaiser von

Rominteo aus an König Christian ein in deu herzlichsten Worten abgefahteS Beileidstelegramm.

Berit«, 30. September. Palästtuaretse. Das Blatt Hakikal" veröffentlicht das Programm für die Anwesenheit deS deutschen Kaisers und der Kaiserin in Konstantinopel. Die Ankunft erfolgt am 17. October, die Majestäten steigen am Palast von Dolma Bagdsche au Land, wo fie vom Sultan ewpfaugen werden. Es folgt die Fahrt nach dem Uildiz- Palast, wo daS Katserpaar Wohnung nimmt. Sm 19. unter­nimmt der Kaiser eine Fahrt nach Jedteule zur vefichtiguug der Festungsmauerv - inzwischen besucht die Kaiserin den Harem. Tags darauf unternehmen die Majestäten auf der YachtSnltanie" eine Fahrt i« Bosporus bis Kavak- am Abeud findet im Bosporus eine Beleuchtung statt, die das Kaiserpaar von Bord derSnltavie" aus in Augen­schein nimmt. Sm 21. findet Selamlik und Abeuds Fest­tafel im Uildtz.Palast statt. ES verlautet, daß der Khedive SbbaS Pascha auf deu dringlichen Wunsch deS Sultans während des Besuches des deutschen Kaisers in Koustavtinopel ebenfalls dort anwesend sein wird.

Berlin, 30. September. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe wird heute wieder io Berlin etutreffen.

Berlin, 80. September. Das vom Reichs-Schatzamt ausgearbeitete Schema des neuen Zolltarifs wird, wie dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" meldet, voraussichtlich in den ersten Tagen der nächsten Woche den Bundesregier­ungen zur Prüfung zugesandt werden.

Wie», 30. September. Nachdem betreffs der Eiutheilung der Tagesordnung hiufichtlich der Verhandlung der Dringlich- keitsauträge zwischen der Rechten und der OppofitionSpartei heute Wittag ein Eompromiß zu Staude gekommen ist, begann die heutige Retchsraths-Sitzung in wesentlich beruhig­terer Stimmung. Die erste Lesung der Ausgleichsvorlage ist nunmehr gesichert und die ObstrucriooS-Bestrebuogen der Schönerer-Gruppe werden vorläufig von keiner Partei Unter­stützung staden.

Triest, 30. September. Die Anarchisten Peppt Mose und Carlo Prrffau wurden verhaftet uud mehrere anar­chistische Schriften bei ihnen beschlagnahmt. In Görz wurde der Anarchist Doronco, ein Freund LuecheuiS, verhaftet.

Haag, 30. September. Hier geht da» Gerücht von einer bevorstehenden Verlobung der Königin Wilhelmine mit dem Prinzen zu Wied.

Paris, 30. September. Außer den Erdarbeitern wollen jetzt auch die Maler und Anstreicher in deu Ausstand treten. Ein diesbezüglicher Beschluß soll tu deu nächsten Tagen gefaßt werden.

Feuilleton.

Aus der Krupp'schen HuMahsfaörik.

(Fortsetzung.)

Sofort schießt ein armdicker feuriger Strahl i» die Pfanne und nach wenigen Minuten ist der Ofen entleert. Hierbei wird jedoch mit dem Etngießen früher abgebrochen, damit der schlackenreiche Rest der Schmelzmaffe nicht In die Pfanne gelange. Alle Martinöfen des Krupp'schen Etabliffe- »ent» besitzen zu diesem Zwecke entsprechend hergerichtete Gruben unter der Gießöffaung, welche jenen Rest der Schmelz« »affe aufnehmen.

Sobald die Pfanne das flüssige Metall ausgenommen hat, fährt der Krahn mit ihr zu den bereitgehaltenen offenen Guheisenformen, deren acht vorhanden find, jede mit eine« Rauminhalt von einer Tonne. Die auf diese weise ge­wonnenen Blöcke find für die Radreifenschwiede bestimmt, in welcher fie zu Radreifen, Achsen, Federn und anderen Schmiedestücken (auch Hohlgeschossev) verarbeitet werden. Der Stahl ist von mittelharter Qualität uud werden zu besten Herstellung alle Abfälle des Vchmelzwnkrs, also bester Tiegelstahl, verwendet.

Ein ganz anderes Bild, als uns die bisher beschriebenen Werkstätten darboten, vermittelt die große Bessemer- »»läge der Krupp'schen Fabrik. Sie steht feit vierihalb Jahrzehnten In Verrieb und wurde In einer Zeit InS Leben zernsen, als der Bestemerprozeß noch tu den Kinderschuhen steckte. Man kann also sagen, daß der letztere, obwohl eine mzltsche Eifindung, durch den Scharfblick und dr» eisernen Unternehmungsgeist Alfred Krupps in Deutschland seine Ent«

Wickelung, bezw. seine Anwendung in großem Maßstabe fand. Als in England das Verfahren noch mit allerlei Schwierig­keiten zu kämpfen hatte, produeirte «an in Esten bereits 130,000 Tonnen jährlich. Der Anblick, den uns das Innere deS Beffewerwerkes darbietet, weicht bezüglich des hier herrschenden Lebens wesentlich von onderrn Betrieben ab. Ohrenbetäubende- Geräusch und finoverwirrrudes Durch­einander von Qual», FunkeusprÜhen, Krahnengeraflel und Arbeiterthätigkett empfängt den Besucher. Er bekommt hier­von schon einen Vorgeschmack, wenn er von außen her de» Werke fich naht. Die zeitweilig anfflammende Helle hinter den Fenstern der Halle, die aus den Esten ausgestoßene Glmh in Verbindung »it dem bezaubernden Schauspiel irr- lichternder Funken bereiten ihn auf das zu Schauende vor. Dle Krupp'sche Fabrik verfügt auch in Bezug auf den Bestemerprozeß über eine «ustergiltige Anlage, wie fie wenige andere große Wnke besitzen, und bieten die in einer Betriebs« epoche von vierthalb Decenoteu gewonnenen Erfahrungen die Garantie für ein vorzügliches Fabrikat. In der That find anS der Krupp'schen Fabrik bisher ungeheure Mengen des besten Bestemerstahles In die Welt gegangen, besten vor­zügliche Qualität zur Festigung ihres Ruhmes wesentlich bei- getragen hat.

Bis hierher haben wir die mancherlei Prozeffe keimen gelernt, welche da» Rohmaterial liefern. Wir gehen nun einen Schritt weiter und besuchen jene Arbeitsstätten, auf welchen die rohen Blöcke ihre wettere Verarbeitung staden. Die zunächst tu Betracht kommende Operation ist die des Schmiedens. Es ist bekannt, welche Steigerung bei dieser Arbeit der mechanische Effect erfahren kann. De» Klein- schmiede genügt sein Handhammer, andere Betriebe erfordern

einen größeren Kraftaufwand und so bedienen fie fich der zu­meist durch Wafferkraft betriebenen Stielhämmer. Daß diesen bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit eine sehr enge Grenze gezogen ist, liegt auf der Hand. Der Großbetrieb findet mit diese» «echanischen Hilfsmittel fein Auslangen nicht und so bedient er fich deS DompfharnmerS, deffen Wirksamkeit Im Laufe der Zeiten bis inS Unglaubliche gesteigert worden ist. Die Krupp'schen Riesenhämmer, welche die Namen ,8Roy* und Fritz" führen ersterer hat 20 Tonnen, letzterer 50 To. Fallgewicht find In einem besonderen mächtigen Gebände nntergebracht, daS kein Laie ohne einen Anflug von Schauer betteten wird. Letzterer wurzelt vornehmlich in der Vor­stellung, daß dieses mächtige Hilfsmittel der menschlichen Arbeit, dem eine schier unfaßbare Kraftleistung zukommt, in der Hand feines Leukers sozusagen zum Spielzeug wird. Sin mannshoher und fast meterdicker Klotz bewegt fich ttmnhalb seines gewattigen eisernen LocheS, scheinbar aller Wucht ent­lastet, wie ein in der Last auf« und abwärts schwebendes Uugethüm. Der Manu, der den Hammer bedient, läßt den­selben sozusagen «tt eine« Fingerdruck momentan vom Amboß 8 Meter hoch emporschurllen, um ihn ebenso rasch wieder fielen zu lassen. Unwillkürlich machen wir eine scheue Be­wegung nach rückwärts, deS furchtbaren Aufschlag- gewärtig. Aber es erfolgt kein solcher und «tt gerechtfertigtem Erstaunen nehmen wir wahr, daß der Lenker dieses kraftvollen Mechanis­mus in de» Augenblick Gegendampf gibt, in dem er fich de» Amboß bis auf einige Centtmeter genähert hat. Der Hammer fchwingt also Innerhalb seine» Gerüste» auf und ab, ohne irgend welche Kraftleistung zu äußern ein überwältigende» Schauspiel!

Wo de» Hammer die Grenze seiner Leistnng»fähtgkett