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25.8.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 198

Der

Ktehener Anzeiger erscheint täglich, «iit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener Aa mirienölälter Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal .btifldegL

Erstes Blatt

Mittwoch de« 25 August

1897

Meßmer Anzeiger

General-Anzeiger.

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Deutsches Leich.

Durch die Novelle zur Gewerbe-Ordnung vom 5. August 1896 war u. A. beabsichtigt, kum Unfuge, welchen viele Consumveretne, auch solche, deren Betrieb auf den Krei­der Mitglieder beschränkt war, mit dem Ausschank von Schnaps betrieben hatten, entgegenzutreten. War e- doch vorgekommen, daß nur zum Schein Satzungen für einen Loniumveretn zum Ankauf und Vertrieb von Lebensmitteln aller Art errichtet wurden, während es sich in Wirklichkeit ausschließlich oder der Hauptsache nach um den Ankauf und Vertrieb von geistigen Getränken handelte. Die erwähnte Novelle hatte deshalb die im § 33 der Gewerbeordnung über Kleinhandel mit Branntwein oder Spiritus sowie Schank- wirthschast getroffenen Bestimmungen auf die Consumveretne und zwar nicht bloß auf die neu zu gründenden, sondern auch auf die bereits bestehenden ausgedehnt. Am 1. Januar 1897 ist die Novelle in Kraft getreten. Sie scheint eine schnelle Wirkung au-geübt zu haben. So wird von amtlicher Stelle au» über die bezüglichen Verhältutffe in Elsaß-Lothringen gemeldet, daß infolge der Novelle die Zahl der Schaakstelleu der Consumvereine eine erhebliche Minderung erfahren hat. Während am 1. October v. I. noch 253 Schankstellen bei Consumvereinen im Lande bestanden, war die Zahl am 1. Juli d. I. auf 71 herunter gegangen. Der Erfolg der gesetzgeberischen Action kann darnach nicht bestritten werden, und e- wäre nur zu wünschen, daß auch in den anderen deutschen Landen ein erheblicher Rückgang fich bemerkbar ge­macht hätte. Das Bestreben, durch Bildung von Consum- Vereinen die Vorschriften deS § 33 der Gewerbeordnung über den Betrieb der Schankwirthschaft und den Kleinhandel mit Branntwein zu umgehen, war in den letzten Jahren ins­besondere außer in Elsaß Lothringen in den preußischen Pro­vinzen Schlesien, Rheinprovinz und H sscn Naffau, sowie in einzelnen Theilen de- Königreich- Sachsen aufgetreten.

München, 23. August. Wie dieM. N. N." mittheilen, verlangt da- bayerische Justizministerium neuestens von den etntretenden Jncipienten und auszunehwenden Ge- richtsschreibergehülfen die Fertigkeit der Schnellschrift nach System Gabelsberger, nachdem die jüngeren Richter, die nun fast durchweg- gewandte Stenographen find, es ster- unliebsam empfinden, wenn der ihnen betgegebene Actuar die Eoncepte in Stenographie nicht benützen kann. Wohl in rich­tiger Würdigung der großen Erleichterung für Richter, An­wälte, des Kanzlei-Personals und der Parteien hat deshalb in neuerer Zett die Verwaltung de» JustizreffortS wiederholt an alle Amtsvorstände die strenge Weisung ergehen laffen, nur Bewerber in den Justizdienst aufzunehmen und ihnen eine Anstellung in Aussicht zu stellen, wenn sie bereit- den Nachweis erbringen, daß sie Fertigkeit der (Gabelsberger- schen) Stenographie besitzen oder daß sie wenigsten- al- An­fänger erwarten laffen, daß sie sich tn kürzester Zeit zu ge- waadten Stenographen au-dilden werden. Um in allen An­gehörigen deS Kanzleipersonals des Justtzdtenstes gewandte Beherrscher der Schnellichnft hcranzuziehen, hak das Justiz­ministerium eine allenfallfige Vorrückung in eine höhere Ge- haltSklaffe als Gerichtsschreiberetgchülfe, die Anstellung als SecrrtariatSgehülfe und SkcretaricnSosfistent von der Be­stätigung des betreffenden AmtSvorstandes über die erreichte Gewandtheit in der (GabelSbergerschen) Stenographie ab­hängig gemacht. Die von dieser Anordnung betroffenen Be dtensteten verfehlen nun nicht, die Fertigkeit der Schnell- schrtst fich baldigst anzuetgnen.

Wolff- telegraphisches Eorrespondmz-Bureau.

Berlin, 23. August. Der Schuhwaarenhändler, der Ler Ermordung der Hausbesitzerin Schultze und deren Tochter verdächtig ist, heißt Gönczi.

Berlin, 23. August. Der Hosbuchhändler Alexauder Duncker ist, 84 Jahre alt, heute Vormittag gestorben.

Homburg, 23. August. Nach dem officiellen Festprogramm fsür die Manövers«stlichkeiten trifft da- deutsche Kaiser- Paar am Freitag den 3. September Vormittags hier ein. Nachmittags findet der Empfang de- italienischen Königs- Paares statt. SamStag Vormittag ist Parade, Abends 7 Uhr Haradedtner im Kurhause. Nach demselben halten die Maje- siiäten Cercle. Hierauf findet im Kurgarten große- Garten­fest mit Illumination, Maffrnchören, Parade der hiesigen Äurnerfeuerwehr rc. statt. Am Sonntag Vormittag wird Feldgottesdienst im Kurgarten abgehalten, darauf ist Lunche ii« Schloß Friedrichshof. Abends wird ein Hofcoucert im piefigen Schlöffe veranstaltet, während im Kurgarten festliche Beleuchtung und im Kurhaus Theater-Festvorftellung statt-

fiadet. Am Montag Vormittag: Manöver. Abend-: C'vtl- dtner im Kurhaus, hierauf im Kurgarten großes Gartenfest mit Ballet in Costümen aus der Zeit Ludwig XIV. Diens­tag (7. September) Vormittags: Manöver. Abends Fest- Vorstellung in Wiesbaden. Mittwoch am 8. September Vormittags: Manöver. Nachmittag- Galavorstellung im Kurhaustheater. Donner-tog (9. September) Vormittags: Manöver. Nachmittag- Blumencorso mit Blumenschlacht in der Kaiser Friedrich-Promenade, Abend- Festball. Am Freitag (10. September) erfolgt die Abreise der Fürstlich­keiten.

Kronstadt, 23. August. Nachdem derPothuau" auf der ihm angewiesenen Stelle auf der großen Kronstadter Rhede Anker geworfen hatte, stieß von der russischen Kaiser- hal-tAlexandria", die mit dem Kaiser, dem Großadmiral Großfürsten Alexis, dem französischen Botschafter Grafen Moutebello und den den französischen Gästen attachirten Per­sonen an Bord auf der kleinen Rhede etngetroffen war, ein Ruderboot ab, in dem fich Großfürst Alexis, Graf Monte- bello sowie die Ehreucavaliere befanden, und suhr nach dem Pothuau" herüber. Präfident Faure empfing den Groß- fürsten am Fallreep. Zu gleicher Zeit halten sich viele Privatfahrzeuge, die dem französischen Geschwader entgegen­gefahren waren, um denPothuau" versammelt. Auf einem Dampfer befand sich der Priester Johann von Kronstadt. Nach der Begrüßung zwischen dem Großfürsten Alexis und dem Präsidenten Faure schritt ersterer die Schiffswache ab, während die Matrosen tn die Raaen aufeuterten. Bon allen Seiten erschallten euthufiastische Hurrahrufe. Auf den russischen Schiffen ertönte die Marseillaise, wogegen die Gchiffs- capelle de»Pothuau" die russische Nationalhymne spielte. Alsbald bestieg der Präfident mit dem Großfürsten Alexis und dem Gefolge einen Kutter, um fich an Bord der Kaiier- yachtAlexandria" zu begeben. Der Präsident erwiderte die Begrüßungen des Publikums durch wiederholtes Verneigen mit entblößtem Haupte. Die Begeisterung des Publikums er­reichte in diesem Augenblick ihren Höhepunkt. AiS der Kutter sich derAlixandrta" näherte, erwartete Kaiser Nicolau» den Präsidenten am Fallreep. Der Kaiser und der Präfident küßten sich zweimal. Alsdann geleitete der Kaiser den Prä­sidenten aus Deck und stellte ihm das kaiserliche Gefolge, sowie die Spitzen der Marin behörden vor. An Bord der Alexandria" wurde sofort die russische Kaiserstandarte und die Standarte deS Präsidenren gehtht, worauf von allen Kriegsschiffen und FortS Kanonensalut erschallte.

Petersburg, 23. August. Um 9 Utjr 30 Min. Vor­mittags erfolgte der erste Salut deS französischen Ge­schwaders vor Kronstadt. DerPothuau" ging in der Nähe der kaiserlichen DichtStandard" vor Anker. Präsident Faure im Frack mit dem Bande des AndreaS- ordens war Allen sichtbar. Großfürst Alexis begab fich von derAlrxandria", welche den Breitwimpel des Zaren gehißt hatte, nach demPothuau", um den Präsidenten an Bord derAlexandria" abzuholen. Als Großfürst AlexiS mir dem Präfidenten die Katseryacht betrat, gingen an der­selben die russische Kaiserstandarte und die französische Flagge hoch und eS fand die Begrüßung des Präsidenten durch Kaiser NtcolauS statt. Um 11 Uhr 15 Minuten dampfte die Alexandria" nach Peterhof ab. Das Wetter ist bewölkt.

Petersburg, 23. August. DieAlexandria" lief um lN/z Uhr in Peterhof ein, mit dem Kaiser, dem Prä­sidenten Faure, dem Großfürsten Alexis, den russischen und französischen Ministern deS Aeußeru, Murawjew und Hanotaux an Bord. Am Landungsplatz waren d:e Groß­fürsten nebst Gefolge zum Empfang anwesend. Bei An­näherung der Aacht erfolgte ein Salut von 31 Kanonen­schüssen. Der Präfident Faure begrüßte die Großfürsten Wladimir und Constantin mit einem Händedruck und Lüften deS HuteS. Beim Abschreitrn der Front der von der Gard- Marine gestellten Ehrenwache, wobei die Marseillaise gespielt wurde, grüßte er militärisch. Dann folgte der Vorbeimarsch. Bei der Abfahrt nach dem großen Palais wurde der Prä- fident mit Hurrahrufen begrüßt, die fich auf der Fahrt steigerten. Die Damen warfen Blumen. Die gleiche Be- grüßung wurde dim Präfidenten auf der Fahrt zur Kaiserin zu Theil.

Petersburg. 23. August. Nach der Rückkehr Faure» von dem Besuch bei der Kaiserin fand in dem prachtvoll und künstlerisch geschmückten weißen Saale deS Peterhofer großen Palais ein F-ühstück zu 34 Gedecken statt. An der Mitte der Tafel faß der Kaiser, rechts Faure, während die Groß­fürsten fich zu beiden Setten anreihten. Dem Kaiser gegen­über soß der Verweser deS HofminifteriumS, Fredericks, recht- daneben Hanotaux. Nach dem Frühstück stattete Faure den Mitgliedern der kaiserliche Familie Besuche ab.

Petersburg, 23. August. Ein Artikel derMtrowje OtgoloSki" betont, einen wie tiefen Eindruck der Besuch des deutschen Kaisers tu Petersburg und ganz Rußland gemacht habe, und fährt dann fort: Die Beziehungen Ruß­lands zu Abeffynieu, Frankreichs zu Egypten uud den Niger­uferländern, sowie Deutschlands zu dem äquatorialen Afrika und Transvaal erscheinen zusawmengenommen als eine Art politischen Programms, welche- gleichsam naturgemäß zur harmonischen Annäherung und Einigung strebe. Ganz un­erwartet habe fich herauSgestellt, daß Deutsche und Franzosen auf internationalem Gebiete gar keine Ursache zum Streit haben und zusammen mit Rußland sogar gleichsam alS natür­liche Verbündete erscheinen.

Konstantinopel, 23. August. (Wiener Corr.-Bur.) 22 Mohamedaner, die wegen Tbeilnabme an den letzten Un­ruhen in Tokad von der UntersuchungScommisfion zum Tode verurtheilt worden waren, wurden durch ein Jrade deS Sultan- zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Die Der- urtheilung von 44 anderen Angeklagten zu verschiedenen FreiheitSstrasen wird bestätigt. Die Mehrzahl der Ber- urtheilten wird in Tripolis internirt werden.

Depeschen des Bureau »Herolds

Berlin, 23. August. Der Kaiser empfing heute tn WilhrlmShöhe u. A. den Chef des CivilcabinetS v. LucanuS zum Vortrag.

Berlin, 23. August. Fürst Hugo zu Hohenlohe- Oehringen, Herzog von Ujest, ist heute früh auf Schloß Slawentz gestorben.

Berlin, 23. August. Der bisherige stellvertretende Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Oberst von Trotha, ist zum Commandeur des 5. Brandenburgischen Infanterie- Regiments Nr. 48 ernannt worden.

Berlin, 23. August. DerPost" zufolge hat der StaatS- secretär v. Marschall einen Nachurlaub erhalten und Berlin bereits wieder verlaffen.

Berlin, 23. August. Die seit 14 Tagen verschwundene Besitzerin des Hauses Königgrätzerstraße 35, Wittwe Schultze, ist mit ihrer Tochter heute Vormittag ermordet im Keller ihre» Hauses aufgefunden worden. Ueber das Verbrechen liegt folgende weitere Mittheilung vor: Die 71jährige Wittwe Schultze und deren 51jährige Tochter wurden seit 14 Tagen nicht mehr gesehen. Man nahm an, daß sie verreist seien. Die Frau war sehr wohlhabend, besaß be­deutende GyPSbrüche und anscheinend auch mehrere Häuser, galt aber alS sehr geizig. So hatte sie z. B. den Portier entlasten und die Hau»- und Hofreinigung selber besorgt. Beide Frauen gingen höchst selten au-, unterhielten keinerlei Verkehr weder mit den Hausbewohnern noch sonst mit irgend Jemand. Vor einiger Zeit hatte ein Schuhwaarenhändler Laden und Keller im Hause gemiethet, war aber noch nicht eingezogrn, sondern hatte bloS die Ladeneinrichtung besorgt. In einer Kellerstube unter diesem Laden wurden heute die Leichen der beiden Frauen in Wachstuch ein- gewtckelt und in Kisten verpackt vorgefundeu. Die Kisten waren mit schwarzer Erde zugedeckt. Die vorläufige Untersuchung der einen Leiche ergab, daß der Schädel zer­trümmert und der Unterkiefer zerschmettert war. Die Erde soll vor 8 oder 10 Tagen angefahreu und von der Straße aus durch Arbeiter unmittelbar in da» Kellerfenster geworfen fein.

Berlin, 23. August. Der bekannte Illustrator deSUlk", Hermann Scherenberg, ist am SamStag Abend im 72. Lebensjahre gestorben.

Frankfurt a. M., 23. August. Heute Abend 6 Uhr kam mittelst SonderzugeS, von Wiesbaden kommend, der König von Siam hier an und nahm mit seinem Gefolge im Frankfurter Hof Wohnung. Morgen setzt er die Reise nach Dresden fort.

Braunschweig, 23. August. DenBraunschw. Neuesten Nachrichten" wird aus Celle telegraphirt, daß auf Ver- anlaffung des Ministers der öffentlichen Arbeiten die Staats­anwaltschaft auf die Ermittelung des Urhebers des am 14. d. M. bei Celle erfolgten Eifenbahu-UnglückS eine Belohnung von 3000 Mk. ausgesetzt hat.

Wien, 23. August. Infolge der fortgesetzten Excesse in Böhmen und nachdem die Aussichten auf daS Zustande­kommen der AuSgleichS-Confereuzen fich sehr vermindert haben, soll die Regierung fest entschloffen sein, mit den schärfsten Maßregeln vorzugehen evrnt. über Böhmen den Au»- uahmezustand zu verhängen.

Wien, 23. August. DieNeue freie Presse" meldet: Der Vertreter des verfassungstreuen Großgrundbesitzes, Graf Oswald Thun, werde gleich nach Beginn der Ausgleichs- Conferenzen erklären, daß er aus den Vorlagen der Regierung