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1.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 230 Zweites Blatt Samstag den L. October

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Die ®k>ener

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Deutsches Reich.

Tarwstadt, 29. September. Die Stadtverordneten be- schloffen, vom 1. April 1899 ab die elektrische Straßen- bahn von der Firma Siemens & Halske in eigenen Betrieb zn übernehmen.

Berlin, 29. September. Wie der ^Post^ gemeldet wird, ist der Oberft A la suite des Generalstabes der Armee und Militärgouveeneur der Söhne de! Kaiser», Frhr. v. Lhuker, mit dem 1. October d. I. von dieser Stellung entbunden worden und zum Eommaudeur bei Königin Elisabeth Garde» Grenadier Reotmenls Nr. 3 in Eharlottenburg ernannt. Der bisherige Lommandeur, Oberft Plötz, wurde am 12. August zur Vertretung bei beurlaubten Lommanbeurl bet 49. Inf.- Brigade in Darmlladt commandirt und bereits am 18. August unter Stellung K la suite seines Regiments mit der Führung der Lriaade beauftragt.

M.P.C. Berli», 29. September. Es darf angenommen Verden, daß gleichzeitig mit dem Inkrafttreten der Bürger« l'cheu Gesetzbuchs t« ganzen Reiche eine Verjüngung des Iustizdienstel eintreten wird.

M.P.C. Dal deutsch-englische Abkommen wird, wie verlautet, in einzelnen seiner Thelle dem im nächsten Monat zusammentretenden Lolontalrath mttgetheilt werden. Bis jetzt ist el seinem ganzen Inhalte nach nicht einmal den Bundesregierungen bekannt.

M.P.O. Wegen del eventuellen Zusammentritt! der von Italien angeregten Lonferenz zum Zweck des Verstän­digung über gemeinsame Abwehrmaßregeln den Anarchisten gegenüber finden zur Zett noch Bor- erwägungtu zwischen einzelnen Mächten statt.

M.P.C. Die Präfidtalvorlage zum beffereu Schutze Arbeitswilliger ist den Bundesregierungeu zugegangen. Die Stellung des preußischen Staatsministerinml ihr gegen­über ist eine günstige.

M.P.O. Der Import aus dem Auslande nach den vereinigten Staaten weist in den ersten 8 Monaten 1898 gegen die entsprechende Periode des Vorjahres eine Abnahme um 119918 739 Dollars auf, während der amerikanische Export In derselben Zett eine Zunahme von 136 976 695 Dollar zeigte. Der Gold-Import nahm während derselben Zett um 90 Millionen Dollar zu, der Gold-Export um nahezu 23 Millionen ab.

Palästinareise. Aul Anlaß der Reise del Kaiser! nach Palästina wird in Jaffa am 1. October ein deutsche! Postamt eingerichtet, da! fich mit dem Briefpost-, dem Zeitung!« und dem Postpacketdtenste befaffen wird. An

der Kaiserfahrt nach Palästina werden auch einige bekannte Maler theilnehmeu, in erster Reihe der Profeffor Knack fuß und der Marinemaler Saltzmanu. Weiter schließen fich die Orientmaler Max Rabe! und Jlmael Gentz au. Herr Rade! unternimmt jetzt die sechste derartige Studien­reise und hat auch Palästina und Syrien schön früher besucht. Jlmael Gentz hat feine Reise schon angetreten. Interessant ist die Erinnerung, daß sein Vater, der Orientmaler Prof. Wilhelm Gentz, 1869 den Kronprinzen nach Jerusalem be« gleitet und daS glänzende Schauspiel des Einzuges in die heilige Stadt in dem farberprächtige Bilde verewigt hat, das die Berliner Nationalgalerie besitzt.

DaS erste Natioual-Deukwal, das zu Ehren Bismarcks vollendet werden wird, ist dasjenige, welches seit etwa einem Jahre an der äußersten Nordgrenze del Deutschen Reichel, auf dem Kutvberge, dem höchsten Punkte Nordschlelwtgl, errichtet wird. Da! Denkmal, ein Granit­bau, wird eine Höhe von 36 Meter erhalten, und da der Saivberg eine Höhe von etwa 100 Metern über dem Meerei­spiegel hat, so wird man von dem Sockel bei Denkmal! so­wohl bte Nordsee wie die Ostsee erblicken können. Zur Zeit nimmt Professor Albrecht vom Geodätischen Institut in Potldam auf dem Kaivberge Gradmeffungeu vor. Der Bau del gewaltigen Denkmal! wird von dem Architekten Möller zu Berlin geleitet, auch der preilgekrönte Entwurf stammt von ihm her. Den bildhauerischen Schmuck liefert Bildhauer Magnuffen. Die Kosten bei Denkmals finb auf 10000Mk. veranschlagt worben, welche burch freiwillige Beiträge auf­gebracht werben sollen, aber noch nicht aufgebracht finb. Geldbeiträge find zu richten unter(Sonto BiSmarck-National- Denkmal Kaivberg" nach Apenrade: Senator Jrbsen; Altona: Altonaer Bank- Berlin: Dienstbach & Möbius, Bankgeschäft, Oberwallstr. 20, und Deutscher Bankverein, Zimmerstr. 5/6; Hamburg: Filiale der Deutschen Bank.

München, 28. September. Delegirtenversammlung bei verbandel d eutscher Arbeitsnachweise. Zur Frage, wie die Arbeitsnachweise dazu beitragen können, der Laudwtrthschaft Arbeitskräfte zu erhalten und zuzuführen, wurde der Antrag, der Ausschuß solle in geeigneter Weise und möglich im Sinne der gestrigen Resolution Naumann dahin wirken, daß bte Arbeitsnachweise bazu beitragen, btt Laubwitthschast Arbeitet zu tthalteu unb zu verschaffen, ab- gelehnt; bafflr nur wenige Stimmen. Beanstaubet würbe namentlich bte Wenbungmöglichst im Sinne bet Resolution Naumann". Angenommen wutbe bet Antrag Flesch-Ftauk- furt, btt gestern zu bitser Frage erstatteten Referate dem

Ausschuß zu überweisen unb biesen zu bitten, die wichtige Frage der Förderung de! ländlichen Arbeitsnachweises weiter im Auge zu behalten, hierbei auch den Inhalt der von Dr. Naumann gestern ausgestellten Resolution und den hierzu von Assessor Dr. Treuter gestellten Antrag in Rückficht zu ziehen unb bte Frage auf einem weiteren BerbaubStag erneut zur Behanblung zu dringen. Die Frage der Einrichtung der Arbeitlnachweisstatiftik wurde zur Erledigung dem Ausschuß überwiesen, der einen Fachstatistiker zuziehen soll. Bezüglich der Frage, ob der Arbeitsnachweis gebührenfrei sein soll, sollen Erdebungen gepflogen werden, wie die Einzelämter es in dieser Beziehung halten. Die Vorstandschaft wurde durch Acclamation wiedergewählt.

AttsUruo

Wien, 29. September. Die Regierung hat heute im Abgeordnet en Hause sämmtliche AulgleichS-Borlagen, die auf Grund de! § 14 erlassenen kaiserlichen Verordnungen sowie dal Budget Provisorium vorgelegt. Die Sitzung ist bisher trotz der allseitig bemerkten Erregung ruhig verlaufen. Es geht das Gerücht, daß der Minister värnreither heute demisfiontrt bat.

Budapest, 29. September. DerPesti Naplo" meldet, auf dal auf der Durchreise nach Bukarest befindliche rumä­nische König Spa ar sei von ausländischen Anarchisteo ein Attentat geplant worden. Die ungarische Polizei habe dafselbe jedoch durch die in Orsowa erfolgte Verhaftung bei Attentäter! vereitelt. Bei dem verhafteten fand «an einen Paß auf den Namen Milo! Demtrovic, zwei Dolche und zwei Pistolen.

Züttch, 29. September. Bon den beiden auf dem Monte Eenero verhafteten Anarchisten wurde der eine Namen! Ovoglio ausgewtesen, der andere Namen! Rombolt wird von der Genfer Behörde reclamirt, da fie in ihm einen Mit­schuldigen Lnechent! zu erkennen glauben.

Paris, 29. September.Agence National" versichert, in der Lage zu fein, die Nachricht zu dementiren, daß General Zur lind en ein Tadel! Votum von der Regie­rung erhalten habe.

Kopenhagen, 29. September, liebet die letzten Leben!- stunden bet Königin Luise witd noch gemeldet: Die Königin lag gestern den ganzen Tag bewußtlol; allem Au­schet» litt fie keine Schmerzen. Die Lebenskräfte schwanden zusehends. Der König entfernte fich keinen Augenblick von seiner sterbenden Gemahlin. AlS der Tod eintrat, hielt König Ehristian die Hand der Königin umschlungen. Die Nach«

.Feuilleton.

ZUS der Krupp'sche» Hußstahlfaörik.

Unter allen dem Eisengewerbe dienendeu industriellen Eiabliffement» hat im Laufe der Zeiten keine! sich zu so hohem Ansehen ja, zu Weltruhm emporgehoben, als die Krupp'sche Gußstahlfabrik. Wer fich der Krnpp'schen Gußstahlfabrik nähert, erkennt sofort die großartige Anlage derselben. Scheinbar unbegrenzt, eine Stadt für fich bildeub, nehmen bte unzähligen Werkstätten unb Bauten einen weit- läufigen Raum ein. Ein Wald von Schloten unterbricht den einförmigen, graubraunen Gebäudecomplex. Schwere, bicke Rauchwolken lagern über dem Ganzen: Allerorten pustet und dampfte!, und hie und da sausen gewaltige Dampsmaffm mit stundenweit hörbarem Getöse hervor. Wenn die gigantischen Fallklötze im Betriebe find unb auf ungeheure Schmiedestücke herabsausen, erzittert weit unb breit ber Boden.

Wir besuchen zunächst ba! Pubbelwerk. Daffelbe besteht au! brei ansehnlichen Gtbänden von je 40 Meter Breite und 70 Meter Länge, welche zusammen einen ge­schloffenen Hütteucomplex bilden. Au! den vielen Oefen kommen bte glüheuben Eisenklumpen auf die zweirädertgen Luppenkarreu und werden zu den Dampfhämmern geführt. Langsam senkt sich der Fallklotz herab, nicht nm eine mach- tige Schlagwirkung auSzuübcn, sondern um durch allmählichen, aber gewalttgen Druck au! der Luppe die überflüssige Schlacke huaulzuprtffeu. Gleich einem roihen Feuerkatarakt rinnt die letztere am Amboß herab. Der unförmige Klumpe, be­ginnt eine prismatische Form anzunehmen, erkaltet ein wenig, enb nun tritt an Stelle be! Pressen! der Schlag de! Fall- llotzel, immer kräftiger und ausgiebiger, so daß die Schlacken­fetzen umhersprühen. Aber die wid erstand Skräftigeu Schutz- schirme bewahren die Arbeiter vor Verletzungen. Sobald die zeschmiedeten Knüppel die gewünschte Form erhalten haben,

wandern fit in dal Walzwerk, au! deffen Registern alsdann die immer dünnet ttnb langer werdenden feurigen Schlangen hinüber und herüber fich winden.

DaS nächste Werk, dem unser Besuch gilt, ist der sogen. Schmelzbau, die Heimstätte deS berühmten Krnpp'schen Ttegelstahle! oderGnhstahles" schlechtweg. ES ist ein ge­waltiger Raum, den wir vor uu! haben, ähnlich einer Kathe­drale durch hohe eiserne Säulen in drei Schiffe getheilt, deren mittlere! den eigentlichen Gleßraum bildet. Hier zieht fich der ganzen Länge nach der 4 Meter breite Steßcanal, längs welchem sahrbare Krahne zur Arbeit bereitstehen. Die beiden Seitenschiffe bitten ausreichend Platz für alle nothwendigen Hantlrungen. Der Sußcanal bient zur Aufnahme bet Formen für bte zu girßenbeu Stahlblöcke, bereu größte da! enorme Gewicht von 50 Tonnen erreichen. Die Form hat die Ge­stalt eines mäßig fich verjüngenden stumpfen Hohlkegel! und ruht mit der breiten Fläche auf der Sohle des Eanals. Er ist aus Gußeisen und so stark dimenfionitt, daß sein Gewicht kau« hintet demjenigen ber aufzunthmenben Gußmaffe zurück- steht. Die Schmelzöfen werben mit Generatorgas geheizt, zu welchem Zwecke in ber Krnpp'schen Fabrik über 60 Gas­erzeuger in Thätigkeit finb. Die Gase finb bereits auf 1000 Grad vorgewärmi, wenn fie in bte Oefen gelangen. Die Beschickung betreiben mit deu btreitgtftellten Tiegeln erfolgt mittelst langer auSbalavctrter Zangen, welche es be« Schmelzer gestatten, in austeichenb großer Entfernung von be« Gluthherbe zu hautiren. In gleicher Weise »erben bte Tiegel aus ben Oefen genommen, wenn der Schmelzprozeß beruhet ist. Nachdem das Letztere geschehen, stehen zwei Leute bereit, welche jeden aus dem Ofen kommenden Tiegel mit bet Hangezange soffen und ihn rasch an bte Ofenecke besörbern. Hier wirb jeber Tiegel von je einem Gießer- paar übernommen, b. h. mit einer zweigriffigen Zange fest­geklemmt unb nach ber Gießriune getragen. Die Entleerung geschieht durch das erwähnte Raudloch, aus welchem der

Stahl dünnflüssig abfließt. Paarweise folgen die Gießer einander und ebenso regelmäßig und mit größter Präcifion spielen fich alle übrigen Hantitungen ab. Aber gerade diese Ordnung überrascht den Besucher, der tn dem scheinbaren Gewimmel alsbald ein gleichmäßiges Kommen »ud Gehen der mit den einzelnen Hantlrungen betrauten Arbeiter erkennt.

In der Krnpp'schen Fabrik, wo Alles ins Großartige geht, find auch die Martinwerke hervorragende Anlagen dieser Art. Das Martiuwerk I ist eine Halle wie der Schmrlzbau, nur etwas kleiner. Die Anordnung ist ungefähr dieselbe: In der Mitte, zwischen den eisernen Säulen, der Gteßcanal, zu beiden Belten, aber viel näher an die Säulen heranrückend, die Oefen, aus jeder Seite fünf. Sie find auf der Rückseite völlig geschloffen und haben hier nur bas Abstichloch und eine kurze Abflußrinne. Die tu jede» Ofen enthaltene Schmelzmaffe fließt nicht unmittelbar in den Gieß« eanal (beziehungsweise in die bereitgestellten Formen) ab, sondern kommt vorerst in die sogenanntePsaune", einen etwa mannshohen, freihängenden Behälter, der inwendig mtt einer feuerfesten Muffe ouSgekleidtt ist und am Boden ein leicht zu regulireudes Abfluhloch hat. Ein mächtiger Dampf- krahu hebt und senkt die Pfanne mit eint« Inhalt bis zu 17 Tonutn und führt fit tm Kreist herum. Die Pfanne ist dazu bestimmt, die aus ben Oefen kommenden Schmelz- «offen aufzunthmen, nachdem fit zuvor inntn auf Rothgluth erwärmt tootbtn ist. Dtr Krahn, wtlchtr fit führt, sttht bereit und wartet nur auf bas Signal zum Gießen. Sobald bieses erfolgt ist, bampst er ketteuraffrlnd heran, senkt die Pfanne in die Vertiefung unter der kurzen Gießriune des ersten Ofens, worauf da! Gießloch beffeiben durch die Ar­beiter mittelst einer langen Eisenstange geöffnet, d. h. der bereits vorher etwas geloderte Propfen durchgestoßen wird.

(Fortsetzung folgt.)