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Nr. 256 Drittes Blatt. Sonntaa bett 31. Oktober
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Der thfener A«telger erscheint täglich, «tt Ausnahme del Montag».
Dir Gießener Wamtriea-kLIter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Keßener Anzeiger
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»mtlidfrer LtzeiL.
heute tu Ihrem Mauden innig, feelenooll und segensreich für ihr Leben ist."
Gießen, den 29. October 1897.
Betr.: Den ServiStarlf.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
au die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.
Der ServiStarif von 1878, welcher sich noch In Ihren Händen befindet, hat durch da« Gesetz vom 26. Juli d. I., betreffend den ServiStarif und die Klaffeneinthetlunq der Orte — ReichSgesetzblati Nr. 36 — mehrere Aendirungen erfahren, so daß derselbe vollständig unbrauchbar geworden ist. Damit Sie in der Lage find, bei vorkommendeu Einquartierungen die den Quarriergebern zu vergütenden Ent« schädigungen richtig zu berechnen, beabfichtigen wir, auf Kosten der Gemeinden Ihnen ein Werkchen, betr. „TageSserviSsätze nach Ehargen und ServiSklaffen", zum Preise von 60 Pfg. daö Stück zu beschaffen.
Wenn Sie nicht binnen acht Tagen ander- berichten, nehmen wir Ihr Einverständntß an und werden da- Werkchen Ihnen zusenden laffen.
v. Gagern.
Au die Grotzherzogl. Bürgermeistereien des Rentamtsbezirks Gießen.
Wir ersuchen Sie, in Ihren Gemeinden auf ortsübliche Weise bekannt machen zu laffen, daß die zu Martini 1897 fällig werdenden Domanialgefiille, al- Steig- und Loo-Holz, Nebennutzungs-Laubstreu, Graß- und Zeitpachtgelder, Bei träge zu den Forstdienerbesoldungen, Erbleihzinsen. Gülten, Renten und Zinsen pro 1897/98 nur noch bis zum 25 November dS. Js. ohne Kosten bezahlt werden können. Nach dieser Zeit wird da- veilreibungSversahren eingeleitet.
Gießen, den 27. October 1897
GroßherzoglicheS Rentamt Gießen.
Dexheimer.
Zum Kesormationssest.
So ost der 31. October wiederkehrt, denkt da- deutsche Volk seines großen Helden Marrin Luther. Und solche- Gedenken darf nicht aushören.
Auf allen Lebensgebieten stoßen wir noch heute auf die Spuren seines Geistes und seiner Thätigkeit. Ihm danken vir-, wenn unser deutsches Volk wie alle evangelischen Böller unter den Eulturvölkern obenan steht. Denn als Luther zuerst die Menschen vor Gott frei machte, und alle auf den Glauben, also auf ein persönliches Verhalten zu dem persönlichen Gott wie-, da hat er zugleich die Menschen und Völker, die diesen Weg gingen, um eine ganze Stufe emporgehoben: au- un* mündigen Kindern wurden ihrer selbst gewisse Männer,- au- vrltflüchtigen Heiligen wurden berufstreue Kämpfer, die in ihrer Weltarbeit doch Gott suchen und ihm dienen- durch feine BefreiungSthat empfing die Wissenschaft ihr Recht, die Welt zu durchforschen, wie denn nach Gotte- Willen der Nensch berufen ist, fie zu beherrschen, so daß einer unserer größten Forscher mit Recht gesagt hat: der Reformation verdankt die Naturwissenschaft ihr Dasein und ihre Ent- Wickelung. Da- deutsche Volk fing wieder an, fich im eigenen Lande wohlzufühlen, da- deutsche Narionalbewußtsein fing au p erstarken, genährt durch das deutsche Lied, die deutsche Sprache, die deutsche Schule, die Luther und seine Freunde lern Botte schenkten.
So stark find die Wirkungen dieses Geiste- gewesen, irß selbst Rom fich ihm nicht entziehen konnte. Die kirchlichen Reformen, die man auf mancher Kirchenversammlung vergeblich erstrebt hatte, wurden nach Luthers Auftreten eadlich zur Wirklichkeit. Das Mönchthum besserte sich, die Predigt fand wieder einen Platz im Gottesdienst, der Jugend- laverricht wurde nach dem Borbilde des ProtestantiSmu- me^r gepflegt und umgestaltrt. Und wie steht eö in unseren tagen? Hören wir nicht, wie evangelische Kirchenlieder in löovischen Kirchen gesungen, die Werke der evangelischen LieldeSthätigkeit der Inneren Misfion eifrig in die römische Kirche eingeführt werden?
Trotz aller Anfechungen bleibt es bei dem, war der hnnalß noch katholische Professor Döllinger gesagt hat: ,Locher ist der gewaltigste VolkSmanu, den Deutschland je dessffen," — und bei dem Worte Gustav Frehtag-: „Alle tonfeffionen haben Ursache, auf Luther zurückzuführen, waS
Politische Wochenschau.
„Ezar und Großherzog", der „Zwischenfall in Darmstadt" und ähnliche Titel hatten in letzter Woche spaltenlange Artikel in der ganzen deutschen Presse. Längstvergeffene Familiengeschichten wurden ausgegraben, um das Verhalten deS Ezaren zu erklären, man hörte mit einem Male über Conflicte zwischen den Höfen, von denen mau bisher keine blaffe Ahnung gehabt harte, und Redewendungen, wie z. B. ^Widerstreit hesstsch-engllscher Einflüsse gegen badisch deutsche", waren unS schon recht geläufig geworden. „Oü. eet la femme" ? so hörte man fragen, al- die ersten Nachrichten über oas Verhalten deS Ezaren gegenüber dem Gcohherzog von Baden tu die Ocffentlichkeit drangen, und diese Frage ist denn auch in- Endlose weitergesponnen worden. Und wa- wird das Ende vom Liede sein? All' die Druckerschwärze ist vergeudet worden, weil Mißverständnisse Vorgelegen habeo, weil vom Ezaren etwas Übereilt gehandelt worden und man in Karlsruhe zu empfindlich gewesen ist. An diesen Erklärungen wird es nicht fehlen, und die Welt kann voraussichtlich bald auf- athmen, wenn officiell verkündet werden wird: „Der badisch- heifische Zwischenfall ist beendet worden". Daß die ganze Angelegenheit stark aufgebauscht worden ist, geht am besten daraus hervor, daß man schon von Differenzen zwischen dem Ezaren und Kaiser Wilhelm sprach, die der Großherzog von Baden habe schlichten wollen, und daß auS diesem Grunde die Annahme des Besuchs verweigert worden wäre. Daran ist natürlich kein wahre« Wort, im Gegeutheil find die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zur Zeit außer» ordentlich befriedigende, was auS den Visiten, die fich die beiden Herrscher gemacht haben, und auS dem Empfang des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe genugsam zu ersehen ist.
Nun soll ja die Entscheidung über daS Verbleiben Hohenlohes an der Spitze der Reichs- und preußischen Regierung unmittelbar bevorstehen. Der Fürst will mit der Militärstrasprozeßordnung stehen oder fallen und er hat angeblich vor seinem Eintreffen in Berlin der Meinung Ausdruck gegeben, daß jetzt eme Entscheidung erfolgen müsse. Da bekanntlich die AuSfichten der Reform sehr trübe find, so darf man fich bezüglich deS Verbleibens des Fürsten Hohenlohe im Amte keinen allzu frohen Hoffnungen hingeben. Im bayerischen Landtage ist schon mehrfach die Militärstrasprozeß- reform Gegenstand der Debatte gewesen, die wenigstens darüber Klarheit geschafft hat, daß Bayern auf den obersten Gerichtshof und daö Bestätigungsrecht nicht verzichten wird. ES wäre müßig, über daS wahrscheinliche Schicksal der Vorlage noch ein Wort zu verlieren, ehe die Entscheidung gefallen ist- jedenfalls ist eS sehr fraglich, ob überhaupt etwa» zu Stande kommt, zumal die preußische und die sächsische Regierung fich im BundeSrath gegen die Orffentlichkeit deS Verfahrens aussprechen dürften, womit die Reichstagsmehrheit nicht einverstanden sein wird.
Immer verworrener wird die Situation in Oesterreich. Im Abgeordnetenhause ist eine KristS eivgetreten, infolge des Rücktritts deS Präfidenten Kathrein, welcher angeblich bei den Maßnahmen, die die Regierung planen soll, um die Obstruktion der Minderheit aus dem Wege zu räumen, nicht mitwirken will. Denn einen anderen Ausweg hat Graf Badeni nicht mehr als die Maßregelung dieser Minderheit, wenn er nicht schließlich doch noch vorzieht, abzudanken. Auch von zeitweiliger Aufhebung der Verfassung ist die Rede, aber die österreichische Regierung wird fich hoffentlich der schwerwiegenden Folgen bewußt sein, ehe fie dieses letzte Mittel in Anwendung bringt. — Die von den Deutschen gegen da- Cabtuet Badeni eingebrachte Ministeranklage ist durch einfachen Uebergang zur Tagesordnung erledigt worden, jedoch ist dieser Sieg der Regierung als ein Pyrrhussieg anzusehen, der keine Stärkung des CabiuetS bedeutet. Eine Verurthei- lung der Bavevl'schen Politik liegt auch in der Rede deS ungarischen Ministerpräsidenten, welche dieser im Budapester Parlament über die Situation in Oesterreich hielt, und sie trägt nicht dazu bet, daS Berhältniß der beiden Staaten zu einander günstiger zu gestalten.
AuS Serbien kamen in den letzten Tagen allerhand dunkle Nachrichten von einer bevorstehenden Verfassungsänderung, was ja in diesem Lande der Staatsstreiche nichts Ungewöhnliches wäre- und besonders seit Milan wieder in Belgrad weilt, kann man fich auf Ueberraschungen gefaßt machen. Ob freilich seine Neigung, dem Könige Alexander als Mitregent an die Seite zu treten, in Wirklichkeit so groß ist, wie die Berichte wissen wollen, erscheint denn doch noch fraglich.
Wenn die auS Spanien kommende Meldung richtig ist, daß die beiden Flügel der conservativen Partei fich vereinigen und das Cabinet Sagasta bei der Lösung der colonialen und internationalen Fragen energisch unterstützen wollen, so hat die jetzige Regierung viel gewonnen. Ein Zusammenschluß aller Vaterland-freunde ist unbedingt erforderlich, wenn die Situation in Spanien einem guten Ende zugeführt werden soll.
ES wird hohe Zelt, daß die Kretafrage gelöst wird, zumal wenn fich die Meldung bestätigt, daß Griechenland wieder anfängt, den Aufständischen Waffen und Munition zn senden. UebrlgenS handelt Griechenland sehr leichtfertig, wenn eS wirklich so unloyal verfährt, und eß würde sich die Sympathien, welche nach und nach die Großmächte für dahart mitgenommene Land zu empfinden beginnen, vollständig verscherzen und die FriedeuSverhandlungen hlnzieheu, wa- nlcht in seinem Interesse liegen kann. Die Großmächte würden gut thun, recht bald einzuschreiten.
Nachfügen wollen wir noch, daß nunmehr auch dem Provisorium in unserem Auswärtigen Amte durch die Er- nennuug deS bisherigen Botschafters v. Bülow ein Ende gemacht worden ist. (xx)
Locales rrrrd provinzielles.
□ Ruppertenrod, 29. Oktober. Unseren gestrigen Herbst- mar kt begleitete das beste Marktwetter, wenn auch am Markttag-Morgen der Winter durch die Fenster guckte- wir hatten die erste Reifnacht. Der Schweinemarkt war auffallend stark befahren- der Handel ging flott, zeigte aber deffenungeachtet etwas herabgegangene Preise. Man verkaufte daS Paar Ferkel zum Durchschnittspreis von 45 bis 50 Mk. erster Qualität, 35 bis 45 Mk. zweiter Qualität. Die Ein« legschwetne, die schwach vertreten waren, kosteten per Paar 90 bi« 100 Mk und 100 bis 125 Mk. Wenn mau deS überaus schönen Wetters und der beendigten Winterbestellung der Felder wegen auf einen besonders starken Besuch deS KrämermarktrS gerechnet hatte, so sah man fich in dieser Annahme getäuscht- der Besuch war nicht stärker, als in den anderen Jahrgängen auch.
§ Bon der Ohm, 29. October. Die Ackerschnecken haben an der Kornsaat doch einen sehr bemerkenSwerthen Schaden angerichtet. Nicht genug damit, daß fie auf vielen Feldern die erstmalige Kornsaat vollständig vernichteten, auch dte wiederholt vorgenommene fiel ihnen zum Opfer. Ein Landwirth in Ruppertenrod trug seine Enten auf einen von den Schnecken hetmgesuchten Acker- dieselben bewährten fich als ausgezeichnete Schneckenvertilger, indem fie mit wahrem Heißhunger über da- Ungeziefer herfirlen. Es steht indessen sicher zu erwarten, daß die jetzigen Reifnächte, darinnen eS sogar EiS gab, die Schnecken endlich vernichten werden.
Friedberg, 28. October. Bom herrlichsten Wetter begünstigt, konnte unser diesjähriger Herbstpferdemarkt abgehalten werden. Zwei Faktoren veranlaßten einen äußerst regen Besuch desselben: erstens da- schöne Wetter und ferner die neuen Nebenbahnen, die eS den Besuchern ermöglichen, auf bequeme und billige Weise den Besuch unserer Stadi zu bewerkstelligen. Fast 400 Thiere waren aufgetrieben, darunter schönes Material, und läßt fich in der Pferdezucht unserer Gegend ein stetiger Fortschritt conftatiren.
W. Aus der Wetterau, 28. Oktober. Von anderer Seite ist in dieser Zeitung bereits darauf hingewlesen worden, daß der Verkehr auf den feit dem 1. dS. MtS. eröffneten, durch unsere fruchtbare, starkbevölkerte Gegend ziehenden Bahnlinien fortwährend steigt. Hier soll einmal darauf aufmerksam gemacht werden, daß unsere Kreisstadt Friedberg ganz besonders den Segen empfindet und dies wird von den dort wohnenden Geschäftsleuten auch bereits rückhaltlos anerkannt, wovon fich der Einsender wiederholt in Friedberg überzeugte. Es dürfte daher auch an der Zelt fein, auf einige Mißstände Hinzuwelsen, deren Beseitigung dringend erwünscht und die leicht zu beseitigen sind. In Friedberg fehlt eS an Dienstmännern und Packträgeru, oder wenn welche vorhanden, dürfen fie vielleicht nicht an die Wetterauer Bahnzüge heran. Einsender sah, wie fich Frauen m',t Handgepäck und Kindern in der bittersten Welse quälten, um durch die Untersührung hinab und auf der anderen Seite wieder empor zu kommen, obgleich fie gerne die Hülfrleistnng bezahlt hätten. Die Treppen der Unterführung sind sehr bequem und schön, ober an den Wänden fehlt ein Geländer. Heitere Frauen leiden beim Treppabsteigen an Schwindel, ohne Geländer ist es für solche Frauen lebensgefährlich, eine breite Treppe hinab zu gehen. Für wenige Mark kann hier geholfen werden, ehe ein Unglück vasfirt. — Bedenkliche Zu- i stände herrschen an dem Bahnhofe bei Gettenau, wenn


