Ausgabe 
1.3.1898 Erstes Blatt
 
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1898

Dienstag den 1. März

Nr. 50 Erstes Blatt.

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Ein neuer Compromitz.

Die Flottenvortage ist gesichert! DaS darf als das Resultat der Berathuugen in der BudgetcomMission deS Reichstages hier vorau-geschickt werden. Daß die Stimmung zur Erhöhung unserer Flotte in diesem Jahre erheblich gün­stiger war, alS tu der letzten Tagungsperiode deS Reichs­tags, haben Wirschon mehrfach ausgeführt; es tarn nur noch auf die definitive Stellungnahme des CentrumS an, um volle Sicherheit Über das Schicksal der Vorlage zu haben. Und darüber hat man nach der zweitägigen GeneraldiScusfiov in der Budgetcommisfion volle Gewißheit erlangt. Bekanntlich kommen bet der Beurthetlung des Regierungsentwurfs zwei Gesichtspunkte besonders in Betracht: die finanzielle und die etatsrechtliche Frage. Darüber, daß Vermehrung deS Flotten­bestandes unserer Marine erforderlich sei, und daß dabei auch nach einem bestimmten, auf eine Reihe von Jahren vertheilten Plaue vorgegangen werden müsse, darüber war fich die große Mehrheit des Reichstags schon lauge einig. Die Vorfälle in China und Haiti hatten zur Evidenz bewiesen, daß unsere Marine in ihrem jetzigen Bestände nicht auSretchte, um die deutschen Interessen im AuSlaude genügend wahrznnrhmen und unseren Staatsangehörigen daselbst den erwünschten Schutz zu gewähren. Und unsere Action tu China zwingt uns, dort ein größeres Geschwader zu unterhalten, wenn die Vortheile auf wtrthschaftlichem Gebiete, die wir aus der Erschließung deS großen chtnefischeu Marktes für unS erhoffen, wirklich eintreteu sollen. Daß unser Handel und unsere Industrie voraussichtlich einen gewaltigen Nutzen daraus ziehen werden, daß wir uuS in China festgesetzt haben, darüber wird wohl kaüm noch irgendwo eia Zweifel gehegt. Wie gesagt, war die Mehrheit des Reichstages von vornherein geneigt, die Mittel zur Erhöhung des Flottenbestanöe» zu bewilligen, und auch dar Centrum gab in dieser Beziehung unzweideutige

Erklärungen ab, sodaß die Bereitstellung der erforderlichen Summen für daS nächste EtatSjahr gesichert erschien.

Anders verhielt eS fich aber mit der etatsrechtlichen Frage. Der Reichstag sollte fich bekanntlich auf fieben Jahre binden, d. h. er sollte schon jetzt die Mittel für die nächsten sieben Jahre bewilligen. Dagegen wurden auch von solchen Setten Bedenken geltend gemacht, die au und für sich der Erhöhung des Flottenbudgets zustimmten, insbesondere auch aus dem Grunde, weil der Reichstag zur letzten Session der gegenwärtigen Wahlperiode versammelt ist und es unbillig erschien, den nächsten Reichstag für die ganze Dauer seiner Sessionen zu binden. Man muhte jedoch zugeben, daß die Ausführung des Flottenplanes nicht länger hiuausgeschoben werden könne, und so wurde denn nach einer Verständigung mit der Regierung gesucht.

Schon bei der ersten Lesung der Flotten Vorlage gab der Centrumführer Dr. Lieber hierzu eine Anregung. Er verlangte, daß, wenn der Reichstag sich binde, für die nächsten fieben Jahre die Kosten für die Erhöhung unseres Flotteubrftandes schon jetzt zu bewilligen, auch die Regierung fich verpflichte, innerhalb dieser Frist keine weitere Ver­mehrung zu beantragen. StaatSsecretär Tirpitz griff schon damals diesen Gedanken auf und sagte zu, daß er tu Er­wägung gezogen werden solle.

Im Verlaufe der Generaldebatte in der Budgetcommiffiou des Reichstages nahm der StaatSsecretär definitiv Stellung zu dem Anträge und sagte seine Befürwortung zu. Und so darf man denn avnehmen, daß der Compromtß zwischen der Regierung und dem Reichstag rudgilttg zum Abschluß ge­bracht worden ist durch den Vorschlag des Refereuten Dr. Lieber, der Vorlage einen neuen Paragraphen einzu­fügen, wonach die bis zum Jahre 1904 anzuforderndeu Mittel nur bis zum Gesammtbetrage von 474 Millionen Mark au einmaligen Ausgaben und 28 Millionen Mark Steigerung gegen das Rechnungsjahr 1897 an fortdauernden Ausgaben bereit gestellt werden müffeu. Soweit fich das Gesetz mit diesen Mitteln bis zum Ablauf des Rechnungs­jahre» 1904 nicht durchführen läßt, ist die Ausführung zu verschieben.

Mau darf erwarten, daß die Regierung auf diesen Vor­schlag eingehen wird. Die Aussichten auf einen schweren innerpolitischen Conflict find damit beseitigt und jede Be­unruhigung vermieden. Und auch im Jntereffe unseres An­sehens im AuSlaude darf bfe Verständigung freudig begrüßt werden- man fieht dort jetzt, daß das deutsche Volk und

seine Regierung einig find, wenn eS großen nationalen Ju­tereffen gilt. (xx)

Deutsches Reich

Berlin, 26. Februar. Der Budget-Commission ist heute eine von der Hand de» Kaiser» herrührende Tafel tu zehn vervielfältigten Exemplaren zugegangen, welche die Seestreitkräfte Deutschland», Japan» und Rußlands in Ost- afien darstelleu. Die Tafel datirt vom Februar d. I.

Berlin, 27. Februar. Gestern fand beim Kaiser - paare ein Festmahl statt, wozu die Botschafter der fremden Mächte oebst Gemahlinnen, sowie die Militärattache» geladen waren. Ferner nahmen daran Thetl der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, StaatSsecretär v. Bülow, Graf Eulenburg, der Chef des Militärcabiuets General v. Hahnke, Dr. v. LucanuS und Andere mehr.

Frankfurt a. M., 26. Februar. DieFranks. Ztg." schreibt: Aus directer Quelle wird uns mitgetheilt, es stehe außer Frage, daß die bayerische Regierung der Revision der Militär-Strafproceß-Ordnung unter keinen Umständen zustiwmeu wird, wenn nicht daS bayerische Reservat- recht des eigenen obersten Militärgerichtshofes gewahrt wird. Wird da» Reservatrecht nicht angetastet und stimmen der Reichstag und dir BundeSfürsteu einer Militär-Strafproceß- Ordnung zu, die nicht in allen Punkten der bisherigen Stellung der bayerischen Regierung entspricht, so wird diese ihre Ein­sprüche fallen laffen, um dem Zustandekommen einer ReichS- Proceßordnuog nicht entgegeuzutteten. Aber, wie bemerkt, Voraussetzung ist b<e Erhaltung de» R-servatrecht», welches in diesem Falle als HohettSrecht betrachtet wird. Auch einen bayerischen Senat beim Reichsmilitärgericht-Hof wird Bayern ablehuen und auf einem in Boyern bestehenden selbstständigen obersten Gerichtshöfe bestehen. Dagegen wird wohl von Bayern zugestanden werden, daß dir Mitglieder des bayerischen obersten Gerichtshöfe» fich nach Berlin zum ReichSmilitär- gerichtShof begeben, um da» Entsprechende festzustellen, wenn einmal ein Widerspruch in den beiderseitigen Rechtsprechungen eintreten sollte.

Braunschweig, 26. Februar. In Hasselfelde ist den Braunschweiger Reuest. Nachr." zufolge da» epidemische I Auftreten der Genickstarre constatirt worden. Zwei Kinder sind der Krankheit bereits erlegen. Die Schulen wurden geschloffen.

Feuilleton.

Entdeckungen und Erfindungen.

Technische Revue.

Don Rudolf Curtius.

(Nachdruck verboten.)

DaS Jahr 1897 hat hinsichtlich seiner Errungenschaften auf technischem und naturwissenschaftlichem Gebiete ganz be­deutende Fortschritte zu verzeichnen, daß mau allem Anscheine nach von den kommenden Jahren Großes zu erwarten haben wird.

Allgemein bekannt ist, daß die werthvollften aller Edel­steine, dir Diamanten, nichts anderes find, als crystalli- firte Kohle, und es nimmt uns daher nicht Wunder, wenn sich zahlreiche ingeniöse Köpfe damit beschäftigen, auf künst- lichem Wege aus gewöhnlicher Kohle die glitzernden harten Steine zu erzeugen. Setzt man nämlich dem flüssigen Eisen der Hochöfen Kohle in pulverifirter Form zu, so verwandelt fich ein großer Theil der letzteren, vermuthlich infolge de» ungeheuren Drucke», welcher im Inneren des erstarrenden Eisenblockes herrscht, in Graphit, da» bekannte Material unserer Bleistifte, welcher neben der gewöhnlichen Kohle und dem Diamanten eine dritte Form ist, unter welchem Kohlen­stoff als Element vorkommt. Die Ueberführuvg des amorphen Kohlenstoffe» in Crystallform wollte indrß trotz aller Be­mühungen nicht gelingen. Die hohen, alles frühere weit übersteigenden Hitzegrade in den modernen electrifcheu Oefen in Verbindung mit der Anwendung ganz außerordentlicher Druckkräfte haben jedoch daS Problem der künstlichen Her­stellung von ächten Diamanten im Princip zur Lösung ge- bracht. Moiffan und Majoran« setzten kleine Stücke amorpher Kohle, wie sie zur Fabrikation der Kohlenstifte der Bogen- lampen zur Verwendung kommen, einer Hitze von 4000 Grad Celfiu» und gleichzeitig einem Drucke von ungefähr 50,000 Atmosphären aus, d. h. einem Drucke, wie ihn ein Gewicht

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von 1000 Centnern auf die Fläche eines Quadratceutimeter» auSübt, und erhielten auf diesem Wege Crystalle, welche fich tu keiner Beziehung von den natürlichen Diamanten unter­scheiden. Die so gewonnenen Diamanten werden zwar vor der Hand den Diamantgruben noch nicht gefährlich werden, denn sie find viel zu klein und theucr, um den natürlichen Edelsteinen Concurrenz zu machen. Aber die billigere Her- stelluog größerer Steine hängt schlitßlich doch nur von der weiteren Vervollkommnung dcS Verfahren» ab, und das dürfte jedenfalls nur eine Frage der Zeit sein.

Da wir der Kohle gerade unser Interesse zugewandt haben, sei bei dieser Gelegenheit gleich erwähnt, daß die Behandlung derselben im electrischen Lichtbogen, Dank den Forschungen deS oben erwähnten Pariser Gelehrten Moiffan, zur Entdeckung einer großen Familie von Kohlenstoff- Verbindungen geführt hat, welche alsCarbide" bezeichnet werden und im Begriff stehen, geradezu sensationelle Um­wälzungen in der Technik herbeizusühren.

Bei äußerst hohen Temperaturen von 3000 bi» 4000 Grad verbindet fich nämlich der Kohlenstoff, welchen wir für ge­wöhnlich nur mit Sauerstoff gepaart oder in den organischen Verbindungen dr» Thier- und PflanzeukörperS finden, bittet mit vielen Metallen zu den betreffenden, nach ihnen be­nannten Carbideu. Besonderes Aufsehen erregte die Ver­bindung deS Kohlenstoffes mit dem Metalle Calcium. Be­gießt mau nämlich diesen, seitdem unter dem Namen Cal- ctumcarbtd bekannt gewordenen Stoff mit Waffer, so ent­wickelt fich «cetyleuga», welches entweder rein oder in Mischung mit unserem gewöhnlichen Leuchtgas berufen zu sein scheint, dort, wo elektrische Beleuchtung nicht anwendbar ist, die bisherige trübselige Beleuchtung zu verdrängen, wie eS auch die Fabrikation des Alkohols auS £ben Elementen ermöglicht. DaS Acetylenlicht übertrifft vermöge seine» gol­digen, dem Sonnenlicht gleichenden Glanzes alle bisherigen BeleuchtuugSarteu einschließlich des electrischen Lichtes und zeigt un» einen Ausweg aus den Gefahren des Petroleum­

wuchers , mit welchen die amerikanischen und rusfischen Syndicate eines Rockefeller und anderer Milliardäre un» bedrohen.

Wenn die Verbindungen der Kohle mit Aluminium und Uran vorläufig nur von theoretischem Jnttreffe find, so ist vractisch von um so größerer Wichtigkeit diejenige mit dem überall auf der Erd? in großen Mengen vorkommeuden Silicium. Dieses Siliciumcarbid oder Carborund ist Dank seiner großen Härte da» vorzüglichste aller btkannten Schleif­materiale, welche» sogar den Rubin ritzt und der Härte deS Diamanten"nahekommt. Ja chemisch reinem Zustande farblos, kommt eS meistens ol» grünlich oder bläulich c ystallifcher Stoff vor, aus welchem in allerueurster Zeit ganz reizende Schmucksachen hergestellt werden.

Das abgeloufene Jahr brachte ferner die Herstellung des künstlichen Indigo in großen Mengen. Schon vor nahezu 30 Jahren löste die Chemie ein ganz ähnliche» Pro­blem, als es ihr gelang, das Alizarin, den Farbstoff der Krappwurzel, aus Steiakohlevtheer zu fabriciren. Diese Entdeckung hatte damals den Untergang de» Kcappondaues zur Folge und es steht nun daS gleiche LooS den Indigo- Plantagen der Tropenländer bevor, welche ihren Besitzern bisher einen schönen Gewinn abwarfen. DaS Verfahren ist zwar schon seit einiger Zeit btkanrtt, aber erst ganz kürzlich von einer deutschen Fabrik im Großen angewandt worden, welche daS Prodrct unter dem NamenRein Indigo" in den Handel bringt. Von dem Werthe dieser En.deckung kann man fich eine Vorstellung machen, wenn man in Betracht zieht, daß Deutschland allein im Jahre 1895 nicht weniger als 11 Millionen Mark für Indigo an» Ausland zahlte, welche nun zum größten Theile im Lande bleiben werden. Da» Verfahren besteht darin, daß man Monochloreffigfäure auf Anilin einwirken läßt und den fo erhaltenen Stoff mit Aetzkali schmilzt.

(Sluß folgt.)