Ausgabe 
1.1.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 1

Erstes BlM

Samstag de« i Januar

1898

Hrfch-int täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Ka«ikie«ötätter werden dem Anzeiger wüchentlich viermal beigelegt.

Gjchener Anzeiger

ZS-zugsprel- vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg monatlich 75 Pfg. mit Briugerlohn.

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Henerat-Unzeiger

Alle Anzeigen-Bermittlungsstellen des In» und Auslände» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

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Schutstraße Ar. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Abonnements - Einladung.

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrichten- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter in allen Orten Oberhesjens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, des­gleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberheffen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wisjens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Haus oirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuille­ton wird neben besonderen Arükeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten llnterhaltungsstoff bieten. Inhaltlich werden wir denGießener An­zeiger" vom 1. Januar 1898 ab in der Weise erweitern, daß derselbe einschließlich derGießener Familien­blätter" täglich mindestens 8 Seiten (2 Bogen) umfaßt. DieGießener Familienblätter" werden vom gleichen Tage ab wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) erscheinen und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden llnter- haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswirthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu- gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- 9kummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den ^Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

Zum neuen Jahr!

Plötzlich über Nacht ist es gekommen, das neue Jahr. Wie ein Fremder steht es vor dir; du siehst es an und suchst in seinen Zügen zu lesen. Ei, stelle dich doch nicht wunder­lich ! Es ist doch gar nicht so fremd; du kennst genau: es bringt auch seinen Frühling seinen Sommer, seinen Herbst und seinen Winter, Regen und Sonnenschein, Saat und Ernte, 12 Monate und 365 Tage. Weißt du das nicht alles? Kennst du es nicht genau? Und doch willst du e8 bedenklich ansehen? Aber es ist wahr; es wird doch noch mehr bringen als Regen und Sonnenschein. Es bringt auch

That und Unihat, Freude und Leid Doch nicht das Jahr j ist's, das sie bringt, sondern die, die dem Jahre seinen Inhalt i geben: die Menschen um dich her, du selbst, dein Gott im I Himmel. Und ihnen unberathen gegenüber zu stehen, das > macht uns bang.

Da sind die Unsrigen um uns her. Jh- Thun und i Treiben macht einen Theil des ncutn Jahres au»; das macht uns gedankenvoll. Da sind Freunde und HauSgenosien, Mit- ; arbeiter und Angestellte, da ist die weite Welt um uns her, , und wir sind durch tausend Fäden mit ihr verflochten; wer will uns sagen, wie man uns drängen, sich zu uns stellen wird im neuen Jahr? Das ist's, was die Herzen schwer macht. Das ist's wohl auch, weshalb sich heut so Viele die 1 Hand reichen, als wollten sie sagen: Laß uns in Frieden mit ' einander wandeln! Glückliches Neujahr!

Und wir selbst sind es auch, die das Jahr gestalten, 1 des Lebensbuches leere Seite füllend: Das macht uns bang. Schon manch arger Gedanke, manch böses Wort, manche ver­kehrte That quoll aus dem eigenen Herzen hervor und ver­gällte uns sonnige Tage. Wird's im neuen Jahre auch so sein? Wer so frägt, den beschleicht leise die Furcht; und gute Vorsätze steigen im Herzen auf: daß ich doch endlich lernte, mich mehr zu beherrschen und mehr dem zu entsprechen, was ich soll und was ich will! So wird ein neuer Anfang gemacht zu einem reichen Jahr.

Da siehst du die Wolke am Himmel zieh«. Wird nicht die Hand, die jetzt die Sonne verhüllt, auch dunkle Wolken über dein Jahr hinführen? O, wer giebt uns eine Zuflucht, eine starke Hand, die uns dann führt zu einem lichten, ge­segneten Jahr?

Wenn der Bergsi-"ger auf .^n'.clannten Pfaden empor- klimmt, dann hält ec sich hinter seinem Führer. Seine eigene Klugheit ist trügerisch; die Mitwandernden wissen nicht zu helfen. Aber der Führer ist erprobt; er kennt Weg und Steg, Spitze und Stem. Dem Führer nach, so geht» zum Ziele! Gott Lob der Gott, der von Ewigkeit zu Ewig­keit ist, und in besten Händen unsere Zeit steht, bietet sich uns auch zum Führer dar fürs neue Jahr, das er uns schenkt! Zu ihm geh heut am Neujahrstag in vollem Ver­trauen :

Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt, Wo du wirst gehn und sieben, da nimm mich mit.

Locales und provinzielles.

Gießen, den 31. December 1897.

Au unsere verehr! Leser!

Einem langjährigen Brauche entsprechend, legen wir der heutigen Nummer desGießener Anzeiger" einen Wandkalender bei. Mit dem Wunsche, daß derselbe für unsere Gönner und Freunde des Blattes recht viel glückliche Tage enthalten möge, verbinden wir die Bitte um Erhaltung Ihres geschätzten Wohlwollens und rufen Ihnen Allen nufer herzlichstes Profit Neujahr" zu.

Hochachtungsvoll

Redactiou und Expedition des Gießener Anzeiger."

Orden» Berleihungeu. Se. Kgl. Hoheit der Groß- Herzog haben dem Hauptmann Siumpsf im Kgl. Preuß. KriegSministerium, seither Compagniechef tm Jnfanterie-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hkss.) Nr. 116, da» Ritterkreuz 1. Klaffe deS Verdienstordens Philipp» de» Grohmüthigen, dem bei der Firma Chr. Ad. Kupferberg & Co. in Mainz beschäftigten Buchhalter August Wilhelm Stein in Mainz daS Silberne Kreuz des Verdienstorden» Philipps des Groß- müthigen und dem bei der gleichen Firma beschäftigten Arbeiter Georg Joseph Kaufmann von Hochheim a. M. daS Allgemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür treue Arbeit" verliehen.

^H. Stadttheater Wenn eine Theaterleitung den Wage- muth hat, die schwierige Aufgabe, Goethe»Faust" in bühnenwirksamer Darstellung zu geben, zu lösen, so verdient sie gewiß den Dank aller wahrhaft Gebildeten, sowie ge­bührende Beachtung und Anerkennung. Erfreulicherweise trifft letztere» für die gestrigeF aust"-Aufführung zu, denn da» Hau» war recht gut besetzt und das Publikum verfolgte mit Juteresie und Geduld die Vorgänge auf der Bühne und ließ sich'» ohne Murren gefallen, daß erst Schlag 12 Uhr die Tragödie ihr Ende erreicht hatte. ES dürfte nicht allzu

schwer sein nachzuweisen, daß der erste Theil von Goethe» Faust" wie kein andere» Gedicht unserer Zeit eine Vorbe­reitung auf die höchste, die christlich ^Weltanschauung enthält. Al» Darstellung de» HeldenkawpfeS der Seele, al» das Ideal der BtldangS- und Entwicklungsgeschichte de» inneren Men­schen stehtFaust" außer Wolfram»Parctval" einzig da. Goethe bekundet in dieser Schöpfung zwar nicht eigene Stoff- erfiadung, sondern die Idee liegt einem überlieferten, volks­mäßigen und sagenhaften Stoff zu Grunde. Daß diese Idee, welche nach der Sage von Dr. Faustus und au» dem am Ende de» 16. Jahrhundert» verfahren Volksbuche geschöpft wurde, eine hochpoetische ist, ergiebt schon eine flüchtige Be­trachtung der alten Erzählung- schon in dieser ist der nner- sättliche Durst de» Menschen nach Wiffen und Erkenntniß, da» Streben nach Klüften und Genüssen, nach Vollkommenem al» leitende Grundidee ausgeprägt. Diese wesentlichen Momente der alten Faustsage hat denn auch Goethe ergriffen und bearbeitet, ja al» eme seiner frühesten Concepttonen. Ec schuf etwa« Lebendige», nicht Volk»- und Tradition»- mäßige», und sein Genie schuf darin hervorragend bedeutsame Momente, so ganz besonder» den Monolog Fausts, auf welchen die Osterscene folgt, die erste Unterredung, den Ver­trag Fausts mit Mephisto. So ist e» denn ein Genuß von hohem Werth, wenn man diese» Aufschließende, Bahn­machende, diese» Befreiende, welche» durch die ganze Goethe'sche Dichtung gleichmäßig au»grbreitet ist, nicht nur lesen, sondern vor Augen vorgeführt und dargeftellt sehen kann. Ueber die Aufführung läßt sich nur Günstige» berichten. Die Titelrolle wurde von Herrn Hosschauspteler Hacker vom Darmstädter Hoftheater verkörpert. DerFaust" gehört gewiß zu den schwierigsten schauspielerischen Aufgaben und nicht jeder Faustdarsteller vermag vor dem Hörer und Beschauer die Doppklseele de» von Sinneniust vetbörten, nach Erkennt ntß ringenden Weltwetsen völlig klar zu entwickeln. Herr Hacker wurde jedoch diesen Forderungen in wohl­durchdachter, künstlerisch reifer Weise gerecht, und da» in vorgestriger Nummer d». Bl. über ihn gebrachte aner­kennende Unheil bestätigte sich auch hier voll und ganz. Die zweitbeste Leistung dc» Abend» war der Mephisto de» Herrn Liebscher. In Marke und Spiel verkörperte er diesen Dämon in großartiger Weise. Die gründliche Durcharbeitung feiner Rolle offenbarte gleichzeitig auch ein richtige» tiefe» Erfassen der Idee- seine Kunst, durch den wechselnden G<- fichtSauSdruck nicht nur seine eigenen Reden, sondern auch die Gegenreden zu begleiten, ferner der schadenfrohe, spörttfche Geist und die wirksame Wiedergabe der beängstigenden, drohenden Gegenwart und der innewohnenden Kraft de» Bösen, feierte wiederum ihre Triumphe. Die Schülerscene war geradezu meisterhaft durchgesührt. Die übrige Dar­stellung war angemkffrn, und seien besonder» die lobens- wertheu Leistungen von Fräulein Marlo ff (Gretchen), der Herren Janson (Valentin) und Forsch (Geist und Hexe) erwähnt. Die Regie that ihr Möglichste», was für Aus­stattung und Scenerie unter hiesigen Vcrhältniffen geschaffen werden konnte- leider ging dennoch so manch schöne Illusion dabei flöten. Ebenso ließ unbarmherzige» Streichen manch schöne Scene vermiffen. In der Hauptsache haben wir alle Ursache, für die Darbietung dieser großartigen Dichtung der Direction Dank und Anerkennung zu zollen, was auch da» Publikum durch den gespendeten reichen Beifall rückhaltlos kundgab.

** Etadttheater. Am NeujahrStage gelangt die vier- actige OperettenpoffeD ie sch öne Ungarin" von Mann­st ä d t und Weller mit der reizenden Musik von Steffen» zur Aufführung. Die komischen Rollen des Stücke» liegen in den Händen der Herren Helm und Albrecht, sowie dc» Frl. Natusiu». Diese Vorstellung ist die vorletzte im zweiten Abonnement. Die Abonnemembillet» für die im Laufe der kommenden Woche beginnende dritte Serie werden in der Challier'scheu Musikalienhandlung auSge- geben. Am Montag, den 3. Januar, wird Sudermann'» Ehre" aufgesührt.

Coucert de» Kronbanr'scheu Oaartett Vereins zu« Besten de» Eaaibaufond« am 9. Januar 1898 im Club Saal. Wie wir bereit» mitgetheilt, wird den Concertreigen für da» Jahr 1898 der Quarte tt - Verein beginnen und zwar gleich mit einem von künstlerischem Interesse. Haben sich doch die Mitglieder de» Quartett» nicht damit begnügt, nur Männergesanglitteratur allein auf da» Programm zu setzen, sondern sie wählten auch, wohl von der Ansicht aus­gehend, daß der Männergesang allein, bei aller Schönheit nnd Vielseitigkeit doch den Hörer ermüden könnte, au» ver­wandten Zweigen. Neben einer Reihe schöner und wirkungs­voller Chöre mit Begleitung und a capella, wird ein neue»