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Nr. 72 Erstes Blatt. Freitag de» 26. März IS9V
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
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Versteche» Reichstes»
197. Sitzung. Mittwoch den 24. März 1897.
Nachdem das Hau?, gemäß einem Anträge der GefchäftS- ordnungScommtssion, beschlossen, daß ein gegen den Abg. Simonis schwebendes Privatklageoerfahren für die Dauer der Session einzu- stellen fei, wird die Berathung des Marine-Etats fortgesetzt.
Bet den dauernden Ausgaben, Titel „Staatssccretär des Marine-Amts" äuß-rt
Abg. Herbert (Soc.) sein Befremden darüber, daß nickt gegen die Constructeure des Panzers Brandenburg wegen des bekannten schweren Unfalls auf diesem Schiffe sirasrechtlich vorgegangen worden sei. Wenn kleineren Leuten ein Verschulden zur Last falle, so werde viel strenger verfahren. Und auch in diesem Falle habe man kleine Leute bestraft, die für die eigentlich Schuldigen hätten büßen müffen.
Contre-Admiral Büchsel: Das Gericht hat gesprochen, die Schuldfrage ist also erledigt. Was das Verhältniß der Verwaltung zu den Prioatwerften anlangt, so können wir nicht neben jeden Arbeiter einen Mann zum Aufpassen stellen, es ist das vielmehr Vertrauenssache. Die Kaltwafferprobe, die nach Ansicht des Vorredners nicht vorgenommen sein soll, hat in Wirklichkeit stattgefunden. Ursache des Unglücks war das Fehlen eines Stcherhettsringes. Die Schuldigen find gefunden und find bestraft worden. Es haben also nicht für sie ein paar arme Teufel büßen müssen. Selbstverständlich hat der Vulkan die Kosten für Wiederinstandsetzung des Sch'ffeS tragen müssen. Wegen der sonst entstandenen Kosten ist das^ Klageverfahren angestrengt worden.
Abgg. Kruse (nl.) und Lingens (Etr.) beschweren sich über zu hohe Schullasten für die in Wilhelmshaven Beamteten bezw. über die dortigen Schuloerhältntsse.
AdmiralttätSrath Herz erwiderte, daß Wilhelmshafen für die Umwandlung der dortigen Schul-Societäten in kommunale Anstalten zu hohe JahreSzuschüffe, 30- bis 35 000 Mark, gefordert habe, was abgelebnt worden sei.
Beim Abschnitt „Seelsorge" führt Abg. LingenS (Etr.) Beschwerde über die Mangelhaftigkeit der Seelsorge in Wilhelmshaven.
Geh. AdmtralitätSrath Perels weist diese Beschwerden, in denen schwere Borwürfe sowohl gegen die katholische Geistlichkeit wie gegen die bethetligten Commandeure enthalten seien, entschieden zurück. Auch wenn die Schiffe unterwegs seien, im Auslande sei gerade den katholischen Schiffsmannschaften viel öfter Gelegenheit gegeben, an einem Gottesdienste tbeilzunehmen, als den protestantischen.
Beim Capitel „Geldverpflegung der Marinethetle" legt
Abg. Richter Verwahrung dagegen ein, daß die Zahl der zur Landesoerthetdigung bestimmten Truppen noch vermehrt werde, indem, wie dies hier geschehe, Marinemannschaften zu diesem Zweck, zur Besetzung von Küstenforts, designirt würden.
Beim Eapitel „Wetstanlagen" krittsirt
Abg. Metzger (Soc.) die disctpltnarbehördliche „Schneidigkeit" deS Wilhelmshavener Oberwerftdirectors. Harte Strafen, Entlassungen würden wegen unbedeutender Anlässe verhängt. Dabei werde auf den Februar-Erlaß oon 1890 gar nicht Rücksicht genommen bezüglich der Dauer der Arbeitszeit usw. Die Entlassungen erfolgten kctneswegs nur auS Gründen, die mit dem Betriebe zusammenhingen, z. B. sei ein Werftarbeiter entlassen worden, weil er für die ausständigen Hafenarbeiter in Hamburg Sammlungen veranstaltet habe. Die Löhne in Wilhelmshaven seien niedriger als auf anderen Werften. 51 Werftarbeiter hätten diefirhalb eine Eingabe an den Dtreclor gerichtet, damit aber nur den Erfolg erzielt, daß sofort drei Unterzeichner entlasten wurden. Und da stelle der W«ftdirector ein ander Mal das Verlangen an die Arbeiter, sie sollten sich vertrauensvoll an ihn wenden!
Eontreadmiral Büchsel: Wir würden es dankbar anerkannt haben, wenn der Vorredner uns vorher oon diesen Beschwerden Kmntniß gegeben hätte. Die näheren Umstände der angeführten Fälle sind der Marineverwaltung nicht bekannt, aber auch so steht für uns fest, daß die Werftdirection durchaus im Rahmen ihrer Besugniste gehandelt hat. Die Werftdirection wird in ihrem Bestreben, Disctplin und Ordnung aufrecht zu erhalten, stets von der Marineverwaltung unterstützt werden. Wenn die drei Leute ohne Kündigung entlassen wo,den sind, so müssen sie sich eines Vergehens schuldig gemacht haben. Die Entlassung deS Arbeiters, der OHf der Werft für die Ausständigen gesammelt hat, war durchaus berechtigt, denn in diesem Sammeln liegt eine Agitation auf der Werft. (Lachen links.) Die Sache wird dadurch noch intereffanter, daß der Arbeiter die gesammelten Gelder für sich behalten hat. (Heiterkeit.) Wie die Sache mit der Eingabe wegen der Lohnregulirung steht, wissen wir einstweilen nicht, aber wir können nur annehmen, daß der Oberwerftdirector bei der Entlassung mehrerer Unterzeichner feinen Grund gehabt hat, denn er weiß, daß die Marineoerwaltung keinen Spaß versteht.
Abg. Vielhaben (Ref.-P.) bemängelt unter Bezugnahme auf den Fall des Arbeiters Lorenz in Kiel, der sich durch eine Broschüre bei der Socialdemokratie mißliebig gemacht, daß die Werftdirection diejenigen nicht socialdemokratischen Arbeiter, welche von ihren socialdemokratischen Mitarbeitern gemaßregelt würden, nicht genug in Schutz nehme.
Staatssekretär Hollmann: Ich muß doch dem Vorwurf, daß die Werftverwaltung Schwäche zeige, entgegentreten. Im Allgemeinen ist ja die Schilderung des Herrn Vielhaben richtig. Aber die Werft- Verwaltung hat sich doch in gewister Weife des Mannes angenommen. Wir verkennen nicht, wie schwierig es ist, einen von seinen Mitarbeitern boycottirten Arbeiter zu schützen; aber wir werden nichts unterlassen, was dazu beitragen kann, diese Arbeiter innerhalb der Werft zu schützen.
Abg. Auer (Soc.) bestreitet, daß die von dem Arbeiter Zimmermann in Wilhelmshaven für die ausständigen Hafenarbeiter gesammelten Gelder nicht abgeliefert worden seien. Wer die Lorenz'sche Broschüre lese, werde begreifen, daß Lorenz bet feinen Mitarbeitern nicht gerade beliebt fei. Aber wer wisse, daß auf der Werft immer 5, 6 Schutzleute in der Nähe seien, müffe schon ein sehr naives Gemülh haben, etwa wie Herr Vielhaben (Heiterkeit), um an Schutzlosigkeit zu glc ’ben. Wenn letzterer über socialdemokratifchen Terrorismus klage, nu. — Terrorismus werde gerade von den Vielhaben'schen Gestnnungsgenoifen in der schamlosesten Weise geübt.
StaatSsecretär Hollmann stellt aus einem amtlichen Berichte der Werstoerwaltung fest, daß Zimmermann in der Thal die gesammelten Gelder unterschlagen habe.
Abg. Roesicke stimmt Vielhaben darin bei, daß der Terrorismus bei den Socialdemokraten größer sei, als bei irgend einer anderen Partei. Richtig sei auch, daß Sammlungen innerhalb der Werst unzulässige Agitation sei.
Abg. v. Stumm hält eS für Pflicht der Werstoerwaltung, fich um daS Treiben der Arbeiter auch außerhalb der Werft wenigstens insoweit zu kümmern, daß die treuen Arbeiter nicht schutzlos seien. Er sehe es als Pflicht der Verwaltung an, jeden Arbeiter, der sich zur Socialdemokratie bekenne, zu entlaßen.
StaatSsecretär Hollmann: Wir stehen genau auf dem Standpunkte des preußischen Staatsministeriums. Wir kümmern uns nicht um die politischen Ansichten der Arbeiter, aber wir entlassen Jeden, der sich an der Agitation beteiligt, um Unfrieden zu stiften zwischen der Verwaltung und ihren Arbeitern. Je strenger die Verwaltung gegen alle Agitation innerhalb und außerhalb der Werst ist, desto gerechter wird sie gegen alle Arbeiter fein, die ihre Pflicht thun.
Der Rest des Marineetats und die noch übrigen Theile des gelammten Etats werden debattelos genehmigt. Damit ist die zweite Lesung des Etats beendet.
Freitag 1 Uhr dritte Berathung des Etats. (Schluß 6 Uhr.)
Deutsches Reich.
Darmstadt, 24. März. Wie der „Darmst.'Ztg." aus Berlin gemeldet wird, frühstückten Se. König!. Hoheit der Groß Herzog gestern bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Albrecht von Preußen und besuchten das Atelier des Professor Schaper. Se. König!. Hoheit der Großherzog be- abfichtigten, dasselbe Atelier heute Morgen mit Sr. Mas. dem Kaiser nochmals zu besuchen. Die Ankunft Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs hier in Darmstadt ist morgen Früh 7 Uhr 59 Miu. zu erwarten.
AucheichtE-
Wusste telegraphisches Eorrespssdem-BurnaÄ
Verliv, 24. März. Wie das „Berl. Tagbl." meldet, ist der Hypnotiseur Karl Hansen gestern in Altona gestorben.
Berlin, 24. März. Nach Zusammenstellungen der Abendblätter aus Wien find bisher gewählt: Bon Mitgliedern der deutschen Fortschrittspartei 50, verfassungstreue Großgrundbesitzer 22, deutsche Volkspartei 38, Deutsch-nationale der Richtung Schönerer 4, Deutschklerikale 42, Christlich, sociale 28, Mittelpartei des Großgrundbesitzes 3, Feudale 19, Socialpolitiker 1, Regierungspolen59, Mitglieder derpolnischen Volkspartei 3, Stojalowski-Partei (Polnisch-Christlichsociale) 6, gemäßigte Ruthenen 6, radicale Ruthenen 5, Rumänen 6, Jungtschechen 60, radtcaleJungtschechen 1, agrartscheTschechen 1, klerikale Tschechen 1, Sloveueu 16, Croaten 11, Serben 2, liberale Italiener 14, klerikale Italiener 5, Socialdemo- traten 14.
Stolp i. P., 24. März. Wie die „Zeitung für Hinter- pommern" meldet, verstarb gestern in Schlawe bei Abhaltung der Parade der Bezirkscommandeur Oberstlieutenant Müller plötzlich am Herzschlage.
Hamburg, 24. März. Die „Hamb. Nachr." veröffent. lichen nachstehendes Dankschreiben des Fürsten Bismarck: Am 22. März habe ich in Anknüpfung an den Geburtstag des verewigten Kaisers aus allen Thetlen Deutschlands so viele ehrenvolle Begrüßungen erhalten, daß ich leider nicht im Stande bin, eine jede einzeln zu beantworten. Ich bitte daher Alle, die meiner an diesem Tage gedacht, meinen herzlichen Dank freundlich entgegenzunehmen.
Budapest, 24. März. Anläßlich der Hundertjahrfeier des Geburtstages Kaiser Wilhelms des Großen ver- anftaltete gestern Abend der hiesige Verein der Reichsdeutschen einen Familienabend, an welchem der deutsche Generalconsul Prinz v. Ratibor theilnahm. Nach begeistert aufgenommenen Ansprachen deS Prinzen Ratibor, sowie deS Vereinsvorfitzenden, Ingenieur Raabe, und des Pfarrers GladischofSky wurde ein Huldigungstelegramm an Se. Majestät den Kaiser Wilhelm abgesandt.
Stockholm, 24. März. Der Reichstag nahm heute mit 197 gegen 174 Stimmen die Erhöhung des Zolles für Häute und Felle auf 40 Oere pro Kilogramm und auf Schuhwaaren von 1 auf 2 Kronen pro Kilo an und beschloß ferner, die jetzigen Zölle auf Schweinefleisch sowie die Zoll- fceiheit für Kartoffeln beizubehalteu.
Sitia, 24. März. Meldung der „Agence Havas". DaS frauzöfische Transportschiff „Auvergne" ist heute früh mit 300 Mann für Sitia und 100 Mann für die Insel Spina- longa bestimmter Truppen eingetroffen.
Depeschen des Bureau „Herold/
Berlin, 24. März. Wie die „Deutsche Tageszeitung" berichtet, soll der Kaiser am 22. März ein Handschreiben an den Fürsten Bismarck gerichtet haben.
Berlin, 24. März. Die meisten Fürstlichkeiten, welche zur Centenarfeter in Berlin anwesend waren, haben daffelbe wieder verlassen.
Berlin, 24. März. Wie dem „Localanzeiger" ans Gl atz gemeldet wird, soll Herr v. Kotze geäußert haben, daß er vermuthlich in nicht langer Zeit wieder in Glatz sei« werde. Den Grund habe Herr v. Kotze nicht genannt. — Demselben Blatte zufolge ist auch der Rittergutsbefitzer v. Sprenger, der ebenfalls fich in Glatz auf Festung befand, begnadigt worden. Derselbe hatte im Duell seinen Schwiegersohn schwer verwundet und war dcßhalb zu sechs Monaten Festungshaft verurtheilt worden. Herr v. Sprenger hatte kaum die Hälfte feiner Strafzeit verbüßt.
Berlin, 24. März. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorfitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe im ReichStagSgebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 24. März. DaS preußische Abgeordnetenhaus hat in seiner heutigen Sitzung u. A. die RichterbesoldnngS-Borlage in zweiter Lesung nach dem Beschlüsse der Commission angenommen. — Nächste Sitzung Freitag. Tagesordnung: Relictengesetz in dritter Lesung und kleine Vorlagen.
Berlin, 24. März. Der Prinzregent Luitpold von Bayern startete gestern Nachmittag dem Schöpfer des National'DenkmalS, Professor Reinhold Begas, indessen Werkstatt einen Besuch ab und überreichte demselben den St. Michael-Orden 2. Klaffe. Heute Abend findet ein Künstlerfest im Hause deS Professors Begas statt, zu welchem der Kaiser sein Erscheinen in AuSficht gestellt hat.
Berlin, 24. März. DaS Reichstagsgebäude besuchten vorgestern der Kronprinz von Schweden und der Prinzregent von Bayern.
Berlin, 24. März. Entgegen den über den deutschen Botschafter in London, Grafen Hatzfeld, verbreiteten Meldungen, daß er schwer krank fei, daß er die Kreta- Politik der deutschen Regierung nur widerwillig mitmache, oder aber daß er für eine leitende Stellung in Berlin aus- ersehen fei, erfährt die „Nationalzeitung", daß alle diese Ausstreuungen grundlos seien. Richtig sei nur, daß Graf Hatzfeld krank fei; er könne aber in vollem Umfange feinen Amts-Obliegenheiten nachgehen.
Berlin, 24. März. Bei einem Brande, welcher heute Morgen in einem Hause der FriedrichSgracht stattfand, wurde ein Uhrmacher und feine Frau von der Feuerwehr erstickt und halb verkohlt in den Betten aufgefunden. Wahrscheinlich liegt Selbstmord vor.
Köln, 24. März. Die „Köln. Ztg." meldet auS Paris: Kürzlich hier unternommene Versuche zum Abschluß einer neuen russischeu Anleihe verliefen erfolglos, da der französische Markt für neue Ruffeuwerthe weniger aufnahmefähig ist und der größte Thetl der letzten Julianleihe noch im Portefeuille der Unternehmer liegt. Der russische Finanz- Minister klopfte darauf in London und Berlin an, um baldigst 15 Millionen Pfund Sterling anzubringen; davon sollen 4 Millionen London zufallen und der Rest auf Berlin kommen. Die Verhandlungen find angeblich schon weit gediehen.
München, 24. März. Der Prinzregeut äußerte heute bei seiner Ankunft von Berlin auf eine Ansprache deS ersten Bürgermeisters, daß er in Berlin glanzvolle und erhebende Tage erlebt habe. Der Bürgermeister drückte ihm den Dank für die Verleihung der deutschen Kokarde an das Heer auS.
Bregenz, 24. März. In der Nähe der Ortschaft Jnnerfratt wurde ein Tyroler Maler ermordet auf- gefunden. Mehrere Personen wurden alS des Mordes verdächtig verhaftet.
Marseille, 24. März. Der Dampfer „Kongo" ist mit 259 Passagieren an Bord in der Nähe des HafenS gescheitert. ES wurden sofort Maßregeln zur Rettung getroffen.
London, 24. März. „Daily Chronicle" meldet: Die Großmächte berathen augenblicklich die Frage, ob eS nicht zweckmäßig wäre, zwischen den feindlichen Armeen an der türkisch-griechischen Grenze eine von europäischen Truppen besetzte neutrale Zone zu schaffen, um einen Krieg im Orient zu verhindern.
London, 24. März. Die englische Regierung hat die griechische Regierung davon verständigt, daß England fortan an der Blokade Kretas theilnehmen werde, nicht aber an einer Blokade Griechenlands.
Kopenhagen, 24. März. AuS Athen wird gemeldet, daß zwischen Rußland und der Türkei eine Uebereiukunst getroffen worden ist, nach welcher Rußland den Berg AthoS,


