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29.7.1897 Erstes Blatt
 
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Die letzte Preußische Landtagssesfion.

DaS alte HauS am DönhofSplatze zu Berlin, in welchem die preußischen Landtagsabgeordneten bcinahe ein halbes Jahrhundert 48 Jahre geschaltet haben, wo so viele denkwürdige Kämpfe und Verhandlungen ftattfonbtn, es steht nun verwaist. Mit dem Schluß der Sitzung am letzten Samstag hatte daS provisorisch für die Volksvertretung her- gerichtete Gebäude seinen Zweck erfüllt, und wenn die Ab­geordneten fich zu der neuen Session in Berlin versammeln, bann ziehen sie tn prächtige Räume rin, bann finden fie ein neue-, schöneres und geräumigeres Heim vor. War nicht eine wunderbare Fügung, daß die letzte That im alten Hause eine Zurückweisung der Angriffe auf die Freiheiten unseres Volkes war, die in jener Zeit, als das Gebäude seiner Be­stimmung übergeben wurde, so schwer erkämpft werden mußten?Gebt dem Könige, was des Königs ist, gebt aber auch dem Volke, was des Volkes ist"; möchten in diesem Geiste die Verhandlungen in dem neuen Raume zu einem sür Volk unb Regierung segensreichen Ziele führen für alle Alten.

Die Session ist geschloffen worden, und da ist es wohl angebracht, einen Rückblick zu werfen auf die abgelaufene Tagung. Mag man noch so objektiv urtheilen, immer kommt man zu dem Resultat, daß die Session doppelt so lange ge­bauert hat, wie eS bei richtiger Verwerthung der Zett er- sorderltch gewesen wäre. Abgesehen davon, daß die füt Be- schlußfaffungen über eine etwaige Verfassungsänderung vor- geschrtebenen Fristen wiederholt mehrwöchentliche Vertagungen bedingten und auch hin und wieder Rücksicht auf die Reichs­tag-Verhandlungen genommen werden mußten, nahm die Erörterung von ReichSangelegenheiten viel Zeit in Anspruch. Ja Folge deffen verzögerte sich die Erledigung der regel­mäßigen Ausgabe deS Landtag?, der Feststellung des Etats in verfassungswidriger Weise um mehrere Wochen. Und dabei ist daS wichtigste Ergebniß der Session ein negatives: die Ablehnung der Vereinsgesetznovelle.

Was sonst noch im Lause der letzten Tagung geschaffen worden ist, läßt sich kurz zusammenfassen. Biel Erregung hatte daS Beamten - BesoldungS -VerbefferungSgesetz hervor- gerufev, was ja nicht weiter verwunderlich ist, da fich die eine Beamtencategorie gegenüber der anderen zurückgesetzt und benachtheiligt glaubte. Besonders die Richter- und Oberlehrerbesoldungen wurden im Vergleich zu denjenigen der Verwaltungsbeamten als unzulänglich angesehen, und eS bedurfte einer weisen Mäßigung auf der einen unb einiger Zugestänbniffe auf ber anbeten Seite, um baß ganze Gesetz

Feuilleton.

Dss Erderssen der Menschen.

Von Dr. HanS Fröhlich.

(Nachdruck verboten.)

Junge Mädchen, die an Bleichsucht leiden, genießen häufig infolge einer krankhaften Geschmacksverirrung mit Vorliebe nickt nur Kaffeebohnen, recht saure und scharf- gewürzte Speisen, sondern auch Schiefergriffel, Bleististe, Eierschalen, Kreide unb andere mineralische Substanzen. Doch sind dies eben nur vereinzelte Fälle pathologischer Natur. Aber gibt ganze Völkerstämme tn Asrika unb Amerika, -welche Erde, Sand, Thon unb Kreide als Nahrung zu fich nehmen.

Am bekanntesten unter diesen Erdessern (Geophagen) sind die zuerst von Gumtlla erwähnten Otomaken am Orinoko. Alexander von Humboldt hat in seinenAnsichten der Natur" genauere Schilderungen von ihnen gegeben. Dieses Volk nährt sick, so lange die Waffer deS Orinoko niedrig find, von Schilokröten und Fischen, welche es sehr geschickt mit Pseilschüssen tödtet. Wenn aber die periodische Heben sdiwemmnng eintritt, hört die Fischerei auf, und die Otomaken verschlingen bann zwei bis drei Monate lang fast weiter v'chlS als Erde und zwar eine fettige, ölige Thonerde von graugelber Farbe, die sie sehr sorgsältig auswählen unb an dm Usern beß Orinoko graben. Sie kneten den Thon in Ikine Kugeln unb lassen dieselben vom Feuer rösten, bis die Oberfläche röthlich wird. Wollen sie die Kügelchen effen, so bmetzrn fie dieselben wieder. Große Vorräche davon befinden sich in ihren Hütten pyramidenförmig aufgehäuft. Jede Person consumirt täglich ungefähr 8/i Pfund, wie Fray Ramon Luena berechnet hat, welcher zwölf Jahre unter diesen Indianern lebte. Ja, sie sind so ledern nach diesem Thon, 5QB fie alle Tage ein wenig nach der Mahlzeit als Deffert chn, selbst in der trockenen Jahreszeit, wenn fie Fische im

nicht scheitern zu laffen. Die seit langen Jahren erstrebte Ausbefferung der Volksschullehrergehälter, welche im vorigen Jahre an dem Widerstande beß Herrenhauses scheiterte, ist diesmal glücklich vollendet worden. Freilich mühten hiersür die großen Städte manche Opser bringen, aber durch baß Zustanbekommen beß Gesktzcs hat man einer Ungerechtigkeit ein Enbe bereitet, beten fich ber Staat seit langen Iahten gegenüber ber Gesellschaft schulbig gemacht hat. Mit bet Eihöhnng ber Beamtenbesoldungen wurde auch eine beffere Fürsorge für die Hinterbliebenen der Beamten ins Werk gesetzt.

Für die Finanzen wichtig war die Convettirung der vierprocentigen Consols und die gesetzliche Festlegung einer ausreichenden Schuldentilgung, wodurch das preußische Finanz­wesen eine über jeden Zweifel erhabene Solidität erhalten hat. An sonstigkn positiven Ergedniffen find nur noch eine Reihe kleineret Gesetze zu verzeichnen, darunter die Verstaat­lichung ber hessischen Ludwigsbahn, bet Bau einet Anzahl Eisenbahnen, die Herstellung von Kornhäusern unb die Novelle zum HanbelSkammergesetz, welche noch vor ThoreSschluß im Äbgeordnetenhause Zustimmung fand.

Noch eine Session und der Landtag muß neu gewählt werden, sodaß die nächste TagungSperiode als eme Vorbe­reitung für die Abgeordnetenhauswahlen angesehen werden kann. Der Kampf um die Mandate dürfte ein äußerst er­bitterter werden, angesichts der Thatsache, daß dann die wirthschaftlichen Jntereffen eine noch größere Rolle spielen werden als bisher.

Deutsche» Beid?c

Darmstadt, 27. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog wohnten heute Morgen, von Wolfsgarten zu Wagen kommend, der Besichtigung beß 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde-)RegimentS Nr. 115 auf dem UebungSplatze Gries­heim bet. Nach dem Exerciten wurde Allerhöchstdemfelben ein Feldgeschütz neuesten Systems beß Königlich Wütttern- bergischen Feld>Artillerie«RegimentS Nr. 29 vorgefübrt. Seine Excellrnz ber commandirende General v. Wittich nahm an dieser Vorführung ebenfalls Theil.

Berlin, 27. Juli. Ueber den Kaiser-Wilhelm- Canal schreibt die ,,Mil. Pol. Corr.": Wie sich immer mehr herauSstellt, genügt der Canal für wirklich große KriegS- fdnffc in vielen Fällen noch durchaus nicht. ES wird deshalb früher ober später bie Frage von Neurm zur Erörterung gelangen müfien, ob fich nicht burch eine weitere Vertiefung ber Fahrrinne Schwierigkeiten beseitigen lassen, bie besonders

i Bonn leicht in die Erscheinung treten, wenn aus dem Canal gleichzeitig Kriegs- und Handels- oder Küstenfahrzeuge ver­kehren unb einander auSzuweichen gezwungen find."

Gegen daS Urberhandnehmen der Verwendung von Chinesen auf deutschen Schiffen, namentlich Dampfern, will jetzt bet Seemanrsverein von Hamburg Altona an die ReichSregterung eine Beschwerde richten, in welcher dringend um Abhilfe gebeten werden soll. Vornehmlich soll in der Beschwerde darauf hingewiesen werden, daß die als Heizet, Trirnrnrr und Matrosen beschäftigten Chinesen die Befehle deS Kapitäns und der Schiffs-Offiziere unmöglich prompt auSfühten können, weil fich Vorgesetzte und Untergebene nicht durch die Sprache verständlich zu machen wüßten. ES würde daher bet einer Havarie auf See mit zum Theil chinesischer Mannschaft namenloses Unglück entstehen, weil die CommandoS von jenen nicht verstanden werden könnten, die übliche Zeichen­sprache aber in solchem Fälle geradezu gefährlich sei. Im Anschluß hieran sei noch erwähnt, daß demnächst die Grün­dung eines CentralvelbandeS der Seeleute für den gejammten deutschen Schiffsverkehr erfolgen soll und die Vorarbeiten dazu bereits so weit gediehen find, daß in Kurzem durch ganz Deutschland hin mit der Agitation begonnen werden kann.

Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau.

Berlin, 27. Juli. Gegenüber einet Meldung derN. Ft. Pr." über die Stellungnahme ber Botschafter in Konstantinopel zu bet Frage bet Tilgungsweise bet KriegSkoftenentschädigung burch Gtiechen- lanb schreibt bieNationalzeitung": An hiesiger unterrichteter Stelle ist nichts davon bekannt, daß der deutsche Botschafter in Konstantinopel die ratenweise Zahlung der Kriegsentschä­digung vorgeschlagen habe. Es erscheint dagegen allerdings kaum zweifelhast, daß der deutsche Vertreter an der Spitze derjenigen Botschaftergtuppe steht, die in ber Schaffung der europäischen Controlle das einzige Mittel sieht, von dem eine befriedigende Lösung der finanziellen Schwierigkeiten erhofft werden kann.

Molde, 27. Juli. DieHohenzolletn" ist heute früh 5 Uhr, von zwei Torpedobooten begleitet, südwärts gedampft. Bei der Abfahrt wurde dieHohrnzollem^ von dem amerikanischen DampfschiffOhio", auf dem fich hundert Touristen befanden, mit der Flagge falutirt.

Petersburg, 27. Juli. Zum Ehrendienst bei der deutschen Kaiserin wurden befohlen: Oberstallmeister I Graf Orlow Dawydow und Fürst Gortschakow, bei dem

Ueberfluß haben. Auf die Verdauung und Körperconstitution jener Leute hat daß Erdeessen keinen nachtbeiligen Einfluß. Die Otomaken find zwar fett unb häßlich, aber ihr Emboripoint ist kein übertriebener.

Ueberhaupt haben in fast allen Gegenden der heißen Zone die Menlcheu eine merkwürdige Begierde, Erde zu effen und zwar überall einen fetten, stark riechenden Thon. Man muß oft die Kinder anbinden, um fte zu hindern, auSzugehen unb Erde zu verschlingen, wenn der periodische Regen auf­gehört hat. In dem Dorfe Banoo, am Ufer beß Magdalenen- fluffeS, stecken die Frauen, welche irdene Töpfe anfertigen, während ber Arbeit große Stücke Thon in den Mund. Sehr verbreitet ist die Geophagie in Persien. Im ganzen Orient wird auch von den Frauen des Harems Erde als Leckerei gegeben. In ber Mongolei werben Trinkschalen aus einer wohlriechenden Erde geformt; füllt man dieselben alsdann mit Waffer, so nimmt dieses den betreffenden Geschmack unb Geruch an unb wird sehr gern getrunken, die Schale selbst aber wird zerbrochen unb verzehrt.

In Schweden werden nach den Schilderungen von BerzeliuS jährlich Hunderte von Wagenladungen Kieselgur (Kieselmehl, Bergmehl) von den Landleuten unter das Brod gemischt. Ebendaffelbe ist in Finnland der Fall. Auch in Deutschland gab schon Erdeffer. So strichen die Arbeiter in den Sandfteingruben beß KyffhäuserbergeS auf ihr Brod statt der Butter einen feinen Thon Steinbutter genannt und hielten ihn für sättigend und verdaulich.

In allen diesen Fällen geschieht das Erbeessen saft nur auß Liebhaberei unb nicht aus Noth. Ganz anberß find natürlich diejenigen Fälle zu beurteilen, wo man aus Mangel an Nahrung, wie in Kriegszeiten, zur Stillung beß Hungers Erbe genoß. Es geschah dies z. B. im dreißig­jährigen Kriege in Pommern, sowie 1719 unb 1733 zu Wittenberg.

Fast alle Erdarten, welche von Menschen genoffen werden, enthalten, wenn auch nur in geringem Grade, nahrhafte

Bestandtheile und zwar meist Jnfusorienkhierchen. Solche Infusorienerde, theilweise auß ziemlich mächtigen Lagern noch lebender Organismen bestehend, besitzt nun allerdings eine geringere oder größere Menge organisch chemischer Substanzen, welche für die Ernährung des Menschen verwendbar find. Daher suchen auch die meisten Geophagen die Erdart zuerst mit einer gewissen Sorgfalt zum Genuffe aus, später aber verschlingen fie oft in krankhaftem Triebe fast jede beliebige Erde. Daß bann biese Art bet Geophagie meist sehr zahl­reiche Opfer fordert, hat man namentlich an den atmen Kindern ber nach Amerika ausgewanberten Salzburger gesehen. Bei ihnen zeigte stch bald äußerste Blutarmuth, heftiges Herzklopfen, ein mürrisches, mattes Wesen, gepaart mit dem Hange zur Einsamkeit, endlich allgemeine VerdauungS- und Stoffwechselstörungen, an denen die Leidenden schließlich zu Grunde gingen.

Was treibt nun aber die Menschen, abgesehen von den Zeiten einer wirklichen HungerSnorh, zu der eigenthümlichen Geschmacksverirrung des ErdeeffenS?

Bet unseren bleichsüchtigen, chlorotischen Mädchen, bei denen die Absonderung der Magensäure anormal gesteigert ist, find Kreide, Schiefergriffel und Bleistifte wohl als instinctiv gewählte Mittel zur Wiederherstellung ber gestörten Ver­dauung anzusehen. Derselbe Grund mag auch bei denjenigen Südländern vorliegen, bei denen diese sogenannte Pica chlo- rotica in eine wahre Krankheit übergeht. Aber dadurch ist daS Erdeeffen noch nicht für jene Gegenden erklärt, wo eS zunächst als Leckerei auftritt, wie in Persien. Hierzu müffen wir einen weiteren Gesichtspunkt in Betracht ziehen.

ES gibt ein französisches Sprüchwort: on ne vit de ce quon mange, mais de ce quon digdre man lebt nicht von dem, was man ißt, sondern von dem, waS man verdaut und dies schließt stillschweigend ein, daß man unendlich viele Dinge genießt, ohne fie zu verdauen. Wir find im Jrrthum, wenn wir meinen, daß unsere gewöhnlichsten Nahrungsmittel immer rein nährende Stoffe ober wenigstens