Wr. 280 Zweites Blatt. Sonntag deu 28. November 1807
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China als Coneurrent von Europa.
Wir entnehmen den nachfolgenden Abschnitt dem soeben im Verlage von I. I. Web.r in Leipzig erschienenen Werke: China und Japan, Retsen, Studien und Beobachtungen von Ernst von Hesse Wartegg. Der Preis dieses reich illu« strikten Geschenkwerthes beträgt 18 Mk.
Seit dem Bekanntwerden der Friedensbedingungen zwischen Japan und China wird in europäischen Blättern vielfach auf die uns nicht nur von Japan, sondern auch von China drohende Concurrenz hingewiesen. Daß diese letztere von China kommen wird, wie sie bereits von Seiten Japans thatsächlich vorhanden ist, unterliegt gar keinem Zwcilel. Aber über den Zeitpunkt, wann diese Befürchtungen eintreffen werden, scheint man sich doch irrigen Anschauungen hinzugeben. Während die flrnken, beweglichen Japaner mit ihrem erstaunlichen NachahmungStalent kaum drei Jahrzehnte bedurften, um sich zu gefährlichen Concurrenten der europäischen Industrie in Ostasien zu machen, werden die Chinesen mindestens der vier- bis sechsfachen Zeit dazu bedürfen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt darin zugleich die Zukunft. Seit mehr als fünfzig Jahren ist beispielsweise Canton dem europäischen Markt geöffnet, eine ganze Reihe anderer Häfen sind es seit zwei und drei Jahrzehnten, aber man begegnet dort nur selten jenen Nachbildungen europäischer Artikel, die man in Japan bei jedem Schritt wahrnehmen kann. Wohl sind die Chinesen ähnlich, wenn auch nicht ganz so fähige, geschickte, flinke und bescheidene Arbeiter wie die Japaner, allein sie sind viel conseroativer als diese, und statt der Unterstützung der europäischen Cultur von Seiten der Regierung findet in China das gerade Gegentheil statt. Die chinesische Regierung hat wohl längst die Vorzüge europäischer Errungenschaften wie Eisenbahnen, Telegraph. Dampfschiffe, technische Betriebe verschiedenster Art kennen gelernt, allein mehr noch als die japanische ist sie bestrebt, diese Errungenschaften nicht durch Europäer zur Einführung bringen und ausbeuten zu laffen, sondern sie für die Chinesen zu bewahren. Deshalb wurden auch schon längst in verschiedenen Städten eine ganze Reihe von Fachschulen gegründet, in Peking besteht eine Universität mit europäischen Professoren, in Nanking eine marinetechnische Akademie, ja die chinesische Regierung gründete vor etwa elf Jahren sogar in Amerika eine chinesische Gewerbeschule, in der sie hundert Zöglinge in den Fertigkeiten der amerikanischen Industrien unterrichten ließ. Ich ftti d in den Fachschulen von Honkong, Shanghai und besonders in dem berühmten Raffles Institute in Singapore viele Hunderte sehr begabter Chinesen, die sich mit dem größten Eifer der Erlernung unserer Fertigkeiten Hingaben, aber auch sie werden „die Suppe nicht fett machen"; es wird vieler Jahrzehnte bedürfen, um nach diesem System China auf dieselbe Stufe zu bringen, auf die sich Japan seit 1870 emporgeschwungen hat und bis dahin ist der chinesische Markt dem europäischen Handel offen.
Es ist also vor der Hand keine Gefahr vorhanden, daß unser Markt von den Chines n hier in Europa bedroht würde, wie es bereits zum Theil durch die Japaner geschieht. Augenblickliche ober doch absehbare Gefahren drohen für unseren Handel nur in China, m.d zwar auf eine ganz eigene Art: durch die Enropäer selbst, indem die Japaner von den Chinesen für sich und die Angehörigen der europäischen Vertragsmächte die Conzession erreicht haben, in China Fabriken und industrielle Etabiiffements zu errichten. Sie haben damit der großen Mehrzahl der europäischen Industriellen ein Danaergeschenk gemacht, heften Bedeutung in Zukunft man gar nicht absehen kann.
Zwei kleine Beispiele werden dies zur Genüge barlegen. Als ich im Winter 1893/94 auf dem Norbdeutschen Lloyd- dampf er „Sachsen" nach China reifte, befanb sich unter meinen Mitpassagieren ein Mailänber Seibenfabrikant. Wie ich gesprächsweise von ihm erfuhr, reifte er nach Sanghai, um hort eine große Seibenfabrik nach europäischem Muster zu grünben. „Bis jetzt", meinte er, „habe ich bie Rohseide von China importirt unb sie in Mailanb verarbeitet. Aber die Kosten ftnb mir in Mailanb zu hoch. Ich mußte so be- beutenbe Steuern zahlen unb habet so große Arbeitslöhne, daß ich nichts verbiente. Ich habe mir nun in Shanghai eine Fabrik gebaut, habe meine Werkmeister unb Maschinen bei mir unb werbe meine Seibenwaaren nun in Shanghai fabriciren. Dort habe ich nur sehr geringe Abgaben, unb Mhrenb ich meinen italienischen Arbeitern vier bis fünf Lire Tagelohn zahlen mußte, werbe ich ben chinesischen Arbeitern nur eine Lire zahlen". Die billigen Arbeitslöhne unb Ab- Vesenheü brüdenber Steuern in China hatten also ben guten Signor 3c., heften Pariotiswus in feinem Gelbsack steckte,
veranlaßt, sein Unternehmen von Italien fort nach China ’U nehmen.
Ein anberer Passagier, ein belgischer Eisenwaaren- \ fabrikant, begab sich mit ähnlichen Absichten nach China. ‘ „Meine Ausfuhr", so meinte er zu mir, „geht größtentheils . nach Ostasien. Meine Blech- unb Eisengußgeschirre finden , auf ben ©unbainfeln, in Siam, China rc. ben hauptsächlich- ■ ' ften Absatz, aber ich kann mit meinen Arbeitern nicht mehr ! i auskommen. Die Socialbemokratie wühlt unter ihnen, ein ' ’ Streik folgt auf ben anbern, unb ich kann meine Bestellungen ' I nicht eftectuiren. Ich reife jetzt nach Ostasien, um zu sehen, ob ich nicht in Singapore, Hongkong ober Shanghai eine Fabrik mit chinesischen Arbeitern einrichten kann".
Für meine Fahrt von Japan über ben Stillen Ocean ' nach Canaba benutzte ich b<n Dampfe? „Empreß of Japan" bet Kanabian'Pacific.Dampferlinie, unzweifelhaft hie schönsten unb mobernften Schiffe bes Süllen Oceans, in jeher Hinsicht mit ben besten atlantischen Dampfern vergleichbar. Die 1 Offiziere unb Bootsleute waren Europäer, ein großer Theil ber Matrosen unb sämmtliche Stewarbs waren Chinesen. Auf meinen früheren Fahrten im Stillen Ocean, sowie in ber Sunbasee, im Golf von Siam unb im sübchinesischen • Meer fanb ich auf allen Localbampfern nur chinesische Matrosen. - I Dasselbe gilt von ben Schiffen her großen englischen Pen- ; j insular- unb Orientalbarnpfergesellschaft, nur auf ben Norb- I beutschen Lloybdampfern sinb bie Mannschaften Europäer : resp. Deutsche. Als ich mit Capitän Lee beS Dampfer» j „Empreß of Japan" barüber sprach, meinte er: „Ich kann mit amerikanischen ober kanadischen Mattosen nicht zu Streich ? kommen; sie arbeiten halb so viel wie die Chinesen, machen große Ansprüche, und landen wir in einem ostafiatischen 5 Hafen, so brennen immer einige durch unb lassen mich sitzen. ; Die Chinesen ftnb fleißig, mäßig, verläßlich unb bekommen j 15 Dollar mexikanisch (nach hem heutigen Kurse 30 Mark) ’ Monatslohn, währenb ich amerikanischen Matrosen 50 Dollar j mexikanisch monatlich zahlen muß".
Die Sache war mir von hohem Interesse, zumal Capi- : tön Lee ein welterfahrener, mit ben Verhältnissen in Ost- ■ aften unb Amerika sehr vertrauter Mann war unb bie Ar- j beiterfrage hüben und brühen practisch beleuchtete. Einmal j erzählte er mir, auf feiner nächsten Fahrt würbe er wohl i zwei Wochen in Hongkong liegen bleiben, um bas Schiff ; auszubeftem, neu anzustreichen unb ben Rumpf abkratzen zu , lassen (was zeitweilig geschehen muß, weil sich auf bem Schiffs- i rümpf Seegras, Muscheln rc. ansetzen, war bie Geschwinbig- j - feit des Schiffes beeinträchtigt). Ich hatte schon bei einer j früheren Gelegenheit bie Dockeinrichtungen von Vancouver - gesehen, wo biefe Schiffsreparatur gewöhnlich ftattftnbd, unb j fragte ben Capitän barüöer. „Ja", sagte er, „auch ich habe ! bie Sache bis zum vergangenen Jahr in Vancouver besorgen \ lassen. Aber was wollen Sie? Unsere amerikanischen Ar- ■ beiter verlangen vier bis fünf Dollar Arbeitslohn täglich, ' j Samstag machen sie Mittags Feierabend, Sonntag wirb natürlich nicht gearbeitet, Montag beginnt bie Arbeit um ! einige Stunben später, unb schließlich weiß ich überhaupt , nicht, ob ich hinreichenb Arbeiter in Vancouver finbe. Die Chinesen arbeiten vom frühen Morgen bis späten Abenb, sie haben keinen Sonntag, unb ich zahle ihnen 25 amerika- i nische Cents (eine Mark) täglich Lohn. Es thut mir leid, i baß ich biefe Arbeit in China besorgen lassen muß, aber es j geht nicht anbers".
Dies ftnb nur Beispiele ber Art unb Weise, wie sich - bie chinesische Concurrenz mit ber Zeit auch in Europa fühl- \ ’< bar machen wirb. Die Ueberschwemmung beS europäischen . Marktes mit chinesischen Probucten, von benen in ben letzten \ Jahren viel gefabelt würbe, steht noch in sehr weitem Felde, ■ wenn nicht ein Jahrhundert darüber vergeht; dies ist nur • von Japan in beschränktem Maße zu befürchtm; und wa» die Ueberschwemmung Europas mit asiatischen Arbeitern an- ? belangt, die von mancher Seite angedeutet wird, so kann \ sie durch Gesetze verhindert werden. Wirkliche Gefahr für « den ostafiatischen Markt droht Deutschland zunächst durch die ; große Concurrenz Japans, das unsere Industrien abgelauscht hat, unsere Producte täuschend und sogar mit ihrem deutschen j Fabrikstempel versehen nachmacht und in China massenhaft ■ zu halben unb einbrittel Preisen ber beutschen Maaren los* ‘ schlägt, wie ich es selbst in China vielfach wahrgenommen habe. In zweiter Linie kommt bann China, badurch, baß ■ es sich, allerbings sehr langsam unb allmählich, zum Probu- ; ccnten unserer Einfuhrartikel entwickeln wirb; bie bahin Haden aber die deutschen Industriellen Jahrzehnte vor sich, bie sie in ausgiebigster Weise zur Ausdeutung des chinesi- ' scheu Marttes benutzen können. In britter Linie brohen < bem beutschen Hanbel Gefahren burch bas ben sche Großkapital unb bie europäischen Jnbuftrien selbst, indem speculative '
Köpfe industrielle Etablissements aller Art in China errichten unb bas massenhafte Rohmaterial, bas sich hort barbietet, Seibe, Wolle, Erze rc. in China verarbeiten können. Als bie Vereinigten Staaten von Amerika sich burch bie hohen Zölle gegen bie europäische Einfuhr absperrten, wurden von europäischen Industriellen, um die Zölle zu umgehen, Fabriken in den Vereinigten Staaten errichtet. In ähnlicher Weise können Industrielle, wenn die Anlage von Fabriken in China gestattet wird, durch solche die europäische Concurrenz umgehen. Der Anfang ist bereits gemacht. Singapore, Hongkong und Shanghai haben eine ganze Menge großer Fabriken, industrieller Etablissements der verschiedensten Art mit chinesischen Arbeitern, obschon die Platzverhältnifte dort nicht günstig sind. Es würde auch gar nicht Wunder nehmen, wenn in den nächsten Jahren in der Nähe ber reichen Eisenminen von Shantung europäische Hochöfen, Eisenwerke, Maschinen, Fabriken rc., in den Seidendistricten Spinnereien, in den Baumwolldistricten Webereien entstehen würden. Ein Industrieller in Sanghai, mit dem ich darüber sprach, rieb sich vergnügt die Hände und meinte: „Ich brauche mich hier nicht mit Socialdemokraten und Anarchisten abzuquälen; ich habe keine hohen Löhne und keine Streiks und brauche für meine Waaren keine so großen Transportkosten zu zahlen, wie meine Concurrenten in Europa. Habe ich mein Stück Geld verdient, so fahre ich nach Europa zurück und amüfire mich". Ein Commentar zu diesen sehr bezeichnenden Worten ist überflüssig. Diejenigen, die sie angehen, mögen sich dieselben hinter die Ohren schreiben. Es geschieht von mancher Seite genug, um die heimische Industrie, den Fabrikbesitzer, den Exporteur lahmzulegen und die Production nach Ostasien zu vertreiben.
Es ist indessen nicht ganz richtig, daß es in China keine Streiks giebt. Im Gegentheil. Sie kommen recht häufig vor, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, nur wird von den chinesischen Arbeitern das richtige Maß eingehalten. Ganz wie in Korea bestehen auch in China „Trade Unions", unb die betreffenden Capitel meines Buches über Korea können mit geringen Abweichungen auch für manche Provinzen Chinas gelten. Jeder Erwerbszweig hat seine Arbeiterzunft, welche die Löhne selbst von Jahr zu Jahr nach ebenem Ermessen festsetzt, und die Arbeitgeber nehmen diese Löhne in ber Regel ohne irgend welchen Widerspruch an Die Löhne beschränken sich aber auf 40 bis 60 Pfg., in den seltensten Fällen auf 80 Pfg. täglich.
Gegen die von Ostasien drohende Concurrenz ist nicht» zu machen. Sie ist theilweise schon da und wird mit jedem Jahrzehnt schlimmer werden. Deshalb sollte der jetzt noch sich barbietende große Markt nachdrücklich und mit vereinten Kräften ausgebeutet werden. Ein Studium an Ort unb Stelle würde den deutschen Industriellen darin von größtem Nutzen sein.
* Stephan-Denkmal. Balo nach dem Tode be» genialen Herrn v. Stephan traten berufene Männer zusammen, um Gelder zu sammeln zur Errichtung eine» Grabmonument» und eine» Standbildes für den verewigten General-Postmeister. Die Bemühungen der genannten Herren ftnb nicht erfolglos gewesen: 48000 Mark sind das befriedigende Resul'at der Sammlung. Bon dieser Summe werden, da Monument und Standbild nur 40000 Mark erfordern, 8000 Mark der Kaiser Wilhelm-Stiftung überwiesen, einer Stiftung, deren Gründer Herr v. Stephan gewesen und deren Mittel zur Unterstützung von Post- und Telegraphen- beamteu dienen. Dar Grabmonument wird auf Wuusch der Frau v. Stephan durch eine einfache Trauerfigur, die in der Rechten einen Lorbeerkranz hält, dargestellt. Das Standbild, welches mit Genehmigung des Herrn v. Podbielski im Lichthofe des Post Museum- aufgestellt wird, zeigt den verstorbenen StaatS-Secretär überlebensgroß in bürgerlicher Kleidung. Die Ausführung der beiden Denkmäler ist dem Herrn Bildhauer UphuS, dem Schöpfer de» Kaiser Friedrich-Denkmals in Wiesbaden, übertragen worden. Herr UphuS wird da» Grab-Monument im kommenden Jahr, daS Standbild im Jahre 1899 aufstellen.
* Sin dankbarer Kriegskamerad. Ein au» Boh l »buch bei Offenburg in Baden gebürtiger junger Mann, ber als Freiwilliger am Feldzuge 1870/71 theilnahm, bemerkte nach einer heißen Schlacht in einem Graben einen schwer verwundeten Offizier, dem er dadurch daS Leben rettete, daß er ihn noch rechtzeitig nach dem Spital der nächstgelegeoen Stadt schaffte. Der glücklich Wiedergenesene versprach seinem Lebensretter in Anerkennung seiner edlen That, daß tr ihm da« erste Kind Über bie Taufe halten woll-. Dies ist dann


