Ausgabe 
24.11.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 276

Erstes Blatt

Mittwoch de» 24. November

1897

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

Zimts« und Zlnzergeblatt fitr dsn Tlvers Gießen.

Rebcction, Lxpediti«, und Druckerei:

-chulstratze Ar.7.

Fernsprecher 61c

vierteljährig« Aöouuemeutspreisr 2 Mark 20 Pfg. *tt Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener A«mttten5täkter werden dem Anzeiger «vöchentlich dreimal beigelegt.

Der

-Ktzener Auzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Ubr.

Kraiisöeikage: Hkeßener Kamilienölätter.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger- mSge^i».

Hmtlicbcr Theil.

Bekanntmachung.

Der vordere Theil des oberen Riegelpfads zwischen Frankfurter- und Ludwigstraße, sowie der von der Liebig- ftraße abzweigende Weg nach der Wilhelmstraße wird bis auf Weiteres für jeden Verkehr polizeilich gesperrt.

Als Ersatzwege werden angewiesen: Der untere Riegel- Pfad für Fußgänger und die Wilhelmstraße für Fuhrwerke.

Gießen, den 20. November 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Graf GoluchowSkt über die internationale Lage.

Seitdem die Delegationen in Wien versammelt sind, concentrirt sich das hauptsächliche politische Jnteresie auf die Verhandlungen dieser Körperschaften, und selbst die inneren Zustände in Oesterreich nehmen nicht mehr die allgemeine Aufmerksamkeit in früherem Maße in Anspruch. Wir haben un- schon zweimal mit den Delegationen beschäftigt: einmal gelegentlich der Eröffnung derselben und später auS Anlaß der Thronrede Kaiser Franz JoiefS. Wenn wir heute zum dritten Male jene gesetzgebende Körperschaft in den Bereich unserer Besprechungen ziehen, so geschieht eS, weil wieder ein besonderer Grund vorltegt. Wie wir bereits früher aus- geführt haben, pflegt der gemeinsame Minister des Aeußeren in den Delegationen eine eingehende Darlegung der politischen Lage zu geben, woran sich dann längere Debatten knüpfen, in deren Verlaufe der Minister über einzelne Fragen der hohen Politik gründlich interpellirt wird. Graf GoluchowSkt hat am SawStag Nachmittag sein ExposL über die inter­nationale Lage gegeben, welches diesmal insofern von den bisherigen Gepflogenheiten abwich, als eS auch die künftige Politik eingehender kennzeichnete.

Besonder- bemerkenSwerth erscheint eS, daß sich die Aus­führungen GoluchowSktS mehrmals zu einer Spitze gegen Eng­land gestalteten. Klipp und klar legte der Minister dar, daß bet der Behandlung der Kretafrage die Großmächte mit dem Vorschläge einer Blokade Kretas einverstanden gewesen waren, daß aber England der von Oesterreich Ungarn gegebenen An­regung widersprochen habe, da die Maßregel in türkenfreund­lichem Stone hätte ausgelegt werden können. Zu jener Zett wußte dte Blokade fallen gelaffen werden, die erst in An­wendung kam, als sie nicht mehr so wirken konnte, wie eS zu einer früheren Zeit geschehen wäre. Und auch bet dem später von Deutschland ausgegangenen Vorschläge, die griechischen Häfen zu blokiren, um Griechenland zum Verzicht auf fein selbstmörderisches Unternehmen zu bringen, seien von England Bedenken vorgebracht worden, welche die Maßregel hinaus- zögerten, bis sie durch den Ausbruch deS Kriege- unmöglich gemacht wurde. Wir erhalten hier also vurch den Grafen GoluchowSkt dte erste authenttsche Darstellung über jene Vor­gänge tm Orient, über welche bisher nur Gerüchte und un- controllirbare Nachrichten verbreitet waren. Freilich decken sich diese ungefähr mit den Ausführungen GoluchowSktS, aber immerhin bleibt es bemerkenSwerth, daß der Minister des Aeußeren einer Macht öffentlich zum Ausdruck bringt, wie die Regierung eines befreundeten Staates eS verhindert hat, Blutvergießen Hintauzuhalten. Graf GoluchowSkt sucht später diese Kritik der englischen Politik wieder gut zu machen, in­dem er bet Besprechung der Beziehungen Oesterreich-UngarnS zu den einzelnen Mächten ausführt, daß das Verhältniß zu England freundschaftlich verblieb, und daß die Meinung-- differeuzen einen nachhaltigen Emfluß auf die vortrefflichen Beziehungen beider Reiche umsoweniger auSgeübt hätten, als die englische Regierung unter dem Drucke der öffentlichen Meinung im eigenen Lande gehandelt habe, als sie dem europäischen Concerte Opposition machte. Dem letzteren läßt übrigens Graf GoluchowSkt, ebenso wie eS Kaiser Franz Jolef in seiner Thronrede gerhan hatte, volle Ehre wider- lahren.

In allen öffentlichen Darlegungen der österreichisch- ungarischen Staatsmänner wird der Dreibund und die Er- Wartung auf deffeu Fortbestand in den Vordergrund gestellt. Selten aber find diesem Staatenbund so glänzende Worte Ler Anerkennung gewidmet worden, wie dies von Seiten des Grafen GoluchowSkt am SamStag geschah. Er erwähnte bet Lieser Gelegenheit auch seinen Besuch in Monza und constatirte, Saß er bet den italienischen Staatsmännern volle Ueberein- Kimmung mit der Auffaffuvg und Behandlung der politischen Aragen gefunden habe. Hiermit werden alle Meldungen

widerlegt, daß Italien geneigt sei, eine Sonderpolitik zu verfolgen.

Schon Kaiser Franz Josef hatte am vorigen Montage die guten Beziehungen erwähnt, welche jetzt zwischen Oesterreich- Ungarn und Rußland bestehen. Graf GoluchowSkt bestätigte die Worte seines Monarchen, indem er des Längeren au»- führte, daß keine Differenzen bestanden, welche sich bei einigem guten Willen nicht hätten ausgleichen laffen. Das Verhält- niß zu Rußland wird in so herzlichen Worten als ein gutes geschildert, daß selbst dem Mißtrauischsten jeder Zweifel schwinden mußte. Mit den kleinen Balkaustaaten fand sich der Minister diesmal schnell ab,- nur bet Rumänien verweilte er einige Zeit, dem er volle Anerkennung widerfahren ließ.

Sehr bemerkenSwerth ist auch der Schluß der Rede GoluchowSktS, in welchem er auf den immer heftiger werdenden Concurrenzkawpf mit überseeischen Ländern auf wirthschaft- lichem Gebiete htowteS und za einem Zusammengehen der europäischen Länder aufforderic.

Alles in Allem genommen, geben die Darstellungen deS Ministers keine ungünstige Perspective in die Zukunft, und wir können nur von ganzem Herzen wünschen, daß sich seine Hoffnungen und Erwartungen in vollem Maße erfüllen.

(xx)

AolffS telegraphisches Lorrefpondenz-Bnreau.

Koblenz. 22. November. Die Maschine deS Schnell­zuges 95 FrankfurtKöln entgleiste auf freier Strecke zwischen Salzig und Boppard. Beide Geleise sind gesperrt. Niemand wurde verletzt.

Leipzig. 22. November. RetchSgerichtSrath St eng lein tritt, demLeipz. Tagebl." zufolge, zu Neujahr in den Ruhestand.

Wien, 22. November. Der MarineauSschuß der ungariichen Delegation nahm im Fortgänge seiner Sitzung daS Marinebudget unverändert an. Im Laufe der Debatte hatte Admiral Freiherr v. Sterneck auf die Nothwendtgkeit einer Stärkung der Flotte hingewtesen, welche, abgesehen von den der Flotte vorgezeichneten militärischen Ausgaben, auch für den Schutz und die Wahrung deS Ansehens der Monarchie erforderlich sei. Gleichzeitig betonte der Minister die Wich­tigkeit deS Schutzes der im AuSlande lebenden österreichisch- ungarischen Staatsangehörigen.

Pari-, 22. November. DieAgence HavaS" erfährt auS Konstantinopel, der endgiltige Friedensvertrag werde wahrscheinlich in nächster Zeit unterzeichnet werden/ in der Frage der Entschädigungszahlungen an Private sei ein Einverständntß erzielt worden,- dte Botschafter seien heute zusammengekommen, um über ein Vorgehen der Mächte in der Kretafrage zu berathrn.

Paris, 22. November. Während der Abfahrt der für die afrikanischen Bataillone bestimmten Rekruten fanden Ruhestörungen statt. Mehrere Begleiter der Rekruten wurden verhaftet.

Madrid, 22. November. Die Vertreter der catalonischen Industriellen, welche sich vorgestern nach Madrid begaben, haben heute ihren Protest gegen die Zollautonomie CubaS überreicht.

Kauea, 22. November. Acht Compagnien englischer Truppen haben gestern Abend Kaudta verlassen- sechs da­von gehen nach Malta, die beiden anderen kommen nach Kanea, um da- heute hier eingeschiffte Detachement zu ersetzen.

Melbourne, 22. November. Ein mit ungeheuren Staub- muffen etvhergrhender Weststurm hat Freitag Nacht die nordöstlichen Theile der Colovie Victoria verheert. Biele Menschen find verunglück», mehrere Städte verwüstet. Im Bezirk Wimmer« find viele Kirchen und hervorragende Ge­bäude in Trümmer gelegt. In einer Stadt erreicht der Schaden die Höhe von 50,000 Pfund Sterling.

Depesche« bet Bure« .Herold."

Berlin. 22. November. DerReichsanzeiger" publicirt amtlich die Ernennung des bisherigen StaatSsecretärS v. Marschall zum Botschafter bei der Pforte.

Berlin, 22. November. Wie diePost" meldet, hat Contreadmiral v. DiederichS, Commandeur der Kreuzer- dtvifion, in den Tagen vor dem 20. October in Shanghai persönlich Unterredungen mit dem deutschen Gesandten Frhru. v. Heyktng gehabt, der dort bereits mehrere Tage auf seiner Rundreise weilte, als dte Kreuzerdivtfion eintraf.

Berlin, 22. November. Wie diePost" meldet, werden die nach der Kiaotschau-Bucht abgegangenen deutschen Schiffe wahrscheinlich längere Zett dort bleiben. Schon

früher seien dort deutscherseits Vermessungen borgenommen worden. In unterrichteten Kreisen nimmt man an, daß möglicherweise noch weitere Verstärkungen in Oftasien nöthig werden dürften, als dte Entsendung deS KreuzersKaisertu Augusta" fie unserer dort weilenden Kreuzerflotte zu bringen im Stande ist.

Kiel, 22. November. In Martnekreisen verlautet, daß dte Bildung einer zweiten Kreuzer-Division für Oftasien befohlen sei, bestehend auS den SchiffenKaiserin Augusta",Gefion" undDeutschland". DieNordostsee- Zeitung" ist in der Lage, bestätigen zu können, daß Prinz Heinrich von Preußen fich erbeten habe, die Expedition nach China auf dem PanzerDeutschland" mitzumachen und daß der Kaiser seine Genehmigung hierzu ertheilt habe.

Kiel, 22. November. In Gegenwart der Kaisers fand heute Mittag die Vereidigung der Marinerekruteu statt. Nach der Vereidigung hielt der Kaiser eine kurze An­sprache, tu welcher er auch auf die treue Pflichterfüllung des Herzogs Friedrich Wilhelm von Mecklenburg und der mit dem Torpedoboote 8 26 umgekommenen Mannschaften hinwteS. Sodann brachte Admiral Knorr ein Hoch auf den Kaiser auS, worauf dieser nochmals das Wort ergriff und auf die Ehre der Anwesenheit der Offiziere und Mannschaften deS tot hiesigen Hafen liegenden russischen KreuzersWladimir Monomach" bei der Vereidigung hinwteS und darin erinnerte, daß der Zar Admiral der deutschen Marine ist- erhob hierbei die Tüchtigkeit der russischen Matrosen hervor und schloß mit einem dreimaligen Hurrah auf Kaiser Nikolaus.

Neunkirchen, 22. November. Wie dteSaar- und BlieS- Ztg." meldet, ist eine VerleumdungSklage gegen da» S-öcker'scheVolk" angestrengt wegen der von diesem Blatte aufgestellten Behauptung: einer der Schöffen, welche beide» UrthellSjpruch tu dem von Stöcker gegen den Freiherr« v. Stumm angestrengten Beletdigungsproceffes mttgewirkt habe, fei kurz vor dem Termin bet dem Stöcker'scheu Anwalt erschienen mit der dringenden Bitte, ihn abzulehnen. Ec sei ein rutnirter Mann, wenn er in die Lage käme, Stumm ver- urtheilen zu müffen.

Bremen, 22. November. In den Neuenlander Schieß- ständen hat heute früh zwischen zwei Offizieren des hanseati­schen Infanterie-Regiments Nr. 75 ein Pistolenduell ftattgefunden. Einer der Duellanten soll schwere Verletzungen davongetragen haben.

Wien, 22. November. Das Abgeordnetenhaus wählte heute den Abgeordneten Dr. v. Fuchs zum zweite« Bicepräfidenten.

Wie«, 22. November. Im Zusammenhang mit de« bevorstehenden Sprachendebatten veröffentlicht die Partei­leitung de- Jungtschechenclubs eine Kundgebung, in welcher Vorschläge zur Lösung deS SprachenftreiteS gemacht werden. Dieselben find aber, da vollständige Parität beider Nationen als oberster Grundsatz ausgestellt wird, derartig, daß die Deutschen bereit- jetzt erklären, auf ihrem alten Standpunkte verharren zu müffen.

Wie», 22. November. Von zuständiger Seite werde« die von Budapest verbreiteten Gerüchte von angeblichen Ab­machungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland betreffs Bosniens und der Herzegowina als voll­ständig erfunden bezeichnet.

Budapest,22. November. Aus Siebenbürgen komme« energische Proteste der Sachsen gegen die von der Regierung geplante Magyartfirung der Ortsnamen.

Barcelona,22.November. Die Carltsten und Repu­blikaner bereiten auS Anlaß der demnächstigen Ankunft des Generals Wehler große Kundgebungen vor. Gegen- demonstrationen werden ebenfalls orgauifirt.

Barcelona,22. November. Mau befürchtet hier auf­regende Vorfälle bet der Ankunft WeylerS. Von officleller Seite wird dem General gerathen, nicht hier zu landen.

Konstantinopel, 22. November. Um den Forderungen Rußlands nachkommen zu können, hat die Pforte beschloffe«, vor der Hand auf den MariueorganisattouSplaa zu verzichten.

Berlin, 23. November. Wie derVorwärts" berichtet, wurde auch die neueste Nummer der anarchistischen Wochen­schriftNeues" eben von der Polizei beschlagnahmt und zwar fielen 400 Exemplare in die Hände der Polizei. Eben­falls wurde gestern früh die neueste Nummer de»Socialist" coufiSctrt.

Berlin, 23. November. Staatssekretär v. Bülow wird auf der Rückreise von Italien heute einige Stunden in Baden- Baden verweilen und dem Großherzog von Badea seine Aufwartung machen. Morgen wird Herr v. Bülow iu