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Der
Lietzener Anjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Hratisbeitage; Hießener Kamikienötätter.
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Lyeil.
Gießen, den 26. August 1897.
Betr.: „AuSgewählte Biblische Erzählungen oul dem Alten und Neuen Testament." Mit einem Vorwort von P. Faulhaber-Stuttgart.
Die
Orotzh. Kreis-Schulc-mmiOM Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Im Verlag von Carl Malcomes in Stuttgart ist das rubr. Merkchen erschienen, das dem Lehrer als geeignetes Hilfsmittel zur Vorbereitung für den Unterricht in der Biblischen Geschichte auf der Unterstufe empfohlen werden kann. Der Ton und die Sprache sind herzlich und für das Kind sehr wohl geeignet, die Darstellungsweise geschickt und anschaulich. Wenn auch die Auswahl des biblischen Stoffes nicht genau dem in Hessen eingeführten Lehrbuche entspricht, so kann das Buch doch gute Dienste thun, namentlich können jüngere Lehrer daraus lernen, wie man anschaulich und zu dem Herzen des Kindes redend die biblischen Geschichten erzählt.
Wir beauftragen Sie, die Ihnen unterstehenden evangelischen Lehrer und Lehrerinnen auf das Werkchen aufmerksam zu machen.
I. V.: Dr. Wagner.
Bekanntmachung.
Nach Beschluß deS Ausschusses deS landwtnhschaftltcheu BezirksvereinS des Kreises Gießen soll gelegentlich der Ab- Haltung des Viehmarktes zu Hungen, Montag den 20. September 1897 auf dem Viehmarktsplatze daselbst, eine Vieh- VreiSvertheilung veranstaltet werden.
Zur Ausführung der ViehpreiSvertheilung werden wohl zur Verfügung gestellt werden:
a) von dem landw. Bezirksverein Gießen 500 Mk.
b) von der Stadt Hungen 2OO Mk.
Zusammen 700 Mk.
I. Hebet die Verwendung der von dem landwirthschaft- lichen Bezirk-Verein zur Verfügung gestellt werdenden Mittel Preisen sind nachstehende Bestimmungen getroffen worden.
1) An der Ausstellung von Rindvieh können sich alle im Kreise Gießen wohnenden Viehzüchter, Viehhändler ausgenommen, betheiligen.
2) Sämmtliche aufzuftellende Thiere sind bis Morgens 9 Uhr aus dem Viehmarktsplatze (GraSsee) zu Hungen aufzutreiben und von den Besitzern auf den ihnen von der Commission angewiesenen Stunden aufzustelleo.
Nur pretswürdige Thier- werden prämiirt, und
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a) Bullen im Alter von 1 bis 2^ Jahren, b) Rinder, welche sichtbar trächtig find und c) Kühe, die sichtbar trächtig sind oder frisch ge- kalbt haben.
Die Thiere müssen von den Besitzern selbst gezüchtet oder zum Zweck der Zucht mindestens 2 Monate vor der Preisvertheilung erworben sein und folgenden Rassen angehöreu:
a) Bullen dürfen nur der reinen Vogelsberger oder der reinen Simmenthaler Rasse angehören.
b) Mutterthiere dürfen ebenfalls nur der reinen Vogelsberger oder der reinen Simmenthaler Raffe angehören, Mutterthiere der Simmenthaler Rasse werden aber auch dann prämiirt, wenn solche wenigsten- ausgesprochen des Simmenthaler Typus sind.
Unter sonst gleichen Verhältnissen erhalten selbst- gezüchtete Thiere bei der Prämiirung den Vorzug. Hinsichtlich der Bullen Simmenthaler Rasse ist urkundlich nachzuwetsen, daß solche entweder direct aus dem Siwmenthal eingesührt worden find, oder daß dieselben au- einer Reinzucht stammen.
An Preisen werden aus VereiuSmittelu gewährt: A. Für Bullen.
a) fürden schönsten BullenSimmenthalerRasse 45 Mk. b) „ „ „ „ Vogelsberger Rasse 45 „
cj ein Preis von.........40 „
d) „ » //.........30 „
e) zwei Preise ä 20 Mk...... 40 „
zusammen 200 Mk.
B. Für Kühe und Rinder.
a) zwei Preise a 35 Mk.......70 Mk.
b) „ „ ä 30 „......60 N
c) „ „ ä 25 „......50 „
d) zwei Preise ä 20 Mk.......40 Mk. ,
e) „ „ ä 15 „......30 „
f) „ „ ä 10 „.....- 50 „
zusammen 300 Mk.
II. Bezüglich der von der Stadt Hungen zur Ausführung der ViehpreiSvertheilung zur Verfügung gestellten Mittel in dem Betrage von 200 Mk. gelten ebenfalls vorstehende Bedingungen, jedoch sollen au- diesen Mitteln auch nicht im Kreise Gießen wohnende Züchter bet Vorsührung von preis- würdigem Vieh mit Prämien bedacht werden.
III. ES bleibt dem Ermessen der PrüfungS-Commisfionen überlassen, die bestimmten Preise innerhalb deS Gesammt- betrageS je nach der Güte der ausgestellten Thiere jeder Gattung auch zu übertragen.
Gießen, den 13. August 1897.
Der Direktor des landwirthschaftl. BezirksvereinS Gießen. Carl Jost, Regierungsraih i. P.
Großes im Kleinen.
Zu Goethes Geburtstag. 28. August.
Von Dr. Ernst MaaSburg.
(Nachdruck verboten.)
Nur der Mensch, nicht der Dichter und Gelehrte Goethe soll uns heute beschäftigen und nicht ein zusammenhängendes Bild seines Lebens können wir im Rahmen dieser wenigen Zeilen entwickeln, nur einige charakteristische Züge zum Ber- ständniß seiner großen Persönlichkeit wollen wir herauSgretfeu, als ein Festblatt zur Wiederkehr seines Geburtstages. Die Frage, was daS Privatleben ein-S großen Manne» die Mit- und Nachwelt überhaupt angeht, ist praktisch durch daS besonders hohe Interesse, welches wir dem Erdenwallen von uns verehrter Dichter und Helden entgegeubringen, längst gelöst, auch theoretisch ist dieser Charakterzug der Menschen gerechtfertigt, denn daS Genie mit all seinen glänzenden GeisteSspendcn will au4 dem Menschen und durch ihn ge- gewürdigt und begriffen werden.
So erblicken wir im vereinigten Bilde der Eltern die künftigen Gruudzüge deS Wesens deS Sohnes- der Vater: kalt, förmlich, pedantisch und ernst, aber wlffensdurstig, ordnungS- und wahrheitsliebend, dabei von stattlicher Figur und würdevoller Haltung- die Mutter: einfach, herzlich, zufrieden, vergnügt, voll Menschenkenntniß, Mutterwitz und Phantasie. Beide Charaktere finden wir in unserem Dichter wieder, von der Natur zu einem lebendigen Ganzen verbunden, vom Vater hat er die stattliche Figur, den ausrechten Gang, die gemessene Haltung, den Wissensdrang und den Drang, sich mitzutheilen, von der Mutter seine Liebenswürdigkeit, Großherzigkeit und die Anmuth seines WeseoS, die glückliche, liebende Natur, die Abneigung gegen Auf- regung. Die tiefe Erkenntniß dieser Thatsachen spricht sich schlicht, offen und schön in den köstlichen Versen auS:
Vom Vater hab' ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen;
Vom Mütterchen die Frohnatur, Di- Lust zu fabuliren.
Urahnherr war der Schönsten hold, Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, Das zuckt wohl durch die Glieder. Sind nun die Elemente nicht Aus dem Complex zu trennen, Was ist denn an dem ganzen Wicht Original zu nennen?
In gewisser Hinsicht bestimmend auf die Gedankenrichtung und den Ehrgeiz de- Jünglings wirkten zwei zufällige Umstände von der Art ein, wie sie Diejenigen, welche Ursache und Wirkung gewohnheitsmäßig zu verwechseln Pflegen, „sonderbar" nennen würden. Heber der Thür seines väterlichen Hauses befand sich eine Leier mit einem Stern — und ein Dichter sollte das HauS berühmt machen. Möglich, daß der Knabe oftmals sinnend vor dem Symbol gestanden und durch seinen Anblick eine Reihe von Wünschen und Träumen in sich angeregt fühlte. Der zweite Hmstand stellte sich in der Constellation dar, in der er geboren wurde. Diese war, seiner eigenen Angabe nach, „glücklich". Die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und culminirte für den Tag- Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig- Saturn und Mars verhielten sich gleichgiltig- nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seine» Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher elntreten konnte, als bis diese Stunde vor- übergegangen. Diese guten Aspekten wußten ihm die Astrologen „in der Folge sehr hoch anzurechnen."
In zahlreichen Zügen deS Kinde» zeigen sich Spuren
der einstigen Entwicklung. Der Knabe wollte zum Beispiel nur dann mit anderen kleinen Kindern spielen, wenn sie chön waren. Erst drei Jahre alt, fing er einmal in einem Nachbarhause laut zu weinen an. Nach dem Grunde befragt, rief er: „DaS schwarze Kind soll hinaus, daS kann ich nicht leiden." Und er beruhigte sich nicht eher, bi- man ihn nach Hause und von dem schwarzen Kinde hinweggebracht hatte.
Die Erzählungen seiner Mutter bildeten seine liebste Unterhaltung. Er ermüdete so wenig, ihr zuzuhören, wie sie ermüdete, zu erzählen. Dabei arbeitete seine Phantasie gewaltig mit- während der Zwischenpausen malte er sich die Fortsetzung nach seinem Sinne aus und vertraute sie der Großmutter an, welche davon heimlich der Mutter Kenntniß. gab. Wenn diese nun ihrerseits die Geschichte so auSgehen ließ, wie er es sich gedacht, so strahlte sein Antlitz und er klatschte enthusiastischen Beifall, wenn eS aber nicht recht nach seinem Sinne ging, so schwoll die Zornader an seiner Stirn und er verbiß die Thränen. Manchmal griff er auch ein und sagte, noch ehe Frau Aja ihre Wendung genommen hatte: „Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heirathet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen todtschlägt!"
Wie groß schon als Knabe die Macht seiner Selbstbeherrschung war, zeigt folgender Fall. Einst blieb in der Schule der Lehrer eine Stunde aus. Die Kinder spielten, bis dieselbe fast vorüber war. Zuletzt war er mit drei Jungen allein und diese beschlossen, ihn durchzuprügeln. Goethe dagegen glaubte, da die Stunde fast vorbei war, sich nicht eher zur Wehr setzen zu dürfen, bis der Glockeuschlag das Ende derselben verkündete. Und konsequent führte der kleine Bursche seinen Entschluß durch, so arg ihm auch die drei Buben mitspielten. Sobald aber der erste Glockenschlag erklang, fiel er energisch über seine Widersacher her, sodaß diese zuletzt ein entsetzliches Zetergeschrei erhoben.
Von seinem Drange, sich auSzuzeichnen, geben folgende Antworten, die er seiner Mutter gab, ein Beispiel. Einst ging er mit einigen Knaben über die Straße - er schritt gravitätisch einher, die anderen ließen sich nach Knabenart gehen. AIS ihm darauf seine Mutter vorhielt, daß er sich mit seinem Geradehalten sehr sonderbar vor den anderen auszeichne, erwiderte er: „Mit diesem mache ich den Anfang, und später werde ich mich noch mit mancherlei auSzeichnen." Ein andermal fragte er feine Mutter, ob die Sterne wohl halten würden, was sie an feiner Wiege versprochen batten. „Warum willst Du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir Andern doch ohne sie fertig werden müssen?" fragte seine Mutter. Da sagte er: „Mit dem, waS anderen Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden."
Etwa zwölf Jahre alt, focht der Knabe mit einem Genossen, DeroneS, ein Duell auS. Mit ihren kleinen Degen gingen die Bürschchen auf einer los, bis DeroneS mit der Degenspitze an Goethes Bandschleife hängen blieb. Da» war für ihn, als den Beleidigten, Sati-faction genug; nach einer Umarmung suchten die Duellanten ein Kaffeehaus auf und leerten ein GlaS Mandelmilch zum Zeichen der Ber- söhnung. Seinen damaligen Aufzug schildert Goethe selbst in dem Märchen: „Der neue Pari-": „Der Auszug bestand in Schuhen von sauberem Leder, mit großen silbernen Schnallen, feinen, baumwollenen Strümpfen, schwarzen Unterkleidern von Barsche und einem Rock von grünem Berkan mit goldenen Balletten. Die Weste dazu von Goldstoff war aus meines Vaters Bräutigam-Weste geschnitten. Ich war frifirt und gepudert, die Locken standen wie Flügelchen vom Kopse."
AuS dem Knaben entwickelte sich ein Jüngling von außerordentlicher Schönheit. „Lange bevor er berühmt ward", berichtet LeweS, „fand man ihn einem Apollo ähnlich. Wenn er in ein SpeisehauS trat, legten die Leute Messer und Gabel nieder und staunten ihn an....... die Stirn
hochgewölbt und mächtig- unter ihr hervor schienen große, glänzende braune Augen von wunderbarer Schönheit, mit Pupillen von fast beipiellosem Umfang- die ein wenig gebogene Nase groß und fein geschnitten- der volle Mund mit der kurzen, aufgeworfenen Oberlippe höchst ausdrucksvoll . . . ., der Nacken, der diesen Kops trug, schön und kräftig." Von Gestalt war er über Mittelgröße, doch sah er erheblich größer au» als er war, so imposant war seine Erscheinung. So betrat er im Alter von 26 Jahren (am 7. November 1775) zum ersten Mal den Boden Weimars, wo er sich alle Herzen im Sturm eroberte. Die ersten zwei Monate führte er mit dem jungen Fürsten Karl August ein wildgeniale» Leben. Beide knallten stundenlang auf dem Markte von Weimar mit Hetzpeitschen, erfreuten sich am Eislauf auf dem Schwanensee, zogen in Ilmenau Bergmannskleider an und tanzten ganze Nächte mit den Bauernmädchen, tranken


