Nr. 253 Zweites Blatt. Tonn-rsiag de« 28. Octoder
1837
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Amts- uni Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Dentsetze» Reich.
Darmstadt, 26. October. Der Erbprinz und die Erbprtnzesstn Hohenlohe-Langenburg find hier eingetroffen. Sie wurden am Bahnhöfe von der Großherzogin, die eine Schwester der Grbprtnzesfin ist, empfangen und zum neuen Palais geleitet.
8»r Tarif Erhöhung für Mehl und Mühleufabrikate. Die Krage, ob die bisher gleiche Tartfirung von Getreide und Mehl, also von einem Rohstoff und feinem Fabrikat, noch länger aufrecht erhalten bleiben soll, wird gegenwärtig leb- haft erörtert. Der bahrrische Etseobahnrath hat in seiner jüngsten Sitzung mit 13 gegen 9 Stimmen die Versetzung de- Artikel- Mehl und Mühlenfabrikate aus Spectaltarif I tn die Allgemeine Wagenladung-klaffe befürwortet und die Geueraldirection der bayerischen Staat-eisenbahnen beauftragt, bei der ständigen Tarifcommtsfion der deutschen Eisenbahnen deu entsprechenden Antrag einzubringen. Um die Stimmung der deutschen landwirthschaftttcheu Körperschaften für oder gegen den Antrag kennen zu lernen, hat die obige General- direction den Deutschen LandwirthschaftSrath ge> beten, zu diesem Zweck eine Umfrage zu halten. Nach den auf diese Umfrage bisher eingegangenen Berichten haben sich für den Antrag folgende landwtrthschaftliche Central' Vertretungen ausgesprochen: Bayerischer LandwirthschaftS- rath, Württembergische Eentralstelle für die Landwirthschaft, LaudeSculturrath für das Königreich Sachsen, Landwtrth- schaftlicher Verein für Rheinpreußen, LandwirthSschaftSkammer für Posen, Pommersche ökonomische Gesellschaft, Landwtrth- schaftlicher Centralverein für Anhalt, Laudwirthschaftlicher Centralverein deS HerzogthumS Braunschweig und Central« aaSschuh der landwirthschaftlichen Vereine im Herzogthum Sachsen-Altenburg. Gegen den Antrag haben fich bis jetzt erklärt: Ostpreußischer landwirthschastlicher Centralverein und Baltischer Centralverein zur Besörderung der Landwirthschaft (Greifswald). Bon einer Tariferhöhung für Mehl gegenüber Getreide wird vor Allem eine beffere Lage der mittleren und kleinen Mühlen erwartet.
total«» «mb provinziell«»
Stehen, 27. October 1897.
*• Errichtung von GeuosteufchastSmolkeretea. In der am 3. September abgehaltenen Generalversammlung beschäftigte fich der landwirthschaftltche BezirkSvereto Gießen u. A. auch mit der Errichtung einer GenoffenschaftSmolkerei tn Gießen. Zunächst hielt Herr LandwirthschaftSlehrer Dr. v. Peter -Friedberg einen diesbezüglichen Vortrag. Er führte u. A. aus, daß der Landwtrth heutzutage sein Augenmerk mehr wie je auf die Milchwirthschaft richten müsse. Dies setze voraus die Haltung nur guten Viehes, das feine Milch-
ergtebigkeit auch zu vererben geeignet fei. Der Landwtrth müsse fein Vieh ständig beobachten, beim Melken die zur Beurthetlung der Menge nöthigen Versuche anftellen, deu Fettgehalt der Milch controliren. Unsere veränderten Ver- kehrSeiorichtungeu lassen die alte Methode der Milchverwerthung tu den kleinbäuerlichen Betrieben durch Verbutterung als nicht rationell und gewinnbringend bezeichnen, das als „Bauernbutter" von ihnen gelieferte Product hat keineswegs mehr die frühere Beliebtheit, denn die durch Aufrahmen in Töpfen bei höchstens ein bis zweimaligem Buttern pro Woche gewonnene Butter ist infolge der von einander verschiedenen Reifegrade bei Rahmes, dessen Behandlung in Bezug auf Aufbewahrungsort und Reinlichkeit viel zu wünschen übrig läßt, ein Product, da» nirgends gut bezahlt wird, während für Molkereibutter hohe Preise erzielt werden. Gute Butter läßt fich nur in Großbetrieben, zu denen GenossenschaftS- molkereten gerechnet werden, Herstellen, die kleinen Landwirthe fahren danach besser, wenn fie die Milch an solche Genossen- schaftSmolkereien abliefern, fie wird ihnen nach Fettgehalt bezahlt, außerdem wird ihnen die für ihre Wirthschaft werth- volle Magermilch zurückgegeben. Auch der Milchverkauf muß dem Zwischenhandel entzogen und wieder 'ta die Hände der Landwirthschaft bezw. der Genossenschaften gegeben werden - eS ist auf diese Weise nicht schwer, ganze Städte mit Milch zu versorgen. Vtelversprecheode Anfänge tn dieser Hinsicht find bereits in Frankfurt gemacht worden; durch Hineinziehen kapitalkräftiger Kaufleute und Techniker lassen fich große Unternehmungen iuS Leben rufen. Die Versendung der Milch auf weite Entfernung und deren Süßerhaltuug, die Herstellung einer guten Ktndermilch durch Sterilifirung (Trocken- fütterung erfüllt allein nicht die an Kindermtlch zu stellenden Anforderungen) ist nur tn Großbetrieben möglich. Was die Kosten betrifft, so dürften dteselbeu fich bei zweckmäßiger Organisation des MtlchsamweluS in den Ortschaften auf etwa 1 Pfg- Pro Liter belaufen, bet Selbstverwerthuvg tn der bisherigen Weife stellen fich die Kosten wesentlich höher. Die Versammlung sprach fich im Priucip sür Errichtung einer GenoffenschaftSmolkerei in Gießen und für genoffenschaftlicheu Milchverkauf auS und wurde, nachdem Molkeretbesttzer Lahr fich bereit erklärt, sein Geschäft an die Genoffenschaft abzu- treten, beschlossen, nach vorheriger Verhandlung mit demselben eine weitere Versammlung demnächst abzuhalten, tn welcher auf Grund eines von Herrn Dr. v. Peter zu erstattenden Bericht! über die weiteren Schritte berathen werden soll.
Srüuberg, 26. October. Am Sonntag Morgen zwischen 7 und 8 Uhr wurden wir durch Feuerlärm erschrickt. ES war au dem Hinteren Theil am Dachstock des Wohngebäude! der Stetnmühle (Molkerei) Feuer auSgebrochen, das von einem von Wetterfeld kommenden Manne glücklicherweise noch
rechtzeitig genug entdeckt wurde, um im Entstehen gedämpft werden zu können.
Oueckborn, 24. October. Eine Anzahl von Stadtverordneten der Stadt Gießen weilten gestern hier, um unter Führung des Herrn Oberbürgermeisters eine Besichtigung des hiesigen Wasserwerks vorzunehmen. An die Jnspectiou schloß sich ein gemeinschaftliche! Mittagessen im „Hirsch" zu Grünberg, worauf dann Nachmittag! die Rückfahrt uach Gießen angetreten wurde.
Laubach, 25. October. In den letzten Wochen weilte al! Gast des Gräflichen Hause» Ihre Durchlaucht die Fürstin Wied, Tante des hiesigen Grafen Friedrich und eine geborene Prinzessin von Nassau (Schwester de! letzten Herzog! Adolf von Nassau, jetzt Großherzog von Luxemburg) in unserer Stadt. Gleich ihrer Tochter, der Königin von Rumänien (in der Literatur al! „Sannen Shlva" wohlbekannt) hat die hohe Frau ein große! Interesse für Kunst und Wissenschaft, was fie hier dadurch bethätigte, daß fie die hiesige Gräfliche Bibliothek und das Archiv, sowie die reichhaltige Alterthümer- sammluog eingehend besichtigte.
Friedberg, 25. October. 207 Einwohner von hier haben folgende Vorstellung, die Verunreinigung der Ufa betreffend, an die zweite Kammer gerichtet: Schon fett einer Reihe von Jahren wird unser, früher bruunenklareS Flüßcheu Ufa durch Einführung der Fäkalwasser der Stadt Bad- Nauheim auf da! Unerhörteste verunreinigt. Die zur Reinigung der Fäkalwaffer errichtete Klärbeckenanlage vermochte keine Befferuug herbeizuführev. Das Usawasser verwandelte fich nach und nach in eine pfuhlartige, fich schon von Weitem durch ihren üblen Geruch unangenehm bemerkbar machende Flüssigkeit, in der sämmtliche Fische krepirteu. Die jährlich von circa tausend Personen benützten hiesigen Badeanstalten mußten von AmtSwegen aus sanitätSpolizeilichen Gründen ge- schloffen werden. Die Wohlthat de! Baden! ist somit der hiesigen Bevölkerung entzogen, und wird die! namentlich von der arbeitenden Bevölkerung schwer empfunden und hat zu arger Mißstimmung geführt. Dieser gesetzwidrige Zustand birgt aber noch andere Gefahren in fich. Der Stckerstrang der städtischen Waflerleitung liegt nur wenige Meter von der Ufa entfernt, und e! ist die Gefahr einer Verseuchung de! Trtnkwaffer» nicht aulgeschloffen, da der Waffersptegel der Ufa selbst bet dem niedrigsten Wafferstande immer noch circa Vi Meter über der Sohle de» ca. 100 Meter von der Ufa entfernt liegenden städtischen Sammelbrunnen! liegt. Die in den Gerbereien an der Ufa beschäftigten Arbeiter sind gezwungen, tagtäglich in diesem Schmutzwaffer zu hantiren, und da! zum Bleichen der Wäsche erforderliche Waffer muß ebenfalls aus dem Bache entnommen werden. Jede Berührung mit demselben ist aber mit Gefahr für Gesundheit und Leben verbunden. Wiederholt hat fich die htefige Bevölkerung so-
Mrrilleton.
Heimslh.
Novelle von H. Ren!.
(Schluß.)
Eine kurze Strecke weiter wurde der Zug zum Stehen gebracht. Hart neben dem Schienenftrang fand man da» fortgewälzte Felsstück und dahinter bewußtlos, au! einer klaffenden Kopfwunde blutend, einen großen, breitschulterigen Mann, der, nm daS Leben Hunderter zu retten, das eigene beldenmüthig eingesetzt.
Im Städtlein verbreitete fich schnell die Kunde, der Gottesdienst war gerade zu Ende. Neugierig strömte die Menge hinzu, der Sonntag-Vormittag gab ja Zeit zum Gaffen.
Man stand umher, zischelte untereinander, berteth. E nige entsannen fich, in den Frühstunden den Fremden durch die Straßen wandern gesehen zu haben, darunter der Provisor, der ihn um seines eleganten ReisecoftümS wegen beneidet hatte.
Er leistete auch die erste Hilfe, legte den Nothverband «n und rteth, auf schnell geflochtener Trage den Verwundeten Im! Lazareth zu schaffen.
„Erst die Identität feststellen," entschied der herbeigeeilte Bürgermeister.
Man durchsuchte den Fremden, staunte über die mit a isländischen Banknoten gefüllte Brieftasche, da! schwere Portemonnaie. Endlich fand man den Paß. Großhändler Bob (Robert) Hetder, Stambul.
Verblüfft sah man fich an. Heider! Heider! So hieß ja ber alte Justtzrath, den noch Alle gekannt. Auch der schwermüthtgen, gütigen Frau erinnerten fich noch Viele. Und wie war e! denn gewesen? Hatten die Beiden nicht einen einzigen Sohn beseffen? Einen verschollenen, ewig betrauerten k
Gewiß. In der Menge wurden Stimmen laut. Robert hieß der ja, man hatte in der Schule neben ihm gesessen, manchen tollen Stretch mit ihm verübt. Also ein Stadtkind war der Fremde, der al! Crösu! heimgekehrt. —
Diesem, al! er nach Wochen in dem kleinen Krankenhause langsam der Genesung entgegenschlummerte, zog im Halbtraum sein ganze! bilhertge! Leben tn verworrenen Bildern vorüber.
Hustete da nicht eben Cecile? Mit ihrer fieberglühenden Hand strich fie ihm da! Haar au! der Stirn. Ach, Unfinn! da! war ja die Kopfwunde, die bei der leisesten Berührung brannte.
Unruhig warf er fich auf den zerwühlten Kissen umher.
Richtig, da knackte der Hahn am Revolver. Die Buschklepper, die da! mühsam au! dem kalifornischen Sande ge- schauselte Gold ihm wieder abjagen wollten. Er athmete mühsam, doch nach und nach glätteten fich seine Züge und wie leise! Lächeln glitt e! über sein finstere! Gesicht.
Da! war doch nicht die Krankenschwester, die leise mit den Medtcinflaschen klirrte. Im Nebenzimmer rüstete ihm ja die Mutter den Geburtstagstisch. Der Duft von Levkojen, Reseda, frischem Kuchen strömte ja zu ihm herein. El war Sonntag-Morgen. Bald würde sie kommen, den lieben Lang- schläser mit einem Kuß zu wecken.
Mit plötzlichem Ruck saß er aufrecht. Er wußte alle!,
besann fich haarscharf auf alles. Er war kein glücklicher, sorgloser Knabe mehr, lagerte nicht nächtlicher Weile mit allerlei Gefindel im kalifornischen Busch. Er war heim- gekehrt, ein fremder, reicher, armer Mann.
Und nun wußte er auch, daß tn dem von Chpreffen umrauschten Märchenschloß am Bosporus feine! Bleiben! nicht mehr sei. Dar kleine Hau! am Ring, in dem feine Wiege gestanden, au! dem man die Särge der Eltern getragen, mußte wieder fein eigen werden. Dort wollte er ein Leben des WohlthunS, der werkthätigen Liebe beginnen.
Das Vermögen de! alten Schmugglers, die reiche Mit- gift, welche die arme (Steile nicht hatte genießen dürfen, in feinen Händen sollte fie zu reichem Segen werden.
Nicht allein dem alten Krause und seiner Enkelschaar, den Armen bei Städtchen!, nein, seiner ganzen holden Berg- heimath wollte er den Mangel fernhalten. Alle Elenden, alle Enterbten bei Glücke! sollten Zuflucht finden an seiner Schwelle.
Tausend Verzweiflunglthränen würde er trocknen, blaffe Letdenimienen in frohe verwandeln können.
Für Andere hatte er sterben gewollt. Nun fühlte er, daß leben, sorgen, wirken bester, segenlretcher sei.
In tiefen Athemzügen hob fich die breite Brust, ein seltsame» Leuchten erhellte die düsteren Augen, so daß die freundliche Krankenschwester an sein Lager trat.
„Nicht wahr, heute geht e» bester?" fragte fie. „Bald wird die Genesung kommen."
Er reichte ihr die Hand.
„Ich bin genesen, auferstanden zu befferem Leben. Eine Welt der Arbeit, freudigen Schaffen» liegt vor mir."


