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Erstes Blatt
Donnerstag den 25 Februar
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Aints- und Anzeigeblutt für den Areis Gietzen
Hratisöeitage: Hießener Jamilienötätter.
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Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
ießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
C^eiL
Betr.: Die Mathildenstiftung für die^Provinz Oberhesien.
Bekanntmachung.
Die diesjährige Hauptversammlung der Mathildeu- stiftuug für die Provinz Oberhesien findet
Dienstag den 16. März d. I,
Vormittags 11 Uhr,
im Regierungsgebäude zu Gießen statt, wozu die verehrlichen Mitglieder der Stiftung ergebenst eingeladen werden.
TageS-Ordnung:
1. Prüfung der Rechnung pro 1896,
2. Vertheilung des Ueberschusses aus 1896 zur Unterstützung gemeinnütziger Anstalten,
3. Feststellung des Voranschlags für 1897,
4. Ergänzungswahl des Vorstandes.
Gießen, 22. Februar 1897.
Der Vorstand der Mathildenstiftung für die Provinz Oberhesien.
v. Gagern, Gr. Provinzialdirector.
Bekanntmachung, betr.: die Schweizerische TranSportverficherungSgesellschaft „La Neuchäteloise“ in Reuchatel.^ ___
Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß Großh. Ministerium des Innern mit Entschließung vom 17. Februar d. Js. die der Schweizerischen Transportversicherungsgesellschaft „La Neuchäteloise“ in Neuchatel er» theilte Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum zurückgenommen hat. ___
Gießen, den 20. Februar 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.kZZ
Deutscher Aetchrtas»
183. Sitzung. Dienstag den 23. Februar 1897.
Zur ersten Berathung steht der Gesetzentwurf betr. Verwendung der Hälfte des Ueberschusses der Ucberwetsungen über die Matricularbeiträge pro 1897/98 zur Schuldentilgung.
8 2 des Gesetzentwurfs setzt fest, daß der Beitrag, auf welchen die Einzelstaaten pro 1897/98 zu Gunsten der Reichtzschuldenttlgung verzichten sollen gemäß 8 L ihnen pro 1899/1900 zu Gute gerechnet werden, also unerhoben bleiben soll, wenn in diesem Jahre die UeberWeisungen hinter den Matricularbetträgen zurückbleiben.
' Schatzsecr. Graf Posadowsky: Die Schuldentilgung im Reiche liege sehr im Interesse einer geordneten Ftnanzverwaltung. Aber auch eine dauernde Reform der letzteren sei dringend geboten, »umal sich jetzt, bet Ueberweisungen, Matricularbetträgen, Aversen rc. die Steuerzahler kaum noch em klares Bild von der Finanzlage
machen könnten. Die Ueberweisungspolilik könne tn der Weise wie bisher nicht festgesetzt werben, nachdem die Ausgaben für Heer und Marine, für die Colonien und für die Zwecke der socialen Ver- ficherungsgesetzgebung in den letzten zehn Jahren so gestiegen seien, daß die Etnnahmestetgerung damit nicht habe gleichen Schritt halten können. Wie sei zugleich die Reichsschuld gewachsen! Wenn aber die Bundesstaaten auf einen erheblichen Theil der Ueberweisungen verzichten sollen, so müsien ste auch eine Gewähr dafür haben, nicht ein andermal zu sehr durch Matricularbeiträge herangezogen zu werden. Diese Gewähr solle der 8 2 geben. Das sei keine automatische Regelung, denn wenn in 1899/1900 die MatrtcularbeitrLge sehr stark stiegen, so könnten die Einzelftaaten, trotz des ihnen dann anzurecdnenden Betrages gemäß 8 2, dennoch in die Lage kommen, mehr an Matricularbeiträgen zu zahlen, als sie an Ueberweisungen erhalten. Würde man außerhalb des Hauses die Verhältnisse klar durchschauen, so würde sich geradezu ein Sturm nach einer solchen Ftnanzreform erheben. Die Vorlage beruhe aus einstimmigem Beschluß der verbündeten Regierungen.
Abg. Richter (srf. 93p.): Die Vorlage sei nur eine Variation auf das Thema, daß die Einzelftaaten nicht mehr an Matricular- beiträgen zahlen sollen, als sie an Ueberweisungen erhalten. Ebenso sei der erste Theil der Rede des SchatzsecretärS nur eine Umschreibung des automatischen Gedankens gewesen. Eine „reinliche Scheidung" sei beabsichtigt, nur tn einer anderen Form. Was der Schatz- secretär zur Begründung des Verlassens der UeberwetsungSpoltttk gesagt habe, laufe darauf hinaus: Zölle, Branntweinsteuer rc., das Alles soll verwendet werden für Militär und Marine. Das aber lehnen wir andrerseits rund ab. Indem 8 2 überdies zwei Jahre verkoppelt, enthält er auch eine Einschränkung der Rechte des Reichstages. Wenn der Schatzsecretär meint, wenn erst das Volk seine Retchsfinanzreform verstehe, so würde sich ein Sturm danach erheben, so denke ich doch, auch der blinde Hödur weiß längst, was es zu bedeuten haben würde, wenn das Reich nur noch auf neue in- dtrecte Steuern angewiesen bleibt, welche vorzugsweise den Minderbemittelten belasten Unsere Einzelftaaten sind gerade jetzt in Folge der Eonvertirungen in relativ guten Finanzverhältnissen, wie können wir uns da schon jetzt pro 1899/1900 die Hände in Bezug auf Bemessung der Matricularbeiträge binden und uns dadurch in die Gefahr neuer Steuern im Reiche bringen!
Abg. v. Leipziger (c.) erklärt die Bereitwilligkeit der Confer- vativen, eine dauernde Regelung des Reichtzfinanzwesens zu schaffen. Seine Freunde hätten auch vor dem Automaten keine Angst und hofften auf Verständigung in der Commission.
Abg. Dr. Lieber (Ctr.) begrüßt im Allgemeinen die Vorlage als die Fortsetzung unserer Reichsschuldentilgungspolitik vom Vorjahre. Mit einer völligen Beseitigung der Ueberwetsungspolttik in Gemäßheit der olausula Franckenstein würden wir uns nicht einverstanden erklären können. Ater in der Vorlage ist ja vor Allem jede Regelung von längerer oder kürzerer Dauer vermieden. Ich werde in der Commission beantragen, die für das Reich einzubehaltende Quote der Mehr^ Ueberweisungen pro 1897/98 noch über die hier vorgeschlagene Hälfte hinaus zu erhöhen. Außerdem sollte auch für 1896/97 eine entsprechende Bestimmung noch tn dieses Gesetz ausgenommen werden. Was 8 2 anlangt, so erkennen wir an, daß, wenn das Reich auf einen Theil der Mehrüberweisungen Beschlag legen darf, zu Gunsten der Schuldentilgung, auch die Einzelftaaten gegen eine zu große Inanspruchnahme gesichert werden sollen. Für den Sinn des 8 2, wie ibn heute der Schatzsecretär dargelegt hat, bedarf es aber einer klaren Form. ES wird auch dem Reichstage die Entschließung Vorbehalten werden müsien, ob er 1899/1900 erforderlichenfalls auf höhere Matricularbeiträge oder auf höhere Steuern oder auf Anleihcn zurückgreifen will. Sehr zu prüfen wird daher auch die Commifsion haben, ob eS in 8 2 bei dem Etatssoll der Matri-
cularbciträge verbleiben foll. Auch uns ist die Verkoppelung zweier Etatszahre nicht unbedenklich. Im Gegensätze zu Herrn Richter meine ich, daß ein Uebergreifen mit neuen Steuern auf das Reich keineswegs stets eine Betastung der Minderbemittelten bedeute, weil dem Reiche nur die inbirecten Steuern verbleiben. Wenn z. B. in Bayern die Steuern erhöht werden müßten, dann handelt eS fich dort vor Allem um die Grundsteuer, den Schaden würden dort als» die Landwirthe haben.
Abg. Paasche (nl.) plaidirt für eine Reichsfinanzreform von Dauer und stimmt der Vorlage durchaus zu.
Die Vorlage wird der Budgetcommisston überwiesen.
Es folgt die zweite Berathung der Gesetznovelle betr. Beschlagnahme des Arbeits- oder Dtenftlohnes. Die Beschlagnahme soll fortan auch zu Gunsten unehelicher Kinder stattfinden dürfen, wobei aber den ehelichen Anfpruchsberechttgten gewiße Privilegien gewahrt bleiben sollen.
Ein Antrag Bassermann hierzu bezweckt eine Abschwächung dieser Privilegien, um zwischen den Anspruchsrechten der ehelichen und der unehelichen Kinder eine mittlere Linie zu finden.
Der Antrag Bassermann wird angenommen und damit die ganze Vorlage.
Es folgt der Etat des Jnvalidensonds. Die Commission hat den Dispositicnsfonds des Kaisers um 960 000 Mk. erhöht behufS Erhöhung der Pensionen von Kriegstheilnehmern.
Ein Antrag v. Leipziger (cons.) will statt dessen die Regierung auf dem Wege der Resolution auffordern, einen Nachtragsetat zu demselben Zwecke vorzulegen.
Referent Abg. v. Gültling en (R.-P.) berichtet, daß in der Commission die Verfassungsmäßigkeit des von ihr gefaßten Beschlusses regierungsseitig bestritten worden sei.
Abg. Müller-Fulda (Ctr.) rechtfertigt den Beschluß der Commission. Es herrsche in den Kreisen der Anspruchsberechtigten dringende Noth, während man die Zinsen des Jnvalidensonds nicht einmal aufbrauche.
Abg. o. Leipziger (cons.) empfiehlt seine Resolution, hauptsächlich aus etatsrechtlichen Bedenken gegen den Commissionsbeschlutz.
Schatzsecretär Gras Posadowsky verwahrt die Regierungen dagegen, an den Zinsen des Jnvalidensonds Ersparnisse machen zu wollen. Eine Thesaurirung erfolge nur im Jntercsie derer, die am Kriege nicht nur theilgenomrnen, sondern auch in demselben zu Schaben gekommen seien. Das Interesse Dieser stehe bemjenigen Derer voran, bie am Kriege nur theilgenomrnen, ohne dabei gesundheitlich geschädigt zu sein. Das Haus möge sich auf die Resolution Leipziger beschränken, ein Nachtragsetat im Sinne derselben, also für die Invaliden überhaupt, nicht zu ©unften der bloßen KriegStheil- nehmer, würde dem Hause zugehen.
Abg. Graf Oriola (nl.) spricht für den Beschluß der Commission, bei dem von einer Nichtachtung der Rechte der Executive nicht die Rede sei. Hierin stimme seine Partei durchaus mit Müller- Fulda überein.
Generallieutenant o. Viebahn widerspricht lebhaft der Angabe eines Zeitungsartikels, daß in Frankreich die Pensionen von „Kriegs- roittroen* höher seien, als bet uns.
Abg. v. Vollmar (Soc.): Das Geld fei da, die Noth fei groß, und wenn das Schatzamt die Gelder des JnoalidenfondS aufspeichere, so habe man im Lande den Eindruck, als solle der Fonds zu ganz anderen Zwecken aufgespart werden.
Abg. Lieder (Ctr.): Nach ben Erklärungen des SchatzsecretärS bestehe doch Uebereinstimrnung zwischen Regierung und Haus. Weshalb solle man da nicht den Beschluß der Commission annehmen? Seine Freunde wollten aber den Gegenstand nicht zum Conflictstoff machen und beantragten daher eine Resolution, welche die Regierung
Fenilleton.
Emilia GaloNi.
Man ist neuerdings mehr und mehr von dem verächtlichen Urtheil zurückgekommen, das die Stürmer und Dränger und später die Romantiker über den Dramatiker Lessing fällten, und räumt ihm eine Stelle in der vordersten Reihe unserer großen Dramatiker, neben Schiller und Kleist, ein. An Schmelz tn der Wiedergabe zärtlicher Empfindungen und an Wucht deS tragischen Schmerzen-ausdruckes ist er oft übertroffen worden, wenige kommen ihm gleich in der durch und durch dramatischen Art der Characterzetchnung und der Behandlung der Sprache und des Dialogs. Der dramatische Dichter, dem ja in der Geste und dem Ton ganz andere Mittel der Characteristik zu Gebote stehen als dem Epiker und der ste daher auch braucht, enthüllt uns seine Charactere weit weniger durch den Inhalt ihrer Worte und Handlungen, als durch die Art und Welse, wie sie sprechen und handeln, und oft ist sogar eine dem innersten Wesen einer Person widerstrebende Handlung daS beste Mittel in der Hand eines großen Dramatikers, um uns deren Character darzustellen. Coriolan bei Shakespeare offenbart fich nie so sehr als der hochmüthige Aristokrat als da, wo er um die Stimmen der Plebejer bettelt, und Lesfing genügt im „Nathan" die eine I Scene, wo der Bruder BonafideS den Tempelherrn zu einem Schurkenstreich verleiten soll, um jenen als eine völlig arglose und wohlmeinende Natur erkennen zu laffen. Gerade tu dieser indtrecten und unfreiwilligen Selbstdarstellung der Charactere, die recht eigentlich dramatisch ist, steht Lesfing unter unseren deutschen Dramatikern beinahe unerreicht da, und wir wüßten nicht, wer außer dem jugendlichen Schiller ihm nahe käme. Lessings Sprache aber dünkt uns deshalb
eminent dramatisch, weil sie, im Gegensatz zu der der Goethe- scheu Dramen, nicht bloS gesprochen, sondern gespielt sein will und die Action des Schauspielers geradezu fordert. — Zu den eigentlich dramatisch-theatralischen Vorzügen LesfingS kommt nun noch ein anderer, höherer hinzu, der, daß Lesfing seine Probleme so tief wie außer ihm im socialen Drama nur noch Moltöre faßt. — Bekanntlich ist Lesfing zu seiner „Emilia Galottt" durch die römische Virginia angeregt worden, deren Geschick er schon früh auf die Bühne zu bringen plant. Wir wiffen auS seinen Briefen, daß er nach seiner Beschäftigung mit der dramatischen Theorie DiderotS eine völlige Umgestaltung des Stoffes vorntmmt, der zunächst von allem politischen Beiwerk befreit wird. Die zeitgenössischen Kritiker der Emilia, die daS Werk zu sehr unter dem Gesichtspunkt einer „bürgerlichen Virginia" betrachteten, haben diese Loslösung von dem politischen Hintergründe und diese Ueber- tragung in eine andere Sphäre getadelt — wie unS bedünken will, mit Unrecht. Denn einmal ist der Mord der Tochter durch ihren Vater, dem ihre Unschuld lieber ist als ihr Leben, in dem Stoff, wie ihn unS LiviuS überliefert, nur ein einzelnes Moment einer wichtigen historischen Umwälzung, die also vor Allem unser Jntereffe in Anspruch genommen hätte, und dann erschöpft auch die That des heroischen BaterS den Inhalt des Lessing'schen Stückes keineswegs. .Denn in dessen Mittelpunkt steht doch recht eigentlich der blendende, verführerische, hochgestellte Mann, der seiner Selbstsucht und Begier ein Weib zum Opfer gebracht hat und ein weiteres ihr zu bringen im Begriffe steht. DaS Stück scheint uns weit weniger ein Drama der geretteten Unschuld als das Drama der Frauenwürde oder genauer der im Weibe beleidigten Menschenwürde. Die Orfina ist nicht die verlassene unglückliche Liebhaberin gewöhnlichen Schlages: ihr Pathos ist überhaupt ^nicht daS unglücklicher Liebe
— was sie erfüllt, ist vielmehr daS Gefühl, daß sie erniedrigt wurde zu einem Spielzeug für die Laune eines Mannes, der sie bald achtlos wegwirft und mit einem neuen Spielzeug vertauscht,- waö uns Lessing hier zum Bewußtsein bringt, ist, daß in ihr nicht daS Weib, sondern im Weibe der Mensch herabgewürdigt wurde.*) Auch in der Emilia selber ist ein verwandter Zug: sie empfindet die Bewerbung des Prinzen als eine frevelhafte Antastung, als eine Besudelung ihrer selbst, und daS ist eS, was sie im Bunde mit Anderem in den Tod treibt. Wir wüßten nicht, daß in der Behandlung dieses Problemes Lesfing im Drama einen Vorgänger gehabt hätte, nur im Roman wäre ein solcher zu nennen. ES ist Samuel Richardson, den die ersten Dichter und Kritiker des vorigen Jahrhunderts als einen der größten Menschendarsteller bewunderten und weit über Fielding stellten, während man ihn heutzutage mit etlichen ironischen Bemerkungen abzuthun liebt. Diese Ironie scheint unS wenig am Platze und ist weder durch die historische noch die dichterische Bedeutung deS Mannes gerechtfertigt, denn in seiner Pamela giebt er daS erste Muster einer naiven Liebenden, die, eine ältere Schwester der Marianne in Goethe's „Geschwistern" und des Kletstt^hen KäthchenS, durch eine gewisse Zartheit undAnmuth an dieselpäteren Meisterschöpfungen unserer großen deutschen Dichter erinnert, und in der Clarissa zeichnet er unS in Lovelace eine der gewaltigsten Don-Juan-Figuren, die die Weltlitteratur kennt, und entwickelt zugleich mit einem nicht genug zu bewundernden psychologischen Tiefblick die Nemesis des Don-Juan-Cha-
*) Verwandter Art ist auch der Grundgedanke von Schnitzlers „Liebelet", der ersten Vorstellung dieses WtnterS. Man hat den so ernsten Grundgedanken dieses Stückes so ganz verkennen können, daß ihm von einzelnen Seiten der Borwurf der Frivolität gemacht wurde.


