doch kaum möglich ist. Dagegen liegt Wolf-garten fern ab von allen Verkehrsadern und ist doch so nahe bei der R sidenz, daß die Regierungsgeschäfte, als Entgegennahme von Audienzen, Vorträgen, Meldungen, bequem da erledigt werden und auch die Bedürfnisse für die Hofhaltung selbst leicht per Wagen auS der Stadt besorgt werden können. Dann bietet Wolfs« garten mit seinen ausgedehnten Gebäulichkeiten Raum genug zur Wohnung für Gefolge und Dienerschaft und hat außerdem prächtige Plätze zur Arrangirung von Spielen rc. Man kann sich denken, daß das fürstliche Paar nach allen den rauschenden Festlichkeiten in England einen so stillen Aufenthalt sucht, der ihm Erquickung und Ruhe zu bieten vermag.
Während die sogen, „oberen Zehntausend" den Staub der Residenz von den Füßen geschüttelt und, „wie es sich gehört", in Bäder, Sommerfrischen und auf Reisen geeilt sind, hat sich statt deren ein ander Völkchen eingestellt, das dem Straßenbtld ein besonderes Gepräge gibt. Die Zeit der großen Regtmentsexercitien ist herangekommen und Darmstadt ist der Sammelplatz der verschiedensten Truppengattungen geworden. Namentlich dem kaum dreiviertel Stunden von hier in sandiger Ebene gelegenen großen Griesheimer Schießplatz verdanken wir die nahe Bekanntschaft mit den verschiedensten Regimentern des deutschen Heeres, die theils dort Gefechtsschießen abhalten, theils als Angehörige der hessischen Division sich an den großen Exeicitien betheiligen. So sieht man denn eben alltäglich schon ein fast manöver- artige- Bildchen. Mit klingendem Spiel marschiren die staubbedeckten Schaaren der Truppen stramm zur Stadt herein nach den Appellplätzen, hochgepackte Wagen folgen. Die
Mannschaften zerstreuen sich und suchen müde ihre Quartiere und bald zeigen die bekannten schwarzen Schildchen an den Häusern die Absteigequartiere der einzelnen Offiziere. Auch Gießen- „Kaiser Wilhelm Regiment" ist eben zum Theil in unseren Mauern und nimmt an den Uebungen in großen Verbänden Theil.
Im Sommer-Theater wechseln noch immer annehmbare Erfolge mir weniger glücklichen Abenden. Zu den ersteren ist die hier erstmalige Aufführung von Charles LecocqS reizender Operette „Der kleine Herzog", einem sowohl inhaltlich, wie musikalisch gleich humorvollen, anziehenden Werke, zu rechnen, da« Dank einer fleißigen Vorbereitung und Dank der für dies Genre verfügbaren Kräfte eine sehr beifällig aufgenommene Wiedergabe erlebte. Weniger vom Glück begünstigt war die Aufführung von Han4 OldenS Dramaiifirung von Richard Henry Savagos Novelle „Die officielle Frau". Das Stück führt uns daS geben und Treiben der rufftschen Nihilisten vor, läßt dabet Streiflichter auf daS Polizetwesen Rußlands rc. fallen und arbeitet Überhaupt mit einem mächtigen Aufgebot von allen möglichen Schauerltchketten, tndeffen es ist alles nur äußerlich, sehr tief angelegt ist die ganze Sache nicht, und wenn der Vorhang fällt, kann man nicht sagen, daß man gerade sehr be frtedigt vom Ganzen sei. Die hiesige Aufführung krankte zudem an der Besetzung, es fehlt dem Sommer Theater an Kräften, die hier dem Autor zu Hilfe kommen und deshalb traten die Mängel noch gröber zu Tage.
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Rr. 172
Zweites Blatt
Sonntag den 25 Juli
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Meßmer Anzeiger
Kmerat-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Giesten.
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werden. Der Friede macht unsere Schwäche aus, wie er dem siegreichen Deutschland Energie, Kühnheit, Wohlstand und Ueberlegenheit auf allen Märkten der Welt verleiht.
«»nahm, Dox Anzeigen ju der Nachmittag- für bex tilgenden lag erscheinenden Nummer bi- Sonn. 10 Uhr.
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Alle Annoncen-Bureaux de- In» und Lu-lande- nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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— Max Schnetdewin, Offener Brief an Herrn Professor Theobald Ziegler über antike Humanität und über ein Internum unserer Universitäts-Philosophie. Ladenpreis 50 Pfg.
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•P.A. Frankfurt a. M.» 24. Juli. Die Obft-AuS- stellung, die in Verbindung mit der Allgemeinen Rosen-, Blumen- und Pflanzen «Ausstellung im October hier statt« findet, soll nach Beschluß eines erweiterten (Somit e8 auf ganz Südwestdeutschland fich ausdehnen, um die Consuwenten unseres bedeutenden Productionsgebieies auf daS herrliche Obst des eigenen heimathltchen BodenS hinzuweisen und zu zeigen, daß wir nicht nöthig haben, zu ausländischem Obste Zuflucht zu nehmen. Die Frankfurter Ausstellung hat den Vorzug eine« wohldurchgrarbeiteten für unser Gebiet paffenden Programms. Bis jetzt haben ihre Mitwirknng bei der Frankfurter Ausstellung zugesagt Fachvereine und Obstzüchter auS dem Großherzogthum Hessen, aus Hessen Nassau, Heffen- Caflel, Württemberg, Baden und Bayern- mit Elsaß Lothringen sind Verhandlungen eingeleitet. An die betreffenden Regierungen werden Eingaben gemacht, entsprechende Preise speetell für die Obst-AuSftellung zu stiften. Desgleichen gibt man sich der Hoffnung hin, daß die betheiligten Vereine und Einzelpersonen die Ausstellung mit Preisen bedenken werden. Neben dem Obst werden auch die Hilfsmittel der Technik zur Ausstellung gelangen, die Baumzucht und Obstverwerthung, die Verpackungsmethoden und dte Producte der Obstverwerthung. Dem Anreiz, der auS dem Anblick der schönen Früchte gewonnen wird, kann sogleich Befriedigung gewährt werden, indem Obst auf der Ausstellung im Detail abgegeben wird, die Centralstelle für Obstverwerthung in Frankfurt a. M. gedenkt gleichzeitig einen Obstmarkt für EngroS-Verkauf ein« zurtchren, während die Verkaufsstellen für deutsches Obst in Frankfurt a. M. ihre Läden mit bester deutscher Maare affortirt halten werden. Frankfurt kann demnach für die Centrale der Verwerthung deutschen Frischobstes gelten, da Frankfurt in den letzten Jahren in dieser Beziehung mit den verschiedensten Unternehmungen vorangegangen ist. Die Sonderausstellung für Obst wird sich würdig ihren Vorgängerinnen anreihen dürfen. Daher möge eine zahlreiche Beteiligung auS allen Gauen des AuSftellungSgebieteS zum glänzenden Gelingen beitragen.
* Leobfchuh, 23. Juli. Zwei aneinander geschloffene Zuchthäusler, die zur Vernehmung vor daS Amtsgericht Nicolas transportirt wurden, sprangen hinter der Station Elgerfeld aus dem in voller Fahrt befindlichen Personenzuge. Die gefährlichen Verbrecher entkamen ohne jede Verletzung, trotzdem die Begleiter fie sofort verfolgten.
eine solche Auszeichnung schon deshalb nicht handeln können, weil Herr Faure fich nach der franzöfischen Verfassung nicht revanchiren könne.
Londoner Blätter verzeichnen die Nachricht von dem be» vorstehenden Zusammentritt einer Delagoa-Conferenz, die in London tagen, rein privaten Charactör haben, von englischen und portugiesischen Delegirten beschickt werden und eine durchgreifende Regelung der englischen und portugiesischen Ostafrtka-Jnteressen anstreben soll. Welcher Art diese Jn- tereffen auf englischer Seite find, ist bekannt, und eS kann keinem Zweifel unterliegen, daß in Wahrheit die Spitze der angekündtgten Conferenz gegen Deutschland sich kehren würde, das nun einmal um jeden Preis aus seiner Position in der Delagoa-Bai hinauSmanöverirt werden soll. Angesichts der scharfen Wachsamkeit, von der die deutsche Südafrika- Politik schon wiederholt Zrugntß abgelegt hat, wird aber auch dieser neueste Trick seinen Veranstaltern nicht allzuviel nützen, und nur dazu dienen, die Aufmerksamkeit der politischen Kreise Europas erneut auf jene Gebiete zu lenken.
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Politische Wochenschau.
Sollten fich die letzten Nachrichten, die einen Fortschritt der Friedensverhandlungen auf der Balkanhalbinsel melden, in der That bestätigen, so wäre man vielleicht von dem langersehnten endgültigen FrtedenSschluß jetzt nicht mehr allzuweit entfernt. Der Sultan soll nämlich in der Frage der Grenzregu'.trung endgültig nachgegeben haben, nachdem von den Botschaftern neuerliche Zugeständnisse gemacht worden seien. Diese Gerüchte klingen indessen zu günstig und finden auch schon wieder ein theilweiseS Dementi in der Meldung, -aß das Jrade „einige Vorbehalte" enthalte. Also daS Spiel, daS die Botschafter und Mächte treiben, wird mit anderen Worten noch immer lustig fortgesetzt. In maßgebenden politischen Kreisen glaubt man vielmehr in dem augenblicklich beim Sultan und bei Tewfik Pascha vorhandenen guten Willen die Folge deS kategorischen Vorgehens der Mächte zu scheu und fieht weitere Verschleppungen während der kommenden Friedensverhandlungen voraus. Die Pforte hat schon zu häufig schöne Versprechungeu gemacht und fie dann nicht 1 ehalten. Die Nachrichten erscheinen umsomehr allzu optimistisch abgefaßt, wenn man die Thatsache in Betracht zieht, daß Serbien fich beeilt, seine Armee zu reorganisiren und waS siehr ist, in einer Weise zu verstärken, die mit den bekannten äußerst ungünstigen finanziellen Verhältnissen deS Landes kllum in Einklang gebracht werden kann. WaS die in den letzten Tagen gegen die Türkei geplanten Coercttivmaßregeln s nbetrifft, so scheinen dieselben momentan mehr in den Hintergrund getreten zu fein. Solche Maßregeln waren bereits zu wiederholten Malen der Gegenstand eines JdeenavStauscheS pud eS ist ein offenes Geheirnntß, daß mehrere Mächte auch jetzt noch den Standpunkt einnebmeu, man käme ohne Androhung von Gewalt mit der Türkei nicht zu Ende. Im Uebrigen ist mit Genugthuung festzustellen, daß auch jetzt im entscheidenden Moment auf ein vollständiges Zusammenhalten sämmtlicher Großmächte gerechnet werden kann, denn nur unter dieser Bedingung ist ein baldiger FriedenSschluß grfichert.
In politischen Kreisen Frankreichs wird die Reise des Präsidenten Faure mehr und mehr erörtert. Die Blätter widmen fich wieder dem Klatsch und die Nähe der rusfischen Reise bringt es mit fich, daß derjenige bevorzugt wird, der irgendwelche Spitze gegen Deutschland birgt. So kann man aus französischen Süttern erfahren, daß der an- g-bltche Unfall, den Kaiser Wilhelm an Bord der „Hohen- zollern" erlitten haben soll, in Wirklichkeit ein Attentat gewesen ist. Man ersährt weiter, daß die Zarin-Wittwe einen großen Affront für da- Deutsche Kaiserpaar vorbereitet, indem si< am Tage vor dessen Ankunft abreift u. dgl. Mit solchen Mittelchen tröstet man sich dafür, daß die Ernennung des Herrn Felix Faure zum Ehrenkosaken oder etwas Aehnltchem sich nicht hat in den Weg leiten lassen, ein Mißerfolg, den man jetzt mühsam vertuscht, indem man behauptet, eß sei von der ganzen Sache nie die Rede gewesen und es habe sich um
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Deutsche» Reich
Berlin, 23. Juli. Die Stimmen in Deutschland reisender Franzosen über die bei uns gewonnenen Eindrücke mehren fich, und mit süßsauerer Miene constatiren fie den großartigen wirthschaftlichen Aufschwung, den fie in Deutschland wahrgenommen haben. Der Schriftsteller Georges Thieband, der vom Stockholmer Journalisten-Congreß über Deutschland zurückgekehrt ist, beschreibt im „Gaulots" seine Eindrücke. Er sagt: „Ich kann meinen Landsleuten nicht verhehlen, daß Deutschland mir den Eindruck einer ungeheueren Macht hinterlassen hat, die in voller Kraftentfaltung, in voller wirthschaftlicher Regsamkeit begriffen ist und aus dem Weg wunderbarer Entwickelung sich befindet. Von der belgischen Grenze bis zum eigentlichen Preußen in Deutschland eine einzige Fabrik in vollem Betrieb, bereit tausend Schornsteine Rauchwolken in die Lust senden, die weit bedrohlicher sind, als alle Heeressäulen, die eitlem militärischem Ruhm bienen. Hüten wir uns vor dieser Groß« macht, die unaufhörlich wächst, während wir zurückgehen - deren Bevölkerung fich jährlich vermehrt, während die unsere abnimmt,- deren Einnahmequellen und Credit zunehmen, während die unseren fich erschöpfen- deren Ausfuhr steigt, während die unsere abstirbt." Auch der Journalist Lepelletter schreibt im „Echo de Paris" über Berlin in Ausdrücken höchster Begeisterung. Es heißt dort: „Wir haben diese blühende Hauptstadt eines mächtigen Reiches, die Rivalin von London und Parts, zum Entstehen gebracht, indem wir den verbrecherischen Frieden von Bordeaux unterzeichneten- wir haben fie groß werden lassen, indem wir während 27 Jahren nicht fähig waren, einen Krieg wieder zu be ginnen, der allein unS vor dem commerziellen Ruin und vor dem politischen Verfall retten kann, dem wir trotz der Reise Faures nach Petersburg unwiderstehlich zugetrieben
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Feuilleton.
Wochenbriesk ans der Residenz.
(Origimilbericht deS .(Siebener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 22. Juli.
8<m Großh. Hofe. — Militaria. — Aus dem Koustlebe».
Letzten Freitag sind die Großh. Herrschaften von den Feierlichkeiten in London zurückgekehrt unb haben birect in bem unweit ber Station Langen gelegenen, ganz im hohen Walde versteckten Jigdschlosse Wolfsgarten, dem LteblingS- rleifenthalte brS Heimgegangenen Großherzogs Lubwig IV., Wohnung genommen. Wolfsgarten ist lange nicht baS schönste urter den Großh. Schlössern außerhalb ber Stadt, gleich- vikhl ist es am meisten unb am längsten alljährlich ber sl.ffenthalt seiner hohen Besitzer. Das verbankt es haupt- ff-hlich zwei Umstänben. Vor allem seiner Lage. Zwar hügt ja daS durch seine herrlichen Sammlungen für jeden Wiibmann so außerordentlich interessante Kranichstein, von Kiffen früheren Bewohnern noch heute manche hübsche Ge- j-h ichte erzählt wird — ich erinnere nur an die Affaire, die irischen dem Landgraf Lubwig VIII. und den Zigeunern spielte — auch inmitten eines wundervollen, wildreichen FoßlsteS und in unmittelbarer Nähe ber Residenz, inbefjen tft baß Hauß sammt ben Nebengebäuden doch nicht groß gkwug für bte jetzige Hofhaltung, auch führen bte beliebtesten Spazierwege gerade durch die Schloßgebäude, sodaß ein un« .ztflörteS Verweilen den hohen Einwohnern selbst ba braußen


