Ausgabe 
31.3.1897 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 76

Drr Kietzener Anzeiger erschkint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamilienvtätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal btigekijt.

Erstes Blatt. Mittwoch dm Sl. März_____________________

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

iso»

Vierteljähriger Aöonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen

2 Mark 50 Pfg. .

Redaction, Expedition und Druckerei:

-chulstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblutt für den Tireis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

chratisbeikage: Gießener Aamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Thrll.

Bekanntmachung.

Mittwoch de« 7. April d. IS., Vormittags 10 Uhr, findet in dem RegterungSgebäude dahier eine ordentliche Sitzung des Kreistages des Kreises Gießen, mit folgender Tagesordnung statt:

1. Wahl eines achten Abgeordneten zum Provinztal­tage infolge der Bevölkerungszunahme des Kreises.

2. Neuwahl der drei Körcommtsfionen deS Kreises auf drei Jahre (Art. 6 des Gesetzes vom 26. Oc- tobet 1887.)

8. Wahl von sechs Sachverständigen für die Abschätzung der durch Truppenübungen veranlaßten Flurbeschädtg- ungen (§ 14 deS RetchSgesetzeS vom 13. Febr. 1875 und Instruction vom 30. August 1887.)

4. Beschluß über die nach Art. 2 deS Gesetzes vom 24. Mat 1893, dte Kosten der Landarmenpflege betr., aus der StaatSkasie an den Kreis Gießen für die nächste Finanzpertode zu zahlende Pauschsumme.

5. Vorlage der KretSkafferechnung pro 1895/96 und Erstattung des Rechenschaftsberichts hierzu.

Genehmigung der Creditüberschreitungen unter den Rubriken 23, 23a, 26, 27, 30.

6. Festsetzung deS KreiSkasse-BoranschlagS für 1897/98.

7. Kreisstatut über die Dienstverhältnisse der Kreis­straßenmeister und Straßenwarte.

8. Beanstandung eines Ausgabepostens der Kreiskaffe- rechnung für 1894/95 (Vergütung für den Trans- port der Wiefecker Feuerspritze bei einem Brande auf der zur Gemarkung Wteseck gehörigen Badenburg.) Gießen, den 20. März 1897.

Der Vorsitzende deS Kreistages des Kreises Gießen, v. Gagero.

Bekanntmachung,

betreffend dte Anstellung von Kretsstraßenmeistern.

In Ausführung deS Gesetzes vom 12. August 1896 den Bau und dte Unterhaltung der Kuuststraßen im Groß« herzogthum betreffend find die Großh. Straßenmetster

Wilhelm Braun zu Gießen und Christian Förster zu Sich, sowie dte bisherigen Beztrksbauaufseher des Kreises Gießen:

Heinrich Listmauu zu Hungen, Angust Maringer zu Grünberg, Hugo Rohrer zu Gießen und Peter Seußfelder zu Gießen zu Kreisftraßeumeistern des Kreises Gieße« mit Wirkung vom 1. April I. I. ab ernannt worden.

Gießen, den 27. März 1897.

GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen, v. Gag ern.

Deutsche* Aeich»t«g

200. Sitzung. Montag den 29. März 1897.

Bor dem Präsidenten, auf dem Präfidtaltische, prangt aus Anlaß der 200. Sitzung ein prächtiger Blumenstrauß, für welche Ehrung drr Prästdent den freundltchm Gebern seinen herzlichen Dank cusspricht.

DaS Haus setzt die dritte Lesung deS Etats fort beim Etat les Reichsschatzamts.

Auf eine Beschwerde des Abg. Graf Stolberg über die Art bet Eontingenttrung bei der Zuckersteuer erklärt Schatzsecretär Graf Bosadowsky: Laut Gesetz könne sowohl der Betriebdsteuerpflicht wie der Contingentirung lediglich der fertige abgefertigte Zucker zu Grunde gelegt werden, nicht dte Menge des erzeugten Zucker«, letzteres würde auch schwierig zu verrechnen sein, weil man dann l B. die schwimmenden Producte mit in Ansatz bringen müßte, ll« Himmel der Zuckertndustrte stünden gerade jetzt verschiedene sehr dunkle Wolken, und es müsse daher Alles vermieden werden, waS mr Steigerung der Ueberproduction an Zucker beitragen könne.

Der Etat wird genehmigt, ebenso debattelos dte Etats des ttienbahnamls, der Retchsschuid und des Rechnungshofes.

Bat dem Etat des Pensionsfonds bemerkt Abg. Lieber lktr.): Abg. Galler habe bet Begründung seines in der zweiten Lesung abgelehnten Antrags betr. dte Abminderung der OsfizterS- nnfiontrungen dem Centrum vorgehalten, daß cS in Bayern einem ihrilichen Anträge zugestimmt habe. Thatsächlich bestehe inun aber bi Bayern eine solche Trennung von Commandogewalt und Mllitär- »uwaltung nicht, wie dies in Preußen der Fall sei. Herr Galler lonne daraus entnehmen, wie gefährlich es sei, hier für das Reich ib^uschretben. (Heiterkeit.)

Beim E'at deS JnvaltdenfondS stellt auf Anregung des Lb»tz. Grafen Oriola General v. Vtebahn fest, daß die Wittwen im Kriege Gefallener in Frankreich keineswegs besser gestellt seten.als bei uns. Auch dte Versorgung der Wittwen in Italien, Rußland raÄ Oesterreich stehe gegen dte bei uns im Allgemeinen zurück.

Auch dieser Etat, ferner Zölle und Verbrauchssteuern und Reichs- sitMpelabgaben wurden genehmigt.

Beim Postetat beschwert sich Abg. v. CzarlinSkt (Pole) über unregelmäßige Bestellung polnischer Zeitungen Seitens der Landbrtesträger, Abg. Krzymtnskt über verweigerte Postbestellungen an einen polnischen GutSbesttzer auf Grund seiner Namensschreibung, obwohl der Betreffende sich genau so schreibe, wie dies schon sein Großvater gethan.

UnterstaatSsecretär Fischer: Die betreffenden Empfänger hätten stch doch bet der Oberpostdtrectton beschweren sollen, dann wäre dort Abhtlse geschaffen worden. Aber dergleichen hier bet der dritten Lesung zur Sprache zu bringen, liege doch gar kein Anlaß vor.

Abg. Singer: Solche Votkommntfie sollten aber doch der obersten Postbehörde Anlaß geben, von selbst einzuschreiten. Der UnterstaatSsecretär hätte richtiger gehandelt, wenn er geantwortet hätte: ich werde mir dte Sache ansehen und eoent. dte nöthigen An­ordnungen treffen. (Rufe: Sehr richtig!)

Abg. Lieber (Ctr.): Seine Freunde würden sich von dem UnterstaatSsecretär keinesfalls Lehren darüber erthetlen lassen, was sie hier im Reichstage vorzubringen haben oder nicht. (Beifall.) WaS die Sache anlange, so habe stch der Gutsbesitzer ManSkt thatsächlich um Abhilfe an dte Oberpostdtrectton in Bromberg gewandt, aber zur Antwort erhalten, dte Oberpostdtrectton könne nicht helfen, weil der Landrath erklärt habe, der Mann heiße Manske und man solle ihm dte Postsachen aus den Namen ManSkt nicht aushändtgen. Seit wann laste stch denn dte Retchspostbehörde Vorschriften von einer preußischen Behörde machen? (Lebhaster Beifall.)

Unterstaatssecretär Fischer' Er habe dem Reichstage keine Lehren ertheilen wollen, sondern nur gemeint, eS wäre einfacher gewesen, wenn man sich an ihn gewendet hätte, ehe man die Sache hier zur Sprache brachte. Er behalte stch vor, den Fall zu unter- suchen, auch daS Verhältniß zu der Landesbehörde, 'aber natürlich könne er nicht ohne Weiteres Abhilfe versprechen, ehe die Untersuchung nicht erfolgt sei.

Abg. o. Kardorss (Rp.) bezweifelt, daß von einem Befehl des Landraths die Rede fein könne. EinePolenfrage" liege hier gar nicht vor, da ManSke evangelisch und deutsch sei.

Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.) bringt den Rechtsstreit zwischen der Postverwaltung und der Stadt Breslau wegen Anlegung von Telegraphenlinien über dte Straßenwege zur Sprache. Dte Stadt Breslau habe keineswegs etwas Unbilliges gefordert, denn sie habe nur für dte Anlegung besonderer Anlagen dte Einholung ihrer Ge­nehmigung verlangt.

Abg. Singer rügt, daß in Frankfurt a. M. 1b16jährige junge Leute mit Depeschenaustragen gegen ganz niedriges Entgelt beschäftigt würden. Da« schicke stch überhaupt nicht für die Post- verwaltung, ganz abgesehen davon, daß es bet der Depeschenbesörde« rung zuverlästtger Leute bedürfe.

UnterstaatSsecretär Ft sch er erwidert, auch sür aushilfsweise Beschäftigung sei das Alter von mindestens 18 Jahren vorgeschrteben; er werde den Fall prüfen und eoent. Abhilfe veranlassen.

Die Abgg. Wenders und Hammacher bemängeln die wider­spruchsvolle Art der Regelung des telephonischen Verkehrs mit Vor­orten und fragen dann wegen des Standes der Dinge in Breslau an.

Geh. Rath Scheffler: Wir haben eben da, wo sich die Roth« Wendigkeit als eine zwingende herausgestellt hat, von dem Princip der Erhebung von Pauschalvergütungen im Vorortverkehr abgehen müssen. Was die Angelegenheit in Breslau anlangt, so würde «S viel Schreiberei geben, wenn wir jedeSmal für einen Draht die Ge­nehmigung der Stadt einholen müßten. Es handelt sich da eben noch um einen schwebenden Rechtsstreit und ich kann darüber nichts weiter sagen.

Abg. v. Liebermann kommt auf den Fall Bashford kurz zurück und constatirt, daß fast die gesammte deutsche Presse die Partei des betreffenden Beamten genommen habe. Redner wünscht sodann noch mehr Sonntagsruhe für die Beamten, speciell für die Unterbeamten.

Abg. Werner bringt verschiedene Beschwerden vor: in Hannover sei den beamteten Damen das Austreten verboten; in Berlin sollten fie nicht mit dem Fahrrad zum Dienst antreten dürfen rc.

Unterstaatssecretär Fischer erwidert, für die Sonntagsruhe der Unterbeamten sei durch ausdrückliche Vorschriften gesorgt, der Mißgriff des Vorstehers in Hannover habe bereits seine Correctur gefunden. Herrn Singer müsse er noch erwidern, daß man in Frank­furt e. M., wie er soeben telephonisch erfahren habe, von der An­stellung jugendlicher Personen im Accordlohn gar nichts wisse.

Der Titel Staatssecretär wird genehmigt.

Abg. Müller-Sagan befürwortet sodann seine Resolution betr. Gleichstellung der Civil- und Militäranwärter bei Besetzung der Affistentenstellen.

Die Resolution, der Unterstaatssecretär Fischer widerspricht, wird angenommen und debattelos der Rest des Postetats und der Etat der Reichsdruckerei erledigt. Desgleichen ohne bemerkenswerthe Debatten der Rcst des GesammtetatS und das Etatsgesetz. Schließ­lich wird der Etat in der Gesammtabstimmung angenommen.

ES folgt die Interpellation v. Czarlinskt, dte Auflösung von polnisch redenden Wählerversammlungen betr.

Staatssecretär v. Bötticher theilt mit, daß der preußische Minister des Innern Anweisung ertheilt habe, fortan Versammlungen nicht lediglich wegen Gebrauchs der polnischen Sprache auszulösen. Damit sei das Nöthige geschehen und für den Reichskanzler liege kein Anlaß vor einzuschreiten.

Morgen 1 Uhr: Besprechung der Interpellation, Handwerker­vorlage. (Schluß 5Vt Uhr.)

Wolff« telegraphische« SorrespLndery-BurcsL.

Breme», 29. März. Der deutsche DampferKönigin Louise" pasfirte Cap Lizard auf dem Wege nach Falmouth mit einer Beschädigung der Rudereinrichtung. Nach der Aus» befferung des Schadens wird der Dampfer die Reise nach Newhork fortsetzen.

Bremen, 29. März. Heute Nachmittag fand auf der Werft der AktiengesellschaftWeser" der Stapel lauf de-

sür die kaiserliche Marine bestimmten Kreuzer- zweiter Klasse statt, der einen in jeder Beziehung guten Verlauf nahm. Der Crbgroßherzog von Oldenburg vollzog die Taufe int Namen des Kaiser-; daS Schiff erhielt den Namen Victoria Louise". Nach dem Stapellauf fand im Musenm ein große» Festessen statt.

Karlsrnhe, 29. März. Der Hofbericht derKarlr. Zig." meldet: Der Kaiser verband die Verleihung de- Großkreuzes de- LuisenordenS an die Großherzogin von Baden mit den wärmsten Versicherungen treuer Verehrung für seine geliebte Tante, dabei zurückblickend auf die langjährige Thätig- keit der Großherzogin in Gemeinschaft mit ihrem Vater, Kaiser Wilhelm I., sür dessen Wohlergehen die Großherzogin in treuer Liebe und Fürsorge wirkte. Der Kaiser stiftete das Großkreuz de- LuisenordenS ganz besonder- für die Großherzogin im Anschluß an da- ihr bereits früher ver­liehene Commandeuikreuz, und zwar nur für diese einzige Verleihung.

Athen, 28. März. HavaS. Die Entscheidung über den Erlaß der Kriegserklärung hängt von den Er­gebnissen der Unterhandlungen ab, die in Europa eingeleitet worden sind. Die Abreise deS Kronprinzen wird hier all­gemein al- Anzeichen dafür aufgefaßt, daß Griechenland seine endgiltige Entscheidung getroffen habe.

Athen, 28. März. HavaS. Der König empfing den bisherigen Secretär der russtschen Gesandtschaft, Bachmetjew, welcher zum diplomatischen Agenten in Sofia ernannt worden ist, in Abschiedsaudienz und gab von Neuem die Erklärung ab, daß ein Zurückweichen Griechenlands un­möglich fei.

Knnea,29 März. Eine internationale Truppen- abtheilung von 300 Mann, Franzosen, Rusten und Italiener, geht heute nach dem Dorf Buzunarion ab, nm die Quellen, von denen die Waflerversorgung KaneaS abhängt, zu schützen und da- Fort Buzunarion, daS von den die Höhen besetzt haltenden Griechen bedroht ist, zu Vertheidigen.

Kauea, 29. Marz. HavaS. Herolde durchziehen die Stadt und rufen die Gläubigen auf, 'zum Kampfe gegen die Christen auszuziehen. Der Führer der Auf­ständischen, KarakaS, erklärte den Dragomanen der Consulate, die zu ihm in- Lager gekommen waren, daß er über Lebens­mittel auf 5 Monate und über 16 000 Mann verfüge.

Depefchen deS BureauHerolds

Berlin, 29. März. Wie dieStaatsbürger-Zeitung" wissen will, hat der Kaiser das EntlaffungSgefuch bei SraatSfecretärS Hollmann unter der Berficherung feine- unerschütterlichen Vertrauens und unter Worten wärmster Anerkennung nunmehr abgelehnt.

Berlin, 29. März. Wie derLocal-Anzeiger" aus FriedrichSruh berichtet, bessert fich das Befinden des Fürsten Bismarck langsam. Der Fürst steht bereit- zeitweise aus und geht im Zimmer spazieren. Geheimerath Schweninger ist gestern Abend von FriedrichSruh abgereist.

Berlin, 29. März. Die Aussichten für da- Zustande­kommen der Handwerker-Organisation find der Post" zufolge nicht fo ungünstig, wie vielfach behauptet wird. In Kreisen der Reich-partei herrsche vielfach eine günstige Auffassung.

Berlin, 29. März. Heute Mittag fand eine von etwa zehn Abgeordneten besuchte Sitzung der konservativen Fraktion des Reichstages statt, um zur Hand­werker-Vorlage Stellung zu nehmen. Es wurde be­schlossen, sür die Verweisung der Vorlage an eine Commission zu stimmen, um in dieser auf die dringend wünschenSwerthen Abänderungen der Vorlage hinzuarbeiten.

Berlin, 29. März. Die Osterferien de» Reichs­tages werden am 7. oder 8. April beginnen und voraus­sichtlich bis zum 27. April dauern.

Berlin, 29. März. Der frühere Direktor de- BundrS der Landwirthe, Dr. Heinrich SuchSland, ist in Halle gestorben.

Weimar, 29 März. Der Kaiser traf heute Vor­mittag 11 Uhr hier ein und wurde vom Erbgroßherzog io- Schloß geleitet. Die Beisetzungs-Feierlichkeiten begannen um 12 Uhr. Unter dem Geläute sämmtlicher Glocken setzte fich der Trauerzug von der Hofkirche zur Fürstengcuft in Bewegung. Nach dem 1. Bataillon dcs bter garnisonirenden Infanterie-Regiment- folgte zuerst die Dienerschaft und Hosbeamten, dann kam der Leichenwagen, hinter welchem die Söhne der Verstorbenen, geleitet vom König von Sachsen und vom Kaiser, schritten. Es folgten sodann die übrigen zur Leichenfeier eingetroffenen Fürstlich­keiten und Vertreter fremder Höfe. Hierauf folgte da- Staatsministerium, der commaudireude General de- 11. Armee-