Nr. 15 i Erstes Blatt.
Freitag den 1. Juli
1898
Meßmer Anzeiger
General-Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 24. d. M., enthalt:
(Nr. 2496.) Bekanntmachung, betreffend Aenderuvgen der Anlage B zur Verkehrs Ordnung für die Eisenbahnen Deutschland». Vom 19. Juni 1898.
Gießen, den 29. Juni 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____________v. Gagern.__________________
Bekanntmachung, betreffend: Rotzkrankheit bet einem Pferde oeS Nathan Julius Dreyfnß zu Watzenborn.
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß bei einem am 22. I. MtS. getödteten Pferde des Nathan Julius Dreyfuß zu Watzenborn chronisch er Nasen- rotz festgestellt worden ist.
Gießen, den 27. Juni 1898.
GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.
_________________v. Gaaern. ____________________
Oberheffischer Obstbauverein.
Die auf Souulag den 3. Jult, Nachmittag» 3 Uhr, i« Kloster Arntburg anberaumre Versammlung findet eingetretener Hindernisse halber nicht statt.
Gießen, den 30. Juni 1898.
Der Vorsitzende des VeretnSbezttkS Gießen.
_____________________Dr. Wallau.
Gießen, 29. Juni 1898.
»ttr.: Die Strafregister- m--r- die Nachweisungen der im ersten Halbjahr 1898 verstorbenen bestraften Personen.
Der Großherzogl. Ober-Staatsanwalt beim Landgericht der ProvinzOberheffen au sämmtliche Ortspolizeibehördeu des Kreises
Gießen.
Sie werden ersucht, die obenerwähnten Nachweisungen bezw. Fehlanzeigen bi» zum 1. August 1898 ohne nochmalige Erinnerung an mich einzusenden.
Dr. Güngerich.
Die Solidarität der Slaven.
Die Vorgänge in Prag gelegentlich der Palaczkyseter haben die Aufmerksamkeit auf die große Bölkergrnppe im Osten und Südosten Europa» gerichtet, welche die Ruffeu, Serben, Bulgaren, Kroaten, Slovrneu, Polen und Czechen unter dem Namen Slavrn zusammeufaßt und weit über 100 Millionen Seelen zählt. In den letzten Jahren haben von diesen nur die Czechen viel von fich reden gemacht, und Nicht» sprach dasür, daß fie i» ihren Bestrebungen wirksame Unterstützung finden würden bet den übrigen Angehörigen ihrer Raffe. Freilich find bet dem Kampfe gegen das Drutschthum in Oesterreich die Czechen Arm in Arm gegangen mit den Polen, aber die» bedeutete immer noch nicht, daß fich alle Slaven solidarisch fühlten gegen die czechischen Widersacher. Die oben erwähnte Feier tu Prag hat nun den Ruf zu einer Sammlung aller flavischeu Stämme gegen die Deutschen veranlaßt, und besonder» au» der Rede de» rusfischen Generals Komarow könnte man schließen, daß der gemeinsame Haß gegen das Drutschthum ein Wunder voll- bracht hätte, nämlich die Einigkeit der Slaven. Aber man darf wohl den auf dem Prager Journalisteutage gesprochenen Worten nicht allzu viel Werth beilegen- zeigt doch insbesondere die Beurtheilung, welche die Rede Komarows seitens der rusfischen Presse erfährt, daß die letztere sich keineswegs mit den haßerfüllten Aeußeruugeu des „General»" einverstanden erklärt. Und eine Verbrüderung der Slavrn ohne Einbeziehung der Ruffen hat wenig Werth, da diese in der großen Ueberzahl sind und aus deren Hülse bet der Verwirklichung der slaoischen Pläne, die auf dir Vernichtung der Deutschen gerichtet sind, gezählt werden muß.
Rußland hat mit feinen früheren Bestrebungen, alle Slaven zu vereinigen, ül>k ^sshruugen gemacht. Mit ungeheueren Opfern hat e» die Serben und Bulgaren vom türkischen Joche befreit und dürfte nun wohl auf Dankbarkeit und einen engeren Anschluß dieser Stämme an daö rufftsche Volk rechnen. Aber t» zeigte fich, daß Rußland fich ver- rechnet hatte und weder Bulgaren noch Serben geneigt waren, in dem rufftschen Slavevthum aufzugehev. Bulgarien ist sreiltch nach langjähriger Entfremdung reuevoll in die Arme de» Zaren zurückgekehrt, aber Serbien hat fich von demselben immer mehr abgeweudet. Darau» ist zu ersehen, daß e» mit der völligen Solidarität der Slaven, auch wenn dieselbe nur für den Kamps gegen das Deutschthum gelten
soll, gute Wege haben wird. Denn man wuß u. A. auch rechnen mit dem Haß der Polen gegen die Ruffeu und mit dem Gegensatz zwischen der griechischen und der römischen Kirche. Die Polen find unversöhnliche Gegner Rußlands und würden gewiß nicht die Hand dazu bieten, deffeu Macht zu vergrößern, ebensowenig wie dies die römische Kirche thu« würde zu Gunsten einer Erweiterung de» Einflusses der griechischen Kirche. Czechen und Polen in Oesterreich mögen fich vereinigen zum Kamps gegen die Deutschen, eine solche Verbindung mit den Russen würde fich aber wohl kau» erzielen taffen.
Sind die auf dem Prager Fest gehaltenen Reden bezeichnend für den Geist, welcher heute unter vielen Slave« herrscht, so darf man doch nicht vergeffen, daß der Nationalitäten- haß wohl in einem und demselben Staate fich breit machen und Unhe-l aurichtev kann, wie die» ja unser Nachbarstaat Oesterreich zur Genüge beweist, daß derselbe aber nicht im Stande ist, auf da» verhältuiß zweier Staaten unter ein- ander einzuwirken, da hierbei die Rücksicht auf die internationale Politik das entscheidende Wort zu sprechen hat. Ueber- dies sind wir Deutsche ein kraftvoller VolkSstamm, der dem Anprall der Slaven zu widerstehen vermag und einen solchen dehhalb nicht zu fürchten braucht. Unsere Landsleute in Oesterreich geben uns in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild, fie wehren fich wuthig gegen die slavtschen Uebergrtffe, und e« steht zu erwarten, daß fie trotz der Schwierigkeiten, die ihnen die Regierung bereitet, Erfolg haben werden. Fordern uu» die Slaven zum Kamps, gut, wir nehmen ihn aus und zeigen, daß wir selbst den vereinigten Slaven gegenüber unüber windbar find. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juni. Fürst Bismarck und die Wahlen. Ja einerMtttheilung au» Friedrichsruh schreiben die „Dresdner Nachr." u. A.: „Die durch da» treue Zusammenhalten der Deutschen erzielte Niederlage der Polen ist das einzige Moment, welches dem Fürsten hinsichtlich der diesmaligen ReichstagSwahl eine Genugthuung gewährt hat. Im Uebrigeu hat thu einerseits das Anwachsen der social- demokratischen Stimmen, andererseits die Thatsache, daß die Regierung zur Durchbringung ihrer Entwürfe nach wie vor auf den guten Willen de» Centrums angewiesen ist, wenig I befriedigt. Rach privaten Aeußerungen hält e» der Fürst
Feuilleton.
Melchior Lechter.
Von Georg Fuchs.*)
Ja unserer heutigen Betrachtung, die zum ersten Male einen Ueberblick über da» Schaffen Melchior Lechter» bietet, wollen wir nicht sowohl die Einzelheiten prüfend besprechen, sondern vielmehr versuchen, die Schöpfungen ihrer ästhetischen Art nach zu verstehen, sondern auch zu finden, was der Künstler will, noch darüber hinaus will, endlich zu erkennen, roa* solche Kunst, solche Art von Kunst innerhalb der gegenwärtigen Entwickelung bedeute.
Wohl ist e» leicht herausgesondert, welche gemetnschaft- liche Grundlagen Lechter» Kunstweise mit derjenigen der übrigen Deutschen har. Man blättert in seinen farbigen Studien und Zeichnungen und verfolgt, wie er ganz al» Impressionist die Eindrücke au» der Natur sammelt- man stellt fich vor seine Oelgemälde und erblickt die Einwirkung der Meister des coloristischen Stile», sonderlich des Anselm Feuerbach und de» Arnold Böckltn, ja, mau möchte ihn den „ächteftcn Sohn" de» großen Vaters von Basel nennen. Jndeß führen uns die CartonS zu seinen GlaSgemälden noch weiter zurück auf jene Meister von Anfang und Mitte de» Jahrhunderts, welche bisher fast ausgeschieden schienen ander lebendigen Ueberlieserung: auf Cornelius, Steinle, Führich, Rethel, Schwind und bringen ihn so dem Han» Thoma nahe. In der Aegtdienkirche zu Münster, in seiner Heiwathstadt, sah er, wenn er zur Messe dienend am Altäre kniete, die „Himmelskönigin" Eduard von SteinleS, jene» merkwürdige Bild, welche» daran erinnert, daß die stärksten u»ter jenen katholischen Künstlern über die Romantik hinan» verlangten nach vollendeter Neubelebung der alten Symbole au» modernem Geiste, nach einer Neudeutung der traditionellen
*) Nachstehenden Aufsatz entnehmen wir der von Alexander Koch in Darmstadt herausgegebenen »ortrefnijjen
Kunst und Decoratton", die sich namentlich die Pflege nationaler Kunst und Kunstgewerbes angelegen sein läßt.
Motive. In der alten Bischofsstadt, wo er zwischen den gedrungenen Säulen wandelte, welche die gothischen Kreuz- gewölbe der Lauben tragen, darin er da» Leben des Markte» und der Kaufhallen fich erströmen sah, wo u zu den F alen und Wimpergen, zu den lichten Gitterwerken, nach den heiligen Wächtern und harfenführenden Engeln und zu den Kreuzblumen der starren Giebel emporblickte, wo er zwischen den herrlichen Formen alter Kirchen den Duft de» Weih- rauche» athmete und himmlische Klänge von brausenden Orgeln vernahm, wo ihn der Prunk feierlicher Hochämter auf die Kniee zwang und da» stille Beschauen bunter Meßbücher in einsamen Zellen tief entzückte, wo er auf allerlei edlem Geräthe und Geschmeide einen Reigen von Gestalten erblickte: den Tanz Überlieferter Formen, der sich in immer reicheren Rhylhmeu durch die Geschlechter der Schaffenden seit Jahr- Hunderten bewegte, an dem fie alle Theil hatten, alle tüchtigen Männer der Heimath: da mußte ihm die Nothwendigkcit einer heimathltchen üeberlteferung für jede» stilistisch reife Kunstschaffen bewußt werden. Ebenso sehr aber auch die andere Nothweudigkeit.: au» der Ueberlieserung heraus weiter zu schaffen, fie forrzusühren- nicht nur da», was fie au Vorbildern bot, nachzuahwen und etwa gar, um mit diesen in vollem Einklänge zu leben, auch die Weltanschauung der Vorzeit wieder künstlich in fich herzustelleu, wie eS von den Romantikern versucht worden war. So wurde Melchior Lechter, ganz ohne fich durch bewußte» Nachfinnen und Wollen letten zu laffeu, unwillkürlich in Verbindung mit der alten Ueberlieserung wachsend und groß, gerade al» ob er al» Lehrling unter den würdigen deutschen Meistern gewesen wäre. So trieb er e« gerade, so wie es diese einsten» pflogen: er that zum Ererbten sein Theil hinzu, er machte da» Ueberkommrne durch Erweiterung, Umdeutung und Umbildung der formalen Charaktere zum AuSdrucktmtttel seine» Geist-S und seiner Zeit- denn so that e» doch früher der Sohn nach dem Vater, der Jünger nach dem Meister. Darum ist der Thättgkeit Lechter- io außergewöhnlich: Aus- merksawkeit zu schenken. Er ist Träger der alten deutschen Tradition, die er bei ihrem heimathlichen Höhepunkte ergriff,
bestehen.
(Fortsetzung folgt.)
bei der Gothik- allein er ahmte nicht» von dem nach, wa» er dort vorfand, sondern er führte die Ueberlteferung über Jahrhunderte hinweg, die bereit» gespannten Brücken nützend, Kraft feiner Gestaltungskraft zum Empfinden und Bedürfe« unserer Zeit hin. So ist er einerseits streng geschieden von den gelehrten Kennern der alten Stile, die in ihren Bilder« und Zierrathen nicht- Eigenes zum Alten geben, anderer« seitS aber ficherer und reifet im Stile, al» alle Anderen, die jüngst den Muth gewannen, für den neuen Geist neue Formen zu finden. .
Die größten Meister seiner Heimathgaue, van Eyck, Memlinc, Lochner, belehrten ihn auch, warum den romantische« Künstlern dar nicht gelingen konnte: fie ermangelten hinreichender Schulung im Handwerke. Sie waren zufriedea mit ihrer Zweckerreichuug.
Al» ob der prüfende Blick jener Alten auf ihn gerichtet sei, so fleißig und gründlich lernte er seine Kunst. Er kannte und verstand nicht- von den hastigen Bestrebungen seiner ruhmsüchtigen Zeit- und Alter-genoffen. Er war ein einfacher Mann, der gleichsam einen Befehl erhalten hatte, etwas zu vollbringen und danach that. Er bangte nicht mit Zeternder Seele nach glänzendem Erscheinen vor der Orffentlichkeit, denn er wußte, daß die Meister, die er so sehr liebte, un- bekannt geblieben waren bi- zum heutigen Tage, er mußte, daß es für den Schaffenden nur Eine» gibt: Da- Werk! Die- liebte er au- voller, t'eser, frommer Seele- darum liebte er auch das Werkzeug, die bittere Arbeit, da- schwere, schlichte Werk der Hände. So ging er unbeirrbar, nur da» dem Werke Taugliche auuehmend, durch die Berliner Akademie, so durch die ungeheuere Wtldniß der malerischen Bestrebungen und EtnflÜffe seine» Zeitalter-, so auch durch bie Natur. Von allen empfing er, wa» -ein Werk fürder« konnte - keinem aber gab er sich und ttia Werk preis. I» dieser Tendenz scheint mir die wahre Selbständigkeit zu


