Nr. 230 Erstes Blatt.
Samstag den 1. October
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Deutsche» Reich.
Derli», 29. September. Der Ausschuß der deutsche« Eolonialgesellschaft hat sich tu seiner letzten Sitzung mit dem dentsch-englischen Abkommen beschäftigt. Born stellvertretenden Vorsitzenden, Staatsminister von Hofmann, wurde eine ausführliche au deu Retchskauzler zu richtende Denkschrift verlesen, die in dem Wunsche gipfelt, der Reichskanzler wolle dafür sorgen, daß die in de» Marschall'schen Weißbuche England gegenüber vertretenen Grundsätze unserer Eolontalpolitik nicht preisgegebeu werden, «ach längerer Berathuog wurde die Absendung dieser Denkschrift an den Reichskanzler beschlossen.
Berlin, 19. September. Die Analphabeten in Preußen. Alljährlich wird über die SchnlausbUduog der bei dem Laudhrer und der Marine eingestellte« Mannschaften eine Statistik ausgenommen. QU Hegen uns jetzt die Zahlen für Preußen aus dem Jahre 1897/98 vor. Danach waren von 161 398 Mannschaften 170 ohne Schulbildung, das stnd 11 auf 10 000; in Ersatzjahre 1879/80, da» zum vergleich danebengestellt wird, waren e« noch 230 auf 10.000, also fast zwanztgmal so viel. Do» ist ein erheblicher Enltur- fortschritt. Am stärksteu betheiligt find an deu Rekruten okne Schulbildung die Prov ozeo Posen mit 43, Ostpreußen nit 37, Wefipreuheo mit 86, Schlefieo mit 19, die Rhein- Provinz mit 13, Pommern mit 7 vnd Brandenburg mit 6; die übrigen Provinzen weisen 1 oder 2 aus, wobei zu bemerken ist, daß sür Powmero sich der Procentsatz höher stellt al» sür die Rhetoprovioz. Wie erfolgreich aber namentlich in den Ostprovtozeo die preußische Volksschule gewirkt hat, ergibt sich daraus, daß vom Jahre 1879/80 in Posen unter 10,000 solcher Rekruten noch 1099 ohne Schulbildung waren; diese Zahl hat sich aus 42 zu 10,000 verringert, ebenso hat sich iu Ost und Westpreußen die damalige Zahl der Analphabeten aus deu zwanzigsten Theil verringert.
Berlin, 29. September. In der vergangenen «acht ist in dem Hause Gontardstraße 4 ein Raubmordversuch verübt worden. Der 28 Jahre alte Schankwirth Otto Sarrach versuchte seine 18 Jahre alte Ehefrau, ohne daß ein Wortwechsel oder Streit voraufgegaugeo war, durch mehrere heftige Hammerschläge auf den Kopf zu tödteu. Als auf die Hilferufe der Frau Hausbewohner herbeteilten, ergriff Sarrach die Flucht und konnte auch bisher nicht ermittelt werden. Es ist sehr fraglich, ob die Schwerverwuvdete am 'Leben bleiben wird.
— Die „Allg. Mar.- u. Hand.-Eorr.* schreibt: Hierher gelangten Privatnachrichten zufolge wird der kaiserliche Gouverneur von Deutsch.Ostasrtka, Herr Generalmajor Lteb ert, im Frühjahr de» vächsten Jahres hier ein- treffen, um nach zweijähriger Amtsdauer seinen Urlaub iu Deutschland zu verleben. Bon einer AmtSmüdigkeit des Gouverneurs, wie sie vor einiger Zeit vereinzelt in der deutschen Preffe gerüchtweise behauptet wurde, ist nichts bekannt.
— vom Mtttelland.Eanal. In den Entwurf des Rhein Wefer-Elbcaaals ist auch die Eanalisirung der Weser von Minden bis Hameln eingefügt worden. Die Kosten, die sich auf ungefähr 20 Millionen belaufen, sind den Gesammtkosteu zugeschlagen, sodaß sich diese dadurch auf 211600000 Mk. erhöhen. In» Gewicht fällt dabei der Umstand, daß der ganze Weserverkehr dem Mittellandcanal (durch einen Aussttegcanal bei Minden) zugesührt wird. Der Zuschuß, der auf die Provinz mit 18 v. H. entfällt, stellt sich nunmehr auf rund 1170000 Mk. Diese find abzuführeu in einem Zeitraum von acht Jahren. Nach Ablauf dteser Zeit soll sich das Unternehmen selbst erhalten. In Berlin ist eine Lommisfiou zur vorberathung ernannt; sie wird i« Lause der nächsten Woche zusammentreten. Dem vernehmen nach beabsichtigt auch der Magdeburger Magistrat, die Angelegenheit energisch weiterzuführen.
— Zum Schutz der Arbeitswilligeu oder, wie die socialistischeu Hetzblätter es zu nennen Heben, zur Ein- fchräukung der Eoalitionsfreiheit wird eine Vorlage vorbereitet, bezüglich deren der -Harm. (Sour.* schreibt: Es ist weder von einem Widerspruche dieser oder jener Bundes- regieruvg, noch von einer Meinungsverschiedenheit in der Reichsregierung oder im preußischen Staats Ministerium die Rede. Heber die Nothweudigkett schärferer Represfivmiuel herrscht allgemeines Siuverständoiß, über eine couerete Bor- läge aber können Meinungsverschiedenheiten schon deßhalb nicht bestehen, weil eine solche aus dem Rtichsamt des Innern überhaupt noch nicht hervorgegangen ist.
— Verkehrswesen. In Folge de» niedrigen Waffer- stände» kann auch der direkte Verkehr der Rheinseedampfer
zwischen Loudon, Antwerpen, Stettin vnd Köln nicht mehr «»»geführt werden. Sowohl die Boote der Rheinsee-Schiff- fahrt»gesellschaft sowie die der Gesellschaft „Neptun* lasten die Dampfer nur bi» Rotterdam und Antwerpen fahren und al»dano die Güter auf Leichterschiffen umladeo. Der Pegel zeigt nur 0,90 Meter, bei weiterem Znrückgeheo de» Waffer- stände» wird der Verkehr an» den Ruhrhäfeo rheinaufwärts in den nächsten Tagen eingestellt werden wüsten; man befürchtet dadurch unliebsame Störungen, da jetzt bereit» der Eisenbahngüterverkehr überall» belastet ist und der Waggou- waagel sich immer empfindlicher bemerkbar macht.
— lieber die beabsichtigten Postreformeu glaubt eine parlamentarische Sorrespondeuz berichten zu können: Die Wonnen werden trotz der Schwierigkeiten, die fich ihnen eutgegenstellen, da verschiedene Faktoren witzureden haben, ruhig und ungestört weiter verfolgt. Jüngst ging die Meldung durch verschiedene Blätter, der Staat»secretär v. Podbielskt habe Dresdener Geschäftsleuten die Einführung de» Einktlo- packete» in AuSficht gestellt. Herr v. Podbielskt hat nichts weiter gesagt, als daß er diese Idee nicht für unmöglich halte und fie in den Bereich der Erwägung zu ziehen fich bemühen werde. Es ist ja nicht zu verkennen, daß mit der Durchführung dieser Idee große Vortheile der Industrie er- wachsen würden. In England ist man läogst dazu übergegangen; dort werden die Etnkilopackete wie Briefe behandelt und einfach auf dem Postamt in die Kästen, so weit fie hinein- gehen, hioeingeworfeu. Bei dieser Beförderungsart fallen aber auch einige SicherheitSmaßregeln fort. Die Zeitungs- tarisreform, die in der vorigen Retchstagssestion verlangt wurde, ist in deu Grnndzügeu auSgearbeitet und auf neuen Gesichtspunkten: Berücksichtigung des Gewichts und der Häufig- kett dr» Erscheinen-, aufgebaut. Wenn dieselbe alle Instanzen durchlaufen haben wird, werden vundesrath und Reichstag fich damit zu beschäftigen haben.
— Königin Luise von Dänemark ist heute Früh V-b Uhr auf Schloß Bernstorff verschieden. (Seit Wochen war man auf das Hioscheiden der Zweinndachtzigjährigen gefaßt. Nicht mit eherner Wucht, wie vor zwanzig Tagen die Genfer Trauerkunde, trifft diesmal die Todesnachricht die Nation; nicht minder aufrichtig wird darum in Dänemark die Trauer um die Heimgegangene LandeSmutter fein, die, von ultranationalen Empfindungen beseelt, während ihres reichen Lebens keine Minute den Gedanken an ihre landeS- mütterltche Stellung außer Acht gelosten hat. Nicht deutschen Federn sei es überlasten, der verblichenen hefftschen Fürstentochter auf dem dänischen Köaigthron die rühmliche Anerkennung zu spenden, daß fie wie kaum eine zweite zeit- genöfftsche Fürstin regsten Antheil an den Geschicken ihre» Landes genommen hat — un» Deutschen mischt dabei die Erinnerung einen trüben Tropfen iu die ausrichtigeu Empfindungeo, die un» Angesichts der Majestät deS Todes beseelen: mit der Königin von Dänemark ist eine der nachhaltigsten Feindinnen de» Deutschen Reiche» hingegangen. Ohne Bitterkett sei diese Thatsache verzeichnet, deren veweisfacta anzusühren man unS erlaffeu wird. Deutschland wird fich nie Denen gegenüber, die nicht seine Freunde waren, zu de« Ton versteigen wie vor zwei Monaten die große Nation au der Bahre Bismarcks, und es wird auch heute seine Theiluahrne den zahlreichen verwandten des dänischen Königshauses nicht vorenthalten. — Königin Luise ist, wie bekannt, durch die Heirathen ihrer Kinder mit der Mehrzahl der europäischen Regenteuhäuser verschwiegen. In erster Linie find das russische, englische und griechische Regeuten- hauS in die engere Trauer einbegriffen. Ihre Tochter Dagmar war die Gemahlin Alexander UI. von Rußland, ihre Tochter Alexandra wurde Prinzesfi« von Wales, Thhra Herzogin von Eumberlaud und ihr zweiter Sohn Georg wurde erwählter König von Griechenland.
Herne, 29. September. Die versuche, die Leichen der bei dem Grubenunglück aus der Zeche General Blumenthal gestern zu Tode gekommenen Bergleute herauSzubesörderu, wurden die ganze Nacht hindurch foNgesetzt. Die bisher au» Tageslicht geschafften Leichen find entsetzlich verstümmelt.
Herne, 29. September. Nach M'ttheilung der Zechenverwaltung find bei de« gestrigen Gruben-UnglÜck 17 Personen getödtet, drei schwer und sechs leichtverwundet.
Stuttgart, 29. September. De« Coita'schen Berlage wurden nunmehr die letzten Nachträge Bismarcks zu feinen Memoiren, betitelt: „Gedanken und Erinnerungen* Übergeben. DaS vom Fürsten B'Smarck eigenhändig durchcorrigirte Diktat ist von Professor Dr. Horst-Kohl mit einer Einleitung und ortentireudeu Noten versehen. Die j Ausgabe soll im November beginnen.
Paris, 29. September. Nach einem hier bet der Gesandtschaft von Guatemala etngelaufenen Kabel-Telegram« wurde Don Manuel Sstrada Eabrera zu« Präfideuteo der Republik Guatemala gewählt.
KopeuhageU, 29. September. Seit etwa audertha'h Jahrhunderten zum ersten Male wieder hat sich jetzt in Dänemark der Tod einer „regierenden Königin* ereignet. Damals war es die junge Gemahlin des Königs Friedrich V., eine geborene Prinzeß von England. Drei dänische Königinnen find seitdem Wtttwen geworden, eine vierte hatte bei Lebzeiten den Thron verlaffen müssen. Lin gewiffes geschichtliches, aber kein politisches Ereigntß mehr ist das am Donnerstag früh erfolgte Hinscheiden der 81jährigen Königin Luise von Dänemark. Einst hat fie einen stillen, aber nicht un- bedeutenden Einfluß ausgeübt. Als fie, eine Prinzessin der dänischen Linie des Hauses Hessen-Kassel, am 16. November 1863 an der Seite ihres Gemahls, de» König» Christian EX. an» dem Hause Schle»wig.Holstein-GlÜck»burg den dänischen könig»thron bestieg, war wesentlich fie e», die ihren Gemahl mit veranlaßte, die die widerrechtliche Einverleibung SchleSw«,» in Dänemark festsetzende sogen. November-Verfaffung zu unterschreiben. Da» daran» entspringende verhängniß, den Krieg von 1864 und den Verlust der deutschen Herzogthümer, vermochte die Königin nie zu verwinden und ihr ganzer bitterer Haß richtete fich gegen da» Land, deffen Einhett und stolze Größe au» jenem Zusammenstoß mit Dänemark ihren Anfang nahmen. Preußen und da» Deutsche Reich grdemüthtgt und zertrümmert zu sehen, war deßhalb der innerste Herzens- wünsch der Königin, den fie mit weiblicher Klugheit zu ver- wirklichen strebte. Ihre Helrathspolitik verband das dänische Königshaus auf da» engste mit mächtigen Herrscherhäusern, außerdem aber mit Thronforderersamilten, deren Ziele mtt denen der Königin in jenem Punkt gleichbedeutend waren. Ihre größten Triumphe feierte diese Politik in den glänzenden FredenSborger FamilienzusammenkÜnften der achtziger Jahre. Hoffnungsreich richteten fich damals die Augen aller Feinde Preußens nnd bei Deutschen Reiches nach de» idyllischen seeländischen Schlöffe, auf daS Beisammensein des Ezare« Alexander III., deS britischen Thronfolgerpaares, des welfischm Thronforderers und von Mitgliedern des Hauses Orleans. Aber die drohenden Wolken verzogen fich, der Tod des czartschen Schwiegersohnes vollends riß in diesen fürstlichen Kreis eine klaffende Lück'. Seitdem erlosch der Glanz der FredeoSborg. Die Königin hat die Begründer der deutschen Einheit, den alten Kaiser Wilhelm und um ein Weniges auch den Fürsten BlSmarck, dessen schärfste und zäheste Widersacherin fie war, überlebt, aber die Schöpfung dieser Männer überdauert fie nun, unter Verhältnissen, welche den dänischen Wünschen wenig günstig find. Die Ezarin Dagmar ist Wittwe und den rusfischen Thron nimmt neben dem jungen Czaren eine deutsch englische Priuzesfiu ein, der Gemahl der Prinzeß Alexandra ist noch immer britischer Thronfolger, Welfen und Orleans find von ihrer Thronanwartschaft so weit entfernt wie nur je. Zwar da» franzöfisch-rnsfische vündniß, das der in Kopenhagener Hoflnst zum Staatsmann gewordene Mohreu- hei» eingefädelt hat, besteht noch, aber mit anderen Wirkungen, als man damals am Sunde von ihm erwartet hat. Und doch war es Dänemarks eigenes Heil, daß das Schicksal e» anders fügte, als man es dort gewollt. Denn Deutschlands Sturz würde die Ostsee zu einem rusfischen Binnenmeer nnd Dänemark, den Schlüssel desselben, zu einem rusfischen Vasallenstaat gemacht haben. So hat der Klugheit der Königin doch der weite Blick gefehlt. Sie verstand es nicht, daß das Jahr 1864 zwar Dänemark die Herzogthümer gekostet, aber zugleich doch auch um diesen Preis durch die Errichtung einer zweiten Großmacht an der Ostsee die Selbstständigkeit des eigentlichen Königreichs gerettet hat. — Persönlich beliebt war die Königin in Dänemark kaum, aber «an freute fich dort deS Glanzes, den die weitreichenden fürstlichen ver- bindungen des Königshauses auch auf das kleine Land selber warfen. Und Hochachtung versag auch der Deutsche einer Herrscherin zu zollen, bei ter fich die Eigenschaften einer trefflichen Gattin, einer ausgezeichneten Mutter und einer klugen, fetnfinnigen Hausfrau in hervorragendem Maße vereinigten. __Tägl. Rundschau.
Locale» und provinzielle».
Gieße», 30. September 1898.
•• Orde»S-Lerleihn»gen u. s. w. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, zvm 29. September: 1) dem Direcwr des Verbandes der hesfischen land- wirthschaftlichen Genoffensckaf'en, Geheimen RegieruugSrath
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