Ausgabe 
26.8.1897 Zweites Blatt
 
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Leuilleton.

/rankfnrttr Brief.

(Origivalbericht für den »Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.) 3* Zoologische» ©arten. Schneiders Knnstsalon. Sin neues Denkmal.

Dr. M. Wenn die MittagShitze Über dem Zoologischen Garten brütet, dann ist die stille Zett gekommen, sowohl für Menschen als sür die Thiere. Löwe und Löwin halten ihr Mittagsschläfchen und blinzeln auS trägen Raubthieraugen auf die paar Gäste, welche vielleicht gerade in dieser all­gemeinen Ruhepause vor den großen und kleinen Käfigen in aller Muße Beobachtungen machen können, zu welchen sonst der stark auf- und abfluthende Berkehrsftrom weder Zeit noch Raum läßt. DaS denkt jedenfalls jener junge Manu, der schon eine gute halbe Stunde vor dem Gehege, welches daS Zebra umschließt, Posto gefaßt hat, um das elegante Thtercheu feinem Skizzenbuch einzuverleiben. Die ruhigsten Stellungen trifft man bei der Fauna des Zoologischen Gartens wohl so von 1 bis 3 Uhr Mittags an, wenn anders die Herren Bären, Panther und Leoparden nicht etwa ihre allertiefsten und kühlsten Schlupfwinkel aufgesucht haben sollten. Manchmal wird es dem Auge gar nicht leicht, in das Innere solcher Zellen einzudriugen und nach Form und Art das zu erkennen, was da im Hintergründe in einer Ecke zusammengekauert liegt und sich sowohl als Blaufuchs ober Stachelige! oder Ameisen­bär entpuppen kann. Prächtige Neuanschaffungen hat sich übrigen- wiederum der Frankfurter Zoologische Garten ge­leistet. In der Klasse der Säugethiere rechnen dazu n. A. ein Schakal, ein schwarzer Panther, eine gefleckte Hyäne.

Eines günstigen Klimas muß fich der Garten etfreuen, denn an einer ganzen Menge von Käfigen und Gehegen liest man die Angabe: Im Garten geboren. Aus dem Grundftamm ergänzt sich die Sammlung zum Theil immer wieder. Auch die Löschen, die mau vor einem Jahre um diele Zeit noch liebevoll mit der Hand streicheln durfte, haben sich mittler­weile zur ganzen Herrlichkeit der Bestie entwickelt."

Die Bühne sammt Bretterzaun als Herberge für exotische Völkerschaften und ihre Schaustellungen kommt im Frankfurter Zoologischen fast nie zum Abbruch. Jetzt haben dort Mer einen Monat die Samoaner geweilt, an welchen viele Photographen ihre Freude erlebt haben. ES ist ein großer, stattlicher und intelligenter Menschenschlag, auf welchen fich der Begriff vom ^Wilden" nur noch bedingt auwenden läßt. Gewiß, ihre HochzeitS-, Liebes- und KriegStäoze zeigen das monotone rhythmische und mimische Bild, welches wir, bald in dieser, bald in jener Variation, bei den Dahomey Amazonen, bet den WaheheS, den Singhalesen re. re. antreffen, aber andere Züge verrathen, daß wir eS hier schon mit einem UebergangSstadium zur Civiltsatiou zu thun haben: die durchaus anständige Art, fich zu tragen und zu bewegen, die manche Gaffenbubenmanier unserer Großstädte beschämen könnte, und die Sprachkenntnisse, die ja wohl auf einen kleinen Wort- vorrath beschränkt bleiben, aber doch zur Verständigung auS- reicheu. Die Männer, welche die Photographien, Ansichts- karten und Beschreibungen herumbtetev, sprechen sogar ein ganz wohllautendes Deutsch,- die Frauen können nur ein paar Redensarten, aber die eine, mit welcher ich ein kurzes Interview hatte, sagte wir in Englisch auf meine Fragen Über Herkunft, Reise, LebenSgewohnheiten, Kenntniß im Lesen und Schreiben, Gefühle in der Fremde, ganz ordentlich Bescheid. Die Samoaner besitzen Tact. Weder Mann

noch Weib fällt es ein, den Zuschauern ihre Bilder und Programm» auszudräogen oder die Hand nach Cigarren und Kleinmünze anSzustrecken, und hierdurch unterscheiden sie sich vortheilhast von manchem anderenStamm".

Im Schneider'schen Knnstsalon hängen gegen­wärtig ein sehr feiner Mädchenkopf von Fr. v. Leubach, von Gab. MaxFaust und Gretchen", das für unseren Geschmack etwas theatralisch und dabei nicht sehr vielsagend berührt. ES ist die Kerkersceoe. Fauft's Gesicht sieht man überhaupt nicht und daS irre Lächeln im Antlitz Margarethen» läßt keine besondere weibliche Psyche erkennen. Jos. BeollinreSWunderthätige Madonna" ist ein entzückend fein gestimmtes kirchliches Genrebild von kleinem Formate, in welchem Alles unmittelbar wirkt. Die naiv-sinnliche Andacht der hübschen Spanierin ans dem Volk wie der kirchliche Pomp des Interieurs mit seinen Bildern, Kerzen und Kränzen.

Ein neues Gelehrten-Denkmal hat Frankfurt a. M. kürzlich erhalten. Sömmering,der Erfinder des electrischen Telegraphen, blickt in einfacher, schlichter Forscherhaltnng auS dem Grün der Eschenheimer Anlagen heraus. Die ganze Auffassung und Anordnung zeigt, daß unsere Zeit nicht mehr um Darstellungsmittel verlegen ist, wenn es fich um Monu­mente für Diejenigen handelt, welche ihre Eroberungen im Reiche des Geistes zählen. DaS ColumbuS-Denkmal in Genua, baß Liebig-Denkmal in Gießen, die Lessing-, Börne- und Sömmering-Denkmale zu Frankfurt find sprechende Zeugen hierfür, wie denn Frankfurt überhaupt von jeher einen Sinn für schlichte Bürgergröße besessen zu haben scheint- fein Gutenberg-Denkmal ist geradezu ein Hymnus tu Erz auf diesen !

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