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Nr. 226
Der Oirtzener Anzeiger erscheint täglich, Bitt Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AenmirienStäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.
1897
irrstes Blatt Donutag den 26. September
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Gießen, den 25. September 1897.
Großherzogliche» Polizeiamt Gießen.
I. 23.: Roth.
Neueste
Wolff» telegraphisches Lorrespondmz-Burean.
Berlin, 24. September. Staat»winister v. Bötticher hatte am Mittwoch wegen einer leichten Verletzung des Daumens auf der Jagd in Großbeeren das Berliner LazaruS- Krankenhaus aufgesucht. Wie die Morgenblätter melden, ist sein Befinden nach der Operation deS Fingers sehr gut, die Heilung normal. Minister Boffe besuchte deu Kranken am gestrigen Tage.
Kiel, 24. September. In der heutigen Sitzung deS deutschen Vereins sürArmenpflege begrüßte Corvetten- capttän HerneS Namens de» Reichsmarineamts die Versammlung. Die Marine, die 15 000 Arbeiter beschäftigt, könne fich nur den Bestrebungen deS Vereins anschlteßen. Ihr Ideal sei freilich, fie überflüssig zu machen. Kayser auS WormS und Jockftein aus Potsdam refertrten über die Gewährung von WohnungSmtethen als Act der Armenunter- stützung; fie betonen, daß die Unterstützten zur selbstständigen Zahlung des WohnungSzinseS angehalten werden sollen. Dem traten der vorfitzende und Staehle aus Stuttgart ent- pege«.
Köln. 24. September. Bericht über die Generalversammlung de» „Vereins für Sozialpolitik". Heber das Thema „Ländlicher Personalcredit" referirten Geh. Hofrath Dr. Hecht auS Mannheim, Laudrath Dr. Seidel- Schmirgel (Provinz Posen) und Dr. Thieß au» Offenbach. Im Laufe der Debatte weist der Director der preußischen CentralgenoffenschaftS-Kaffe Dr. Heiligrnstadt-Berltn den Vorwurf zurück, daß die preußische CentralgenoffeuschaftS-Kaffe eine NothstandSkaffe sei und constatirt, daß die Kasse mit Gevoffenschastsgründungen fich nicht befaffe. UebrigeuS sei die GeschäftSgebaruug eine vollständig bankmäßige. Die angeblichen großen Zuschüsse feiten» de» Staates seien Legenden, der seitens deS Staates gewährte Credit werde von der Ge- noffenschastSkaffe verhältutßmaßtg verzinst. Redner macht längere aufklärende Mittheilungeu über das Wesen der CentralgenoffeuschastSkasse. Prof. Wagner behandelte in längerer Auseinandersetzung einige allgemeine Gesichtspunkte- die einzige richtige Politik im Creditwesen bestehe in der Der- biudung von Selbsthilfe, GenoffeuschaftShilfe und StaatS- htlfe. Er schließt: „Bet jeder kleinen und großen wtrth- schaftltchen Frage werden wir auf unsere wtrthschastliche Kraft und Macht geführt. Hier im Rhetnlande besonder», wo vor SO Jahren die französische Tricolore wehte, müssen wir wissen, waS Noth thut, nicht nur auf politischem, sondern auch auf wirthschaftlichem Gebiete: die Erhaltung unserer Wirtschaft- licheu Kraft und Macht, indem wir auch die uothwendigen politischen Bedingungen unserer HeereSmacht und unserer Flotte nach Möglichkeit sichern." Ministerialdirector Thiel nimmt die preußische LandwirthschastSverwaltuug gegenüber drm Borwurfe in Schutz, daß die Gewährung von Unterstützungen an Creditorganisationen zur TreibhauSzüchterei solcher Einrichtungen beitrage. Die Verwaltung zahle tu volkSwirthschaftltchem Interesse Subventionen an vorhandene Organisationen, und diese Subventionen würden später noch Erhöhung erfahren. Die Verwaltung weiß sich gegen alle derartigen Vorwürfe gesichert. Redner spricht seine Freude aus, daß nun endlich zwischen den einzelnen Creditsyftemen eine Art GotteSfrieden geschlossen sei, der eine ruhige, sachgemäße Besprechung einschlägiger Fragen gestatte. — An den heutigen Verhandlungen nahm auch der frühere Minister v. Berlepsch Theil.
Leipzig, 24. September. Da» Reich-gertcht verwarf die Revision de» Redakteurs der „Kritik" Dr. Wrede und des Dr. EtSn er, die vom Landgericht I Berlin am 27. April wegen MajeftätSbeleidigung zu 6 Monaten Festung bezw. - Monaten Gefäugntß verurtheilt worden find.
Petersburg, 24. September. Hier wurde eine Berord- rraug veröffentlicht, welche die Formtrung zweier neuer Dragoner-Regimenter betrifft, nämlich des 53. Nowo- Archangel'fchen und des 54. Nowo Mirgorod'fcheu.
Depeschen de» Bure« »Herold/
Berlin, 24. September. Die „Berl. Corresp." schreibt: Da» Staatsmiuisterium hat fich in seiner gestrigen Sitzung wiederum eingehend mit den durch die Ueber- schwemmung verursachten Schäden und den zu deren Beseitigung getroffenen und noch zu treffenden Maßnahmen beschäftigt. Unter Anderem ist dem Anträge der Provinzialbehörden entsprechend beschlossen worden, im Anschluß an die bisherigen Bewilligungen zur Erfüllung der dringendsten, durch private Hilfe nicht gedeckten Bedürfnisse zunächst deu weiteren Antrag von einer Million Mark für die betroffenen Provinzen aus Staatsmitteln sofort flüsfig zu machen. Wegen fernerer Bewilligung von Staatsmitteln ist die endgiltige Beschlußfassung Vorbehalten, bis die dem Abschluß nahen Verhandlungen eine genaue Ueberficht über den entstandenen Schaden und das noch vorhandene Bedürfntß ermöglichen werden.
Berlin, 24. September. An der gestrigen Sitzung des Staatsministeriums, die von 2 bi» nach 5 Uhr dauerte, nahmen auch die Staat»secretäre PosadowSky und Rieb erd in g Theil.
Berlin, 24. September. Dem „Reichsanzeiger" zufolge hat eine Eomplication ungünstiger Umstände das Kentern de» Torpedoboote» 8 26 herbeigeführt. Eine hohe achterliche See, in der Rähe der Fahrwasserrinne zur Grundsee werdend, hat da» Torpedoboot in eine Situation gebracht, in welcher die Schwankung-Periode des Bootes annähernd mit der der See zusammenfiel. Unter diesen Verhältnissen hat eine besonders schwere, von hinten auflaufende Grundsee durch ihren Anprall das Torpedoboot zum Kentern gebracht. Acht in der Blüthe ihrer Jahre stehende Söhne unsere» Vaterlandes find, so schließt die amtliche Meldung, der Katastrophe zum Opfer gefallen, darunter der Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg, an den die Marine hohe Hoffnungen geknüpft hatte- Ganz Deutschland betrauert den Tod seiner Söhne und wird ihr Andenken in Ehren halten.
Berlin, 24. September. Die deutsche Zeitungs- Gesellschaft Hachfeldt, Schmitt u. Co. ist durch gegenseitige Uebereinkuuft aufgelöst. Kaufmann Otto Schmitt führt allein da» Geschäft fort und beschränkt fich auf die Herausgabe der Zeitung „Berliner Herold".
Berlin, 24. September. Gestern verhandelte in der Börse der Verband der Berliner Metall-Industrieller über den Fo rmer-Ausstand. Es wurde beschlossen, Erhebungen über den Umfang deS StrtkeS vorzunehmen. Die Vertrauevs-Commiffiou des Verbandes wird in einer Sitzung zu Beginn der nächsten Woche über die Beantwortung der Zuschrift des Einigungsamtes des Berliner Gewerbegerichts betreffend Beilegung des Ausstande» durch Vergleich beschließen. Dem Vernehmen nach wird der Verband der Metall-Industriellen von seiner bisherigen Gepflogenheit nicht abgehen, mit soctalisttschen Organisationen princtpiell nicht zu verhandeln.
Berlin, 24. September. Wie dem „Local-Anzeiger" auS Frie drt chSruh mttgetheilt wird, ist es nach den bisherigen DiSpofitionen doch noch nicht ausgeschlossen, daß Fürst Bismarck an dem morgigen Stapellauf des Kreuzers „Ersatz Leipzig" in Kiel theiluehmeu wird. Bet dem hohen Alter des Fürsten und seinem schwankenden Gesundheitszustände lassen sich begreiflicherweise endgiltige Reisebestim- muugen erst in letzter Stunde treffen. Der sürstlicheu Familie wird von der Eisenbahn-Verwaltung ein Sonderzug zur Benutzung für die Fahrt nach Kiel und die Rückreise nach Friedrtchsruh zur Verfügung gestellt werden.
Kiel, 24. September. Ein Torpedodivtfionsboot und zwei Torpedoboote find zwecks Bergung der Leichen und Aufsuchung de» Wracks des Torpedoboots 8 26 bei der Unfaüstelle geblieben. Die Kaiserliche Werst in Wilhelmshaven ist von der Martnebehörde beauftragt worden, mit einer BergungS-Gesellschaft fich in Verbindung zu setzen behufs Hebung des gesunkenen BvoteS. Sobald die Witterungs- Verhältnisse es gestatten, wird mit der Bergung der Verunglückten, von denen voraussichtlich noch fünf oder sechs Mann sich im Boote befinden, begonnen werden.
Frankfurt n. M., 24. September. Die „Franks. Ztg." meldet: Bei dem gestern Abend 8 Uhr die Station Niedern- Hausen pasfireuden Güterzug Frankfurt — Limbur g wurde vor der Wasserscheide zwischen Niedernhausen und Idstein plötzlich die Maschine schadhaft, so daß der Zug mit einer herbeigeholten Ersatzmaschiue nach Niedernhausen zurückbefördert werden mußte. Die Strecke ist dort eingletfig und der Verkehr erlitt in Folge dessen einige Verspätungen.
Frankfurt a. M., 24. September. Aus Berlin wird der „Frkf. Ztg." telegraphirt: Die Ernennung des früheren
Militärattachv» und spateren Gesandten in Stockholm, Grafen Wedel, zum deutschen Botschafter in Rom, steht, wie zu- verläsfig verlautet, in den nächsten Tagen bevor.
Köln, 24. September. Unter der Ueberschrift „Zur Marine-Vorlage" schreibt die „K. Z.": Wie au» BundeSrathSkreisen verlautet, wird die Flotten-Vorlage fich in mäßigen Grenzen halten. Es sei beabsichtigt, die Flotte auf Grund deS Planes des Admirals Stosch zeitgemäß zn recoustrutren und dafür Sorge zu tragen, daß die Wiederherstellung der Flotte nach einem bestimmt berechneten Plane täglich bewirkt werden kann. Seitdem der Bau der Siegfried-Klasse beschlossen war, haben eingehende Versuche bot« gethan, daß diese an fich tüchtige SchiffSklaffe dem Gesichtspunkt nicht entspricht, welcher bei unfern Mitteln in unserer Flotte entscheidend ist, nämlich der Einheitlichkeit im SchiffS- Typ. Dieser TYP bewegt sich bei uuS um einen Gehalt von etwa 12,000 Tonnen, für den Nordostseecanal ausreichend. ES hätte keinen Sinn, außerordentliche Forderungen auf einmal zu stellen- Personal und Material müssen vielmehr täglich ergänzt werden. Es sei ein EinheitStyp im Rahmen obigen Tonnengehalts für alle Ersatzbauten der Panzerschiffe geplant. Der Plan soll fich bis zum Jahre 1905 erstrecken und im Durchschnitt nicht wesentlich über die diesjährigen Forderungen hinauSgehen. AuS marine-technischem Grunde wird die Forderung im ersten Jahre fünfzig Millionen nicht übersteigen und im folgenden Jahre fich in Höhe von etwas mehr als sechzig Millionen bewegen. Hierzu würde alsdann noch als dauernde Ausgabe für Personalvermehrung etwa eine Million treten. DaS Blatt versichert, Finanzmintster Miquel habe die finanziellen Forderungen des Contreadmiral» Ttrpitz nicht herabgedrückt, zwischen beiden Männern wurde vielmehr sehr schnell eine Verständigung erzielt, nachdem Contreadmiral Ttrpitz auf Wunsch deS Kaisers die Bedürfnisse der Flotte für die nächsten sieben Jahre planmäßig dargelegt hatte.
Schwerin (in Mecklenburg), 23. September. Die Groß- herzogtn Marie hat vom Kaiser folgendes Beileidstelegramm erhalten: „Der schwere Schlag, der Dein Mutterherz getroffen, berührt auch mich aufs Schmerzlichste. Ich werde Deinem geliebten Sohne, auf dessen Character und Sittlichkeit ich so hohe Hoffnungen setzte, ein treue» Andenken bewahren. Gott stärke Dich in diesen schweren Leiden."
Wien, 24. September. Das Schwurgericht verurtheilte den internationalen Btlderdteb Dr. Lenkei zu 2 Jahren Zuchthaus.
Eger, 24. September. Da» Prager Oberlandesgericht hat die von den Parteifreunden des RedacreurS Hofer für denselben angeborene Caution ab gelehnt und damit end- gtltig entschieden, daß Hofer in Untersuchungshaft verbleibt.
Agram, 24. September. Bet einer BauetnBer- sammlung In Sicnira (Croatien) sind drei Beamte ermordet worden. Gestern begannen die militärischen Operationen gegen die ebenfalls geradezu militärisch orgaui- firten Bauern. Beim ersten Zusammenstoß zwischen Gendarmen und Bauern wurde ein Bauer erschossen und sieben Bauern schwer verwundet. Infolge de- Zusammenstöße» wutbe da» Standrecht über sechs Bezirke verhängt.
Budapest, 24. September. Kaiser Wilhelm ließ vor seiner Abreise der Gräfin Gaza Szapary und der Baronin Daniel, der Gemahlin des HandelSmioister», olden Präsidentinnen des Park Club», sein Bildniß mit Nomens- uuterschrift überreichen al» Erkenntlichkeit für die Honneur», welche diese Damen ihm während seines Besuche» im Park- Club machten.
Loudon, 24. September. Den hiesigen Blättern zufolge sollen die größeren Ortschaften Ober-Egypteu» sämmtlich englische Garnisonen erhalten.
Loudon, 24. September. Man glaubt, Spanien werde gegenüber Amerika die Vermittelung einer europäischen Macht anrufen.
London, 24. September. Den „Time»" zufolge wird sich der Prinz von Wales nach Italien begeben, woselbst ihm zu Ehren eine Truppenschau statifinden wird.
Loudon, 24. September. „Daily Telegraph" bespricht die augenblickliche Urlaubsreife Mac Kinleys angesichts der Wichtigkeit der cubauifchen Frage und weist darauf hin, daß auch der frühere Präsident regelmäßig auf die Jagd ging, wenn irgend eine wichtige, anscheinend tadrlnSwerthe Handlungsweise zu verfolgen war. Al» Beispiel gelte namentlich die damalige Reise des Präsidenten während der Vene- zuela-Frage.
Loudon, 24. September. Hiesige Blatter melden au» Athen, daß gestern im Pyräus Ruhestörungen vorgekommen seien, hervorgerufen durch einen Matrosen des


