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Eintritt 40 Pfg.
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Nr. 178 Zweites Blatt. Dienstag den 2. August L8»S
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Die Gießener Damitteu d tätter »erden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.
Zlints- und Zlnzeigeblatt für den Ureis Gießen.
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Amtlicher Theil.
Nr. 32 dc» ReichS-GesetzblaltS, outgegefcen den 26. d. DM., enthält:
(Nr. 2499). Allerhöchster Erlaß, betreffend die Der- ordnvng zur Ausführung deS Gesetze- über dte Naturalleist- ungeu für die bewaffnete Macht im Frieden in der Faffung deS Gesetze- vom 24. Mat 1898 (ReichS-Gesetzbl. S. 361). vom 13. Juli 1898.
(Nr. 2500). Bekanntmachung, betreffend die Anzeige- Pflicht für die Geflügrlcholera. vom 21. Juli 1898.
Gießen, den 29. Juli 1898.
GroßherzoglicheS KretSamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
betr.: Lande-polizeiliche Prüfung und Abnahme der Bieberthalbahn.
Dte lande-polizeiliche Prüfung und Abnahme der hessischen Strecke der vieberthalbahn soll
Dienstag den 9. August d. I., von Vormittag- 10 Uhr an, stattstnden.
Alle Diejenigen, welche wegen Einzelheiten der Bahn- en tagt — namentlich auch wegen Verlegung und Abänderung öffentlicher Wege, Ad. und Zufahrten auf Grundstücken, Ein. friedigungen, Aenderungen von Wofferläufen und Vorfluth» verhältniffen, sowie Herst.llung von Schutzvorrichtungen gegen die au- dem Bahnbetriebe entstehenden Gefahren und Nachtheile — Einwendungen zu rrhebeu oder Anträge zu stellen haben, werden hiermit aufgefordert, solche an dem genannten Tage (9. August) vorzubringru. Dte Abnahme-Commission wird vormittag- zwischen 9 und 10Vs Uhr vom Bahnhof Gießen au- mit einem Sonderzuge dte Gemarkung Gießen und zwischen 10'/, und 12 Uhr die Gemarkung Heuchelheim befahren, und wird e- sich empfehlen, daß die Jntereffenteu ihren Bürgermeistern von den beabsicytigteu Rcclamationen vorher Kenntoiß geben und sich demnächst zu den angegebenen Zeiten, bet welchen aber Verspätungen etutreten können, an denjenigen Stellen, settwärlS der Bahn etvfiuden, wo Re«
c amarioneu vorgebracht werden sollen und bet Annäherung de- Zuge- sich dem Locomotivsührer bemerkbar wachen.
Gteßen, den 30. Juli 1898.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli. Der Kaiser trifft nach den neuesten Dispositionen erst am 15. August tu Wilhelmshaven etn.— Bei den bevorstehenden Herbstübungen soll dte neue Art der milttärtscheo Telegraphie in größerem Umfang in An« Wendung gebracht werden.
Berlin, 31. Juli. Die Frage wegen der Ergänzung der Besatzung von Ktautschou soll nun in dauernder Form geregelt werden, von der Inspektion der Marine-Jnfauterie find dem vernehmen nach mehrere hundert Dreijährig-Frei- willige aufgerufeu worden; auS ihnen sollen Ersatzcompagoien für Ktautschou gebildet werden. Die sich meldenden Mannschaften werden in Wilhelmshaven und in Kiel au-gebildet und im Frühjahr 1899 nach ihrer Garnison in Oftafien gebracht.
Berlin, 31. Juli. Zur Errichtung der Handelskammern. Dte Durchführung de- Gesetze- vom 26. Juli 1897 über dte Organisation deS Handwerks ist nunmehr so wett vorgeschritten, daß in allen Staaten die Einrichtung von Handwerkskammern entweder schon abgeschloffen ist oder doch in Bälde erfolgen soll, so daß dann an dte Organttation der einzelnen Handwerkskammern heravgetretev werben kann. In Preußen ist in den größeren Provinzen für jeden Regierungsbezirk eine Handwerkskammer genehmigt worden.
Huslaubo
Wien, 30. Juli. Heute vormittag hat im Palais Coburg dte katholische Eheschließung der Prtuzesfin Dorothea von Coburg mit dem Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein durch den Pfarrer von St. Stephan statt- gefnnden. Als Trauzeugen fungtrten der Prinz August und Feldmarschall-Lieutenant v. Wurmbrandt. Heute Abend erfolgt die Abreise deS Brautpaares nach Coburg.
Lemberg, 30. Juli. Einer Blättermeldung zufolge gährt eS neuerdings im Bezirk Nru-Saudeck. Jo mehreren Dörfern sollen Excrffe stattgefunden haben. Zahlreiche Personen wurden verhaftet.
Budapest, 31. Juli. Seit drei Tagen wüthet ein furchtbarer Orkan wie starken Gewittern, der tu verschttderen Comttaten coloffalen Schaden aurtchtete.
Krakau, 31. Jalt. Der Special-Correspondent bei „Slowo Polski" meldet, daß in Juafienoa und Przydontca bet Neu-Sandeck wieder Exceffe gegen dte Juden vorgekommen sind. Mehrere WirthShäufer wurden geplündert und die Wirthe durchgeprügelt. Da in dieser Gegend da» Standrecht herrscht, dürften dte Excedenten schwer bestraft werden.
Luzern, 31. Jult. Der Tourist Wilhelm Kall aus Mannheim stürzte beim Abstieg vom St. Gotthard ab und fand dabet seinen Tod.
Paris, 31. Juli. Die Morgenblätter veröffentlichen lange Nekrologe Über BiSmarck.
Pari», 31. Juli. Der „Figaro" dementirt dte Blätter- Meldung, wonach Zola tu Bergeu angekowmen set und auf dem Gute BjörnsouS Aufenthalt genommen habe.
London. 31. Jult. Laut einer Meldung auS Shanghai ist dal chinesische Kriegsschiff „Futschi" bei Port Arthur im Sturm untergegangen. 146 Personen sind ertrunken.
London, 31. Jult. General Merttt sandte folgende» Kabeltelegramm nach Washington: Ich bin am 27. d. MtS. in Cavite angekommeu. Der Gesundheitszustand der Truppen ist gut. Der Rest der TranSporlflotte ist vier Tage hinter mir. ES ist unzweifelhaft uöthig, daß alle Truppen meinem Befehl unterstellt werden.
Madrid, 30. Juli. Wie verlautet, sollen, wenn Spanten die Philippinen behält, die Mönchsorden von dort vertrieben werden, von den Truppen, welche Cuba räumen sollen, werden 40000 Mann nach den Philippinen geschafft werden, um dort die Ordnung herzuftellen. 70000 Mann werden nach Catalonien und Navara geschickt, um die Separatisten und Karltsteu, dte immer unruhiger werden, im Zaum zu halten.
Konstantinopel, 30. Juli. Dte telegraphische Berufung deS Fürsten von Bulgarien zum Sultan erregt in diplomatischen Kreisen großes Aufsehen. Dieselbe wird mit der verdächtigen Agitation deS Fürsten, einen Bund der Balkanstaaten unter der Führung Bulgarien- zu gründen, in Zusammenhang gebracht.
Washington, 31. Juli. Der französische Botschafter Cambon nahm vom Staatssekretär dte Frteden-bedtvg- ungenAmertkaS entgegen. Dtefelbev lauten auf sofortige
Feuilleton.
Sie Uerhältaiß Wischen Realismus nnb Idealismus in der Kunst.
(Schluß.)
Damit erklärt sich auch die Wahl deS Ausdruckes: Schaffen für dte künstlerische Thätigkeit- in der That schafft der ächte Künstler mit seinem Werke etwas Neues, bis dahin nicht Dagewesenes, er formt den Stoff nach seinem Willen - in feinem Geiste geboren, tritt die Schöpfuvg durch seine Kraft in da» Dasein, nm je nach ihrem Werthe zu wirken und zu dauern. Die einzelne Kunstschöpfung aber wird um so vollendeter sein, je mehr sie einerseits durch ihre Natur- wahrhett den Schein der Wirklichkeit erweckt, und je reifer, gewaltiger und- edler andererseits die Persönlichkeit des Künstlers ist, der sie widerspiegelt. So muß der Künstler in der That, um seiner Aufgabe voll zu genügen, .auf der Menschheit Höhen stehen"- je mehr er geistig seine Umgebung Überragt, desto besser wird er im Stande sein, in seinen Werken gleich einem Propheten seiner Zeit den Weg in die Zukunft zu weisen.
Die von mir beschriebene doppelte Thätigkeit bt» schaffenden Künstler-, daß er einen tiefen Blick in die Natur gethan. ihr Wesen erkannt und in fich aufgenommen haben muß und daß er sie sodann schöpferisch nach feinem Willen und Wesen zu neuen Gebilden gestaltet, finden wir trefflich geschildert in Goethe'» „Taffo", wo e- von dem Dichter heißt:
Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
Was die Geschichte reicht, daS Leben gibt, Sein Busen nimmt es gleich und willig auf; Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüth . . .
Ist hier von der receptiveu Thätigkeit de» Dichter» die Rede, so im Folgenden von der neu schaffenden:
Und sein Gefühl belebt das Unbelebte. Ost adelt er, was uns gemein erschien, Und daS Geschätzte wird vor ihm zu nichts.
Im Vorspiel zum .Faust" wird da» Ausnehmen der äußeren Eindrücke kräftig al» ein .Zurückschlingen der Welt in da» Herz de» Künstlers" geschildert, der dann ebenso die innere Harmonie wieder auf dte Außenwelt überträgt- auf dte Frage, wodurch der Dichter alle Herzen bewege, erfolgt die Antwort:
Ist eS der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt Und in sein Herz die Welt zurückeschlingt?
Wenn die Natur deS Fadens ew'ge Länge Gleichgiltig drehend auf die Spindel zwingt, Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge Verdrießlich durcheinander klingt: Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe Belebend ab, daß sie fich rhythmisch regt? Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe, Wo es in herrlichen Akkorden schlägt? . . . Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart!
Bezeichnen wir nun die Sette der Kunstthätigkeit, dte auf eine möglichst treue Nachbildung des Wirklichen ausgeht, als Realismus, diejenige, die den Stoff nach den Ideen de» Künstler» zu formen, ihn nach seiner Anschauung zu gestatten, mit seinem Geiste zu erfüllen strebt, al» Jdeali»mu», so ist e» nach dem oben Au»geführteu klar, daß ein ächte» Kunstwerk keine von beiden Seiten entbehren kann, daß Realismu» und JdealiSmu» fich nicht ausschließen, sondern auf» Innigste zusammenwirken und fich gegenseitig ergänzen müffen. Wohl aber wird nach der Natur der Sache die Mischung beider Elemente eine sehr verschiedene sein können und je nach der Persönlichkeit des Künstler» oder auch der gerade herrschenden Zeitströmung wird bald der Realismu-, bald der Idealismus in der Kunst Überwiegen. Augenblicklich scheint e», als ob nach einer Periode, die mehr dem idealistischen Kunstschaffen huldigte, der RealiSmu» die Vorherrschaft übernommen hätte, und eine solche Reaktion würde an fich nicht zu tadeln sein, wenn fie nicht wieder zu neuer Einseitigkeit führte. Der Ausgleich wird schließlich ficher nicht auSbleiben und durch
Stoß und Gegenstoß wird immer wieder zuletzt die Ent- wickrlung der richtigen Mitte zugelenkt werden.
Fort also mit ängstlichem Regelzwang! Freie Bahn für jede Kunstrichtung, die e» mit der Kunst redlich meint! Die Aufgaben, die zu lösen bleiben, find ja so mannichfaltig und verschieden, daß jeder Künstler seiner Natur Entsprechende» finden wird. Den einen lockt e», da» tausendfach zusammen- gesetzte, verworrene und hastige Treiben der Gegenwart nach allen seinen Richtungen hin zu verfolgen, ein möglichst treue» Bild de» menschlichen Dasein» zu entwerfen, wie e» eine tausendjährige, immer höher gesteigerte Cultur gestaltet halber andere sucht mehr die reinen, einfachen und ewig dauernden Züge der Natur auch im Menschen auf und möchte gerade den so tausendfach bedingten, gebrochenen und halben Charakteren der Gegenwart edle und ungebrochene Natur im Spiegel der Kunst zur Erquickung und Erhebung vorbehatten. Warum streiten, wer da» größere Recht hat, wenn nur der erste bei aller Naturtreue und bi» in» Einzelnste gehenden Genauigkeit der Darstellung nicht vergißt, daß er nicht „deS Fadens ew'ge Länge gleichgilttg drehend auf die Spindel zwingen" darf, sondern seinen Stoff beherrschen und durch- geisttgen muß, und wenn nur der zweite e» versteht, auch seine Jdealgeftalten rund und körperlich herauszuarbeiten, so daß wir fühlen, es,ist Fleisch von unserem Fleisch und B.ut von unserem Blut. Da» Höchste wird der erreicht haben, der nn» in seinen Schöpfungen den Pul»schlag wahren Leben» fühlen läßt und doch den idealen Forderungen, die einmal dem menschlichen Geiste angeboren find und so auch im Kunstwerke verkörpert erscheinen müffen, gerecht zu werden versteht: seine Gebilde werden un» nahetreten wie Brüder und Schwestern, und doch wird e» in ihrem Auge leuchten wie überirdische» Feuer, wie ein Strahl au» der Ewigkeit, der un» mitten im Gewühle der Alltag»welt mit der seligen Gewißheit erfüllt: Ueber dem Vergänglichen und Unvollkommenen gibt eS ein Ewige» und Vollkommene», ein Göttliche» — und „wir find seine» Geschlechts".
Pforta. vr. Hermann Schreyer.


