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Donnerstag den 1. September
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Erstes Blatt.
Nr. 204
6)kßener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Aints- und 2lnzeig«blatt für den "Kreis Gicszen
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Lug erlchemrnben Nummer bi» Sorin. 10 Uhr.
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Der Zar und der Weltfrieden.
Noch vor einigen Tagen haben wir bei Besprechung des Verhältnisses zwischen Rußland und Frankreich betont, daß die Bestrebungen des Zaren darauf gerichtet find, jede Störung des europäischen Friedens zu unterdrücken. Diese Anficht erhält ihre völlige Bestätigung durch die aus Peters« bürg eingetroffene Meldung, welche der offiziöse Petersburger Regierungsbote bringt, die wir ihrem Wortlaute nach bereits mitgetheilt haben. Es ist eine wundersame, fast märchenhaft klingende Kunde, welche mit Blitzesschnelle über die ganze Welt fich verbreitet, daß der mächtigste Herrscher auf Erden, dem das gewaltigste Kriegsheer, eine stattliche Flotte und immense finanzielle Mittel zu Gebote stehen, die Initiative ergriffen hat, die Aufrechterhaltung des allgemeinen Friedens und eine mögliche Herabsetzung der übermäßigen Rüstungen practisch zu betreiben. Bis an die Zähne bewaffnet, so stehen heute die Nationen einander gegenüber, und ängstlich wacht die eine über die andere, ob fie nicht in numerischer Hinsicht und unter Ausnutzung der Fortschritte auf technischem Gebiete ein Uebergewicht erlangt hat. Und ist solches der Fall, dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt und keine Mittel werden gescheut, um das Versäumte wieder nachzuholen und dem Rivalen gegenüber möglichst ein Uebergewicht zu erhalten. Dieser Kreislauf spielt fich nun schon seit Jahrzehnten ab, und Niemand vermag zu sagen, wie das Ende sein wird; denn über kurz oder lang muß dieser oder jener Staat einmal die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht haben.
8i vis pacem, para bellum, so lautet bis heute der Grundsatz, nach wchhem die Mächte handeln, und man muß gestehen, nach dem bisherigen Stande der Dinge gab es für die einzelnen Nationen keine andere Möglichkeit, als durch ein starkes, kriegbereites Heer chren Einfluß für die Erhaltung des Friedens in die Wagschale zu werfen. Und das soll nun anders werden? Ein dauernder Friede soll gesichert sein, und der fortschreitenden Entwickelung der gegenwärtigen Rüstungen soll ein Ziel gesetzt werden? v v
Wahrlich, es wäre ein gewaltiges Werk, welches da der Zar vollbringen würde, wenn ihm die Erreichung dieses Zieles gelänge, und er darf sicher fein, daß alle Men chenfreunde auf dem weilen Erdenrunde mit Freudrn ihr Bestes opfern werden, um ihn in seinen Bestrebungen zu unterstützen. Daß
Adreffr für Depeschen: Anzeiger Gieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Deutschland ohne Weiteres geneigt se'n wird, die vom Zaren angeregte Conferenz zu beschicken, braucht kaum besonders betont zu werden, da ja auch wir den Frieden lieben und da auch Kaiser Wilhelm als Beschirmer desselben angesehen werden kann. Wärmste Sympathie wird unser Kaiser dem Vorhaben seines hohen Freundes entgegenbringen, und man darf überzeugt fern, daß die Audienz, welche der Staats» secretär de» auswärtigen Amtes, Herr v Bülow, am Montag beim Kaiser hatte, bereits diesem Gegenstände galt.
Die gesammte Preffe des In- und Auslandes beschäftigt sich eingehend mit der Kundgebung des Zaren, die alle anderen Fragen weit in den Hintergrund gedrängt hat. Unsere» Erachtens ist viel zu wenig erörtert worden, wie die Stellung Rußlands selbst demnächst sein wird, ob es etwa den Kampf und den Einfluß in Asien aufgeben, ob es den Weg nach Indien nicht weiter verfolgen will, auf dem es bereits eine gute Strecke vorgeschritten war? Noch vor wenigen Wochen standen die Dinge im äußersten Osten sehr schlimm, und die Gefahr eines europäischen Conflicts ist bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politik Rußlands und Englands immer vorhanden. Will Rußland die Jntereffensphären in Ost» und Südasien auf der internationalen Conferenz abgegrenzt wissen? Da es gegenwärtig in Bezug auf feine Machtstellung in jenen Gebieten im Vortheil ist, so würde das ein Beispiel der Selbstverleugnung sein, welches einen gewaltigen Eindruck Hervorrusen mußte.
Die Anregung zum „ewigen Frieden" ist gegeben, an den Mächten liegt es jetzt, daß das herrliche Wort, von dem mächtigsten Herrscher der Welt gesprochen, nicht zum leeren Schall werde! (xx)
— Zum Regierungsantritt der Königin der Niederlande bringt die „Nordd. Allg. Ztg." an ihrer Spitze einen Begrüßungsartikel, in dem rS heißt: „Auch Deutschland begleitet die» Ereigniß mit lebhafter «ntheil- nähme. Seine Zuneigung gehört den Niederlanden und seinen Geschicken um so mehr, je herzlicher auch in Holland die Stimmung gegenüber Deutschland io den letzten Jahren geworden ist.... QM ist rin wohl bestellte», ein mühevoll gewonnene» und klug zusammengehaltene» Erbe, da» die junge Königin aotritt. Daß fie die» Erbe gut verwalten und da» Land zu fortgesetzte« Gedeihen regieren wird, dafür wollen wir ihr Ocauterthum al» Bürgschaft nehmen, welche» vom deutschen Boden seine Zähigkeit und Kraft gewann und, auf dieser Wurzel fußend und zugleich mit großem staat»mäunischen Talente begabt, dea Grund schuf für Holland» Wachsen und Blühen. Deutschland bringt der jugevdfrtschen, anmuthigen Königin den aufrichtigen Wunsch dar, daß ihre Regierung immerdar eine gesegnete sein und fie in inniger Harmonie mit ihrem starken Volke zum Heil ihre» Lande» wirken wöge, eingedenk de» Wahrspruchrs ihre» Hause»: »Oranje bove!* — „Oranien oben au!"
Köln, 30. August. Die „Köln. Zig." schreibt zu der Mittheiluug de» „TempS" über die Vorschläge de» Zaren: Da» französische Blatt erwidert mit einem recht kräftigen non possumus. Die Begründung sei so kennzeichnend, daß ein unüberbrückbarer Widerspruch in den Grund- aoschauungeu zwischen den beiden Verbündeten besteht. Der Ruf nach Revanche lasse Deutschland kalt, umsomehr, al» da» Blatt weniger gegen Deutschland» al» gegen Rußland» Vorschlag fich wendet. Nicht Deutschland, sondern der Zar habe den Abrüstung-Vorschlag gemacht. Ihn triffe e» in erster Reihe, wenn durch den franzöfischen Widerspruch sein hochherziger Plan nicht au»gesührt werde. Nach den au» Kreisen der Berliner französischen Botschaft angeblich kommenden MIttheilungeo wurde dort die Friedensbotschaft mit wahrer Verzückung ausgenommen. Mau glaubt aber nicht an die Durchführbarkeit de» Vorschläge».
Kreuznach, 80. August. Gestern Abend find bei O b er- stein zwei Güterzüge zusammeugeftoßen. Der Materialschaden ist ziemlich bedeutend. Der Verkehr »ar auf einige Zeit gesperrt.
Hamburg, 80. August. Wie der „Hamb. Eorresp." au» Petersburg meldet, hat der Gedankenaustausch zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren über die Herstellung eines dauernden FrtrdenSzustandrS die Identität der Wüniche beider Monarchen sestaestellt.
Deutsches rielch.
Berlin,30. August. Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist heute früh aus Rußland hier eiogetroffeu. Um 10 Uhr hatte der Fürst mit dem Ehef der Reichskanzlei, Freiherrn v. WilmowSky eine eingehende Unterredung.
Berlin, 80. August. Die „Nordd. Allgem. Ztg." nimmt au der Spitze ihrer heutigen Nummer Stellung zu der Kundgebung des Zaren und begrüßt dieselbe aufs freudigste. Sie sagt, daß das starke wie friedliebende Deutsche Reich die dargrbotene Hand gern ergreife. Weiter heißt e» in der Auslassung: Schwierigkeiten, wie sie jeder große Cultur» gedauke auf dem Wege von seiner Entstehung bis zu seiner Verwirklichung durchlaufen muß, sollen uuS nur um so eifriger bemüht finden, daS hochherzige Programm des Kaiser» Nikolau», soweit e» an un» liegt, durchführen zu helfen. Aus dem redlichen Bestreben, Widerstände gemeinsam zu überwinden, werden die beiden Kaisermächle für ihre wechselseitigen Be» ziehungev neuen Gewinn schaffen, wäre e» auch nur eine uujweifelhafte Bekräftigung der werthvolleo Einsicht, daß weder Rußland für Deutschland, noch umgekehrt Deutschland für Rußland ein Hinderoiß auf dem Wege bildet, der zu« Weltfrieden führen könnte.
Berlin, 30. August. Nach einer der „Pol. Eorresp." au» Row zugehendeu Meldung wird es nunmehr officiell bestätigt, daß Kaiser Wilhelm tu Venedig, wo er fich zur Fahrt nach Palästina eiuschiff-u soll, eine Begeguvng mit König Humbert haben wird. AuS Mehrn Anlässe werden fich auch der Ministerpräsident Pellovx, der Minister de» Aeußero, Cauevaro, sowie der italienische Botschafter in Berlin, Graf Lanza, nach Venedig begeben. Im Gefolge de» Kaiser» Wil- Hel« wird fich in Venedig der deutsche Staat»secretär Herr v. Bülow befinden.
— Orientfahrt de» Kaisers. Ein 42 Mann starker, au» Uureroff zieren und Mannschaften der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern" gebildeter Chor wird bet der Einweihung der Erlöserktrche tu Jerusalem deu Strchengesaug auSübeu und zwei Psalmen, sowie ein niederländische» Kirchen- lieb vortragen. Der Chor hat fich in Folge einer Anregung, die der Kaiser während der letzten Nordlavd»reise gab, gebildet.
— Ja der beutfien ReichScommisflon für die Welt- Su»stellong in Part» 1900 wird emsig gearbeitet. Der RetchScommtffar ist bekanntlich Geheimer RegierungSrath Dr. Richter, sein Stellvertreter der kürzlich zu« Geheimen RegierungSrath ernannte Lewald. Ein dritter Jurist ist der Assessor Lenz. Die architektonischen und künstlerischen Arbeiten ruhen in deu Häudeu de» Professors Hoffacker unb de» RegieruugSbaumetsterS Radtke. Für die Kunst ist auch der Geheime RegierungSrath Stricker wirksam. Da» große und wichtige Gebiet der Maschtoenindustrie wird von de« Ingenieur Wilhel« Geutsch bearbeitet.
NS vollkommenste Schreibmaschine, HauplVorzüge mllicher §y$ieme vereinigend.
deHlaschine mit pbstendherstellung.
ArrsUrud
Wie», 30. August. Der Kaiser wird heute Nach- wittag deu Baron Banffy und den Grafen Thun, sowie die zur Perfecttonirunz be» österreichisch-ungarischen Ausgleich» berufenen Fachmtotster nochmal» in gemeinsamer Aubienz empfangen, womit die Berhaoblungen vorläufig ihren Abschluß finden. Heute Abend reisen die ungarischen Minister nach Budapest zurück.
Wien, 30. August. Da» „Deutsche BolkSblatt erfährt, daß in wohl tnformirteu Hoskretfeo die Affatre 0iebe• ktug, sowie dessen Verhalten au höchster Stelle große Miß- billigung erfahren har. Auch da» Verhalten de» Bürgermeister» von Ischl tu dieser Aagelegenheit, der ohne Keuutntß der wahren Sachlage in allzu selbständiger Weise toter- veuirte, fand absälltge Veurtheilung.
Triest, 30. August. Hier wüthet seit heute Morgen eine snrchtbare Bora. Der Schiffsverkehr ist stark gehemmt.
Zürich, 80. August. I» großen Münster wurde von etwa 3000 Deutschen eine große Trauerfeter für deu Fürsten BiSmarck abgehalten.
Rom, 30. August. Der erste Secretär der rusfischeu Botschaft couferirte gestern mit dem Geueralsecretär im Mi- vistertu« de» Aeußern, Malvano, überden Abrüstungs- Vorschlag des Zaren. Später conferirte Malvano in derselben Angelegenheit mit be« SriegSminister Pellovx.
Pari», 30. August. „Libre Parole" connneutirt weiter die Rote Murawtews und sagt, daß Europa sicherlich die freudige Gelegenheit benutzen werde, u« die seit 1870 andauernde erdrückende militärische Organisation eiuzuhalten. „Jatranfigeant" wirft die Frage aus, ob der Zar anch die Rückerstattung von Elsaß-Lothringen in Betracht gezogen habe. „Figaro" nimmt auS dem Vorschläge deS Zaren einen Satz heraus, welchen er den Maximen BiSmarck» gegenüberstellt.
Madrid, 30. August. Täglich fiadeu verhastuugen von bekannten Sarlisten statt. Besonders in deu
pqBtMrd* vimcliäbrlid) 2 Mart 20 Piß. monathd) 75 Pfß mit Vrmßrrlohv
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Montags
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Zlmtlidyer Tyeil
Bekanntmachung.
Der Direktor der Obstbauschule za Friedberg, Herr Dr. v. Peter, wird Uamstag den 8. September l. IS., Abends 8 Uhr, im „Deutschen Hau»" zu Lang»dorf einen Vortrag über Saatgutau»wahl halten.
Zu diese« vortrage werden alle Laudwirthe nnb Interessenten freundlichst etngeladeu.
Die Herren Bürgerweister von Langsdorf und der benachbarten Gemeinden werden ergebend ersucht, die» in ihren Gemeinden zur öffentlichen Kenntniß bringen zu lassen und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hin- zuwirken.
Gießen, den 30. August 1898
Der Direktor de» landwirthschastlicheo Bezirk-Verein».
C. Jost.
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Steckbrief.
Der wegen schweren Diebstahl» zu 7 Jahren Zuchthaus verurtheilte Schlosser Carl Mergard au» Cassel ist in der Nacht vom 25. zum 26. l. Mt». au» dem hiesigen Gefänguiß entwichen.
Ich ersuche schleunigst nach demselben zu fahnden und ihn l« BetretungSfall in da» hiesige Gefänguiß abzuliefern.
Marburg, den 26. August 1898.
Der Erste Staat»anwalt bei dem Königlichen Landgericht.
Eigualemeut:
Alter: 24 Jahre, Größe: 1,70 Meter, Haar: dunkelbraun, Stirn: schmal, Augenbraunen: dunkelblond, Augen: braun, Rase: kurz und stumpf, Mund: groß, Zähne: schlecht, Kinn: breit, Bart: Anflug eine» braunen Schnurrbart», Seficht»farbe: blaßgelb, besondere Kennzeichen: trägt Brille, Statur: sehr schmächtig, Kleidung: graubraune Sportmütze oder blau unb weiß carrtrter Strohhut, graue» Sommer« jaquet, graue AnstaltShose, leinene» Hemb, bunter ShltpS, Schnürschuhe.
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