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27/11/1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 27S Erstes Blatt

Samötag deu 27. November

1897

Ln Oießensr JUqetgrr erscheint täglich, Wit Ausnahme txi Montags.

Die Gießener Il«»itie»ötätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Kenerak-Anzeiger.

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Redaction, LxpedNto» und Druckerei:

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2lints- und Anzeigeblntt für den ICreis Gie^eir.

Hratisöeikage: Hießener Kamikienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de, folgenden La, erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Die Schlacht im österreichische« Abgeordnetenhaufe.

AlS wir vor einiger Zeit ausführten, daß die Dinge im Parlamente unseres Nachbarstaates einer Spitze -ntriebeu, welche eine große Gefahr für den Parlamentarismus bedeute, da glaubten wir, die Scenen des Tumults hätten ihren Höhepunkt erreicht. Aber wir hatten uns einer Täuschung htngegeben und einem schlecht angebrachten Optimismus ge- vuldtgt. Nach dem AusgletchSvorschlage des Grafen Badeni hätte man aonehmen sollen, daß darüber erst ruhige Er­wägungen gepflogen worden wären, ob eS denn gar nicht möglich sei, einen Weg zu finden, der zum Frieden sührt. Aber die Zuversicht in die Ehrlichkeit des Grafen muß unter deu deutschen Abgeordneten nicht allzu groß gewesen sein, da fie die Anerbietungen des RegterungSpräfideuten für un- diseutirbar erklärten, und fie nur als eine Falle betrachteten, in welchrr die deutsche Obstruktion gefangen werden sollte, bis daS AuSgleichSprovtsortum erledigt worden sei. Ob dies begründet ist, läßt sich natürlich nicht sagen, aber man muß nach Allem, waS bisher geschehen ist, dem Grafen Badeni zutraueu, daß er nach jedem Mittel greift, um seine Ziele zu erreichen,- und den Deutschen kann man es nicht ver­denken, daß fie nicht jeder plump gelegten Falle zum Opfer fallen wollen. Auch die in dem Prager Jungczechen Organ gemachten Vorschläge zu einer Verständigung konnten für die Deutschen nicht ernstlich in Frage kommen, und so blieb denn nichts weiter übrig, als deu Kampf bis aufs Aeußerfte fort- zusetzen.

Daß dieser aber so erschreckliche Dtmeufionen anvehmeu würde, hat man wohl nicht geahnt, obgleich mau sich nach dem Voraufgegaugeueu schon auf äußerst erregte Scenen gefaßt machen mußte. Vorauf wollen wir schicken, daß die Majorität im österreichischen Abgrorduetenhause und der Präsi­dent Abrahamowicz ein gut Thetl der Schuld daran tragen, daß die Gegensätze sich so zugrspitzt haben. Sie mißbrauchen ihre Gewalt tu unerhörtester Weise und lasten sich Hand­lungen zu Schulden kommen, welche den Stempel der Un­gesetzlichkeit auf der Stirn tragen. Die Minorität ist in der üblen Lage, sich dem Allem fügen zu wüsten, und fie hat als einziges Mittel, ihrem Mißfallen über die Vergewaltig­ungen Ausdruck zu geben, nur die Obstruktion zur Hand. War nun die Mittwoch-Sitzung betrifft, tu welcher eS zu deu gröbsten Thätltchkeiten zwischen den Abgeordneten kam, so ließ fie fich so schön au. Zwar waren nahe an hundert Redner gegen daS Ausgleichsprovisoriuw angemeldet, aber eS verlief dtS Nachmittag Alles in voller Ruhe. Erst als von jungtschechischer Seite der Antrag gestellt wurde, über eine Anzahl Petitionen zur Sprachenverorbnung gemeinsam abzustimmen und dieser Vorschlag dir Billigung deö Präsi­denten fand, da brach der Slurm los, wie er in solcher Heftigkeit kaum einmal in einem Parlament getobt hat. Die Einzelheiten dieser Scenen find ja durch die ausführlichen Berichte, welche wir über die Angelegenheit gebracht haben, bekannt, so daß ein näheres Eingehen darauf uunöthig er­scheint. Nur wollen wir hier noch unserem Schmerze Aus­druck verleihen, daß das Parlament des uns so eng ver­bündeten Staates zum Schauplatz von Austritten werden konnte, welche von allen Parteien verdammt werden wüsten. Die allgemeine Sympathie in Deutschland wird wohl auf der Seite jenes kleinen Häufleins sein, welches fich ver­zweifelt gegen die Angriffe der Uebermacht wehren mußte, wenngleich das Auftreten einzelner Abgeordneter der Linken kaum Billigung finden dürfte.

Mit banger Besorgniß blicken alle gutgesinnten Kreise Oesterreichs in die Zukunft. Wird ein Retter aus diesen Wtrrntffen erstehen, dem eS gelingt, die Gemüther zu be­ruhigen und die Erschütterung, welche die Grundpfeiler der österreichischen Monarchie auszuhalten haben, umwtrksam zu machen? Graf Badeni ist nicht dieser Mann, daS müßte die maßgebende Stelle unserer Nachbarmonarchte schon er­kannt haben. Aber wer soll der Mann sein, welcher die Riesenarbeit übernimmt, welche die Krast eines Einzelnen zu erlahmen droht? Man will jetzt die Gerichte in Anspruch nehmen, welche gegen die Abgordneteu, die sich der Gewalt- thätigkeiteu schuldig gemacht haben, vorgehen sollen. Aber glaubt die Regierung wirklich, daß fie damit ihren Zweck erreicht und Frieden schafft? Sie sollte doch einmal ver­suchen, ob fich das Mittel nicht bewährt, welches die Deutschen so dringend und stürmisch fordern:Fort mit Badeni!"

(xx)

Wolff» telegraphisches Korrespondenz-Bure«.

Berlin, 25. November. Der BundeSrath Hot in 'feiner heutigen Sitzung die Vorlage, betreffend die Ueber-

ficht der Reichs-Ausgaben und -Einnahmen für oau jahr 1896/97, den Gesetzentwurf wegen der Zusammen­stellung des ReichShau-haltSetatS für da» EiatSjahr 1898/99 und betreffend die Ausprägung von RetchSsilbrrmünzen, oeu Gesetzentwurf wegen Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung de» RetchSheereS, der Marine und der Reichs- eifenbahuen, den Gesetzentwurf wegen Verwendung über­schüssiger RetchSeinnahmen au» dem Etatsjahr 1898/99 und den Gesetzentwurf wegen anderweitiger Feststellung deS Gesammlcontingeuis der Brennereien, den zuständigen Au»- schüffen überwiesen. Ferner wurde dem AuSschußberlcht über den Entwurf der Etats, betreffend den allgemeinen Pension»« fand zum ReichShauShaltSetat für 1898/99, sowie dem Aus­schußbericht, betreffend deu Entwurf von Etats zum Reichs- Haushaltsetat für 1898/99 und zwar für den Retchsinvaltden- foud und für die Verwaltung des RetchSheereS die Zustimmung ertheilt, ebenso dem AuSschußdericht über den Entwurf des Etats der Marinverwaltung zum ReichShauShaltSetat für 1898/99, sowie dem AuSschußdericht über den Entwurf des Etat» für die Poft und Telegraphen-Berwaltung zum RetchS- hauShaltsetat für 1898/99 Von den AuSschußbertchten über die Entwürfe von Etat» zum ReichShauShaltSetat für 1898/99 wurde der deS Auswärtigen Amtes abgesetzt und die des RetchSamtS deS Innern, des ReichSschatzamtS, deS Reichs- eifeubahnamtS unö der ReichSdruckeret genehmigt.

Kaffel, 25. November. Die heutige Sitzung deS Pro- vinzial-LandrageS beschäftigte fich zunächst mit dem Verwaltungsbericht der Heffeu-Nastautschen Landwrrthschaft- ltchen BerufSgenostenschaft für 1894/95, der ebenso wie die Rechnungen derselben Anstalt sür 1894, 1895 und 1896 zur Kenntniß genommen wurde. Sodann wurde der Antrag deS Vorstandes der Alter»- und JnvaliditätS Versicherungs­anstalten, betreffend die Unterstützung de» gemeinnütziges Baues von Arbetterwohuungen, berathen und angenommen. Hierauf wurde dem Anträge deS Provinztalausfchuffe» zu- gestimmt, den LandeSrath Scheel zum stellvertretenden Mit- gliede des Vorstandes der Alter»- und JnvalidttätSoerfiche- rungS-Austalt zu bestellen. Schließlich wurde eine Anzahl Neuwahlen für den ProvinzialauSschuß, sowie sonstige Wahlen vorgeuommen. Der letzte Punkt der Tagesordnung, betreffend die Vorlage bezüglich der Gleichstellung der Provinztalbeamten mit den königlichen Staatsbeamten, wurde heute nicht zu Ende berathen/ die Vorlage wird morgen in der Special- berathung nochmal» berathen werden. Alsdann ersolgt der Schluß bei Landtage».

Sagan, 25 November. In dem benachbarten Kunz en- dorf brennt der Brauukohlenschacht der Lohrer Werke von Mayer u. Co. Der FörderungSthurm und die Spurre find bereit» vollständig etngeäschert. Die Belegschaft konnte bis auf etwa 9 Mann gerettet werden. Es find Bor- kehrungen zur Rettung der noch im Schacht btfiadlichen Berg­leute getroffen. Der Brand ist noch nicht gelöscht.

OelSnitz i. B., 25 November. Heute früh 2 Uhr 48 Miu. wurde hier ein wellenförmiger Erdstoß verspürt.

Wien, 25. November. Nach einer Meldung derPolit. Corresp." au» Belgrad befinden fich ungefähr fünftausend Albanesen in den Bezirken von Ipek und Djakova in vollem Aufruhr gegen die Behörden. Zwischen den au» Saloniki und Monasttr nach Uetküb entsandten Truppen und den Albanesen hat angeblich bet Djakova ein für beide Thetle verlustreicher Kampf stattgefunden.

Depeschen deS Bure« ,H«old.*

Berlin, 25. November. Der Kaiser traf gestern Abend 8/*9 Uhr auf der Wtldparkstation ein. Heute Morgen hörte der Kaiser die Vorträge deS KriegsmtnisterS v. Goßler, deS Chefs des Generalstabs Grafen v. Schlteffen, und des Chefs des MilitärcabinetS Generals v. Hahnke. Nachmittags gedachte der Kaiser den Vortrag des StaatSsecretärts Grafen Posa- dowSkh entgegenzunehmen.

Berlin, 25. November. DerRetchSanzetger" veröffent­licht die Verleihung der Staatsmedaille mit der Inschrift für gewerbliche Leistungen" in Gold an die Stettiner Ma- schinenbau-ActiengesellschaftVulkan" in Bredow.

Berlin, 25. November. DerNordd. Allgem. Ztg." wird au» Wien telegraphirt: In hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, auf Anregung Rußland» sei Prinz Franz Joseph von Battenberg al» Gouverneur von Kreta in Aussicht genommen.

Berlin, 25. November. Ueber da» Befinden de» Herzogs Ernst Günther zu Schleswig-Holstein erfährt dieKreuzzeitung", daß die Krankheit ein Darmletden ist, welches jedoch eine Wendung zum Besseren zu zeigen scheint.

Berlin, 25. November. DerKreuzzeitung" wird au»

Alle Annonccn-Bureaux de» Au« und Auslandes ndpaai Anzeigen für denGießener Anzeiger" eMgeg«.

Plön telegraphirt: Bet der Reichstagsersatzwahl am 23. d. MtS. im 9. Plöner Wahlkreise siegte v. Tungeln (conservattv) mit 833 Stimmeo.

Berlin, 25. November. Wie eine hiesige Correspoudenz meldet, soll Professor Mommsen zu seinem 80. Geburts­tage am 30. November den TitelExcelleuz" erhalten.

Berlin, 25. November. Einem Kieler Telegramm M Berl. Tagebl." zufolge soll die Auslandsreise deS Flaggschiffes bei Prinzen Heinrich nach Oftafieu auf 18 Monate berechnet sein.

Königsberg, 25. November. Der Sturm hat vielfach Schaden angertchtet. Auch Menschenleben find verloren ge­gangen. Im kurischen Haff ist ein Fischer mit seinem Sohn ertrunken. Bet Kotzau an der russischen Küste strandete ein Schiff, wöbet vier Mann der Besatzung ertrunken find.

Wien, 25. November. Dte parlamentarische Majorität hat heute Bormittag beschlossen, in der heutigeu Sitzung des Abgeordnetenhauses folgenden Antrag einzubrtngen: Aufhebung der bestehenden Geschäftsordnung, Einführung einer provisorischen Geschäftsordnung, in welcher u. A. dte Besetttgung der namentlichen Abstimmung, Ein­räumung des Recht- für deu Präsidenten, dte Abgeordnete« 3 btS 30 Tage mit gleichzeitigem Dtärenverlust auszuschließen, und Einführung einer ParlameutSwage gefordert wird. Außerdem wird die Einsetzung einer parlamrutarischeu Unter- suchungS-Commtsfiou verlangt.

Wie», 25. November. Gerüchtweise verlautet, daß dte Staatsanwaltschaft eS abgelehnt hat, dte vom Präfidtu« geforderte Untersuchung gegen einzelne Abgeordnete ein- zuleiten. Staatsanwalt Dr. BobieS soll heute Vormittag dem Justizmintster, zu welchem er berufen wurde, dte» mit- gethetlt haben.

Wien, 25. November. Graf Badeni war heute Vor­mittag iy8 Stunden beim Kaiser, um über dte gestrigen Vorgänge Bericht zu erstatten.

Wien, 25. November. Dte für 1 Uhr anberaumte Sitzung des Abgeordnetenhauses verzögerte fich au» bisher noch unbekannten Gründen bi« ^2 Uhr. Da» Hau» ist dicht gefüllt, die Abgeordneten Wolff, Schönerer und Pfersche find anwesend. Auch die Galerien find dicht besetzt. Beim Eintritt bei Präsidenten Abrahamovicz ruft Wolff: So ein Schuft. Präfident Abrahamovicz ergreift die Glocke und läutet. Der Lärm dauert fort, dann wird plötzlich ganz still. Wie aber der Präfident zu sprechen beginnen will, ruft Schönerer: Hinaus mit dem Präsidenten. Wolff schreit: Ein Anderer soll da» Präsidium übernehmen, nicht ein solcher Gauner. Da der Lärm fortdauert, wird die Sitzung sofort bis um 3 Uhr unterbrochen.

Wien, 25. November. Um 3 Uhr 10 Min. wurde die Abgeordnetenhaus-Sitzung wieder eröffnet. Der Präsident gab dem Abgeordneten Falkenhahn baß Wort. Da Schönerer jedoch sprechen wollte, entstand ein großer Tumult. Trotzdem fing Graf Falkenhahn zu sprechen an und brachte den Antrag aus Abänderung der Geschäftßorduung ein. Während der Verlesung dieses Antrages herrschte coloffaler Lärm. Abg. Wo.ff hatte eine Pfeife au» der Tasche gezogen und pfiff darauf. Trotz beß Protesteß bet Linken erklärte der Präfident, daß die Mehrheit beß Hause» ben Antrag an­genommen habe. Hierauf entstand ein großer Sturm, mehrere Abgeordnete schickten fich an, die Präfideutentribüne zu stülmeu, wurden jedoch von den Dienern zurückgewiesen. Nunmehr richtete fich die Wuth gegen den Ministerpräfidenten Badeni, sodaß derselbe retiriren und ben Saal verlassen mußte. Schließlich würbe ble Präfidententribüne gestürmt. Der Präfident wurde von seinem Sessel geworfen und flüchtete, kehrte jedoch bald zurück und schloß die Sitzung. Morgen vormittag 11 Uhr findet Fortsetzung statt.

Wien, 25. November. Wie im Abgeordnetenhause ver­lautet, find die vereinigten Oppositionsparteien ent­schlossen, sobald von der Aenderuug der Geschäftsordnung Gebrauch gemacht wird, den Reichsraih zu verlassen.

Madrid, 25. November. Mehrere Mitglieder beß Senat» unb der Kammer haben ben Ministerpräsidenten telegraphisch gebeten, bte Autonomie nicht zu beschließen, ohne bte Kammern gehört zu haben. Der Ministerpräfibent hat bereit» mehrere Hundert solcher Telegramme erhalten.

London, 25. November. AuS Konstantinopel kommende Meldungen besagen, der Sultan sei nunmehr bereit, die Autonomie Kretas anzuerkeunen und zwar unter solgeudeu Bedingungen: Ernennung de» Gou­verneurs durch den Sultan, Besetzung der Insel durch türkische Truppen und Beibehaltung der türkischen Flagge.

Berlin, 26. November. Den Morgenblättern zufolge ist gegen den Criminalcowmiffar v. Tausch nunmehr die Anklage