Ausgabe 
2.7.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 152 Erstes Blatt. Samstag dm 2. Juli

1898

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Gießener Anzeiger

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Anrttichr* TheU

Bekanntmachung.

B e t r.: Ausführung de» südöstlichen StadterweiterungSplaueS; hier: der Querstraße Q bis El1 de» Planes, bezw. Antrag der Stadt Gießen auf Enteignung von Ge­lände der Peter Kennel Eheleute daselbst.

Nachdem die Stadt Gießen zur Ausführung des südöst­lichen StadterweiterungSplane-- hier: der Querstraße Q bi» El1, die Enteignung des nachverzetchneien Geländes des Peter Kennel und Ehefrau, geborene Güngerich und zwar eines Ab- Abfchnittes von 259 Quadra meler (gemessen) au» dem Grab- garten Flur 26, Nr. 15431/100 und eine- Abschnittes von 59 Quadratmeter (gemessen) au» dem GraSgarten Flur 26, Nr. 15431/100 auf der Weißrrde beantragt hat, so wird dieser Antrag der Stadt Gießen vebst dem Plan und seinen An­lagen vom Mittwoch den 6. Juli d. I. bis Mittwoch den 20. Juli d. I. aus der Großh. Bürgermeisterei Gießen zu Jedermanns Einficht offen gelegt und wird Tagfahrt vor der Localcommtsfion auf

Mittwoch den 20. Juli d. I., Bormittags 9 Uhr,

zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Ent­schädigung hierdurch anberaumt.

Die Eigrnthümer des zu enteignenden Gelände» sowie etwaige Nebenberechtigte werden hierdurch ausgefordert:

a) Einwendungen gegen den Plan bet Meldung des Aus­schlusses und Annahme der Einwilligung tu dte bean­spruchte Abtretung oder Beschränkung,

b) Erklärung aus die angebotene Entschädigungssumme bei Meldung der Unterstellung der Annahme de» An­gebote»,

c) Anträge aus Ausdehnung der Enteignung bet Metdung deS Ausschlusses mit solchen,

d) Anträge aus Ausrechterhaltung bestehender Lasten (Art.19) bei Metdung deS Ausschlüsse» mit solchen,

e) Anträge aus Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne deS Art. 14,

f) etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an da­zu enteignende Grundstück, im Termin vorzubrtngen.

In demselben Termin wird zugleich über die Höhe der Ent- schädtgung und dte mit ihr zusammenhängenden Fragen ver­handelt werden.

Gießen, den 29. Junt 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin,80.Juni. Nachträgliche» zu den Wahlergeb­nis s e n. Wtezu erwarten war, werden verschiedene Ergebnisse der ReichstagSwohleu angefochten werden. Ein solcher Versuch wird jedenfalls auch im zweiten Berliner Wahlkreise unter­nommen werden, wo der Freisinnige Kreitling in der Stich­wahl mit nur drei Stimmen über den Socialdemokrateu Fischer gesiegt hat. Auch in Göttingen wird die Wahl de» Herrn Götz v. Olenhusen (Welsen) von socialdemokrattscher Seite angefochten werden. Hinsichtlich der Wahl Stöcker» in Siegen besteht eine Verschiedenheit zwischen der Meldung de» Wolff'jchen Bureau» und anderen gleichfalls als ^amt­liches Resultat" angegebenen Nachrichten. Da» genannte Bureau meldet: Stöcker 12 099, Kreutz 12072. An Stelle der letzten Zahl steht aber nach der andern LeSart 12092. Hiernach würde eine Mehrheit von nur 7 Stimmen vorhanden sein. Auch hier wird ein Widerspruch gegen die Wahl ver­sucht werden.

Ausland

Budapest, 30. Juni. Die Gerüchte, daß das Unwetter der letzten Tage dte gesammte Ernte Ungarn» ver­nichtet habe, sind unbegründet. Die südöstlichen und östlichen Eomitate, da» Donaugebiet und Siebenbürgen find vollständig verschont geblieben. Der in den anderen Comi- taten angerichtete Schaden wird auf 15 Millionen Gulden geschätzt.

Lemberg, 30 Juni. DaS Standrecht übt die all­seitig erwartete Wirkung au». Die Ruhe wurde gestern nirgends gestört.

Krakau, 30. Juni. Infolge der eingetretenen Ruhe ist die Absendung weiterer Truppen nach Neu- Sandeck tnhibirt worden.

Rom, 30. Junt. Dte Mehrzahl der Blätter beurtheilt das neue Cabinet ziemlich günstig und erwartet, daß der größte Theil der Kammer dasselbe unterstützen wird. Nur Popolo Romano" drückt sich pessimistisch aus. Er ist der Ansicht, daß Pelloux dte Politik Rudint» fortsetzen wird.

Rom, 30. Juni. Da» gestrige Erdbeben in Rieti hat große Verwüstungen angerichtet. Die Anastasius Kirche ist etngeftürzt und der Thurm der Marienkirche stark er- schüttere. Mehrere Menschen kamen um» Leben. Dte Be­völkerung campirt im Freien. Der Kriegsminister sandte eine Ambulanz de» Rothen Kreuze» mit 500 Zelten nach Rieti ab.

Paris, 30. Juni. Der heute im Elhsee abgehalteue Ministerrath beschloß, daß dte Getretdezölle vom 1. Juli ab wieder in voller Höhe erhoben werden sollen.

London, 30. Juni. Ein Telegramm auS China meldet, daß eine belgische Expedition kürzlich nach Peking ab­gesandt wurde, um mehrere Tausend Kuli» anzu­werben, die nach dem Congostaat tranSportirt werden sollen, um dort große Ländereien culturfähig zu machen.

London, 30. Juni. In Spanten machen sich dte traurigen Folgen de» Kriege» immer mehr bemerkbar. Der Berichterstatter de»Daily Telegraph" schildert die Zustände in Madrid Überaus düster.Die innere Lage Spanten»", schreibt er,ist entsetzlich. Da» Volk verhungert im buch­stäblichen Sinne des Wortes. Der Krieg ist ihm vollständig gletchgtlttg. ES will nur Brod. Die Invaliden des cuba- nischen Kriegs werden nicht unterstützt- ebensowenig dte Wittwen und Waisen der tm Kriege Gefallenen. In Madrid allein giebt e» bereit» 38 000 Frauen mehr al» Männer. Cadiz ist vollständig xuinttt.' In oer catalonischen Provinz werden in den nächsten vier Tagen 35000 Arbeiter ohne Be­schäftigung sein. In Lerez wüthet die Reblaus derartig, daß die Wetnstöcke von Grund aus zerstört find. Gegenüber diesen Zuständen thut die Regierung nicht», als dte Truppen an den Orten zusammenzuziehen, wo VerzweiflungSanSbrüche am ehesten erwartet werden dürfen. Sie hat vor, bet erster Gelegenheit den Belagerungszustand Über da» ganze Land zu verhängen.

Madrid, 30. Junt. Hebet London wird hierher ge­meldet, daß General Pan do nach Santiago marschirt, um sich mit Linares zu vereinigen. Die Zahl der spanischen Truppen tn Santiago beträgt jetzt mindestens 23000.

Madrid, 30. Juni. Der Generalkonsul tu Montreal hat beim AuLwärttyen Amt Einspruch erhoben wegen der einem amerikanischen Kanonenboote gegebenen Erlaubntß, die canadtschen Canäle zu durchfahren, um sich nach den amerikanischen Häfen zu begeben.

Barcelona, 30. Juni. Etwa 1500 Personen versammelten sich gestern Abend vor der Wohnung d-r B schof» und drückten ihr Mißfallen über das Verhalten deS Bischof» au», welcher erklärt hatte, dte Fortsetzung der Fetndseltgketten mit den Vereinigten Staaten sei gottlos und unklug.

Konstantinopel, 30. Junt. Dte Vertreter Rußland», Italiens, Frankreich» und England» hatten gestern in der Kreta-Angelegenheit eine Besprechung.

Washington, 30. Juni. Der Marineseeretär hat ein Telegramm au» New York erhalten, wonach da- Flagg- schiffWatson" mit dem KreuzerDelphin" tn New Ark colltdtrre. Da» Flaggschiff erlitt keine Beschädigung, jedoch wurde der Kreuzer derart beschädigt, daß er in da» Arsenal geschleppt werden mußte.

Hongkong, 30. Junt. Aguinaldo wird den Mächten die Proclamtrung oer philippinischen Republik notific.ren und um deren Anerkennung nachsuchen. Er hatte eine lange Conferenz mit dem deutschen Admiral Dtedertch».

Port-Laid, 30. Juni. Das Geschwader Camara» liegt noch immer vor Port-Said. Camara hat dte Erlaubniß nachgesucht, Kohlen einnehmen zu dürfen. Die Antwort der egyptischen Behörde ist noch nicht etngetroffen. Bermuthlich wird daS Geschwader demnächst den Suezeanal durch­kreuzen. ___________________________

Locales rrnd Provinzielles.

Gießen, 1. Juli 1898.

* AuS dem Großh. Ministerium. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht, am 22. Junt den Geh. StaatSrath im -Ministerium des Innern, Wtrkl. Geheimerath Dr. Heinrich Knorr v. Rosenroth auf sein Nachsuchen und unter Anerkennung seiner langjährigen, treuen und vorzüglichen Dienste, mit Wirkung vom 1. Jult d. I». an tn den Ruhestand zu versetzen, demselben die Krone zum Comthurkreuz l.Kl. des Verdienstordens Philipps de» Groß-

müthigen zu verleihen und ihn zum Präftdenteu de» Ver- waltung-perichtshofs auf Lebenszeit zu ernennen.

** Stiftung-fest der Universität. In der großen Aula der Univerfität fand heute anläßlich des Stiftungsfestes der Univerfität der übliche FestactnS statt. Unter den Klängen des Huldigung-warscheS von Burald zog der gesammte Akademische Lehrkörper, mit dem Rector an der Spitze, in dte festlich geschmückte, von einem erlesenen Publikum erfüllte Aula ein, um vor der Rednerbühne, zu beiden Seiten von den tu vollem Wich» erschienenen Chargirten der studentischen Verbindungen flanktrt, Platz zu nehmen. Nachdem der Aka­demische Gesangverein mit gewohnter Präctsion dasHeilig ist Gott der Herr" au» demElias" von Mendelssohn zu Gehör gebracht hatte, hielt der derzeitige Rector, Profeffor vr. Spengel, die Festrede. Zunächst dte Anwesenden begrüßend und Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog al» gütigem und weisem Landesvater und Rector magni- ficentissimus die schuldige Huldigung darbrtugend und mit Freude feststellend, daß dte Univerfität trotz ihrer 291 Jahre in frischer, fruchtverheißender Blüthe stehe, ging der Redner zu dem eigentlichen Thema seiner Rede:Der Werth der Naturwissenschaften für daS Leben" über. Sinne und Koperniku» streifend, wandte er fich zur Theorie Darwin» und Häckel» und veranschaulichte in fesselnder Form Wesen und AuSfichten derselben, vornehmlich die Anpaffnng»- lehre der Lebewesen betonend, und an sprechenden Beispielen auSsührend, wie nur der am besten Ausgerüstete fich erhalte« kann, der Ungenügende zu Grunde gehen muß, fich also nicht vererbt. Redner glaubte unter aller Reserve, dem Darwinismus ein günstige» Prognosticon stellen zu können. Dem hochinteressanten, äußerst lehrreichen Bortrage schloß fich dann der recht erfreuliche Jahresbericht der Univerfität an. Darauf erfolgte dte Preisvertheilung und die Verkündigung der neuen PreiSaufzaben. Dte theologische und juristische Preisaufgabe hatten keine Bearbeitung erfahren, für die übrigen waren Bewerber ausgetreten. Die Namen der preisgekrönten Bewerber, deSgl. die Themata der neue« Preisaufgaben werden wir demnächst mittheilen. Die er­hebende Feier wurde durch Gesang und Instrumentalmusik beschlossen.

* DaS gestrige Koschat Coueert hatte eine überaus zahl­reiche, andächtig lauschende Zuhörerschaft herbeigrlockt, so daß SteinS Saalbau" und angrenzende Räume voll besetzt waren. Hierbei hat jeder Besucher vollauf bestätigt gefunden, was wir in Nr. 150 unseres Blattes über Koschat-Concerte und ihre Wirkung aus demMannheimer Anzeiger" übernahmen. Wo die Kunst dermaßen an» Herz greift, wie in diesen Klängen, da verstummt jede Kritik, aber fie weckt den sehnlichen Wunsch, überall Natur und Kunst gleich harmonisch zu finden, als bei Meister Koschat und seinem Quartett.

Coucerte. Heute (Freitag) Abend findet tnRöhrle» Bierhalle" und morgen (SamStag) Abend imKaisergarten" Coneert des Original-Wiener Damen-Orchester» statt. Da» Orchester ist auf der Durchreise nach Ostende begriffen und erntete allerort» großen Beifall, so zuletzt in Bad-Kreuznach und Bad-Nauheim. Wir machen darauf auf­merksam, daß nur diese beiden Concerte hier statifinden.

» Oberheff. Fenerwehrtag. liebes die Verhandlungen de» am Sonntag tn Nidda stattgehabten 17. Oberheff. Feuerwehrtage» tragen wir noch Folgende» nach: Die Ver­handlungen fanden unter dem Borfitz de» BerbandSvertreter» Feller-Lollar statt, die Delegirten wurden durch Herrn Kreis- amtmann Sandmann-Büdingen begrüßt. Eine Anfrage de» Vertreters von Ntdda:Welche FeuerverficherungSgefellschaften geben an den Hessischen Staat mehr al» 2 Procent ihrer Brutto-Einnahmen?" förderte nach einer Statistik de» Herrn Ferd. Damm-Friedberg dte tntereffante Thatsache ans Licht, daß unsere deutschen Versicherungsgesellschaften im letzten Ge­schäftsjahr 10, 15, 20, 25, 30, 40, ja sogar 70 Procent Dividende vertheilt haben. Auch wird hierbei constatirt, daß eine große Zahl Commandanten Freiw. Feuerwehren Agenten von Versicherungsanstalten sind. Dieser Antrag fand feine Erledigung dadurch, daß ein Antrag angenommen wurde, von den Feuerversicherungen mindesten- 3 Procent der Brutto- Einnahmen für die Brandversicherungskammer zu verlangen. Der zweite Antrag Nidda lautete:Werden bei Bezahlung von Unterstützungen verunglückter Feuerwehrleute die au- etwaigen Ortskrankenkassen bezahlten Ortskrankenkassengelder und event. UnfallverficherungSgelder au» Prioatverficherungen in Abzug gebracht?" lieber diesen Antrag entspann sich eine längere Debatte- die eine Ansicht, vertreten von Herrn Commandant Betzbcrger-Nidda, gipfelte in der Auffassung, daß in allen durch freiwillige Beitragsleistungen erworbenen Rechten bei Verunglückung durch Brände rc. die Brandver-