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31.8.1897 Erstes Blatt
 
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Freude darüber Ausdruck verleihend, daß es ihm und allen Anwesenden vergönnt sei, diesen Tag zu erleben, woran fich zwei Weihesprüche würdig anschlossen. Seiner Betrachtung legte er daS Wort eines alten Talmudlehrers unter:Auf drei Dingen beruht das Wohl der sittlichen Weltordnung: auf dem Gottes wort, dem Gottesdienste und der werk- thätigen Menschenliebe". Nachdem dann die Thorarollen in da- Allerheiligste eingestellt worden waren, folgt die eigent« liche Weihepredigt. Der derzeitig amtirende Rabbiner, Herr Dr. Sander, griff zum vorhin erwähnten Texte zurück und legte in geistvoller und gewandter Form die Bestimmung deS Hauses zum Gotte-wort, Gottesdienst und ächter Menschenliebe dar. Mächte da« Hau- in diesem Sinne werden ein Bet­hau-, ein Schulhaus und ein HauS deS WohlthunS! Wir schließen uns diesen Ausführungen von ganzem Herzen an, sind aber auch nach dem Gehörten der festen Ueberzeugung, daß die israelitische Religionsgemeinde Gießen in dem neuen Geistlichen den rechten Mann zur Vertretung ihrer religiösen Interessen gefunden, der eS auch in oratorischer Hinsicht werth ist, ein würdiger Nachfolger seine- geschätzten Vorgängers ge­nannt zu werden.

* Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiseriu trafen heute Morgen 6Vt Uhr mittelst SonderzugeS von Potsdam hier ein und setzten nach kurzem, durch den Maschinenwechsel bedingten Aufenthalt die Reise nach Coblenz fort. Ein Empfang fand nicht statt, das Frühstück wurde im Salon­wagen eingenommen, trotzdem das Fürstenzimmer durch Herrn Möbelfabrtkant Brück geschmackvoll in Stand gesetzt worden war. Zur theilweisen Neueinrichtung deffelben hatte Herr Brück eine Seidengaruitur, einen Divan, zwei Katserseffel und sonstige Stühle, sowie Decken, für daS Toilettezimmer zwei Marmor-Waschschränke geliefert.

* Gesinde Ordnung Wir machen die Jutereffenteu auf die Bekanntmachung Großh. Polizetamts Gießen, in der vorigen wie heutigen Nummer desAnzeiger" enthalten, aufmerksam mit dem Htnzufügen, daß die darin enthaltenen Bestimmungen besonders wichtig für die Dienstherrschaften find.

* Theater. Die hier bestbekannten, in kommender Saison das htefige Theater wieder übernehmenden Herren Theaterdirectoren Kruse-Helm ernten laut uns vor­liegenden Zeitungsberichten Lob und Anerkennung. So im Juli im SommertheaterTivoli" zu Merseburg und gegen­wärtig im Stadttheater zu Eisenach. Wenn die Herren Kruse-Helm bemüht sein werden, ein tüchtiges, berechtigten künstlerischen Forderungen entsprechendes Personal zu ge­winnen, so wird auch der Spielplan einer zufriedenstellenden Ausführung ficher sein und damit auch die Gunst des hiesigen Theaterpublikums erworben werden.

Sine focialdemokratifche Laude-conferenz tagte gestern in unserer Stadt. Vertreten waren 62 Orte des Groß- herzogthumS Heffen durch 66 Delegirte. Den Geschäfts­bericht deS Landeöcomit^s erstattete Herr Ulrich-Offenbach, die Rechnungsablage Herr Orb-Offenbach. Aus den Be­richten der Provinzialdelegirten ging hervor, daß die Ent­faltung einer regen Agitation sehr nöthig, ebenso manches an der Gesammtorgauisation verbesserungsbedürftig fet; eS gilt dies besonders in Bezug auf die der Einheitlichkeit ent­behrende Erhebung der Beiträge zur Parteikaffe, wozu Herr Dr. David - Mainz detailltrte Vorschläge machte. Zu den weiter erstatteten Berichten der hessischen Landtagsfraction durch Herrn Dr. David, über die bevorstehende RetchS- tagSwahl durch Herrn HaaS- Mainz und den am 3. October in Hamburg ftatifindenden Parteitag durch Herrn Müller- Offenbach wurden Resolutionen gefaßt, die eineStheilS allen Partetangehörigen eine rege Agitation für die kommenden Wahlen zur Pflicht machen, anderntheils fich dagegen aus- sprechen, daß den preußischen Genoffen durch Beschluß des Kölner Parteitags die Ntchtbetheiligung an der Landtags­wahl in Preußen empfohlen wurde. Die Verhandlungen dauerten mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause fünf Stunden.

* Verhütete» Unglück. Im Hinterhaus an der Alker- scheu Hofraithe an der Südanlage, in der Mansarde, nahm die Nachbarschaft am Samstag Mittag auffälligen Rauch wahr. Man machte schleunigst die Bewohner deö Hauses darauf aufmerksam, welche durch ihr eiliges Dazwischen- kommen ein gräßliches Unglück verhüteten. In der Wohnung de- erblindeten Fräulein Zlnßer waren an der Thür hängende Kleider in Brand gerathen, und trotzdem die Retter vor Qualm kaum selbst den Raum betreten konnten, hatte die Blinde von der Gefahr, in der fie schwebte, nichts ge- merkt. Da- Feuer wurde, nachdem man die Bewohnerin aus der Wohnung entfernt hatte, schnell gelöscht, aber noch eine Stunde später frug Fräulein Zinßer immer noch, wo denn eigentlich baß Feuer gewesen wäre.

* Für Fischliebhaber. Ein Delphin, der da- an­sehnliche Gewicht von 100 Pfund hat, ist im Erker deS

Herrn I. M. Schulhof, Marktstraße, zur Schau aus­gestellt.

Turnerisches. 15,696 Turnerinnen zahlt nach der jüngsten Statistik die deutsche Turnerschast in ihren Reihen. Die körpergcwandten Frauen vertheileu fich auf 454 Abteilungen. JnSgrsammt hat die deutsche Turnerschast 578,103 Mitglieder über 14 Jahre.

DerDeutsche Radfahrer-Bund" läßt fich berichten, daß vom 1. Januar n. I. ab die Radfahrer-Polizei­nummern im Frankfurter Bezirk, die jetzt das drei­zehnte Tausende überschritten haben, wieder eingezogen und auch neue nicht mehr auSgegeben werden sollen, weil nach­gerade unmöglich für die SicherheitSorgane wird, im Vorbei- fahren eine fünfstellige Zahl genau zu lesen, und die Nummer also ihren Hauptzweck verfehlt.

** Wetterbericht. Der hohe Druck gewinnt über Central­europa mehr an Raum und bleibt damit die über den bri- tischen Inseln gelegene Depression auf den Nordweften beß ErdtheilS beschränkt. Die Luftdruckoertheilung ist aber auch heute noch unregelmäßig und treten innerhalb des Maximal­gebieteß, welches drei allerdings schwache Kerne über dem bottnischen Busen, Bayern und Böhmen und endlich dem tyrrhenischen Meere aufweist, noch immer verschiedene Theil- minima auf. Dieselben beeinfluffen allenthalben die Witter­ung und erhalten die bestehende Gewitterneigung. Vor­aussichtliche Witterung: Im Allgemeinen zwar heiter und warm, doch fortdauernd Neigung zu Gewittern.

Butzbach, 28. August. Heute Mittag 1 Uhr pasfirte, vom Manöverfelde bei Lich kommend, Seine König!. Hoheit der Großherzog mit seinem russischen Fünfergespann unsere Stadt. In der Begleitung des Großherzogß befanden fich der commandirende General Excellenz v. Wittich, der DivifionS - Cowmandeur der hessischen Division Excellenz v. Müller, sowie der Commandeur der 49. Infanterie- Brigade, Generalmajor v. Fransecky, welche mit Seiner Königlichen Hoheit nach Friedberg fuhren, um zur Großh. Tafel zugezogen zu werden.

Friedberg, 28. August. Der Großherzog und die Großherzogin nebst der Prinzessin Elisabeth find gestern Nachmittag um Vs6 Uhr hier eingetroffen. Den hohen Gästen wurde ein festlicher Empfang bereitet. Fast alle Häuser von der Bahn bis zum Schloß sind schön ge­schmückt. Am Rathhaus wurden die hohen Herrschaften durch den Gemeinderath und eine Anzahl weiß gekleideter Jung­frauen begrüßt. Brigeordueter Hieronirnus hielt eine Ansprache, die Fräulein Seyd und Braden überreichten Blumensträuße. Der Weg vom Rathhause zur Burg war durch venetianische Masten geschmückt, zu beiden Seiten bil­deten Schulkinder von hier und der Nachbarschaft Spalier. Am Abend wurde dem Großherzoglichen Paare ein Fackel­zug mit Serenade gebracht, woran fich die Feuerwehr, der Kriegerverein und die vereinigten hiefigen Männergesang, vereine betheiligten.

-r Bergheim, 25. August. Gestern Abend wurden zwei Eheleute von hier uneinig, der 22 jährige Sohn ergriff die Partei der Mutter. Der Vater war darüber so erbost, daß er das Meffer zog und dem Sohn in die Brust stieß. Derselbe liegt sehr schwer darnieder und wird an seinem Aufkommen gezweifelt.

Darmstadt, 24. August. DerKölnischen Ztg." wird folgende merkwürdige Geschichte mitgetheilt die sich m dem benachbarten Weit erstadt urgetragen haben soll: Danach ertheilte kürzlich btt Lehrer Z in lern seschloffenen Schul­hofe Turnunterricht. Ein Genödarm aus Darmstadt beobachtete von einer angrenzenden Hofraithe aus den Iktm richt ungefähr eine halbe Stunde lang, plötzlich febrnt rr durch daS Schulhaus in den Schulhof, trat zu dem Lehrer und sagte wörtlich:Zeigen Sie mir Ihre Instruction." Der Lehrer fragte höchlichst erstaunt:Von w'lcher In­struction reden Sie?"Sie wüffen eine Instruction über den Turnunterricht haben," gab der Gesetzeswächter zur Antwort. Nachdem fich der Lehrer von seinem Erstaunen erholt hatte, gab er dem Gensdarmen einen abweisenden Bescheid, woraus der GenSdarm mit erhobener Stimme er- widerte:Ich komme im Namen beß Gesetzes und befinde mich im Dienste- ich habe beobachtet, daß Sie während einer halben Stunde die Knaben nicht rühren ließen, während solches beim Militär alle fünf Minuten zu geschehen hat." Da der Lehrer die peinliche Unterhandlung nicht in Gegen­wart der Schüler fortsetzen wollte, verließ er den Hof und ging ins Schulhaus. Einem anderen Lehrer gegenüber be­tonte der GenSdarm, daß er aufjede Ungehörigkeit zu achten habe". Der obersten Schulbehörde in Darmstadt ist der ganze Vorfall mügetheilt worden.

Darmstadt, 27. August. Wie man hört, find die Bäckermeister deßhalb noch nicht mit einem Preis auf-

schlag deSBrodS hervorgetreten, weil eines der JnnungS- mitgliedernicht mitthut". (Ob es sich nochbeffert", bleibt ab» zuwarten.) Die Arbeiten an der elektrischen Straßen- bahn werden so eifrig betrieben, daß eine Inbetriebnahme am 1. Octobtr ober doch bald nachher zu erwarten ist. Mit der Aufstellung deö GestängS wurde begonnen.

V Alzey, 27. August. Was selbst in einer kleineren Stadt Liebe und Eifer zur Sache zu leisten vermögen, das hat der Manner- und Damengesangverein in Alzey in seiner Sommerthätigkeu bewiesen. Zu Anfang deS Som­mers führte der Verein das Hahbn'sche OratoriumDie Jahreszeiten" auf, zu dem allerdings baß Orchester durch Mainzer BerufSmusifer gebildet werden mußte. Aber die Aufführung selbst verdiente nach dem competenten Unheil beß Herrn MusifdirectorS Fritz Vollbach zu Mainz, welcher der wiederholten Aufführung beiwohnte, auch von künstlerischem Standpunkte alles Lob, sodaß der Verein und sein Leiter Herr Mufikdirector Karl Keil, der ja auch weiteren Kreisen Gießens wohl bekannt ist, auf diese Leistung mit hoher Be- sriedigung zurückblicken dursten. Geradezu Erstaunliche- leistete der Verein jedoch letzte Woche durch die Aufführung der Lortzing'schen komischen Oper:Der Waffenschmied", welche Herr Keil mit Dilettanten auß Alzey eingeübt hatte. Nur die Rolle derMarie" mußte infolge Verhinderung der Alzeyer Sopranistin durch Frl. Rosel Lindemann auß Darm» stabt besetzt werden, wodurch Alzey Gelegenheit geboten wurde, baß feine Spiel, sowie die wohlgeschulte, klangvolle Stimme dieser jungen Künstlerin bewundern zu können. Reiche Blumenspenden lohnten bei der Wiederholung der Oper allen Mitwirkenden für ihr treffliches Spiel und ihre aufopfernde Mühe, der allein ein so ausgezeichneter Erfolg möglich war. Wir hatten Gelegenheit, baß Unheil mehrerer Kunstverständigen von AußwärtS zu hören, die durch die Aufführung dieser Oper auf großen Bühnen verwöhnt find, das übereinstimmend dahin lautete: sie hätten nicht erwartet, solche vollkommene Leistungen innerhalb eines Vereins einer kleineren Stadt zu hören. Mögen diese Erfolge für den Verein und seinen Leiter ein Sporn auch für die Zu­kunft fein.

* Frankfurt a M., 28. August. Eduard Strauß kommt auch in diesem Jahre nach Frankfurt, um mit seiner vorzüglichen Capelle hier zwei Concerte zu geben. Die Direction beß Zoologischen Gartens konnte ihn wegen beß Umbaus beß großen Saales diesmal nicht bet sich unter­bringen und muß deshalb mit ihm in den Saalbau gehen, wo am Abend beß 3. und 4. September von 8 Uhr an bte Concerte stattfinden werden. Es find dafür Logen-, Saal und Gallerieplätze zu haben und während der Concerte findet, wie Üblich, R stauration statt.__________________

Sehrftsnachvichte«.

Der PostdarnpserRooidland" derRed Star Lwe" In ArU- werpen ist laut Telegramm am 25. August wohlbehalten tn New-Amt «ngekommen._____ ______

Sptklplss der seretrißtri Frntzrrirr StÄtthrstn.

Cftraban#.

Dienstag den 31. August: Nachtlaaer von Granada. Coppelia (2. Act). Millwow den 1. September: Die schöne Heleea. Hieraus: Phantasien im Bremer Rathskeller. SDcm-e yiag dm 2 S-ptember: Aida. Freitag den 3. September: ßobenprtn. Samstag den 4. September: Hänsel und Gretel. Hi.,-.us: Phantasien im Bremer Rathskeller. Sonntag bti 5 September: Die Königin von ©ab«. Montag den 6. S plcmb.r: Der Vogelhändler.

SchauspteLdarrs.

Dienstag den 31. August: Renaissance. Mittwoch den 1 S ptrmber: D<e relegirten Studenten. Donnerstag den 2. September: Charleys Tante. Hieraus: Franksurt in Feindesland. Freitag Den 3 September: Kabale und Liebe. Samstag den 4. September: Relegirte Studenten. Sonntag den 5 September: Renaissance. Montag den 6. September: Galeotko.__________________________________________________________

Für die Ueberschwemmten in Schlesien gingen ferner bet uns rin: Rachmiltagsscat vom 21. August 1.75 A, Ungenannt 2 A. Frau E-ch 5 A, I. B. 2 A, Ungenannt 5 Scat Solmser Hof 2.20 A, Gustav Schmidt 3 A, E. X. 10 A, R. 5 A, vom rauhen Fabrikant in Xeck 30 A Zusammen 65 95 Jnsgesammt 265 50 A, welche wir nunmehr gegen Quittung ab- geliefert haben und schliesren hiermit die Sammlung.

Die Expedition desGießener Anzeiger".

Verkehr, tmb

WdeündeikO, 28. August.i Fruchtpreise Weizen A 20,14, Korn A 14,08, Gerste A 12,52. Haser A 13,36, Erbsen A 00,00, Linsen A 00,00, Wicken A 00,00, Lein A 00,00, Kartoffeln A 0.00, Samen A 24,50.__________________________________________

Temperatur der Lahn und Luft nachReaumur grmefien am30.Auaust, zwischen 11 und 12 Uhr Mittag-: Wasser 15°, Luft 19°.

Rübsamen'sche Badeanstalt.

Bekanntmachung.

Rabbiner Dr. Levi-Stiftung.

Aus obiger Stiftung sind am 1. October d. Js. die Jahreszinsen pro 1896/97 mit Mk. 106 50 Pfg. zu einem Drittel an zwei Arme der israelitischen Religion- Gemeinde Gießen, zu einem Drittel an zwei arme Israeliten der Provinz Oberheffen, zu einem Drittel an zwei christliche Arme der Stadt Gießen zu vertheileu und wollen fich Bewerber um die­selben innerhalb der nächsten vier Wochen schriftlich hierher wenden.

Gießen, den 31. August 1897. 8087

Der Vorstand der Israel. Rcligions-Gemeinde Gießen. ___________________I. V.: Simo n Reis._________________

Kriegerdenkmal.

Die Entwürfe und Modelle für das in Gießen zu errichtende Krieger­denkmal bleiben nur bis zum Mittwoch den 1. September (ein­schließlich) im großen Saale des Thurmhauses ausgestellt und können täglich von 11 1 Uhr besichtigt werden.

8060 Der Ausschuß.

Concursversahren.

In dem Concursversahren über das Vermögen des Spenglers Theodor Waldschmidt in Gießen ist zur Abnahme der Schluß­rechnung des Verwalters und zur Erhebung von Einwendungen gegen das Schlußoerzeichniß der bei der Vertheilung zu berücksichtigenden For­derungen der Schlußtermin auf Donnerstag den 28 Septem­ber 1897, Vormittags 9 Uhr, vor dem Großherzogl. Amtsgerichte hierselbft bestimmt.

Gießen, am 28. August 1897.

Orth, 8066

Gerichtsschreiber des Großherzoglichen Amtsgerichts.

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