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Sonntag den 28 März
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Gießen, den 27. März 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
A«S den Berharrdlungerr der Zweiten Kammer der hefstfcheu Stände.
nn. Darmstadt. 26. März.
Die Sitzung beginnt um 9 Uhr.
Rach Verkündigung einer Anzahl Einläufe und Berichts- anzeigen und der Rückäußerungen Erster Kammer der Stände, noorunter ein Ersuchen auf Vorlage eines ProjecteS zur Er- bauung einer Bahn Weinheim —Lampertheim, setzt die Kammer die Berathungen fort.
ES erfolgt nunmehr die Berathung der RegierungS- Borlage, die Organisation der Verwaltung der Staatsschuld. Der Ausschuß beantragt Annahme des Gesetz-Entwurfs mit dem weiteren Antrag, Großh. Regierung zu ermächtigen, noch weitere 1200 Mk. für das zweite landständige Mitglied der StaatSschuldenverwaltung bis zur defiuitiven Feststellung des demnächstigen Hauptvoranschlags zu verausgaben. Die Kammer beschließt demgemäß.
Ebenso^stndet die RegierungS'Vorlage auf Bewilligung eines Betrags von 75000 Mk. für die Regultrung der Preußisch-H esftscheu bezw. Bayerisch,Hessischen Matustrecke zu Lasten der Einnahmen der laufenden Finanz- periode ohne Debatte Annahme.
ES erfolgt nun die Beantwortung der Interpellation des Abg. Jöckel, das Schullehrer-Seminar zu Friedberg betr., insbesondere die Erkrankung durch Ueber- arbettung einer Anzahl junger Seminaristen. Der Interpellant fragt die Regierung, ob jene Erkrankungen auf diese Ursache zurückzusühren sind, und welche Stellung die Regierung dazu nehme. Staatsminister Finger erklärt, diese Erkrank- uugen der Seminaristen seien nicht auf Ursachen der Ueber- arbeitung der Schüler zurückzuführen, wenn auch zugegeben werden müfle, daß der Lehrplan der Seminaristen hohe Au- forderungen stelle und demgemäß mit Fleiß und Anstrengung zur Durchführung gebracht werden müsse. Durch die Er- Hebungen sei festgestellt, daß hier etwas sehr stark gefärbt worden sei. ES sei richtig, daß Anfangs Februar eine Au- zahl eine gewisse Schlaffheit gezeigt hätten. Die Zahl sei jedoch nicht groß und die Krankheit bald gehoben gewesen. Bezüglich der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums glaubt die Regierung einen guten Griff gerhan zu haben, wenn auch non verschiedenen Seiten die Jugend derselben beanstandet «orden sei. Auch die Leitung des Friedberger Seminars liege in sehr guter Hand, welche von dem besten Willen und den besten Absichten beseelt sei. Eine Prüfung der Lehrpläne der Seminarten sei beabsichtigt, und wenn nöthig, «erde eine bessere Bertheilung der Lehrfächer eintreten. Da- «it ist die Interpellation erledigt.
Zur weiteren Beantwortung steht die dringliche Inter- pellation der «bgg. Bähr und Genossen, die Maßregelung von Gymnasiallehrern in Mainz wegen angeblicher Betheiligung an der antisemitischen Bewegung bei der jüngsten ReichStagSersatzwahl in Mainz-Oppenheim. Die Interpellanten richten an die Regierung die Anfrage, ob sie Kenutniß davon habe, daß die Gymnasiallehrer Scholl, Frederktng, Dr. Denig, Dr. Raab und Berger wegen Unterzeichnung einer Eingabe *n die Bürgermeisterei um Ueberlassung der Stadthalle zu einem Bortrage für einen antisemitischen Wahlcaudtdaten, Wolf von Stadecken, gemaßregelt worden seien und die Straf« Versetzung des Gymnasiallehrers Berger nach Wimpfen zur Durchführung gebracht worden fei. — Staat-Minister Finger begründet in ausführlichster Weife die Maßregeln der Regierung, welche hier ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan habe. StaatSminister Finger stellt noch fest, daß von einer Maßregelung oder gar von einem BerfassungSbruch gegenüber von Staatsbeamten gar keine Rede sein könne. Der hier in Frage kommende Fall beziehe sich auf den LehramtS- affeffor Berger, der in scharf agitatorischer Weise in die an- atsemitische Bewegung eingetreten sei und die Agitation in die Schule getragen habe. Warnungen seitens der Schul- Lehörde, dies zu unterlassen, seien erfolglos gewesen und deshalb habe die Regierung sich zu den von ihr ergriffenen Schritten entschließen müssen. — Abg. Schmidt hält die Maßregelung der Unterzeichner der Eingabe an die Bürgermeisterei Mainz nicht für richtig, da die Eingabe nicht das
geringste TadclnSwerthe enthalten habe, umsomehr, als die Unterzeichner biS auf wenige der antisemitischen Partei fern- stehen. Er beanspruche aber gleiches Recht für Alle. Das Eenteum und die Socialdemokratte würden von jeher durch Ausnahmegesetze behandelt, während die nationalliberale Partei immer im Schutz der Regierung stehe. Bezüglich des Falles Berger habe die Regierung seiner Ansicht nach sich vollständig im Recht gestanden. — Auch der Abg. Jöckel steht auf dem letzteren Standpunkt. — Die Abgg. Dr. Schröder, Dr. Osann und Friedrich nehmen ebenfalls die Handlungsweise der Regierung in Schutz, wahrend der Abg. Dr. David sich «it Entschiedenheit für die Erhaltung des Rechts der Beamten, sich an politischen Wahlen u. s. w. bethetligen zu können, ausspricht. Daß auch insbesondere in den Lehrer- kreisen damit dasselbe Recht in Anspruch genommen wurde, sei für ihn erfreulich. — Die Abgg. Bähr, Joutz und Köhler ergehen sich in eingehenden Deduktionen über den Antisemitismus und dessen Nutzen für das deutsche Volk. — StaatSminister Finger erklärt noch, daß die Regierung zu dem Vorgehen veranlaßt worden sei durch theilweise ganz unerhörte Angriffe, denen sowohl die Regierung, als auch die Schulabthetlung in den Zeitungen ausgesetzt gewesen sei. Damit ist die Interpellation erledigt.
Auf einen früheren Wunsch des Abg. Jöckel, schon jetzt eine Uebersicht über die Finanzlage des Landes zu erhalten, glebt Finanzminister Weber Exc. einen eingehenden Bericht über die Ergebnisse der Ftnanzperioden 1891/94 und 1894/97. Derselbe stellt die Finanzlage als eine im Allgemeinen günstige dar, indem eine erfreuliche Steigerung der StaatSfinanzeu zu verzeichnen sei, an welcher hauptsächlich die Staatsobjecte bethetligt seien. Die Hoff« nungen, welche mau auf die Declarations'Pflicht der Einkommensteuer gesetzt, haben sich nicht tu dem Maaße erfüllt, wie angenommen wurde. Wie hoch der Reinertrag der hessischen Ludwigsbahn sich stellen wird, läßt sich zur Zeit wegen Mangel an genügender Unterlage noch nicht feststellen. Festftehe aber jetzt schon, daß der Ueberschuß ein größerer sein wird, als früher angenommen wurde, und in der Denk- schrtft ntedergelegt ist. Die Befürchtungen, welche im Hause zum Ausdruck kamen, haben sich nicht erfüllt, im Gegentheil wird nach approximativer Berechnung aus dem Betrieb der Ludwigsbahn dem Staatsschatz 1,780,000 Mk. überwiesen werden können. (Bravo.) Eine Besprechung findet nicht statt und wird die Sitzung um 1 Uhr geschloffen.
tleuefte
Wolffs telegraphischer Lorrefpondem-Bur-me.
Berlin, 26. März. Nach der Meldung des Comman- danten des Kreuzers „Kaiserin Augusta" aus Suda von gestern Abend haben gemäß der Abmachung der vor Kreta commaudtrenden Osfiziere die Schiffe aller Großmächte auf das Signal des italienischen Admirals von 3 Uhr 15 Minuten Nachmittags ab 10 Minuten lang auf das inzwischen von den Insurgenten genommene Blockhaus und auf die Stellung der Aufständischen bet Malaxa mit dem Erfolge gefeuert, daß das Blockhaus geräumt und die Flaggen auf den griechischen Stellungen niedergeholt wurden. Den ersten Schuß hatte das italienische Schiff abgegeben. Die „Kaiserin Augusta" feuerte 13 Schuß ab.
Budapest, 26. März. DaS Abgeordnetenhaus begann die Berathung des Budgetgesetzes. Der ehemalige EultuSminister Graf Albin Esaky ergriff dos Wort und führte auS, die Vergewaltigungen bei den Wahlen bildeten wie überall die Klagen der Minderheiten, doch hege die liberale Partei zur Regierung volles Vertrauen. Die Partei bewillige das Budget, da sie überzeugt fei, daß die Regierung ihre Pflicht redlich erfülle. (Demonstrativer Beifall rechts.) Der Redner wurde von zahlreichen Abgeordneten beglückwünscht.
Depeschen deS Bureau „Herold/
Berlin, 26. März. Der Kaiser begibt sich am Montag früh nach Weimar zu den BeisetzungSfeierlichketteu. — Der Groß Herzog und die Großherzogin von Baden werden morgen früh 7 Uhr 40 Min. Berlin wieder verlassen. Der Herzog von Connaught ist gestern noch nicht abgereift.
Berlin, 26. März. Im Reichstage wurde heute bei der dritten Lesung des Etat» deS Reichstages der frei- finnige Antrag, betreffend Gewährung von Diäten an die ReichStagS-Mitglieder, mit 179 gegen 49 Stimmen angenommen. Dagegen sprachen die Abgeordneten v. Kardorff (ReichSp.), v. Levetzow (cons.), dafür Bassermann (natl.), Gröber (Sentr.) und Singer (Soc.).
Torgau, 26. März. Bei der ReichStagS-Ersatz- wah l erhielt BuffeoiuS (Rp.) 6223, Knörcke (BolkSp.) 6072 und Müller (Soc.) 2000 Stimmen. Stichwahl zwischen BuffeniuS und Knörcke ist näthig.
Wien, 26. März. Bon der Felsspitze des schwarzen Thores bet Mödling ist ein junger Tourist abgestürzt und hat sich schwere Verletzungen zugezogen. Die Persönlichkeit deS Verunglückten konnte noch nicht festgestellt werden.
Wien, 26. März. Hiesige politische Kreise bestätigen, daß zu Beginn der nächsten Woche die gesammten griechischen Häfen bloktrt würden. Die Eiutheilnng deS Blokade-RayonS soll den Admiralen überlassen werden.
Wien, 26. März. In der Thronrede, mit der der Reichstag am Montag eröffnet werden wird, wird et* Passus enthalten sein über die auswärtige Lage, welcher gegenüber den Schwierigkeiten, die der Unternehmungshang Griechenlands bereitet hat, auf das allseitig empfundene FriedenSbedürfniß Europas hinweist.
Rom, 26. März. Auf der Consulta wird ebenfalls ver- fichert, daß die Blokade vouVolo in den nächsten Tagen zur Thatsache werden würde.
Brussel, 26. März. Im Mordprozesse gegen den Expoltzeicommiffar CourtoiS und seine Helfer Resttanx und DevoS ist heute daSUrtheil gesprochen worden. Nachdem die Geschworenen von IO1/, bis 1 Uhr berathen, wurde da« Urtheil verkündet. CourtoiS und Restiaux wurden de« vorsätzlichen Mordes au der Baronin Harry für schuldig befunden und beide zum Tode verurtheilt. DevoS wurde freigesprochen. CourtoiS betheuerte seine Unschuld- er weinte und fiel in Ohnmacht. GenSdarmen trugen ihn aus dem Gerichtssaale. Der Prozeß hatte 29 Sitzungen in Ansprnck genommen.
Pari«, 26. März. Zum Empfange Nansens hatte fich ein zahlreiches Publikum eingefunden. Der Nordpol- fahrer wurde von der htefigen geographischen Gesellschaft begrüßt.
London, 26. März. Der russischen Truppen- Verschiebung in Asten wird die Abficht zur Besetzung Armeniens zugeschrieben.
London, 26. März. „Daily News- theilt mit, daß Nansen einer Gruppe Engländer, welche im nächsten Sommer eine Nordpol-Expedition unternehmen will, feinen Dampfer „Fram" zur Verfügung gestellt hat.
Athen, 26. März. Die griechische Regierung bestellte 75,000 Meter Tuch zur Montirung für die Fremden- legten, ferner in Belgien 20,000 Bettdecken.
Athen, 26. März. Einem hier circulireoden Gerüchte zufolge wird König Georg sofort nach der Notifizirung der Blokade Griechenlands der Türket den Krieg erklären. Der Kronprinz soll bereits diesbezügliche Instructionen nach Thessalien mitgenommen haben.
Kanea, 26. März. Das Fort Cerattni ist von den Christen eingenommen worden. Dasselbe steht in Flammen. Der franzöfischen Besatzung von Sitia wurden von den Auf- ständischen Lebensmittel überlassen, jedoch unter der Be- dingung, daß fie den Türken nicht» davon abgeben.
Kanea, 26. März. Die Insurgenten haben das Blockhaus Malaxa nach vollständiger Zerstörung desselben aufgegeben.
Kandis, 26. März. Auf der hiefigen Rhede erschien gestern ein weitere» englisches Torpedoboot, sowie ein englischer TrauSport-Dampfer mit 500 Manu Hochland-Infanterie an Bord. Der Hafen wurde durch türkische Truppen besetzt.
Berlin, 27. März. Die Osterferien des Reichs- tage» werden nach vorläufiger DiSpofition am 7. April beginnen.
Berlin, 27. März. Auf der hiefigen russischen Botschaft findet am Montag ein größeres diplomatt- scheS Din es'statt.
Berlin, 27. März. Das „Berl. Tagebl." meldet an» Rom: Die Mächte würden auf die neue Note der griechischen Regierung nicht eingehen, sondern haben die Admirale zur Erweiterung der Blokade nach Maßgabe gegebener Nothwendigkeiten ermächtigt.
Kiel, 27. März. Gutem Vernehmen nach sollen alle drei bewilligten Kriegsschiffe Privatwerften übertragen werden.
Hamburg, 27. März. Professor Schwentvger hat wegen de» gastrtsch-nervösen Znftaude» de» Fürsten Bismarck darum ersucht, den Fackelzug, der alljährlich von de« Hamburgern am Vorabend des Geburtstages de» Fürsten in FriedrichSruh veranstaltet wird, um einige Wochen zu verschieben.


