Rr. 276 Zweites Blatt
Mittwoch beti 24. November
1807
uchener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Aints- «nd Anzrigeblatt für den Kreis Giefzen.
] Hratisöeitage: Hießener AamikienStätter.
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Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montag-.
llmtlkbcf Lheil.
Local-Polizei-Reglement für die Provin)ial-H««ptstadt Gießen, die Ausführung des Art. 57 -er Allgemeinen Bauordnung betr.
Auf Grund des Art. 2 und 57 des Gesetze- vom 80. April 1881, die Allgemeine Bauordnung betr., und des tz 6 der Verordnung vom 1. Februar 1882, die Ausführung der Allgemeinen Bauordnung betr., wird nach Anhörung der Stadtverordneten-Bersammlung unter Zustimmung des Kreis- auSschuffeS und mit Genehmigung de- Grohherzogltchen Ministeriums des Innern zu Nr. M. I. 24747 vom 9. November 1897 unter Aufhebung des § 20 der Local- poltzetverordnung vom 6. Juli 1888 für die Provinzial- Hauptstadt Gießen verordnet, wie folgt:
§ 1.
Alle an Straßen oder Plätzen stehenden Gebäude, deren Dachtraufen nach der Straße oder dem Platz gehen, find mit Schutz- refp. Schneefangvorrichtungen an den Dächern tu geeigneter Weife nach der Straßenseite hin zu versehen, sofern die Dachneigung steiler ist al- 1 : 3.
Bei vorhandenen Gebäuden hat die- innerhalb sechs Monaten nach Erscheinen diese- Local-Polizet-ReglementS zu geschehen.
§ 2.
Verfehlungen gegen die Vorschrift des § 1 unterliegen den Rechtsfolgen der Art. 79 und 80 der Allgemeinen Bau« orduung.
Gießen, den 15. November 1897.
GroßherzogltcheS Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf vorstehendes Local-Polizei Reglement fordern wir die Etgenthümer der in Betracht kommenden Gebäude auf, längstens bis zum 15. Mat k. IS. die Dächer ihrer Häuser mit geeigneten Schneefangvorrichtungeu versehen zu lasten.
Gießen, den 15. November 1897. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
F——BB!—1
Feuilleton.
Graf Pünyi.
Eine Geschichte auS Slavonien von M. Roda-Roda.
(Nachdruck verboten.)
,Oj Gliso!" schrie ein Mann vom Brezikberg langgedehnt herüber und hielt dabet die Hände vor den Mund wie den Becher einer Trompete
,£)j Ivo I* antwortete ihm ebenso eia anderer von der Höhe de- RirnSki put. Man konnte ihn nicht sehen — er stand gerade im grellsten Abendroth.
,Oi Gliso! Wollen wir.....?**
Ivo ließ die Schafe in den Stall eia, nahm Brod, Speck, ein Pulverhorn, etliche Kugeln in die Torba, seinen Kaput (Mantel) über die Schultern und ging.
Und so quh Gliso, der zwei Stunde» weit von ihm entfernt war. Doch für Gesicht und Ohr gibt e- im Gebirge keine Entfernungen.
Sie trafen fich an einem dürren Baum. Ohne ein Wort zu wechseln, half Gliso dem Ivo, den Baum zu er- klettern. Au- einer nur von oben sichtbaren, gegen den Regen gut gedeckten Oeffnung holte er zwei alte, rostige Flinten. Die nahmen sie geschickt unter ihre Mäntel und gingen.
,Uub wenn er un- heute erwischt k"
„Heute ist er auf der anderen Settel
,Wohar weißt Du'-?"
»Da» ist Freitag immer so. Freitag muß er bei seinem Grabe wachend
Der Manu, der die beiden Wilddiebe erwischen konnte, und von dem so viel Sagen gingen, — wie die, daß er I Freitag an seinem Grabe wachen müsse — war der Letzte au- dem alten Geschlechte der Pänhi, Aladar, der Einsiedler. |
Die Gärten -es' Vaticans.
Von C. Sprenger, San Giovanni a Teduccio b. Neapel.
Wir entnehmen der „Gartenwelt", herausgegeben von Max Hesdörffer, Verlag von Gustav Schmidt in Berlin •) folgende Schilderung: Glatt geschorene Steineichenhecken, citronen- und orangenbedeckte hohe Mauern und sonnenglühende Pfade empfangen den Besucher der Gärten des heiligen Vaters. Rechts vom aufsteigenden Wandelpfade ist eine gewaltige Vertiefung angelegt nach Le Nötre'schem System, mit Bassin, Fontaine, Arabesken, schnörkeligen Blumenbeeten, einzelnen Cypressen und Palmen. Sehr viel Orangen in großen Töpfen auf Postamenten gestellt, die Einfassungen von Buxbaum und Lavendel, dazwischen in den Beeten nicht gerade besonders kostbare Florblumen, wie Verbenen, Nelken, Rittersporn, Veilchen und Rosen, dann einzelne große Agaven und Eucalyptus globuhis, das Ganze wie von Festungsmauern eingefaßt, tief, ruhend, sonnendurch- glüht, heiß, aber prächtig zum Wandeln zur kühlen Jahreszeit, wenn man Licht und Luft und Stille sucht. — Dann aber höher hinauf, überraschen den Neuling die Wunder der päpstlichen Gärten Roms und ihre unvergleichlich schönen Aussichten. Ob diese Feder das alles im kleinen Nahmen schildern wird? Dreifach sind die Gärten Sr. Heiligkeit. Der Garten alter, längst entschwundener Zeiten, ein Wald von Lorbeeren und Steineichen, Säulen, Statuen und Alter- thümern, dann der moderne Park und die Anlagen der letzten Päpste, endlich die Obst- und Weingärten.
Hoch ragen der Lorbeer und die immergrünen Eichen im mittelalterlichen Parke empor, sie wölben sich zum undurchdringlichen Laubdache hoch oben in dem blauen Aether und kein Sonnenstrahl bringt durch ihre Zweige. Sie ziehen über Hügel und Thäler, durchquert von schönen, moosigen Wandelpfaden, an deren Seiten steinerne Bänke und Sarkophage zum Ruhen still winken. Hermen, Obelisken, Urnen, Säulenreste, antike Statuen, seltsame Sarkophage und Grabdenkmäler jeglicher Art stehen, stumme Zeichen einer fernen, traumhaft fernen Welt, in den von Unterholz fast freien Baumgruppen. Auf den Bildwerken ruht der Staub der Zeiten, Moose und Flechten umwuchern ihre Füße, und sie, die Jahrtausende überdauerten, zaudern auch heute noch den Ernst und die Würde, den Frohsinn und die Trauer in das Menschenherz, ganz wie einst, als sie noch jung waren! — Wundervoll ist die Flora der Eichenhaine. Immergrün,
*) In gleichem Verlag erscheint die beliebte Zeitschrift „Natur und Haus'. Probenummern beider Zeitschriften sind durch jede Buchhandlung sowie direct zu beziehen.
Er stand eben auf der Felsenzinue der Türkenburg Starigrad und blickte der untergehenden Sonne nach, die auf ein Lager von Purpur und Gold schlafen ging.
Sein Antlitz war tief gebräunt, schneeweiße buschige Brauen überschatteten zwei seltsame, träumerische Augen. Der lange, weihe Bart flatterte im Winde gleich wie da» Haupthaar, da- auf allen Seiten unter dem groben Hute hervorsah. Ein LederwammS, eine Lederhose und grobe Opanken (Bundschuhe) vervollständigten den Anzug.
Am linken Unterarm trug er ein Messer angeschoallt. Hätte er eS hervorgezogen, man könnte die damaSeirte Klinge sehen. Mitten auf der Brust stak halbfrei ein Revolver und über und unter ihm eine Menge von Patronen. Im Gürtel trug der Alte ein seltsam geformtes Beil. ES war ein schwedische- veil.
Und als hätte er der Waffen noch nicht genug, stützte fich die Rechte auf die Mündung eine- kurzen belgischen Zwillings.
Plötzlich riß Plnhi da- Gewehr au die Backe — ein Schatten huschte — ein Schuß krachte — und im Nu war Leben um ihn. Drei Rüden, die mit verhaltenem Athem hinter« Gemäuer stille halten mußten, stürzten wüthend hervor und brachten bald mit vereinten Kräften einen todtru Fuchs, dem fie im Eifer des Gefecht- die Fahne heran»- geriffen hatten. — In hohen Sprüngen kamen zwei Rehe, ein Bock und eine Gais — und blickten, unbekümmert um die Rüden, zu PLuhi, auf, der eine frische Kugelpatrone Inti; auch ein Kitzlein trippelte ihnen bald nach.
Der Alte schulterte seine Büchse und stieg langsam den Berg hinab in den Wald, den Fach» den Hunden überlaßend, die ihn abwechselnd eifernd trugen. Die Rehlein galoppirten munter voran».
Bor einer Hütte im Walde «achte er Halt. Sie war geräumig, aber niedrig, wie jede andere Waldhütte, au»
Epheu, ein Heer von Waldschattenpflanzen, Moose und Flechten umgrünen die uralten Baumriesen, deren gnomenhaft knorrige Stämme das Mondlicht verdunkeln und die Dämmerung noch düsterer erscheinen lassen, man sieht sie nicht in der Nacht, denn sie sind dunkler als diese. Im Frühling bedeckt ein gewaltiges Heer von violetten und purpurnen Cyclamen den Waldboden, und gar mancherlei Kräuter, die einst eine liebende Hand hierher getragen, erhielten sich durch die Jahrhunderte und nahmen Besitz von diesen zaubervollen, Geheimniß athmenden Gärten. Murmelnde Quellen, plätschernde, krystallklare Wasser und eine fröhliche Vogelwelt beleben das ganze schöne, erhabene Bild, das greifbar dem träumenden, von Schönheit berückten Wandrer sich beut!
Blühende', sonnige Gärten, entzückende Baumgruppen, herrliche Baumgestalten, Rumen, schattenspendende Wandelgänge, Blumen ohne Zahl umrahmen dieses uralte Paradies und dem Wandrer scheint es, als ob er plötzlich aus den Gärten eines Augustus nach England versetzt würde. Schattende Platanen - Alleen, unvergleichlich schöne Cedernhaine, Pinien, immergrüne Bosketts, Magnolien, blühende Oleandergebüsche, Myrtheu und Lagerstroemien und all die tropischen und subtropischen Gewächse, welche die Gärten Italiens zieren, empfangen den Neuling. Hier fallen ihm Coniferenhaine mit riesigen Gynerien als Bodendecken auf, dort erblickt er staunenden Auges massige Agaven, hochragende Cypressen, Pinus excelsa und zarte Acacia fulibrissin, in deren hoch sich wölbenden Baumkronen Finken, Amseln und Lachtauben sich tummeln. Dann wieder blühende Yucca, Dracaenen, Phönix; er geht dahin wie traumverloren im Anblicke St. Peters und des gewaltigen Vatikans. Durch die Baumgruppen leuchten bezaubernd klar die fernen und nahen Hügel, die, von Gärten und Villen übersät, alle Aussichten der Welt in den Schatten stellen. Schmetterlinge gaukeln durch die unvergleichlich schöne Pflanzenwelt. Strauße, seltsame Scharrvögel, Rehe und Hirsche, hier frei, dort eingehegt, beleben die blühenden Gefilde. Hier hat der heilige Vater sich eine Welt gezaubert, so schön, so unendlich schön, daß er wohl die Welt da draußen entbehren kann. Ueberall sind Blumen hineingestreut, es blüht und duftet in vornehmer Einsamkeit, denn selten betritt eines ruhigen Pilgers Fuß diese, durch die Zeit geheiligte Stätte. Schwer ist es, Zutritt zu erhalten ■ und wir wurden von Pontius zu Pilatus geschickt, mein römischer Freund und ich, bevor ich endlich vom Majordomus Leo XIII. Erlaubniß zum Besuche des Gartens erhielt. Auffallend schöne Alleen von Robinia monophylla, wie man sie wohl nur noch in Florenz sieht, zieren diesen Garten. Diese Robinia ist das Ideal eines Alleebaumes. Ihre volle, etwas kegelförmige, fast eirund sich wölbende Krone, bedeckt
rohen Balken gefügt und ohne ein Stückchen Eisen gefertigt. Da- Dach bildeten mächtige Rindenstücke, ein hohler Stamm den Ranchfavg.
Das war der Palast des letzten PLnvi. Und gar der Park!
Da gab» Bo-quetten von Mohrrüben, Rabatten von Kartoffeln, Teppiche von Spinat, Gruppen von Brombeersträuchern und Panoramen von Rebenranken und auch eine Wasserleitung — aber ohne Fontaine — in plumpen Holz- röhren. Da» war der Park deS alten PLnht, der selber, wie er unbarmherzig da» Raubzeug abschoß, die Rehe, die Hasen, die Hirsche schonte.
Hier arbeitete er vom frühen Morgen bi» zum späten Abend mit Ferko, seinem Diener, um seinen Lebenrunterhalt wie der letzte Bauer.
PLnyi» Palai» und Park find nicht werthvoll. Aber umsomehr ist e» sein Stall. Der ist aber eigen. Drei Pferde, ein Stier und drei Kühe, etliche Schafe und Ziegen thetlen ihn nach Gefallen, kommen und gehen nach Gefallen . . . Sind auch steinalte Thiere darunter, denn PLnhi tödtet keinen seiner Hau»genoffeu. Ja, der Hengst ist gar schon bei ihm, seit er in den Wald zog. Der ist vom edelsten ungarischen Blut. Und dem jungen Paare, da» fich gut- mÜthig an ihm reibt, fleht man dieselbe Raffe an. Hier müssen fie ackern vor dem Pfluge de» alten Pänyi, der auch so edel ist wie fie.
Und ist da» Tagewerk gethan, dann fitzt er auf der Moo-bank, an der abendlichen Seite der Hütte — drei Hunde und drei Rehe mit ihm. Der treue Ferko aber bringt da- Abendessen.
Für die Hunde sauber gekocht einen Geier ober eine Elster. — Für den alten PLahi: Milch und ungesalzene- Brod. (Schluß folgt.)


