Nr. 123 Zweites Blatt. Donnerstag den 27. Mai
1S97
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Bekanntmachung.
Nr. 23 deS Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben am 21.1. MtS., enthält:
Nr. 2388. Handelsgesetzbuch. Vom 10. Mat 1897.
Nr. 2389. EtnführungSgesetz zum Handelsgesetzbuche. Bom 10. Mat 1897.
Gießen, den 25. Mai 1897.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Himmelfahrt.
Für Viele ist das HimmelsahrtSfest mehr als jedes andere, das die christliche Kirche feiert, ein Naturfest, eine Freude an der Herrlichkeit der in Blüthen prangenden Natur, an dem erquickenden warmen Hauch der alles belebenden FrühlingSfonne.
Schon am frühen Morgen sehen wir viele fröhliche Menschen, jung und alt, hervorströmen auS den evggeschlosieneu duukelen Räumen, hinaus in die weite und große Natur, an der sie fich laben wie Kinder an der Mutterbrust.
Aber — so schön und gerade diesem Feste geziemend eine solche Freude ist, in der wir des Himmels milde Lüfte rinathmen mit dürstendem Verlangen, so wenig sollen wir doch dabet uns genügen lassen, vielmehr, wie überall, von der StuneSerscheiuung uns erheben in die Welt des Geistes, von dem warmen Strahl dieser Erdensonne zu der nie unter- gehenden Sonne im Reiche unsterblicher Menschenseelen, von diesem blauen Himmelsgewölbe über uns zu dem unfichtbaren Himmel in uns, zu dem ewigen Geiste, der alle Himmel geschaffen und aller Himmel Seligkeit in sich trägt.
Der Blick, den wir heute von dem HtmmelfahrtSberge aus werfen, dringet wett hin Über Erde und Himmel, hinab und hinauf, in die tiefen Niederungen de« EroenlebenS und tu die lichten und freien Himmelshöhen. Er streift der Erde Elend, Weh und Kampf, aber er erhebt fich zugleich in die Welt des reinen Lichtes, des Friedens, des Steges. Die Himmelfahrt Christi ist ja nichts anderes als die Heimkehr zum Vater, von dem tr ausgegangen, als der Sieg und die ewige Herrlichkeit nach dieser Zeiten Kampf und Schmach, und nun wtffen wir, daß auch unsere Erdenfahrt ausgehm soll tu eine Himmelfahrt, daß auch unser Ende nach den Mühen und dem Staube dieser Erde Himmelsfreude und Verklärung ist.
Und so erkennen wir auch, daß Himmel und Erde nicht ferne von einander, nicht durch unendliche Klüfte getrennt find, daß vielmehr ein Band der Liebe beide Welten umschlingt, eine unsichtbare Brücke hinüberführt von dieser
kämpfenden tu die triumphirende Welt, von diesen schmerz- | berührten Erdengestaden in die seligen Gefilde deS Friedens und des herrlichen Steges- daß es eine Gemeinschaft der Geister gibt und vor Allem eine Gemeinschaft der gläubigen Seelen mit ihrem Herrn und Heiland, die, wo sie einmal in inniger Liebe geichlossen, nicht wieder zerrissen werden kann.
Locales unb Provinzielles.
Gießen, den 26. Mat 1897.
•* Heffeu Naffauifcher Fleifcher-BezirkStag. Der am Sonntag im „Saalbau" zu Frankfurt a. M. abgehaltene Bezirks- tag des Bezirksvereins beider Hessen und Nassau im Deutschen Fleischerverbande war zahlreich. besucht. Von wichtigen Fragen wurde u. A. die Währschaft im Bürgerlichen Gesetzbuch behandelt. Es gelangte eine Resolution zur Annahme, in der die Währschaftsfrage für eine der wichtigsten Angelegenheiten für das deutsche Fleischergewerbe erklärt und der BezirkSverein beauftragt wird, beim BundeSrath unter Berücksichtigung der wohlbegründeten Forderungen des Fleischergewerbes vorstellig zu werden. — Zur Frage der PreiSnotirungen wurde eine Resolution gefaßt, in der der Bezirkstag die Ansicht ausspricht, daß als Schlachtgewicht das Gewicht der Viertel nach Entfernung des Nieren- und Schloßfettes zu betrachten ist. — Eine zweistündige Debatte entspann sich über die Verwendung von unschädlichen Conservemitteln und Farbstoffen in der Fleischerei. Die erstere Verwendung wurde in kleinem Quantum allgemein als zulässig erachtet. Nahrungsmittelchrmiker Dr. Popp erklärte, daß nach feinem auf mehrjährigen Erfahrungen gegründeten Urtheil sich eil Bedürfniß für Conservemittrl zur Herstellung von Dauerwaaren herausgestellt hat. Nach den Untersuchungen über Frankfurter Würste wurde von den verschiedenen Metzgern daS Conservemittel — Borsäure — verschieden angewendet. Bei seinen Versuchen ist der Redner zu dem Ergebntß gekommen, daß daS Conservemittel in geringem Quantum nicht gesundheitsschädlich ist. Chemiker Dr. Fritz - mann bestätigt das. Das ReichSgesundheitSamt kann keine Entscheidung treffen. Der Vorstand dieser Behörde hat erklärt, daß man da, wo man die Verwendung von Conservemitteln verbiete, weit über daS Ziel hinausschteße. Man müffe sich an den Reichskanzler wenden, der dann daS Nöthige bei dem ReichSgesundheitSamt veranlasse. Die Versammlung beauftragte dementsprechend den Vorstand zu den nöthigen Schritten bei dem Reichskanzler. — In der Debatte über daS Färben der Wurst standen sich zwei Ansichten gegenüber. Während Dr. Fritzmann für unbedingte Zulässigkeit unschädlicher Farbstoffe war, verlangte Dr. Popp, die ungefärbte Wurst solle declarirt werden. P i r r - Gießen und Obermeister | Schiebler-Caffel vertraten den Standpunkt des Färbeverbots.
Die Mehrheit der Versammlung sprach sich für Straflosigkeit des Färbens von Wurst mit unschädlichen Mitteln und gegen den Declarationszwang au». — Lautz-Darmstadt besprach dann die Frage der Uebersühruog österreichischen Viehes nach den Schlachthöfen, die Eisenbahnverbindung haben, und die Bestrebungen der Landwirthe, durch Erschwerung der Einfuhr ausländischen Viehes das Fleisch zu vertheuern. Die deutsche Landwirthschast sei nicht in der Lage, daS Bedürfniß Deutschlands an Schlachtvieh zu decken. Die Metzger waren deshalb sehr dankbar, als ihnen die directe Ueberführung österreichischen Schlachtviehes gestattet wurde. Mit der Grenzsperre würde gleichzeitig eine bedeutende Erhöhung der Fleischpreise stattfinden. — ES wurde einstimmig beschloffen, den VerbandStag zur Befürwortung der Ueberführung österreichischen Schlachtviehes non einem Schlachthof zum anderen zu ersuchen und eine directe Eingabe an daS ReichSkanzleramt gegen die Bestrebungen der Landwirthe auf Erschwerung der Einführung ausländischen Viehes zu richten. — Weitere Verhandlungen betrafen Schritte für die Beförderung der Fleifchwaaren als Eilgut zu Frachtgutsätzen, die Organisation deS Handwerks u. s. w. Als Ort des nächsten Bezirkstages wurde Fulda bestimmt.
•* Zn Amerika verstorbene Hessen. New York, Frau Anna Leicht geb. Kuppler, 35 Jahre alt, auS Watzenborn.
** Die Wespenplage ist wieder in Sicht. Jetzt zeigen fich in Folge der guten Ueberwinterung so viele Wespenwetbchen, wi- man selten sich erinnert, im Frühlinge angetroffen zu haben. Jedes dieser Weibchen ist für fich allein die Gründerin eines im Herbste nach Tausenden zählenden Wespennestes. Jetzt ist der Augenblick gekommen, dieses lästige, schädliche und unter Unstanden sogar gefährliche Ungeziefer im Keime zu vernichten. Besitzer von Gärten und Weinbergen sollten nicht versäumen, sofort mit dem Aushängen der mit Honigwasser halbgefüllten Arzneifläschchen und ähnlicher wirksamer Fangvorrichtungen vorzugehen- jede Wespe im Frühling gefangen, repräsentirt einen ganzen Schwarm im Herbe, nota bene jedoch, ehe derselbe Schaden gethan hat. Mit der Vertilgung zu beginnen, wenn der Schaden schon da ist, erscheint nicht besonders weise.
** Bezüglich der BerfichernugSpflicht der in der Hani- indnstrie beschäftigten Ehefrauen hat das ReichsversichernngS- awt die Feststellung bestimmter Umstände für erforderlich erachtet, aus denen sich ergibt, ob eine Ehefrau nur als Gehilfin ihres Mannes oder neben diesem als Versicherung-- pflichtige Hausgewerbetreibende anzusehen ist. Als solche Umstände haben zu gelten: 1. Die Beschäftigung deS Ehemannes und der Ehefrau für verschiedene Arbeitgeber. 2. Die ausdrückliche Anerkennung der Selbstständigkeit der Ehefrau Seitens des Auftraggebers. 3. Die Lohnberechnung der Ehefrau auf besonderes Conto. 4. Eine getrennte Lohn-
Feuilleton.
Es wär so schön gewesen.....
Humoreske von Georg Persich.
(Schluß.)
„Aber so verweilen Sie doch roch einen Augenblick," rief Melzer, „vielleicht weiß ich Rath."
Sie blieb mit freudigem Erschrecken an der Thür stehen und kam dann langsam zurück.
„Wenn ich nun Ihr Gedicht umarbeitete — würden Sie da- erlauben?"
„Gern."
„Und wenn e- dann auch anders aussehen sollte, sehr anders ?"
„Was könnte ich dagegen haben?"
„So will ich's mit Ihrer Einwilligung versuchen."
„Ich werde es aber doch auch nach der Bearbeitung als wein geistiges Eigenthum betrachten dürfen?"
„Natürlich. Ich meine übrigens, daß es Ihnen weniger auf da- Gedicht al- auf daS Ballkleid anEommt."
„Aber ich will das letztere mit dem ersteren verdienen. Das ist ja auch PapaS Bedingung. Er würde schrecklich böse werden, wenn er erführe —"
„Sie können fich vollkommen auf meine Verschwiegen- heit verlassen, gnädige- Fräulein. UebrigenS wird daS RedactionSgeheimniß unverbrüchlich gewahrt."
„DaS Redaction-geheimntß," wiederholte sie saft ehrfurchtsvoll. „Davon habe ich schon so viel gehört."
Sie reichte ihm ihre schmale, weiche Hand und sah ihn strahlend vor Freude an.
„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre große Lieben-würdigkeit, Herr Doclor!"
Er stammelte ein „Bitte, bitte" und verbeugte sich tief. Dann schaute er noch einmal auf — er konnte fich nicht satt sehen an diesen Augen, diesem Gesichtchen.
„Adieu 1"
„Adieu!"
Fort war sie. — — —
Mit Hilfe seiner „Lyrischen Momente" brachte Doctor Melzer wirklich ein ganz leidliches Poem auS dem Original von „Liebe und Entsagung" zuwege und in der nächsten Sonntag- • Beilage machten die braven Bürgerinnen und Bürger von X. die Bekanntschaft einer neuen vielversprechenden Dichterin.--—
Einige Wochen später aber war der erste Ball in der „Philharmonie".
Melzer war seinem reizenden RedactionSbesuch inzwischen ein paarmal ans der Straße begegnet. Er hatte nämlich seine Spaziergänge in die Gegend verlegt, wo nach dem Adreßbuch die Familie Reinhold wohnte. Er hatte durch die Vermittelung des befreundeten Arztes auch den alten Reinhold kennen gelernt, einen etwas wunderlichen Kunst- enthufiasten, sonst aber grundbraven und gemüthlichen Herrn.
Wie entzückend Gertrud in ihrem zarten Rosakleide — der „Prämie- — aussah.
Sie begrüßten fich wie alte Bekannte und bann tanzten fie miteinander.
In den Pausen unterhielten fie fich eifrig.
Er hätte fich nie einen solchen Löwenmuth gegenüber einer jungen Dame zugettaut, er war von jeher von seiner eigenen Schüchternheit überzeugt gewesen.
Und nun — e- war ja tollkühn — floß ihm plötzlich eine regelrechte Liebeserklärung über die Lippen. Und o Wunder! Gertrud lauschte mit wahrer Andacht.
Er fragte nicht nach den vielen hundert Menschen, die ihre Blicke auf fie gerichtet hielten, er schlang seinen Ar« um die Geliebte und preßte die erbebende Gestalt an fich — fie ließ es ruhig geschehen---—
„Aber wein Herr!"
Doctor Melzer spürte, wie ein spitzer Finger energisch auf seine Schulter tupfte.
Er sah ein gelbliche-, gerunzeltes Antlitz, Über dem ei« breitrandiger Strohhut thronte, den zwei breite Bauder unter dem Kinn festh*elte«.
„Was steht zu Diensten?" murmelte er tödtlich verlegen und rieb fich die Augen.
„Ich wollte nur mein Gedicht „Liebe und Entsagung-, da- Sie da in der Hand haben, wieder in Empfang nehmen."
Melzer reichte ihr mechanisch da- Papier.
„E- ist nach der rücksichtslosen Brieskastennotiz nicht zu gebrauchen. Schön. Aber ich habe nicht gedacht, daß ich eS in einem derartig zerknitterten Zustande wieder erhalten würde."
Der junge Redacteur rang nach Fassung. Er konnte fich gar nicht über die Situation klar werden.
„Ich bin empört!- kreischte die Dame. „Aber genug. Sie würden mich ja doch nicht verstehen, denn- — in ihre« Tone lag bittere Verachtung — „wer beim Lesen eines solchen Gedichtes einschlafen kann, der ist ein---"
Das letzte Wort verstand Melzer nicht mehr- es wurde gesprochen, als die Thür hinter der gekränkten Dichterin wuchtig tnS Schloß fiel.


