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26.8.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 199

Donnerstag den 26. August

Erstes Blatt

1897

Meßemr Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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Die neuesten Toaste in Peterhof.

Frrude herrscht tn TrojaS Hallen! Frankreichs Präfi- deut ist tn Rußland eingetroffen und wie ein Fürst empfangen worden. Au derselben Stelle, an welcher vor wenigen Wochen Kaiser Wilhelm den rusfischen Boden betrat, ist Herr Felix Faure aa- Land gestiegen, mit dem gleichen Jubel begrüßt, mit demselben Hurrahgeschrei der vielen Tausenden begleitet, welche dem französischen Geschwader entgegen gefahren waren. Und wenn bisher in der französischen Hauptstadt die Antheil- uahme an dem Ereigniß sich äußerlich nicht besonders kundgab, so wird dies vielleicht anders geworden sein in dem Augen« blick, als die Meldung nach Paris kam, daß Zar und Präsi­dent wirklich und wahrhaftig zwei richtige Küfle auStauschten. Vielleicht ist in den nach Paris gerichteten Telegrammen auch noch von der herzlichen Umarmung Erwähnung gethan, die zwetfelSohne erfolgt ist- in den nach Deutschland gelangten ofsiziellen Telegrammen ist davon keine Rede. Dasjenige, was uns an dem Besuche Faures in Rußland am Meisten interessirt, find die bet dem osfizielleu Mahle gewechselten Toaste, die wie wir schon gelegentlich der Anwesenheit Kaiser Wilhelms tn Peterhof ausgeführt haben eines poli­tischen EharacterS nicht entbehren, da sie gemeiniglich den Beziehungen der in Frage kommenden Länder zu einander Ausdruck verleihen. Jedenfalls wird man in Frankreich durch den Trinkspruch deS Zaren außerordentlich enttäuscht sein. Ungemein höflich und artig, aber reservirt und vornehm, daS würde ungefähr die Censur sein, welche wir dem Zaren für seinen Trtnkspruch geben könnten. Die größere Hälfte der ganzen Rede ist der Erinnerung an den vorjährigen Aufent­halt deS Zarenpaares in Frankreich gewidmet und mit wenigen Worten ist der Hoffnung Raum gegeben, daß die Bande der Freundschaft und der tiefen Sympathie, welche Rußland und Frankreich mit einander verbinden, durch den Besuch des Präsidenten noch enger geknüpft werden möchten. Man muß rfsen gestehen, daß der Zar weniger nicht sagen konnte. Denselben Toast hätte er sprechen können, wenn der Präsi­dent der Bereinigten Staaten, König Menelik von Abeffhnteu ober der Monarch eines anderen, Rußland vielleicht ganz gleichgültigen Staates au FaureS Stelle geseffen hätte. Wieder hat man vergeblich auf das WörtchenAlliance" ge­wartet, wenngleich die einsichtigen französischen Politiker wohl kaum erwartet haben, daß dasselbe fallen würde. Aber der Zar hat sich auch noch nicht einmal eines Ausdruckes bedient, welcher, wenn auch noch so entfernt, eine jenem heiß herbei­gesehnten Wörtchen ähnliche Deutung zuließ. Die Wärme, welche tu dem Trtnkspruch des Zaren bei der Anwesenheit Kaiser Wilhelms zum Durchbruch gekommen war, vermißte man in dem am Montag gesprochenen Toaste. Präsident Faure mag in Verlegenheit wegen der Erwiderung gewesen sein, und so fehlt denn auch seiner Entgegnung jene Präcifität, welche wir an dem Gegentoaste Kaiser Wilhelm- hervorgehoben haben. Er spricht von den so mächtigen Banden, welche Frankreich und Rußland vereinen, sagt aber nicht, worin denn diese Banden eigentlich bestehen. Ob eS eine Mahnung an Rußland sein soll, die Treue gegen die befreundete Nation zu wahren, als Präsident Faure sagte, daS Herz der beiden Völker schlage int Einklang in dem Gedanken gegenseitiger Treue. Denn man sollte doch in den Pariser maßgebenden Kreisen wohl wiffen, daß Rußland die Werbung Frankreichs nlK so lange annimmt, wie es in den Jutereffen des ersteren liegt. Daß Faure tn seinem Trtnkspruch auch der friedlichen Gesinnungen Frankreichs Ausdruck verleihen werde, haben wir vorhergesagt, denn die Tendenzen deS Zaren Nicolaus find durchaus friedliche, und es war nicht mehr als billig, in dieser Beziehung Uebereinsttmmung zwischen den beiden Län­dern zu constattren.

Alles in Allem genommen wird die politische Bedeutung md Ausbeute deS Besuchs FaureS sehr gering sein. Denn seit bir Anwesenheit des deutschen Kaiserpaares in Peterhof fit in den Beziehungen zwischen dort und Paris eine nicht ju übersetzende Abkühlung eingetreten. Die Erkenntuiß dieser Thatsache ist tn den einsichtigen Pariser Kreisen wohl ver- hettet, weshalb denn auch der übermäßige Enthusiasmus für den rusfischen Freund bereits stark im Schwinden be- Riffen ist. Man räumt offen ein, daß nur die Hoffnung, Rußland werde den Revanchegelüften Frankreichs Borthetl lüften, daS letztere vermocht habe, sich dem Selbstherrscher p Füßen zu werfen und demselben seine Dienste zur Brr- stg.ung zu stellen. Aber man habe fich getäuscht- Deutsch­land habe vom jetzigen Zaren nichts zu befürchten und alles (,e beSwerben Frankreichs sei umsonst gewesen.

Für den Weltfrieden ist es jedenfalls von großer Be­den inng, daß die offiziellen tn Peterhof gewechselten Trink- prLche so harmlosen Inhalts sind, daß die Franzosen auch

bei keiner einzigen Stelle die Hoffnung ansetzeu könnten, Zar NicolauS sei einmal für weitgehende Pläne ihrerseits zu haben. Sie werden fich immer mehr in den Gedanken finden wüffen, daß die Ereigniffe von 1870/71 nicht wieder un­geschehen gemacht werden können, daß alle Revanche-Gedanken beffer endgiltig aufgegeben werden möchten. Schließt Frank­reich mit Rußland eine Alliance ab, welche auf den gleichen Grundsätzen beruht, wie sie der Dreibund verfolgt, so kann uns daS nur recht sein, denn dieselbe würde eine Bürgschaft mehr dafür sein, daß daS GroS der europäischen Staaten heute als Hauptziel seiner Politik die Erhaltung des Friedens anstrebt. (xx)

Wolffs telegraphische« Correspondmz-Bureau.

Berlin, 24. August. DerReichsanzeiger" beziffert den Saatenstand im Deutschen Reiche per Mitte August: Winterweizen 2,5, Sommerweizen 2,7, Sommerspelz 2,7, Winterroggen 2,7, Sommerroggen 2,8, Sommergerste 2,8, Hafer 2,9, Kartoffeln 2,5, Klee 2,6, Wiesen 2,5, wobei

1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering, 5 sehr gering bedeutet. j,. <

Berlin, 24. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine landespolizeiliche Anordnung des Regierungspräsidenten von Königsberg vom 23. August 1897 über die Ver­breitung der Geflüg elch olera, die an Stelle der hier­durch aufgehobenen Anordnung vom 16. d. M. tritt.

Berlin, 24. August. DieBerliner Corrrspondenz" schreibt: Mit Rücksicht auf die umfangreichen Zerstörungen durch die Hochwasser. Katastrophen tn Schlesien, Sachsen und Brandenburg, wozu eS außerordentlicher Arbeits­kräfte bedarf, beschloß der Minister des Innern, zu den erforderlichen Arbeitern Gefangene auS den zu seinem Reffort gehörigen, In den vorbezeichneten Provinzen und auch aus den tn der Provinz Posen belegeneo Strafanstalten unter Wahrung der nothwendtgen SicherheitSvorkehrungen zur Ver­fügung zu stellen. Die Abgabe soll auf Antrag an Ge­meinden, andere Corporattonen und Private erfolgen.

Dresden, 24. August. Der König von Siam traf heute Vormittag mit Gefolge hier ein. Der König Albert, sowie die Prinzen Georg, Johann Georg und Albert waren zur Begrüßung am Bahnhofe erschienen.

Dresden, 24. August. Der König von Sachsen verlieh dem König von Siam und den siamesischen Prinzen den sächstschen HauSorden der Rautenkrone. König Albert erhielt den höchsten siamesischen Orden. Die heute Nachmittag zu Ehren dcS Königs von Siam veranstaltete Galatafel nahm einen glänzenden Verlauf. König Albert brachte einen Trink spruch auf den König von Siam in englischer Sprache aus. Letzterer dankte für den ihm bereiteten Empfang.

Straßburg i. Elf., 24. August. Die 26. Hauptver- sammlung der deutschen Apothekervereins wurde beute hier von dem Vorsitzenden Frölich aus Berlin eröffnet. UuterstaatSsecretär v. Schraut, BezirkSpräfident Frhr. v. Frey- berg, der Beigeordnete von Straßburg Jehl sowie Vertreter der Medizinalverwaltung und ärztlicher Vereine begrüßten die Versammlung. ES wurde beschlossen, die Reichsregierung um eine Beschleunigung der seit Jahren seitens der Apotheker gewünschten AuSbildungSresorm von Neuem zu bitten, sofern nicht im Anschluß an die nächstjährigen Verhandlungen deS preußischen ApothrkerrathS die Angelegenheit ihre Erledigung fände. Der Antrag des Kreises Oberhessen:Den Frauen ist der Zutritt zum Apothekerfach zu gestatten, sofern sie die gesetzlich vorgeschrtebene wissenschaftliche Vorbildung besitzen und im einzelnen Fall auch körperlich befähigt erscheinen" wurde abgelehnt.

Zurich, 24. August. In der heutigen allgemeinen Sitzung deS internationalen Arbeiterschutz-CongresseS nahm derselbe mit 132 gegen 35 Stimmen die Thesen über die Arbeit von Kindern und jungen Leuten an. Dieselben besagen: Gewerbliche Arbeit von Kindern biß und mit 15 Jahren sei zu untersagen. Bis zu 15 Jahren sei der Schulbesuch obligatorisch. Junge Leute und Lehrlinge von 1518 Jahren dürften nicht länger als acht Stunden täglich beschäftigt werden mit einer Pause von l1/« Stunden nach vier Stunden Arbeitszeit. Die für den Besuch der Fort­bildungsschulen erforderliche Zeit sei in dieser Arbeitszeit eivzubegreifen. Jungen Leuten und Lehrlingen sei die pro­ductive Arbeit an Sonn- und Feiertagen ohne Ausnahme zu verbieten.

Ro», 24. August. Unter den Landleuten in einigen Gegenden Latiums macht fich eine Bewegung bemerkbar, dahin abztelend, die Auftheilung der großen unbebauten Ländereien der Patrizierfamilien durchzusetzen. Früh be-

gaben fich 700 Landleute mit Frauen und Kindern auS Marino nach dem Grundbesitz des Fürsten Colonna ie Frattochie, um denselben untereinander zu vertheilen. Dem Zuge wurde eine Natioualfahne vorangetragen. Die Musik spielte den KönigSmarsch. ES gelang den Behörden, die Leute zur Rückkehr nach Marino zu bewegen, wo sie ruhig auSeinandergtngen. Vier Compagnien find nach den Orten der Bewegung abgegangen, um event. Ruhestörungen zu be­gegnen. Bisher herrscht überall Ruhe.

Paris, 24. August. Der Ministerpräsident Msline hat an den Präsidenten Faure nach Peterhof die folgende Depesche gerichtet: DaS Cabinet hat die Ehre, dem Präsidenten der Republik die tiefe Bewegung auSzu- drücken, welche eS bei der Nachricht von dem großartigen Empfang und der begeisterten Aufnahme empfindet, die dem Haupte der Regierung Frankreichs von der rusfischen Regier­ung und der russischen Nation bereitet wurden, und bittet den Präsidenten, den kaiserlichen Majestäten die ehrfurchts­vollen Bezetgungen seiner Dankbarkett und derjenigen der ganzen Nation darzubrtngen, welche mehr als jemals der befreundeten Nation die Hände darreicht.

Petersburg, 24. August. Trotz anhaltenden Regens fand um l*/g Uhr Nachmittags durch den Zaren und den Prä­sidenten Faure tn Anwesenheit aller Großfürsten, der Bot­schafter , Staats- und Hofwürdenträger und der Stadt­vertretung mit großem kirchlichem Gepränge die feierliche Grundsteinlegung der Troitzkybrücke statt. Der Metropolit PalladiuS vollzog die Einsegnung. Faure that die ersten Hammerschlägr, dann der Zar. DaS herrliche Zvrenzelt in Goldbrokat, von drei retchbesetzten Tribünen umgeben, gegenüber auf der Newa eine schwimmende Tribüne, viele Schiffe tu Flaggengala und zehn Torpedoboote bet der Brücke machten einen prächtigen Eindruck. Die Capellen in- touirten abwechselnd die russische Hymne und die Marseillaise. Beim Eintreffen deS Zaren mit dem Präsidenten herrschte enthusiastischer Jubel, ebenso bei der Abfahrt. Der Zar kehrte per Dampfer nach Peterhof zurück, während Faure mit einer Kosaken-Escorte nach der französischen Botschaft fuhr, woselbst Empfang der französischen Colonie und später deS diplomatischen CorpS und der Stadtvertretung stattfand.

Depesche« deS Bureau .Herold."

Berlin, 24. August. DieNordd. Allgem. Ztg." ist ermächtigt, die Angaben desFigaro" über abfällige Aeußerungen d eS deutschen Kaisers betreffend die Haltung der italienischen Truppen tn der Schlacht bei Adua alS jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen.

Berlin, 24. August. Der Kaiser hörte heute Vor­mittag auf Schloß WilhelmShöhe auch den Vortrag deS Chefs deS Militär-CabinetS, v. Hahnke.

Berlin, 24. August. Wie aus Cassel telegraphirt wird, reist daS Kaiser paar mit den kaiserlichen Kindern morgen früh tn einem Extrazuge nach Magdeburg ab.

Berlin, 24. August. Von verschiedenen Blattern wurde die Nachricht gebracht, daS StaatSministerium habe 500 000 Mark für die Ueberfchwemmten in Schlefiea bewilligt. Dem Vernehmen derNordd. Allg. Ztg." zufolge hat es fich dabei nur um die Bereitstellung von Mitteln ge­handelt, welche zur Abwendung dringlicher, insbesondere auch sanitärer Gefahren schleunigst gebraucht werden. Daß der Staat damit seine Aufgaben nicht als erfüllt anfieht, dürfte selbstverständlich sein.

Berlin, 24. August. Der Minister sür öffentliche Arbeiten hat dem Vorstände deS Bundes der Landwirthe auf das von diesem ausgesprochene Ersuchen, Frachtfreiheit für Sendungen an Ueberschwemmte bewilligen zu wollen, geantwortet, daß das Ministerium schon vor der An­regung des Vorstandes des Bundes der Landwirthe die ent­sprechenden Schritte eingeleitet habe.

Berlin, 24. August. Der StaatSsecretär des Reichs- marineamtS, Contreadmiral Tirpitz, ist, aus Friedrtchsruh kommend, tn WilhelmShöhe eingetroffen. KriegSmtuister v. Goßler wurde heute Vormittag vom Kaiser in Cassel zum Vortrag empfangen. Später begab fich das Kaiserpaar nach Calden, um einer Felddienstübuvg der Cavallerte beizu­wohnen.

Berlin, 24. August. Gestern haben die Maurer beim Bau der Gasanstalt tn der Fichtestraße die Arbeit nieder- gelegt, weil der geforderte Stundenlohn von 60Pfg- nicht bewilligt wurde. Die Gasanstalt ist ein städtischer Bau. Die Socialdemokraten wollen in der nächsten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung den Magistrat über die Loh«- Verhältnisse auf den städtischen Bauten inlerpelltren. Morgen findet eine Versammlung der ausständigen Maurer statt, zu der alle Stadtverordneten schriftlich etngeladen find.