Ausgabe 
31.10.1897 Zweites Blatt
 
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Feuilleton.

Endlich grsunden.

Großstadtfkizze.

Don M. Mancke.

(Nachdruck verboten.)

KO. BlangraueS Gewölk verhüllte daS Himmel-' gewölbe. Dämmerschatten senkten sich herab- e- ward kühl. Rach einer langen Reihe freundlicher Tage der erste frostige Herbsttag Kaltfeuchter Wind fegte durch die geradlinigen Borstadtstragen- tief und tiefer senkten fich die regenschwereu Wolken über die Stadt hinab. Die Straßen waren fast menschenleer. Schon waren die Gaslaternen angezündet, in gelbrothe Nebel gehüllt flackerten die Flammen unruhig hin und her. Es regnete, leise, geräuschlos.

Line weibliche Gestalt huschte im Schatten der Häuser entlang. Vorsichtig mied sie den Lichtschein der Laternen. Gin dicke-, wollene- Tuch verhüllte ihr Gesicht, ihre Gestalt. Wie taumelnd schwankte sie dahin. Mehrere Male lehnte sie fich tief aufseuszeud an eine vorspringende Hau-ecke, bald aber hastete fie,' als habe fie keine Zett zu verlieren, wieder eilig die Straßen entlang.

Fast laufend bog fie um die letzte Ecke, freies Feld lag vor ihr weit hinter ihr blieb der flackernde Schein der Gaslaternen zurück.

Hier war e» still, todteostill. DaS Geräusch, das Hasten und Jagen der Großstadt klang nicht bis hierher vor ein leises, murmelndes Rauschen ließ fich vernehmen.

Die Verhüllte hob den Kopf, fie lauschte, daun seufzte fie angstvoll auf, schwer wie ein Alp lagerte eS auf ihrer Brust.

Der Fluß! der Fluß!" li-pelte fie, dann rannte fie, ohne ans Weg und Steg zu achten, vorwärts, dem Rauschen entgegen. Die gebeugte Gestalt reckte fich hoch auf, wie ein edler Renner, der dem Ziele als erster -ustrebt, so flüchtig eilte daS Weib dem Ufer zu.

Sie achtete nicht de- regennaflen Grases, über da- fie hinschrttt, ein dürrer Zweig, eine halb erstorbene Rauke hemmte ihre Schritte, ungeduldig schüttelte fie diese Hemm« nisse von fich.

Unaufhaltsam drängte r- fie vorwärt-.

Ich komme, komme!" flüsterte fie gepreßt und touloS.

Jetzt stand fie am Ufer still. Verkrüppelte Weiden be­grenzten den leise dahtofließendeo Strom.

Mit ihrer Rechten umklammerte die Einsame den fchwankeuden Stamm einer jungen Weide, mit der andern schlug fie den Ztpsel ihre- groben Wollentuches von ter Stirn zurück. Ein selten schönes, todteoblasieS Mädcheugeficht ward sichtbar. Aschblondes Haar kräuselte sich um die weiße Stirn - um den ktrschrothen Mund war ein LeidenSzug eingegraben, die Lippen preßte fle fest zusammen, al- wolle fie jede« Wort, jeden Schrei ersticken.

Dicht zu ihren Füßen rauschte der Strom- über ihr jagte der Nachtwtnd hin. Auf und nieder ranzten die Wellen, fie drängten nach dem User zu.

Regung-lo- stand da- Mädchen, dann neigte eS fich vor. weit vor und starrte hinab in da- schwarze Waffer. Ein leise- Stöhnen, ein halb erstickter Schrei rang fich von threu Lippen.

Vorbei! Vorbei!" flüsterte fie leidenschaftlich erregt. Vorbei für immer! Er hat mich verlaffen! Ich ahnte eS ja schon, all die letzte Zeit über. Ich wußte, fühlte eS. ES mußte etwas geschehen, etwas Furchtbare-, Unaufhaltsame-. Selbst in seinen Armen empfand ich eS die- Vorgefühl eine- nahenden Unheils. Nun ist e- gekommen tl ist da!"

Kalt, stahlhort klangen die letzten Worte. In Schmerz versteint ward da- jagendschöne Antlitz- unheimlich nur lebte eS in den schwarzen Augen, die fragend und suchend über die tanzeuden Welleu schweiften.

ES muß sein ich ich mag, ich kann nicht länger leben. Ich fürchte wich vor der Hellen Soune, im Dunkel der Nacht will ich meine Schwach verbergen. Verworfen verlaffen! Ein- our bleibt wir der Tod der Tod? Hu, e- ist kalt! Mich friert, ob e- drunten auch kalt sein wird? Ich glaube nicht, warm, wohlig, wie tl fich im Arm der Liede ruht, so werde ich, etngeschläfert von dem Murmeln der Wollen, dort unten ruhen. Ja, ruhen, ruhen! Anderswo gibt eS keine Ruhe für mich. Dann deuke ich uicht mehr, nicht mehr an ihn, nicht an Hellen Souueoschein, an Jugendlust und DaseioSwonne, dann ist e- für immer still stumm. Weltvergeffen ruhe ich vou allen Stürmen au-!"

Langsam schritt die Einsame der Uferböschung hioab.

Schon umschmeicheln die Wellen meine Füße, ach, könnte ich hier stehen, stehen und das Waffer stiege, stiege hoch, höher, bis es wich und mein Elend überfluthete. Sterben, ja sterben," flüsterte fie tonlos.Ach, und ich bin so jung, das Leben war ja so schön, so hold, eS ist vorbei vorbei!"

Bon Schauer geschüttelt, bäumt fich ihre schlanke Ge­stalt empor, fie hob den Fuß tiefer hinab zu schreiten, doch unwillkürlich zog fie ihn wieder zurück.

Leise leise flatterte es durch die Luft- durch die Ftnsteruiß der Stille. Wie auf Himmel-schwiogen getragen zittert Glockenkiang durch die Nacht. Die Einsame horcht auf, fie lauschte, lauschte. Feterabeod ward etngeläutet.

Ohne zu wiffen, wa- fie that, schritt daS junge Weib einen Schritt rückwärts, nun wieder lehot fie an dem schwankenden Weidenstamme. Da- Tuch war ihr vom Haupte geglitten, fie achtete es nicht, merkte nicht, wie feine Regen- tropfen langsam und leise auf ihr Haar herabrieselten.

Wie sanft, wie wild eS klingt. Mir ist, als riefen die Glocken mich heiw. Kehr uw, kehr um! mahnen fie mich mit eherner Stimme. Kehr um, kehr um!"

Eine Weile blieb die Einsame in Gedanken versunken

still.Hm, gibt eS nicht für mich rin Kehr um?" fragte fie fich zweifelnd.Bin ich Jemand vothwenbig? Wird fich nicht Jedermann von der Gefallenen, Geächteten abwenden? Alle alle-?"

Heftiger athmeie da- junge Weib und jetzt überfluthete ein Helle- Ro:h ihr bleiches Antlitz.

Alle alles?" wiederholte fie hastig. Aber nein, nein, tl gab ja ein Wesen auf dieser Welt, dem fie noth. wendig, unentbehrlich, da- ohne fie, ihrer Sorge dem Mit­leid fremder Menschen anheimgegeben. ES streckte seine Händchen nach ihr auS. Kehr um, kehr um! rufen dir Glocken, kehr um!" flüsterte der süße Kindermund, und kehr um, kehr um! zitterten die ihr eutgegengestreckten Aermchen. Barmherzigkeit, wie konnte fie ihr Kind vergeffen, ihr Kind, die- süße, schuldlose Wesen, daS ohne sie schutzlos, verlaffen zurückblieb?

Einen Augenblick nur zauderte die LebeoSwüde, dann richtete fie fich hoch, hoheit-voll empor.Ich darf nicht sterben, darf die Bürde nicht von mir werfen, ich muß leben, leben für wein süße- Kind!" Immer lauter harte sie ge­sprochen, dann schneller al- fie gekommen hastete sie den Weg zurück.

Tode-ongst flog durch ihr Herz. W e, wenn da- Kind, während fie eS auf immer zu verlaffen ging, ihr genommen würde? SS war allein in der kalten Dachkammer zurück« geblieben. Gott wenn tl schrie, wenn tl nach der Mutter verlangte, nach ihr, die pflichtvergeffen nur thre- LeideS gedachte, die fich verlaffen, etuiam wähnte, wahrend fie doch ein Kind ihr eigen nannte.

Mit einem Schlage war alle Erbitterung gegen den Treulosen ihr aus dem Sinne geschwunden, ja, fie vergaß den Mann, der ihr so bitter weh gelhan, über den Gedavkev an ihr Ktod.

Hastig eilte, nein, flog fie die Straßen zurück. Athew- lo- vom raschen Lauf stand fie vor der Thüre ihre- ärm­lichen Stübchens. Sie horchte leises, schmerzliches Weine« drang an ihr Ohr. Mit zitternden Fingern drehte sie bei Schlüssel um und öffnete die Thür.

Mein Liebling, mein Alle- auf der Welt!"

Mit diesen Worten stürzte da- bleiche Weib neben de» Bette nieder, fie riß daS weinende Kind an ihr Herz, fit küßte, küßte tl voll inbrünstiger Mutterliebe. Mit beiß» Küffen bedeckte fie die erstaunten Augen, die winzigen Händchev und al- ob da- Kind in der Mutter Seele gelesen, e- legtr seine kleinen Hände fest, fest an deren Wangen, al- wolle et die Mutter nimmer von fich laffen.

Spät in der Nacht stand da- junge Weib sinnend o« Mansarbenfenster. Da- graue Gewölk war geschwunden, rein und blau lag der Himmel über der Großstadt. Die Einsame blickte empor, fie flüsterte:Im Rausche, im Genuß hatte ich mein Glück gesucht, irre war ich gegangen lange, lanze Zeit, jetzt endlich habe ich mein Glück gesunden, dort drüben schimmert el, Gott segne Dich, wein Kind Da meta einzige- Glück!"

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Feierabend für Lehrlinge.

Beginn: Sonntag den 31. October, Abends 6 Uhr, im Saale des alten Rathhauses. Alle Lehrlinge sind freundlich eingeladen.

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Gas-Cokes.

Durch Stadtverordneten-Beschluß vom 30. September bezw. 28. Oc- tober d. I. wurden die Preise unserer Gascokes bis auf Weiteres festgesetzt, sowie die Berkaussweise eingerichtet, wie folgt:

Für den Centner ab Verkaufsstelle:

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Ruh-Cokes in zwei verschiedenen Korngrößen^für Stuben-

heizung und für weite anb enge Ofenschächte paffend zerkleinert:

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Korngröße des Anthracit, gangbarste Sorte . . 1,20 Mk.

Größe Nr. 2, kleiner als durchschnittliche Korngröße des Anthracit ...........1,25 Mk.

Für Ansuhr au das Haus werden 5 Pseuuig für den Centuer berechnet.

NB. Sofern da« Verbringen der Cok.S auf die betr. Lagerplätze (Keller, Stall ic.) mit keinem außergewöhnlichen Zeitaufwand verbunden ist, geschieht die« ohne besondere Vergütung.

Eine Preisermäßigung bei Entnahme von Wagenladungen erfolgt nicht mehr.

Der Berkaus unserer Gascokes unter und bis ein« schließlich 5 Centuer findet bis auf Weiteres im Gaswerk uicht mehr statt, und werden daselbst nur Ouantüäten von über 5 Centner verabfolgt. Dagegen ist bei folgenden hiesigen Firmen ein

Kleinverkaus unserer Gascokes

eingerichtet worden, nämlich bei den Herren: Joh. Fischer, Alicestraße 19, Ed. Klinket, Bahnhofstraße 10, Emil Pistor Nachfolger, Marktstraße 10, Gustav Ruppel, SchiUerstraße 5, Georg Schäfer, Grünbergerstraße 32,

Diese Firmen berechnen die gleichen Preise unserer Gascokes sammt Ansuhr wie das Gaswerk und schicken dieselben auch in Mengen unter 5 Centner zu.

Gießen, am 29. October 1897.

Städtisches Gas- und Wafferwerk Gießen.

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BehördlicheAnzeigen

Orfftullicht Aufforderung.

Nachdem der Nachlaß des am 21. September d. Js. verstorbenen Emanuel Löb von hier, früher in Friedberg wohnhaft, von den Erben unter der Rechtswohlthat des Inventars angetreten worden ist, werden fämmtliche Gläubiger zur Anmeldung ihrer Forderungen bei dem unterzeichneten Gericht binnen 14 Tagen aufgefordert bei Meldung eventueller Nichtberücksichtigung ihrer Ansprüche.

Gießen, den 25. October 1897. Großh. Amtsgericht.

Wiener.

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Verdingung.

Die zum Ausbau der Goethe straße, zwischen Südanlage und Wieseck, erforderlichen Erd- nab Maurer-, Steivhauer «Pflaster.Chavsfir nab bchreiaerardeiten sollen Donnrrslsg, i.Nommdkr d.I,

Bormittags 11 Uhr, öffentlich verdungen werden.

Pläne, Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen während der Dienststunden zur Einsicht bei un- offen (Zimmer Nr. 7). Angebote auf Vordruck sind bis zum genannten Termin einzureichen.

Zufchlagsfrift 18 Tage.

Gießen, 27. October 1897.

Das Stadtbauamt.

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Avdr. Euler.

Veffeuilicht Aufforderung.

Der mit unbekanntem Aufenthalt abwesende Georg Heinrich Lony von Gießen wird hierdurch aufge­fordert, .Erklärung über Antritt der ihm durch das Ableben des Rentners Adolf Wei di g und seiner Ehefrau Ka r olin e, geb. Lony von Gießen, auf Grund deren Testaments vom 21. April 1878 angefallene Erb> schäft bei dem unterzeichneten Gericht binnen 6 Wochen abzugcbcn, widrigen­falls er bei Verthe.lung des Nach- laffes unberücksichtigt bleibt.

Gießen, den 11. October 1897. Grobherzogliches Amtsgericht.

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