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30.9.1897 Erstes Blatt
 
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e« ihr ermöglichte, ihren Vortheil zu wahren, der darin bestand, daß fie keinen der fie Umwerbenden bevorzugte. Allabendltv war fie der Mittelpunkt dieser kleinen Gesell­schaft, in der fie stet- in derselben gleichgiltigen und harm­losen Weise mit den Thetlnehmeru verkehrte.

So schwand die Zett- ihr dreimonatliches Engagement neigte fich seinem Ende zu.

Da trar eines Tages ein Herr au fie heran, der ihr den Vorschlag machte, als ihr Impresario thättg zu sein. Er setzte ihr die Bortheile auseinander, die ihr auS den Diensten eine- geschäftsgewaudten Mannes erwachsen würden, und fie willigte ein.

Sechs Monate zog fie nun von einem Orte zum andern, überall Beifall und Geld einheimsend. Sie tanzte bald hier, bald dort, und trotzdem blieb fie dieselbe. Sie vergaß nie, daß fie von niederer Herkunft war und daß ihr schnell er­worbener Befitz auch wieder schnell verloren gehen könne, daß fie wieder arm werden könne, wie es einst war- und fie fürchtete fich so sehr vor der Armuth. Das große Elend, da- fie im Elternhause hatte kennen gelernt, stand ihr leb­haft vor Augen. Armuth und Elend hatten ihre Jugend vernichtet, hatten die Sorglosigkeit, die ihren Jahren ge­bührte, im Keime erstickt und hatten eine Gleichgiltigkeit gegen alles in fie htneiogepflanzt, die nur dann schwand, wenn es fich um ihren Beruf, in dem fie einzig und allein bloß die Quelle sah, deren Ertrag fie vor Entbehrungen schützte, handelte.

Selbst der Beifall, den man ihr darbrachte, war ihr beinahe gletchgiltig- fie betrachtete ihn nur als das Ergebniß der Befriedigung einer vergnügungssüchtigen Menge, die den Jammer der gänzlichen Mittellosigkeit nicht kannte, so wie fie ihn gekannt, die nicht wußte, daß bittere Armuth einen Menschen schließlich brutal machen könne, wie eS bet ihrem Vater der Fall war, der nicht davor zurückschreckte, ihre Mutter zu mißhandeln.

Seitdem fie ihre Eltern unterstützen konnte, war eS ja anders geworden. Aber selbst das Glück über diese Aende-

rung konnte bei Fifi nicht recht zur Geltung kommen, weil die Furcht, daß die Armuth dennoch wieder etnkehreu könne, nicht weichen wollte.

Diese große Furcht war e- auch, die fie vor jeglichem Leichtsinn schützte. Sie gab ihr eine Ueberlegenheit im Ver­kehr mit den Menschen, die sie für viele um so begehren-- werther machte.

Ihre Anbeter und fie hatte deren viele sprachen von einem großen Herzeleid, das ihr widerfahren sein wüffe, und dieses Herzeleid vergeffeu zu machen, war der Wunsch eines jeden von ihnen. Aber fie hatten sämmtltch kein Glück bet dieser kalten Schönheit, fie wurden zurückgewieseo, so ernst ihre Abfichten auch waren.

Nur einer fand Guade vor den Augen FtfiS. ES war keiner jener eleganten Lebemänner, eS war ein ernster, ge­setzter Mann, der, nicht mehr jung an Jahren, ein Leben harter Arbeit und Erfolge hinter fich hatte.

Zu diesem Manne faßte Ftfi Vertrauen. Der kannte die Armuth und wußte, was Entbehren heißt, der würde fie schützen können, deffeo Werbung schenkte fie Gehör.

Als er ihr seine Liebe gestand und fie bat, die Seine zu werden, da sagte fie freudig ja. Auch seiner Forderung, der Bühne den Rücken zu kehren, kam fie um so lieber nach, al- fie ja nur die Noth dahin getrieben. Und für ihre Eltern hatte er ja versprochen sorgen zu wollen.

Da kam etwas wie Erlösung über fie und die Ruhe kehrte in ihr zurück. Dieser Mann war tausendmal mehr im Stande, die Noth und das Elend von den Ihrigen zu bannen, als fie selbst.

Dankbarkeit und Glück zogen in Fifis Herz, und mit diesen kam die Liebe.

Heute sieht man eS der Fabrikautengattin nicht mehr an, daß fie einst au» der Armuth heraus aus die Bühne sprang, um Geld zu verdienen, da sie da» Elend im Eltern- Hause nicht länger ertragen konnte.

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1897

Nr. 229 Erstes Blatt Donnerstag den 30 September

Der Gießener erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

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Parlamentarische Arbeiten.

Bekaoutltch ging vor nicht allzu langer Zeit eine halb- o'ficiöse Notiz durch die Prefle, in welcher die Ueber- Production an Gesetzentwürfen und parlamentarischen Vor­lagen einer scharfen Kritik unterzogen und darauf hingewtesen wurde, daß künftig nur die allernothwendigsten Arbeiten den gesetzgeberischen Körperschaften vorgelegt werden sollen. Im Allgemeinen haben diese Ausführungen in der Oeffeutlichkeit volle Billigung gefunden - denn thatsächlich waren in den letzten Jahren unsere Parlamente derartig mit Arbeiten überhäuft, daß regelmäßig trotz sehr langen Dauer der Sessionen eine Reihe von Vorlagen zurückgesetzt werden muhten. Als im Reichstage die chronische Beschlußunfähigkeit eingetreten war, wurden immer mehr Stimmen laut, welche forderten, daß diese Körperschaft entlastet werde, und darlegten, daß kürzere Sessionen die Arbeitsfreudigkeit der Abgeordneten nicht auf eine so scharfe Probe stellen würden. Dazu gehört freilich, daß nur die allernothwendigsten Vorlagen dem Reichstage Überwiesen werden, daß insbesondere Gesetzentwürfe, die von vornherein ganz aussichtslos sind, nicht erst an den Reichs­oder Landtag gehen. Soweit fich bis jetzt übersehen läßt, wird die nächste Session des Reichstages nur von sehr kurzer Dauer sein - sollte die Militärstrafprozeßordnung wirklich auf die Tagesordnung gesetzt werden, so ist genügend Zeit für die Berathung vorhanden und einer eingehenden Erörterung -er schwierigen Materie ein breiter Raum gelaffen. Und eS scheint wirklich so, als wolle Reichskanzler Fürst Hohenlohe sein dem Reichstage gegebenes Versprechen jetzt einlösen und di- Reform an daS Parlament bringen. Ob der Inhalt freilich den Wünschen der Mehrheit oeS Volke- entspricht, dürfte zweifelhaft sein- eS ist immerhin kein gutes Zeichen, daß man im BundeSrathe nur über die äußere Form de- »leuen Gesetzes lange debattier hat und insbesondere über die den größeren Bundesstaaten bezüglich des MtlilärstrasprozefieS zustehenden Reservatrechte in Erörterung getreten ist. Und die Hauptsache bleibt doch, daß der Mllt.ärstrafprozeß künftig nicht mehr nach den, alten, vermoderten Grundsätzen gehand­habt, sondern auf den der Neuzeit entsprechenden Anschauungen aufgebaut wird. Nur noch eine kurze Spanne Zeit und wir werden hoffentlich erfahren, wie die Regierungen den Inhalt der Reform gestaltet haben.

Die Justizreform ist bekanntlich io- Waffer gefallen, trotzdem ihre Erledigung eine dringende Nothwendigkett ge­worden ist. Da die Regierung auf die Wünsche der Volk-- Vertretung keine Rücksicht nehmen will, der Wunsch nach Ein-

führunq emzelner Punkte der Reform aber so laut geworden ist, daß er nicht gut mehr überhört werden kann, so will man, wie verlautet, einen Gesetzentwurf einbrtngeu, welcher die Entschädigung unschuldig Berurtheilter regelt. Daß da­mit einer allgemeinen Forderung deS Volkes genügt wäre, braucht nicht besonders betont zu werden- das RechtSbewußt- setn fordert eine solche Entschädigung. Hoffentlich erfüllt sich die Erwartung, daß kürzere Sessionen die Beschlußunfähig- kett des Reichstags vertreiben werden, zum Ansehen unserer BolkSvertretungS-Justilutton hatte der Zustand während der letzten Sessionen wahrlich nicht beigetragen. (xx)

Wolff» telegraphisches Eorresvondmz-Bureau.

Bremen, 28. September. Auf einen dem Kaiser vom Norddeutschen Lloyd unterbreiteten Bericht über die Resultate der ersten Reise des Schnelldampfer-Kaiser Wilhelm der Große" empfing die Firma vom Kaiser au- Rominten die folgende Antwort:Ihre so überraschende Meldung hat wich von ganzem Herzen gefreut. Die un­erreichte Leistung gibt Zengniß von der Zuverlässigkeit der Werft, wo da- deutsche Schiff entstanden und entspricht dem hohen Namen, den e- trägt. Möge unser Schiffsbau stets wie jetzt vorwärts strebend unerreicht bleiben und nur das denkbar Beste an Schiffen Ihrer bewährten Gesellschaft und Bremen- Flagge zuführen. Wilhelm I. R.

Leipzig, 28. September. Der Großherzog von Baden richtete demLeipz. Tagebl." zufolge an Professor Carl Biedermann zum 85. Geburt-tage folgende- Tele­gramm :Mainau, 27. September. Ich entnehme -en Zeitungen, daß Sie in voller Rüstigkeit den 85. Geburt-tag begehen durften. Gestatten Sie mir den Ausdruck herzlicher Glückwünsche zum Eintritt in ein neues Lebensjahr, dem noch viele folgen mögen. Verehrend gedenke ich Ihrer tzetS freu­digen patriotischen Thätigkeit."

Wien, 28. September. DiePolit. Corresp." meldet auS Konstantinopel, die Pforte habe beschlossen, nach Annahme de- VorsriedenSvertrageS seitens Griechenlands zwei Drittel der OperattonSarmee in Thessalien und Janina, d. t. etwa 75,000 Mann RedisS, zu verabschieden, während 40,000 Mann NizamS bis auf Weiteres in Thessalien verbleiben sollen. Der Krteg-minister soll mit der Vor­bereitung dieser Maßregel beschäftigt sein.

Wien, 28. September. Auf dem von der StaatSeisen- bahnltnie bei Klein-Schwechat abzweigenden Jnduftriegeletse

der Dreher'scheu Brauerei stießen zwei Güterzüge zu- fammeu. Der Heizer und Locomottvführer wurden getödtet und zwei Arbeiter schwer verletzt.

Madrid, 28. September. Die Verhaftung von sieben Individuen erfolgte infolge von Anzeigen über ein anar­chistische- Complott. Auf eine weitere Anzeige be­schlagnahmte die Polizei in der Straße Bravo Morillo Explofionsmaschtnen und verhaftete noch ein Individuum, von dem mau glaubt, daß e- ein Anarchist sei.

Depesche» de- Bureau »Herold.-

Berlin, 28. September. Nach derDanziger Zeitung" dürfte e- nunmehr feffftehen, daß der Kaiser zum Stapel­lauf de- großen LlohddampferSKaiser Friedrich" ant 5. October nach Danzig kommen wird.

Berlin, 28. September. Die Mutter des ertrunkenen Herzog» von Mecklenburg, die Großherzogin Marte, hat der Gesellschaft für Rettung Schiffbrüchiger die Summe von 10000 Mk. zur Verfügung gestellt.

Berlin, 28. September. Die Verleihung de- Groß- kreuzeS des bayrischen Militär-Verdienstordens, des Groß- kreuzeS des italienischen Mauritius- und LazarusordenS, sowie deS GroßkrenzeS des fiamesischen weißen Elefanten-OrdenS an den KriegSmtnister v. Goßler wird heute amtlich publicirt.

Berlin, 28. September. DemBerl. Tagebl." wird aus Madrid telegraphirt, die Regierung dementtrt entschieden das Gerücht, daß Spanien wegen seines Conflicte» mit Amerika in der Cuba-Frage die Intervention Europas anrief. Die Antwort Spaniens auf das jüngste Bermitte- lungsangedot Mac Kinleys fei bereit- fertig. Darin wird das Angebot heftig aber energisch abgelehm, o lauge die Auf­ständischen nicht die Waffen niederlegen. Trotz der beschwich­tigenden osficiösen Erklärung macht die Tharsache, daß der amerikanische Gesandte daS Gesandtschaft-Hotel nicht bezieht und seine Familie in Biarritz ließ, den Eindruck, als ob derselbe den baldigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und Nordamerika Voraussicht.

Berlin, 28. September. Durch die Ernennung des Bot- schasterS v. Bülow zum Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten werden Veränderungen im dtplo- matischen Dienst nothwendig. Die an diese Tharsache in der Presse geknüpften Combinationen werden derRat.- Zrg." theil» als verfrüht, theilS als völlig in der Luft schwebend bezeichnet, da noch keine endgültige Entscheidung getroffen sei.

Feuilleton.

Das Glück rrtanjt.

Skizze von Martin Behrend.

(Schluß.)

Sie konnte auch in der That mit ihrem Debüt zu­frieden fetn. DaS Publikum klatschte sie unaufhörlich heraus und die Vertrauten de- Hauses luden sie gemeinschaftlich ein, einige Stunden mit ihnen nach Schluß der Vorstellung zuznbrtngen.

Und nun saß fie im Kreise dieser Lebemänner und unterhielt fich mit ihnen, als sei ihr dieser Umgang etwa- Altgewohnte».

Seitdem fie aus so häßlichen Verhältnissen in eine behag­liche Gegenwart versetzt worden, war eine Ruhe Über fie gekommen, die alles Unerwartete, das an fie herantrat, wenig wirkungsvoll wachte. Sie fühlte fich so ficher in ihrer Stellung, daß es gor nicht des außerordentlichen Er­folges bedurft hätte, um fie zufrieden zu machen. Ihre Kunst, die sie auf der Straße erlernt hatte, hielt fie für etwas Selbstverständliches, und der große Beifall, den fie errang, machte fie nicht im Geringsten übermüthig. Sie sand nur, daß das Publikum auch mit kleinen Leistungen zufrieden gestellt werden konnte, wenn diese nur in einem hübschen Rahmen geboten wurden- und ein solcher waren ihre Coftüme. Daß fie mit ihrer schönen, interessanten Er­scheinung da» meiste zu ihrem Erfolge beitrug, -wußte fie nicht. Sie war viel zu gletchgiltig, um in ihrem Aeußeren etwas Sieghaftes zu erblicken. Deßhalb nahm fie auch alle Huldigungen, die ihr an diesem Abend entgegengebracht wurden, sehr ruhig auf. Da», was ihr diese gewandten Herren sagten, hatten selbige ja auch schon vielen anderen var ihr gesagt. ES kam ihr vor, als seien alle diese Worte gar nicht an fie persönlich gerichtet, al» sei es nur Gewöhn- heitSfache dieser Lebemänner.

Au- dieser Anficht gewann fie eine Ueberlegenheit, die