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24.9.1897 Zweites Blatt
 
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Rr. 224 Zweites Blatt. Freitag de« 24. September 181*7

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Amtlichen Tbeil

Bekanntmachung.

Nachstehendes Dankschreiben des Königlich Bayerischen Atmee-Ober Commandos für die größeren Truppenübungen in 1897 bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, den 22. September 1897.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Armee-Ober-Commando

für die größeren Truppen-

Übungen 1897.

Münch en, den 16. September 1897.

Betreffend: Große Manöver 1897.

Der Großherzogltch Hessischen Provinzial Direction beehre ich mich meinen verbindlichsten Dank auszusprechen für die zuoorkommende und freundliche Aufnahme, welche die Königlich Bayerischen Truppen während der nunmehr beendigten großen Manöver allerseits gefunden haben.

Ich verbinde damit das ergebenste Ersuchen, dieses den betheiligten Großherzogltch Hessischen Behörden sowie der B.völkerung bekannt geben zu wollen.

gez. Prinz Leopold, General-Oberst der Cavallerte.

Vom Aberglauben.

Von Hellmut Ranegg.

Wie erklärt sich die ungeheure Macht und Ausdauer deS Aberglaubens? Worin liegt der Grund, daß selbst die «erleuchtetsten Geister, wie Goethe, mit Recht behaupten, in ßedem Herzen bleibe ein größerer oder geringerer Platz diesem sfiufteren Gast überlaffen?

Diese Skizze meßt sich nicht an, den großen Gegenstand «erschöpfend zu behandeln, nur einige Gedanken Über seine Wurzel, sein Bestehen auf den verschiedensten Gebieten der Vergangenheit und Gegenwart und Über die vielleicht mögliche Einschränkung seiner verhängnißvollen Consequenzeu sollen ausgesprochen werden.

Den Aberglauben, diesen entarteten Bruder deS Glaubens möchten manche klare und kluge Köpfe zugleich mit dem Letzteren aus der Welt verbannt sehen und Pflicht und Erkeuotniß dafür an deren Stelle setzen.

Aber wie arm würde unser Leben ohne den Glauben sein. Erhebend, stützend und erlösend, ganz ohne körperliche Stütze, schwebt er mit leuchtenden Flügeln über der Hast und dem Treiben des Alltagslebens. Der Glaube an Gott, Len lebendigen höchsten Gedanken, den ruhigen Geist über der im ewigen Wechsel kreisenden Welt, wie ihn der erleuchtete Geist Schillers empfand, der Glaube an das Gute und Schöne, an da- Wahre und Nützliche, wie wenig wäre unferm Streben möglich ohne ihn. Ohne den Glauben würde Columbus nicht Amerika entdeckt haben, die größten Erfindungen und Er- rungenfchaften mußten geglaubt werden, um sie erweisen und gestalten zu können, und die Weisheit und das Kunstwerk Pud das kctstallifirte Ideal bevorzugter Menschen, aus ihrem Glauben entsprossen.

ES erscheint mir als ein großer Jrrthnm, die Religion unter der Bezeichnung deSGlaubens" zu verehren oder zu mißbilligen. Der Glaube zeigt sich nur als Prägung auf die Goldmünze der Liebe, nicht die Prägung verleiht ihr den Werth, es ist das Edelmetall, dem er aufgedrückt ist. Der Apostel vergleicht den Glauben anf das Treffendste mit dem , tönenden Erz", derklingenden Schelle", gleichsam den Meldestgnalev für etwas Kommendes, welche ein leeres Geräusch fein würden, wenn dieses auSbleibt. Aber auch der liebevolle Glaube kann zum Aberglauben entarten, wie es uns die historische Erfahrung beweist.

Der rächende, strenge Jehovah des alten Testamentes, d.rr die Sünde der Väter an den Kindern heimfucht, der unerbittlich Böses mit Bösem vergilt, war zwar durch einen liebevollen Vater ersetzt, welcher seinen Sohn als Friedensboten zu den irrenden Menschen hiuabsandte, sie voll Gute und verständnißreicher Milde ewporzuheben zum ewigen dichte reinster Liebe. Aber Diejenigen, welche die Macht in Heiindeu hielten und sie zu selbstischen Zwecken mißbrauchen lv'Mteu, verhöhnten, verfolgten, mißhandelten und tödteten ihm, der die Menschen von Unrecht und Unglück hatte erlösen w. ollen.

Mit der Herrschaft des Chriftenthums wurde eS den nach von heidnischen Erinnerungen erfüllten Neubekehrten zur schmerzlichen Gewißheit, daß der Himmel mit Heiligen sich

gefüllt hatte, welche auklagend sich um den Thron deS Höchsten schaarten, an die Stelle eines zürnenden Richters war ein ganzes Heer getreten, und die sich bedroht glaubenden Menschen versuchten, die Himmlischen durch Lobpreisungen, Bußübungen und Geldopfer zur Milde zu bewegen. Sie warben mit Ueberredung, List und Gewalt neue Anhänger für die Religion der Liebe, verfolgten mit barbarischer BernichtungSwuth die, welche sich nicht gewinnen oder zwingen lassen wollten, sich selbst die Macht deS strafenden Gottes anmaßend aus der hehren, reinen Lehre Christi war ein Aberglaube über Christus geworden. Man begreift es heute kaum noch, wie eS möglich war, daß die Blüthe der Ritterschaft htngeopfert wurde, um daS leere Grab des Erlösers zubefreien". Da war nur wenig von der warmen Begeisterung einer Wall­fahrt zu den Stätten, wo Christus lehrte und litt, zu be­merken, wenigstens trat sie zurück gegen die Sucht nach Abenteuern und Eroberungen. Die Zett eilte weiter, aber ebenso der religiöse Wahn. Scheiterhaufen loderten empor zur Ehre Gottes, Folterqualen wurden ersonnen und irdische Richter sandten ihre gequälten Mitmenschen alsHexen" und Zauberer" in die Hölle. Dieser Hexen- und Zauberer­glaube ist ein uralter, entstanden in breiteren Schichten der orientalischen Völker, welche dem geheimen Cultus der Magier fern standen. Die weise, reine Magie, welche eine Gesellschaft AuSerwählter zum ersten Erforschen der großen Kräfte in der Natur vereinte, hatte Errungenschaften zu ver­zeichnen, welche den Fernstehenden, Uneingeweihten und dumpfer Dahinlebenden in übernatürlichem Lichte erscheinen mußten. Fast ausschließlich waren eS Priester, welche sich zu diesem weihevollen Dienste vereinigten, wie ja auch der eigentliche Gottesdienst den Priestern Vorbehalten war, von den altern Egyptern, den Sehern und Priesterinnen der Griechen, welche, unmittelbaren Eingebungen ihrer Götter folgend, verwickelte Fragen lösten, bis auf die Bekenner des Islams, welche in den Vorhöfen der Moscheen den Ruf zum Gebet erwarten. Wie man sich nun überzeugte, wie manches Nebel die weise Nützung der Naturkräfte bannte, kamen die Menschen auf den Gedanken, sich durch die Magie von Allem, waS sie bedrückte, befreien zu wollen Alter, Tod, Arwuth und verschmähte Liebe. Die reine, weise Magie entartete dadurch zu der finstern und schwarzen. Der Ver­jüngungstrank spielt von der Priesterin und Zauberin Medea bis auf Cagliostro eine große Rolle im Aberglauben der Menge. Unter den Alchymtsten hat eS neben Gläubigen natürlich genug der Betrüger gegeben, ebenso wie Astro­logie, die Kenntniß des menschlichen Schicksals verleihen sollte. LiebeStränke und Liebeszauber haben von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag die Phantasie beschäftigt, weil der unerklärliche Zauber der Sympathie und Wahl­verwandtschaft wie das Eingreifen gütiger Geister oder Dämonen in unser Alltagsleben tritt.

Manche der mystisch Suchenden, welche den Stein der Weisen oder die blaue Blume gewinnen wollten, mögen von diesen Jrrgängen auf glücklichere Pfade gelangt sein und ein friedenvolles Glück heimgebracht haben. Daß der Aberglaube nicht nur Unglück im Gefolge hatte, oder doch zu großen, schönen Thaten begeistern konnte, beweist un6 die Geschichte der Jungfrau von Orleans, welche ihr tiefer, reiner, heldenhafter Drang zu großem Werke berief. Da liegt die geheimnißvolle Brücke, welche vom göttlich-übersinn­lichen Wunderglauben zu dem hohen Glauben an die Macht der großen, wundervollen That führt.

Den Uebergang von dem geheimnisvollen CultuS der Naturwissenschaft zu der Religion bilden die Natureulte der Griechen, Römer und Germanen, vergangene hehre Götter­lehren, die heute noch in tiefsinnigen Mythen eine mächtige Anziehungskraft auf Geist und Gemüth auSüben. Die Götter und Heroen der Griechen und Germanen zeigen eine große Aehnlichkett miteinander und unterscheiden sich hauptsächlich durch die charakteristischen Etgenthümlichkeiten deS Volkes und des Landes, über welche sich der OlymPoS und Wahl­hall ausbreitete. Diese Verwandtschaft besteht aber auch unter herrschenden Religionen, wie z. B. in dem einen großen Jehovah der Juden und MoseS seinem geistlichen und irdischen Propheten und Gesetzgeber und dem Allah der Türken und Mohammed dessen Propheten, der im Koran ein religiöses und staatliches Gesetzbuch vereinte. Auch zwischen dem tiefsinnigen indischen Mythus und dem Christenthu« kennen wir verwandte Züge: Agnl, der Sohn der Maja habe keinen irdischen Vater. Er wird sichtbar hervorgerufen durch Reibung zweier Hölzer von bestimmter Form, deren eines durch eine Schnur umwickelt, auf einem zweiten weicheren Scheit gerieben wurde,- der daraus erweckte Funke, in welchem die heilige Dreizahl der Eigenschaften des Feuers vereint ist: Licht, Gluth und Reinheit, wird mit heiligem 1

Del gespeist, weshalb man den göttlichen Agnt den Gesalbten nannte; er wird in Gestalt zweier in Kreuzform übereinander gelegten Doppelhaken verehrt.

ES erscheint mir als ein großer Jrrthnm, wenn man von der Beseitigung der Religion überhaupt erwartet, damit dem Forschen nach Wahrheit und Aufklärung Thor und Thür geöffnet zu haben. Ebenso wenig sollte man religiöse In­toleranz unterstützen, welche z. B. in der reinen, edlen Lehre der Buddhisten eine heidnische Verirrung steht. Weshalb sollen wir unS an abergläubische Entstellungen höchster Wahrheit klammern? Beweisen sie doch nur menschliche Begrenztheit im Erfaffen und Bekennen deS Ewigen, dessen Name Schall und Rauch ist, umnebelnd die Himmels- gluth höchsten Aufstrebens, liebevollster Hingebung. Ich möchte behaupten, daß wir den Kern des Menschen darin erkennen, wie er sich seinen Gott vorstellt.

Genug derFrommen" habe ich gefunden, welche in meinen Augen Gotteslästerer find. Sie verehren einen grausamen Allmächtigen, welcher Entsetzliches geschehen läßt, dann die Verbrechen furchtbar rächt, ohne die Schwachen, wehrlos Leidenden zu schützen. Ewige Lob- und Schmeichel­reden begehrend, fordert er Verständniß seiner dunkelsten Wege von Wesen, deren Einsicht und Wiffen durch seine« eigenen Willen begrenzt ist. Wahrlich, wenn Feuerbach sagt: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde", so kann man sagen, daß eine Sclavenseele sich so ihren Herrscher denken mag. Aber eS lebt ein tiefes Bedürfen im Menschen nach einer Religion, welche höher steht, nicht den Gesetzen von Vernunft und Empfindung widerspricht, und unabhängig von dem zufälligen Bekenntnisse ist, in welchem wir geboren find. Wie manche wahre Christen im Geist und tu der Wahrheit mag eS geben, welche niemals den Namen Christi hörten, aber der Geist Gottes sprach zu ihnen im Rauschen der Palmen, im Donner der Eisschollen.

Wotan, der Gott deS Hauches des Windes- uud deS Lebens- und GetsteShaucheS dessen Name fast wie ein bezeichnender Naturlaut feiner selbst zu uoS dringt, der Sinnende, welcher ein Auge der, die Zukunft perfouifictreuden Norne geopfert hatte, konnte nicht leicht aus dem Geistes­leben der neubekehrten germanischen Christen verbannt werden. Wenn sie nun schauernd im Sturmesweheu die Nähe des Wanderers im rauschenden Mantel" empfanden, wurde ihnen gesagt, es sei der wilde Jäger, der Böse, welcher mit seinem höllischen Gefolgeumging", und Furcht an Stelle der Andacht machte so aus einem schönen Naturglauben einen ängstlichen Aberglauben. Ebenso wurden die Raben, Hugin und Munin (Gedenken und Erinnerung), welche als Wotan- Boten durch das Weltall flogen um dem Vater der Götter und Menschen Kunde zuzutragen, zuUnglücksraben." Die Maifeier der holden Frühlingsgöttiu Öfters, deren unver­gessener Name noch heute in unferm Osterfeste lebt, welches den goldenen Frühlingsglauben in den goldenen und bunten Ostereiern bewahrt hat, dem Symbol des Leben bringenden Sommers, welcher aus dem Frühling hervorgeht, wurde zum Hexenfabbath des höllischen Feindes. Aber auch auS der biblischen Geschichte leitet man abergläubische Uoglücksprophe- zrihungen her: Der Montag soll ein nichtguter" Tag fein, der Freitag ein Unglückstag. Daß bei dem Ersteren in der Schöpfungsgeschichte nicht die Worte vorkommenund der Herr sah, daß eS gut war" ist die Vielen nicht einmal be­wußte Quelle dieses Aberglaubens. Außer bei den Moham­medanern, bei denen ja gerade der Freitag der Ruhetag ist, liegt in den christlichen Staaten natürlich die Erinnerung an den Märtyrertod Christi der Unglücksbedeutung zu Grunde. Die siebente Bitte im Vater Unser:Erlöse unS von dem Uebel" hat das Hebel selbst mit der Zahl 7 zu einerUn- glückSzahl" vereint, eine zänkische Frau nennt man wohl daher eineböse Sieben". Daß dreizehn Personen au einer Tafel einem der Auwefendeu Unglück bringen, leitet sich natürlich vom heil. Abendmahle her, bei welchem die zwölf Apostel sich um den Herrn geschart hatten, deren Einer der Berrath sinnende JndaS war. Die Erinnerung hat den lebendigen Sern nicht feftgehalten, nur dessen äußere Schale. Auch Aberglauben zum Guten wie zum Bösen find die Folge derselben Erscheinungsform wie die unglücklichen Irr­sinnigen ja in alten Zeiten bei unS als Besessene und Ber- brecher angesehen wurden, während die Indianer sie für Heilige hielten.

Wenn wir genau erforschen, wann im Menschenleben wir dem Aberglauben zuerst begegnen, so überzeugen wir unS, daß er die erste Frucht der Erziehung ist. Diese Frucht gleicht dem Granatapfel, welcher unzähliche Samen­körner in daS weiche empfängliche Gemüth deS Kindes säet und gerade die, welche uns am innigsten lieben, streuen ihn aus und wecken mit dem Wunderglauben unser erstes be-