1897
Nr. 306 Erstes Blak !DormerStag den 30. December
Der
IMom Anzeiger erlernt täglich, ■wt Lotvahmr M Montag».
Die Gießener
»erbte dem Anzeiger »»cheiuiick dreimal drigeiegl.
Meßmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Vier<elj8hriger ^£>omuauulspr<t»» 2 Mark 20 Pfy. «Ü vrrogcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Psg.
Redactiou, Expedttio» und Druderei:
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Amts- und Altzeigeblatt für beit Kreis Giegen.
| Hrati-S-il-g.- Ki-ßm» KamM<mMN-r.
Amtlichem TheiN
Bekanntmachung,
betreffend: Vorträge über Obstbau.
Herr Obstbautechniker Metz aus Friedberg beabsichtigt, die nachfolgend verzeichneten Orte de» Kreise» Gießen zu besuchen, um daselbst Borträge über Obstbau, ver- bnnden mit praktischen Uuterweisuvgeu an Obstbäumen, zu
halten:
Sonntag, den
Montag, „
DienStag, „
Mittwoch, „
Donnerstag „
Freitag, „
Samstag, „
Sonntag, „
2. Januar in Ober-Hörgern,
3. „ „ Eberstadt,
4. „ „ Dorf Gill,
5. „ „ Grüningen,
6. H „ Steinberg,
7. „ „ Garbeuteich,
8. h h dich,
9. „ „ Langsdorf.
Wn Wochentagen beginnen die Versammlungen Abend» 8 Uhr, au Sonntagen Nachmittags 3 Uhr. Den Herren Bürgermeistern und Obmännern gehen noch besondlre Mit* theilungen zu. Zahlreiche Betheiligung an den Versamm
lungen ist erwünscht.
Gießen, den 29. December 1897.
Der Vorsitzende des VereinSbezirks Gießen.
Dr. Wallau, RegierungSrath.
Japans Stellung in Ostafien.
Durch die von Deutschland eingelettete Expedition nach Ktao-Lschau ist daS Interesse für die in Ostafien herrschenden Zustände wieder reger geworden. Während man von China alS von einem dahin siechenden Staatswesen spricht, dessen vollständiger Zusammenfall nur noch als eine Frage der Zett angesehen wird, hat sich Japan eine so achtunggebietende Stellung erworben, Laß alle Mächte, welche nach einer Vor* Herrschaft in Ostafien streben, mit dem japanischen Kaiser* reiche als mit einem maßgebenden Factor rechnen müssen.
Auch Japan war früher allen übrigen Nationen ver* schloffen und die westliche Culrur fand keinen Eingang in diese» Reich. Erst in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts knüpfte Japan mit anderen Staaten Verbindungen au, schloß zuerst einen Handelsvertrag mit der uordamerikanischen Union und daun auch mit europäischen Reichen. Wirklich stauueuS* »erth find die Fortschritte, welche Japan seitdem auf allen Gebieten gewacht hat, mit Riesenschritten hat eS fich der europäischen Cultur genähert- ein so frischer Zug geht durch da» japanische Staatt leben, daß die Erwartung nicht allzu kühn ist, Japan werde binnen weniger Jahre Mt europäischen Nationen eiugeholt und manche derselben sogar, wa» freiheitliche Einrichtungen betrifft, überflügelt haben.
Der jetzige Mikado, MutS Hito, gilt als ein sehr iutelli- genier, wettsLaueoder Monarch, unter heften Regierung Japan den civilifirten Staaten fast ebenbürtig geworden ist, nachdem die Macht der vielen einzelnen kleinen Fürsten ge- brachen worden mx, und MutS Hito die Gewalt allein über* uommen hatte. Er gab dem Volke au» freien Stücken eine Berfaffuug, ein Srl.at und ein Repräsentantenhaus bilden die gesetzgebenden Körperschaften. Vielfach war freilich die Anficht laut geworden, daß Japan für solche „moderne" Einrichtungen noch nicht reif sei, aber die Lhatsachen haben gelehrt, daß das japanische Volk die ihm ertheilten Freiheiten zu schätzen weiß. „ , „
Eine große Anzahl Japave,' befindet fich — theilS auf Staatskosten — in den europäischen Ländern, um in allen Zweigen der Wissenschaft, der SraatSkuust, der Industrie und de- Handels aus eigener Anschauung die Fortschritte des Abendlandes kennen zu lernen uns auf ihre Hetmath zu übertragen. Ueberfall erfreuen fich diese Vertreter des MongoleuthumS großer Sympathien- sie find fleißig, höflich, genügsam und sehr bildungsfähig.
Großes Interesse an den Japanern Haden wir seit oem letzten chinesisch-japanischen Kriege genommen, wo die Intelligenz einen so glänzenden Sieg davon getragen hatte. Die von der Tokioer Regierung seitdem gemachten Anstrengungen zur Vervollkommnung der Land* und Seemacht Japans lassen darauf schließen, oaß letztere» größere Ziele verfolgt und vielleicht einmal für die Bevormundung, die eS sich bei dem Friedensschlüsse mit China seitens der europäischen Mächte gefallen lassen mußte, bitter rächen wird. ES strebt nach vollster Selbstständigkeit und sucht anscheinend daS Ziel zu erreichen, ohne Hülfe einer anderen Macht fich jedem Staate mit AnSficht auf Erfolg enrgegeustellen zu ttnne*.
Daß daS Vorgehen Deutschlands in China von der
japanischen Regierung aufmerksam verfolgt und auch vom Volke gebührend gewürdigt wird, versteht fich von selbst. Mehr aber noch wird die Haltung Rußlands beobachtet, da allem Anschein nach dieser Staat einmal der Hauptrtvale Japans in Ostafien werden wird. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach haben Diejenigen Unrecht, welche glauben, Japan werde fich jetzt auf gewagte Abenteuer einlaften, und das Auslaufen einet starken Geschwader» auS dem Hafen von Nagasaki bedeute den Anfang einer activen Politik Japan-. Letztere ist zwar immer energisch gewesen, aber niemal» tollkühn und stets ernst und erwägend. Daß die maßgebenden Personen in Tokio fich über die deutsche Expedition In Ktao Tschau allzuviel Kopfzerbrechen machen, glauben wir nicht, denn ein politische» Uebergewtcht in Ostafien anzustrebev, hat Deutsch, land keine Brranlassuug. Viel eher wird mau in Japan, wie schon oben gesagt, daS Vorgehen Rußlands mit Aufmerksamkeit verfolgen.
Augenblicklich ist in Japan eine inuerpolitische Krifi» anSgebrochen: das eben erst zusammengrtretene Abgeordnetenhaus wurde aufgelöst und der Ministerpräfident, sowie der Marinemtntster haben ihre Demission gegeben. Man nimmt an, daß die Unzufriedenheit mit einzelnen Vorgängen auf dem Gebiete der äußeren Politik die KrtfiS herbeigeführt haben, namentlich die Niederlagen, welche die Regierung in Hawaii und Korea erlitten hat. — In letzterem Staate macht der russische Einfluß immer mehr Fortschritte, waS wohl am besten daran» hervorgeht, daß der englische Zollbeirath Brown in Toeul durch einen Ruston ersetzt worden ist, welcher die gesammte Fiuanzverwaltnng Korea» leiten soll. Man vermuthet, daß dieser neue „Bei« rath" ein unabsetzbarer Finanzminister ist, der seine Directiven au» Petersburg erhält, und fieht in Tokio darin eine Verletzung de» zwischen Rußland und Japan bezüglich der Un« abhängi.gkett Koreas abgeschlossenen UebereiukommenS. Der Einfluß Japans wird auf Korea immer geringer und eS fieht die Früchte seiner Erfolge im Kriege mit China mehr und mehr schwinden. Daß dies in Tokioer politischen Kreisen schmerzlich empfunden wird, ist nur zu natürlich, ebenso daß man die Regierung für diese Vorgänge verantwortlich macht. Die Oppofitton im Abgeordnetenhause hatte insolgedrssen auch eine bedeutende Stärkung erfahren, weßhalb das Parlament aufgelöst wurde. Da im Allgemeinen aber in Japan ganz gesunde Politische Verhältnisse herrschen, so steht zu er* warten, daß die Krifi» bald vorüber gehr und auf die internationale Stellung des Reiches keinen schädigenden Einfluß ausübt.(XX)
Wolff» telegraphische« SorresporrLMz-Bure«.
toten, 28. December. Der niederösterreichische Landtag ist heute mit einem begeistert aufgenommrnen Hoch auf den Kaiser Franz Joseph eröffnet worden. ES wurden Interpellationen eingebracht wegen de» Verhaltens der Polizei bei den jüngsten durch die Srudeuten verursachten Demonstrationen, sowie wegen der Aufführung des Theaterstücke» „Bürgermeister" von dem Direktor de» Hofburgtheaters Burckhardt, welches die Thättgkeit der Beamten abfällig kritifirt. Ferner wurde ein DrtnglichkeitSantrag eingebracht, der die gesetzliche Feststellung der deutschen Sprache als Unterrichtssprache an den Volks- und Bürgerschnlen Nieder- österreichs angefichtS dec tschechischen Agitation verlangt.
Wien, 28. December. Außer dem uiederöfierretchischen Landtage wurden heute die Landtage von Steiermark, Galizien, Schlefieu, Kratn und Görz-GradiSka eröffnet. Im Landtage Görz-GradiSka erschienen nur die italienischen Abgeordneten. Der Landeshauptmann bedauerte das Fernbleiben ser S'.ovenen. Eine Sitzung wurde wegen Beschlußunfähigkett nicht abgehalten.
Pari», 27, December. Panamaprozeß. Die Blätter sehen, nachdem der Staatsanwalt die Anklage gegen Gaillard, Rigault, Laisant und Boyer hat fallen laffen, eine allgemeine Freisprechung voraus. — Der Director der Komischen Oper, Carvalho, erlitt einen Schlaganfall. Sein Zustand ist sehr bedenklich.
tzavauah, 28. December. General Blanco veran- staltetc zu Ehren der Osfiziere de» im htefigen Hafen liegenden deutschen Schulschiffe» „Stein" ein Banket. Die deutschen Osfiziere erhielten überall Beweise großer Sympathie. , , , .
Havanah, 28. December. Die Spanier haben in der Nähe von Baire ein Lager der Aufständischen genommen, welche bet dem Zusammenstöße große Verluste
Nevystt, 28. December. Die gestrige Meldung der
„Eoening World" über eine Schlacht auf Kuba entbehrt jeder Begründung.
Depeschen M Bure« Herold.*
Berlin. 28. December. Zu der gestrigen Mittag»- täfel beim Kaiserpaar war auch Staat»miuister v. Bötticher geladen.
Berlin, 28. December. Der au» Rom wieder hier ein- getroffene Bischof Anzer ist vom Kaiser für heute Abend nach dem neuen Palais zur Audienz geladen worden.
Berlin, 28. December. Da» Requiem für die .ver- storbeue Fürstin Hohenlohe fand heute Vormittag nm 11 Uhr in der HedwigSkirche in feierlicher Weise statt. Der Kaiser ließ fich dabet durch den Prinzen Friedrich Leopold vertreten, welchem fich seine Gemahlin angeschloffen hatte. Sämmtltche fremde Fürstlichkeiten waren osficiell vertreten. Bon der Familie erschien nur der Erbprinz und die Erb- Prinzessin. DaS diplomatische CorpS war, soweit e» tu Berlin anwesend, vollzählig zur Stelle, ebenso die Vertreter der Reichsämter und zahlreiche Osfiziere.
Berlin, 28. December. Als Nachfolger des Würzburger Bischof- v. Stein wird der Münchener Domcapitular Dr. Lechyer genannt.
Berlin, 28. December. Der bekannte Abgeordnete Wilhelm v. Kardorff begeht am 8. Januar seinen 70. Geburtstag. Die Reichspartei, zu deren Führern Herr v. Kardorff zählt, hat ihm an seinem 70. Geburtstage besondere Ehrungen zugedacht.
Berlin, 28. December. Au» Haiti find hier briefliche Nachrichten eingegangen, denen zufolge die Mitglieder der dortigen deutschen Colonie vor dem Eintreffen der deutschen Kriegsschiffe „Charlotte" und „Stein" in ihrer Sicherheit gefährdet gewesen find, sodaß auf Wunsch des deutschen ConsulS die Hamburg-Amerika-Ltnie ihre Dampfer „Slavonia" und „Galtcia" nach Port-au Prince beorderte, um die Deutschen an Bord zu nehmen. Die Mitglieder der Colonie fanden auf den Hamburger Handelsschiffen Aufnahme, bis die Kriegsschiffe eintrafen.
Wiener Renstabt, 28. December. Bet MuthmannSdorf hat ein großer Bergsturz stattgefunden. Eine Bäuerin wurde von den Steiumaffen verschüttet und getödtet.
Prag, 28. December. Der Bürgermeister von Wrschowitz sawmt seinen beiden Knechten wurden verhaftet. Die Verhaftung soll mit den Exceffen gegen die dortige deutsche Schule in Verbindung stehen. Auch soll der Bürgermeister an den Diebstählen, welche in letzter Zett auf dem Staatsbahnhofe verübt wurden, betheiligt sein.
London, 28. December. Eine Wiener TtmeSmeldung besagt, zwischen Berlin und Wien sei ein Meinungsaustausch über die Besetzung Kiao-TschauS gepflogen worden. Dem Bernehmen nach war da» Ergebuiß, daß jede Aenderung der bisher von Oesterreich im fernen Osten verfolgten zurückhaltenden und beobachtenden Pvlittk nunöthig erachtet werde.
Gibraltar, 28. December. Gestern Nachmittag landete Prinz Heinrich von Preußen und stattete dem englischen Gouverneur einen Besuch ab. Dieser gab Abend» zu Ehren deS Prinzen ein Diner. Da« deutsche Geschwader hat heute bereite die Reise fortgesetzt.
Washington, 28. December. Die „World" meldet au» Havanna, daß am 24. December zwischen den Ausständischen und Spaniern eia heftiger Kampf stattgefundeu hat. Die beiderseitigen Verluste find sehr groß. Wie eS heißt, soll ein spanischer General getödtet worden sein.
verliu, 29. December. Zu dem Diner bei de« Kaiserpaar, welche» im Neuen PalaiS um 8 Uhr stattfand, waren außer Bischof Anzer auch der StaatSseeretär v. Bülow und der neue deutsche Gesandte in Japan, Graf Leyden, geladen. — Die Ueberfiedelung deS HoflagerS nach dem hiesigen Schlosse wird am 10. Januar erfolgen.
Berlin, 29. December. Eine internationale Anarchistenbaude, welche Falschmünzerei betrieb, wurde, wie da» „Berl. Tagebl." aus Brüssel meldet, von der Polizei auSgehoben. Beim Eindringen der Polizei in dessen Versammlungsräume feuerten die Anarchisten Revolverfchüsse ab, wobei ein Polizeiagent tödtlich verletzt wurde.
Pari», 29. December. Nach achttägigem Aufenthalt in Pari» begab fich der Caudtdat für den Gouverneur- posten von Canea, Petro vic, über Wien nach Cettiuje zurück. Petrov c, welcher in Paris seine theoretisch-militärische Bildung genoß, gilt al» Anhänger deS Planes, den Mace- donieru da» verlassen deS Innern Kretas dadurch zu erleichtern, daß im Wege der Grunderttlastung für eine entsprechende Ablösung ihrer »efitzthümer gesorgt werde.


