Ausgabe 
28.3.1897 Drittes Blatt
 
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Rr> 74 Drittes Blatt. Sonntag den 2R März

1S97

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Der Wiener Anzeiger erscheint täglich, xtt Ausnahme deS Montag».

Gießener Anzeiger

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felgenbm Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. mui," | Gratisbeilage: Gießener Aamilienötätter. I ,37,

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Zum Bezug desGietzenee Anzeige^ für das 2. Vierteljahr 1897 laden wir hiermit ergebens! ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben aus dem Laufenden. Uitterstütztdurch an allenOrtender Provinz Oberhessen ansässig e Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so fttihzeitig tote möglich jur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück- sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar­tikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärttge Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhiuzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. April den Anzeiger kostenfrei zu- gestM, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- dkummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither,

den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger"

Brühl'sche Univ.-Buch- h. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

Ilmtiicbcr Theil.

Grotzherzogliche Fachschule Erbach u O.

Das Sommersemester beginnt am 26. April.

Unterrichtet wird von drei Fachlehrern und zwei Hilfs­lehrern in folgenden Lehrfächern:

Freihand- und Ltnearzeichnen, kunstgewerbliches Zeichnen und Entwerfen, Modellireu nach ornamentalen und figürlichen Motiven, Borträge über plastische Anatomie, Stillehre, Materialtenkunde, Aufsatz, Buchführen, Rechnen, Geometrie, Veranschlagen und Wechsellehre- Schnitzen, Drehen und Fa^ounireu in Elfenbein, Horn, Holz, Perl­mutter, Schildpatt; Kerb- und Flachschnitt, Holzbrand, Einlegearbeit (Intarsia, Boulle), Cifelireu in Silber, Treiben in Kupfer, Montiren in Edel­metall in Verbindung mit Elfenbein, Glas, Achat u. s. w.

Der Unterricht wird durch eine reiche Modell- und Borbildersammlung, sowie gut au-gestattete Werkstätten unterstützt

Das Schulgeld beträgt zehn Mark im Halbjahr.

Unbemittelten Schülern kann die Entrichtung deS^Schul- gelbes nachgelaffen, sowie Auswärtigen der Besuch der Schule durch einen UntersttktzungSbeitrag erleichtert werden. Bei Gesuchen um Gewährung der einen oder anderen Art dieser Erleichterungen werden neben der Vermögenslage des Schülers auch die BermögenSverhältniffe der HeimathS- gemeinde oder das Vorhandensein geeigneter Stiftung-Mittel in Betracht gezogen.

Anmeldungen und Gesuche nimmt der unterzeichnete Hauptlehrer entgegen und ist auch zur weiteren Auskunft gerne bereit.

Erbach, im März 1897.

Der Vorsitzende des AuffichtsratheS: S t e g m ü l l e r.

Der Großh. Hauptlehrer: Görtg.

Deutsch er Reichstag.

198. Sitzung. Freitag den 26. März 1897.

Am BundeSrathStische: StaatSsrcretär Frhr. v. Marschall, v. Göhler, Hollmann, Graf Posadowsky.

Auf der Tagesordnung steht die dritte Lesung deS Etats.

Abg. Liebknecht (Soc): Man habe die Schuld an derJltiS"- Katastrophe durch Erregung einer patriotischen Entrüstung zu um­hüllen gesucht. Statt einen authentischen Bericht zu veröffentlichen, habe man einen socialdemokratischrn Redacteur in Anklagezustand versetzt, well derselbe der allgemeinen Meinung in der Marine ent­sprechend den Zustand derIltis" als schon längst seeuntüchtig hingestellt und es getadelt habe, dah ein solches Schiff noch hinauS- gefandt worden fei.

Contreadmiral Büchse! erwidert, derIltis" sei in jeder Beziehung vollkommen seetüchtig gewesen. Das ergebe sich auS dem Bericht deS letzten Commandanten desIMS" und daran könntm auch die stückweisen Aeuherungen nichts ändern, welche Liebknecht aus dem Bericht eines früheren Commandanten verlesen habe, um so weniger, als inzwischen auf demIltis" Verbesserungs-Umbauten stattgefunden hätten.

Abg. Lieber stellt noch infolge einer Aeuherung Liebknecht« an der Hand einer Statistik fest, daß die Zahl der auf den Werften strafweise entlassenen Arbeiter eine sehr geringe sei und dah kein Arbeiter wegen seiner politischen Gesinnung allein entlassen sei.

Damit schließt die Generaldebatte.

Bei dem Etat des Reichstags befürwortet Abg. Richter seinen Antrag auf Gewährung von Diäten und Reisekosten an bk Mitglieder des Reichstages. Die schwache Präsenz, welche durch den Diätenmangel mitverschuldet werde, verlängere die Sessionen. Die Einführung der fünfjährigen Wahlperiode habe für alle Erwerbs- thätigen die Nachtheile aus der Annahme einer Wahl noch erschwert.

Abg. Bassermann erklärt die Zustimmung deS größeren Thetls der Nationalltberalen zu dem Anträge. Der Soctaldemokrati« und ihrer Vertretung im Reichstage erwachse au8 der Dtätenlostgkett kein Nachthetl. Den Schaden habe jetzt hauptsächlich der Mittelstand, der des Diätenmangel« halber außer Stande sei, eine Reihe tüchtiger Personen aus seinen Mitgliedern in den Reichstag zu schicken.

Abg. v. Kardorff erklärt Namens der Reichspartet, diese bleibe auf ihrem bisherigen Standpunkte und lehne den Antrag ab. Die Diätenlosigkeit sei das Correlat des allgemeinen gleichen Wahl­rechts, und dieses Correlat abzuschaffen, würde ein schwerer Fehler der Regierungen sein. Im Uebrigen sei c8 bezeichnend, daß die Linke hier die Verfassung ändern wolle.

Abg. Gröber (Ctr): Die Herren rechts hätten selber vor fünf Jahren die Verfaffung geändert durch Verlängerung der Legis­laturperioden. Das sei einer der schwersten Eingriffe, eine schwere Beeinträchtigung deS Wahlrechts gewesen. (Lebhafter Beifall.) DaS Centrum stimme für den Antrag.

Abg. v. Levetzow erklärt, die Conservattven würden gegen den Antrag stimmen. Nicht die Diäten müßten die Abgeordneten in dieses Hau« treiben, sondern vielmehr ihr Pflichtgefühl.

Abg. Singer (Soc.): Herr von Kardorff sollte doch am wenigsten gegen die Diäten stimmen. Als Ernsi Kell einmal für dieGartenlaube" eine Enquöte über die Gründer veranstaltete, da hat ihm Herr v. Kardorff geantwortet:er habe sich an Gründungen betheiligt, um ohne Vermögensverlust als Gesetzgeber thätig sein zu können." (Große Heiterkeit.)

In namentlicher Abstimmung wird der Antrag Richter mit 179 gegen 49 Stimmen angenommen. Von den Nationalltberalen stimmten mit Nein: v. Bennigsen, v. Cuny, Hoffmann-Dillenburg,

Feuilleton.

Wochendriefr ans der Residenz.

(Originalbericht desGießener Anzeiger«").

Z. Darmstadt, 25. März.

Die Centerrarfeier in der Residenz.

(Sin paar herrliche Tage, in denen die nationale Ge­sinnung und patriotische Begeisterung die schönsten Früchte hrrvorbrachte, hat die Residenz hinter sich. Die Stadt- Verwaltung hatte, wie schon letzthin berichtet ward, ihr Mög­lichstes gethan, um die Feier zu einer recht allgemeinen, Allen zugänglichen zu gestalten, sie hatte ihren Bediensteten und Arbeitern einen Feiertag gewährt und mit diesem Bei- spiel viele Ladeniuhaber und GeschästSbefitzer zu gleichem Thun angeregt. Daher kam es, daß bet der Feier alle Stände, Hoch und Gering, in gleicher Weise zahlreich ver- treten waren. Die Stadt selbst hatte für die Tage ihr schönstes Festkleid angelegt, alle Straßen, selbst in den ent- legensten Stadtvierteln, zeigten reichsten Flaggenschmuck und in dem HauptgeschäftSquartier waren die Schaufenster der Läden in der finnigsten Weise mit den Bildern des großen Kaisers, seiner erhabenen Mutter u. a. in hübschem Korn- blumenschmuck geziert. Der Sonntag Morgen gehörte der kirchlichen Feier deS TageS. Die Truppen zogen mit klingendem Spiele und ihren Fahnen nach den Kirchen, wo der Bedeutung des Festes entsprechende Ansprachen gehalten wurden. Die vier Krieger- und Mtlttärvereine Darmstadts stammelten fich Morgens um ihre Fahnen bei dem LaudeS- Krieger-Denkmal und marschirten in geschloffenem Zuge unter Borantritt der Capelle deS Artillerie Regiments Nr. 25 nach der Stadtcapelle, wo Professor Trümpert eine mächtig zu Herzen gehende Gedächtnisrede hielt. Davach begaben fich

die Vereine nach dem Paradeplatz zurück und nahmen die Parade-Aufstellung ein, der BezirkSvorfitzende Engel über­reichte dem in Parade-Uniform erschienenen 1. Präsidenten derHassia", Oberstlieutenant CaSparh, den Rapport, worauf dieser unter den Klängen deS PräsentirmarscheS die Front abschritt. Danach hielt dieser eine ächt soldatisch­markige Ansprache und brachte ein Hurrah auf Kaiser und Großherzog auS. Die Krieger, welche sämmtlich Orden und Ehrenzeichen angelegt hatten, sormtrten Zugcolonnen und defilirteu darauf in strammem Parademarsch an dem Prä­sidenten vorüber.

Den Mittelpunkt der von der Bürgerschaft veranstal­teten Feierlichkeiten bildete der in Ihrem Blatte bereits kurz geschilderte Gedächtnißact, bei dem Professor Harnack von der hiesigen technischen Hochschule die Festrede hielt. Nachgetragen sei nur noch, daß neben den vorzüglichen Dar­bietungen der unter W. de HaanS Leitung stehenden Ge­sangvereine (Musikverein und Mozartverein) ein von dem Vorsitzenden deS hiesigen Journalisten- und Schriftsteller- Vereins, HerrnOberstlieuteuant Gab verfaßtes, tiefempfun­dene» ^und von Frl. EichelShetm, dem geschätzten Mit­glied unserer Hofbühue, meisterhaft vorgetragenes Festgedicht den lebhaften Beifall der nach Tausenden zählenden Ver­sammlung fand.

Der Sonntag-Abend sah die gesammte Bevölkerung Darmstadts in den verschiedenen Festsälen der Stadt: Im Städtischen Sa al bau" sprach Herr Oberbürgermeister Morneweg, wo Geh. Hofrath Wünzer und Fräulein Borcher von der Hofbühne ihre Kunst ebenfalls In den Dienst des Patriotismus gestellt hatten- imKaisersaal" sprachen Stadtverordneter Wolfskehl und Hauptmann Waldecker, dort wirkten Frl. Orth, Mufikdirector Hall - wachs und zwei Gesangvereine mit. ImSchützenhof" hielt Professor und Landtagsabgeordneter Friedrich die

Festrede, auch Hugo Edward wirkte hier bei der Feier mit, imOrpheum" redete Beigeordneter Jäger, in der Turnhalle" Stadtverordneter Bernhardt und im Chausseehaus" Bürgermeister Köhler, überall in den genannten Localen erhöhten die Capellen der hier liegenden Regimenter und viele Künstler der Stadt durch ihre Bor­träge die patriotische Begeisterung. Telegramme an den deutschen Kaiser, an den Großherzog und den Fürsten Bis­marck wurden von verschiedenen Versammlungen abgesandt und von den hohen Herrn dankend beantwortet.

Der Montag-Morgen sah die Straßen schon früh belebt, von einer festlich gestimmten Bevölkerung. Die Truppen zogen mit lorbeergeschmückten Fahnen und unter voraus spielender Musik zum Paradeplatz, wo große Parade statt­fand, die vom Prinzen Wilhelm abgenommen und vom Commandeur der 50. Jnf.-Brigade, Generalmajor v. Bismarck commandirt, einen glänzenden Verlauf nahm. Währenddessen gab eine auf dem Exercierplatz aufgestellte Ehrenbatterie den üblichen Kaisersalut mit 101 Schuß ab. In allen Schulen wurden Festacte gehalten, den Truppen ward die Bedeutung des Tages von ihren Chefs erläutert und sie selbst festlich bewirthet. Die OffizierScorps hielten in ihren CafinoS, die inactiven Offiziere imBahnhofShotel" Festmahle, die außer­ordentlich zahlreich besucht waren. Ganz brillant war der am Abend zum Schluß der Feierlichkeiten von 53 Vereinen unter Mitwirkung von sechs Mufikcapellen und sämmtlicheu Spielleuten des Leibgarde-Regiments und der freiwilligen Feuerwehr veranstaltete Festzug, der sein Ende bei einem prachtvollen Feuerwerk am LandeS-Krieger-Denkmal fand. Die Stadt und ihre Bürger dürfen stolz sein auf ihr Fest, das würdiger und erhebender in diesem Rahmen nicht gefeiert werden konnte.