Ausgabe 
24.8.1897 Erstes Blatt
 
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Rr.M7 Erstes Blakt DieaS'a» de» 24. August

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Der Kietzener Anzeiger erscheint täglich, «it Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Anmikteu Skat ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelcgt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

vierteljähriger AvonnemcutLpreisr 2 Mark 20 Psg. mit vringcrlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

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Zlints- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.

Zum Präfidentenbesuche in Peterhof.

Was die Franzosen früher in ihren kühnsten Erwar- langen kaum für möglich gehalten hätten, bot sich jetzt er­füllt. Am heutigen Montag ist ihr Präsident Felix Faure in Rußland gelandet und mit allen dem Oberhaupte einer großen Nation zukommenden Ehren empfangen worden. Daß die Aufnahme eine überaus höfliche und herzliche sein werde, daran hat Niemand gezweifelt, und auch wir haben wiederholt unserer Ansicht Ausdruck gegeben, daß Zar Nicolaus «ach dem enthusiastischen Empfang, den er im vorigen Jahre in Frankreich erfahren hatte, gar nicht anders konnte, als die ihm zu Thetl gewordene Gastfreundschaft ebenso herzlich zu erwtedern. Nur dürfen sich die Franzosen nicht allzu großen Hoffnungen htngeben, daß der Besuch ihres Prä­sidenten in Rußland wettergehende politische Wirkungen haben wird, daß er die beiden Nationen noch viel näher bringt, daß er insbesondere die Erfüllung etwaiger Revanchegelüste der Franzmänner auch nur im Mindesten dem Ziele ent- gegeurückt. Da» ist vollständig ausgeschloffen, da daS offictelle Rußland seit dem Tode Alexanders III. ein ganz andere» geworden ist.

Zwar ist man nach ebenso liebenswürdig gegen die be­freundete Nation, aber recht vorsichtig und zurückhaltend, mau wägt heute die Worte, mit denen man die Freundschaft, welche Rußland und Frankreich verbindet, genau ab, da daS Berhältntß zu den übrigen Staaten, insbesondre zu Deutsch, land und Oesterreich, ein viel intimeres geworden ist. Wir haben schon früher auSgesührt, daß eS in Rußland noch Immer eine starke Partei gibt, welche alle» Französische be- vorzugt und alles Deutsche grundsätzlich bekämpft, daß inS- besondere die Zarin-Mutter die Vorkämpferin für diese Be­strebungen ist. Aber die letzteren haben bereits viel von ihrer Schärfe verloren, eine nüchterne Auffaffung der Dinge hat Platz gegriffen, und jedenfalls ist die Lust zu einer kräftigeren Actionspolitik erheblich geringer geworden.

Als im vorigen Jahre Zar Nicolau» in Frankreich er­schien, da hatte die Herzlichkett des franco-russischen Verhält- uiffkS ihren Höhepunkt erreicht, da glaubten thatsächlich viele französische Politiker, den Zaren in der Tasche zu haben und ihn für ihre Zwecke gebrauchen zu können. Die rau- schenden Feste, die schwungvollen Trtnksprüche, welche die Franzosen natürlich in ihrem Sinne deuteten, hatte da» Volk in eine Entzückung versetzt, welche eine besonnene Auffaffung der Dinge nicht zuließ- man erging sich in phantastische Träume, welche den Franzosen die Erfüllung ihrer kühnsten Wünsche in Aussicht stellten und ihrem Endziel die Demüthi- gung Deutschland», die Rückeroberung Elsaß-Lothringen» be­deuteten. Jedoch blieb die Ernüchterung nicht lange aus. Schon der gleich nach dem Verweilen in Frankreich erfolgende längere Aufenthalt de» Zaren in Deutschland, die intimen Visiten, welche zwischen Darmstadt und Wiesbaden Seitens des russischen und deutschen Kaiser» gewechselt wurden, nahmen den Franzosen die Binde von den Augen und ließen sie er­kennen, daß sie sich einem Trugbilde ihrer Phantasie hin- gegeben hatten, wenn sie glaubten, zwischen Rußland und

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

Gratisöeitage: Gießener Kamiticnökätter.

Alle Nnaoncen-Bureaux d«S In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgef*.

Gießen, den 21. August 1897.

Seit.: Gemeinheitliche Wasserleitungen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

n die Grosth. Bürgermeistereien deS KreifeS.

Sie wollen bis zum 1. September l. I. berichten:

1. Ob tu Ihren Gemeinden eine gemeinheitliche Waffer- leitung besteht, durch die die gesammte Bevölkerung de» Ort» mit Trink- und Brauchwaffer versorgt wird oder durch Anschluß der einzelnen Gebäude an die Hauptleitung versorgt werden kann.

2. Wann die betreffende Leitung angelegt worden ist, welchen Kostenaufwand sie erfordert hat und welche Einnahme jährlich daraus erzielt wird.

3. Ob und aus welchen Mitteln Ihnen zur Ausführung de» Unternehmens eine Beihülfe gewährt worden ist.

4. Um welche Arten von Wafferleitungeu eS sich handelt, ob also z. B. eine Quellwafferleitung oder eine Pumpstation vorhanden ist.

6. Ob seit Errichtung der Wafferleitung besondere vortheilhafte Erfahrungen gemacht worden find, z. B. daß dieselbe eine Verbefferung der sanitären Ver- hältniffe, eine leichtere Bewältigung der Brände oder dergleichen zur Folge gehabt hat.

I. V.: vr. Wagner.

Deutschland könne je da» Tischtuch zerschnitten werden. Und noch einmal wurden fie hoffnungsfroh, als nach dem Tode de» Fürsten Lobanow zum rusfischen Minister deS Aeußern der bisherige Gesandte in Kopenhagen, Graf Muranjew, ernannt worden war, dem man deutschfeindliche Tendenzen nachsagte, der ein Werkzeug der Zarin-Mutter sein sollte. Da sein erster Weg nach Pari» ging, so glaubte man dort de» ErsolgeS sicher zu sein. Jedoch blieb auch darin die Enttäuschung nicht au», denn Graf Muranjew machte auch tu Berlin Station und wurde von den maßgebenden Kreisen sowie vom Kaiser Wilhelm mit großer Aufmerksamkeit empfangen, die anscheinend auf den Grafen nicht ohne Ein­druck blieb.

Auf die franzöfische Preffe ist die» Alle» nicht einfluß- lo» geblieben, man fing an, zu erkennen, daß Rußland schwer- lich die Bahnen der Besonnenheit verlaffen und fich einer abenteuerlichen Politik htngeben werde. Deshalb fehlt auch in den Pariser Blättern, welche die Reise des Präsidenten Faure besprechen, jede überschäumende Begeisterung, und man fieht ein, daß der Besuch nicht mehr Bedeutung hat, als der voraufgegangene des Kaisers Wilhelm. Wenn Felix Faure, wie nicht anders zu erwarten steht, in Rußland lebhaft und geräuschvoll begrüßt wird, so kann man ihm daS ruhig gönnen, und wir sind die letzten, welche ihm die Freude verkümmern möchten. Denn die Reise entbehrt an und für sich jede» politischen CharacterS, obgleich man die Bedeutung des franco-russischen Einvernehmens darum doch nicht zu unterlchätzen braucht. Die internationale Politik erfährt durch die Begegnung de» Zaren mit Felix Faure nicht die ge­ringste Veränderung, da dieselbe für die nächste Zukunft fest vorgezeichnet ist durch den oft kundgegebenen Willen de» Zaren, Alles zu vermeiden, was eine Störung des euro­päischen Friedens herbeiführen könnte. Rußland ist heute weniger denn je davon entfernt, in Europa frtedestöienden Absichten zu verfolgen- er richtet seine ganze Aufmerksamkeit nach Asten, wo über kurz oder lang zu einem Entschei- dungSkampf mit England über die Hegemonie kommen muß. Deshalb werden an der Newa die Vorgänge in Indien mit so großem Jntereffe verfolgt, daß thatsächlich für die An- Wesenheit deS Präfidenten Faure in Petersburg nicht mehr übrig bleibt, als die Regeln der Gastfreundschaft und die Sympathien, die unleugbar in Rußland für Frankreich vor­handen find, erfordern. Deshalb kann uns auch sehr kühl laffen, wenn die Kundgebungen in Rußland in diesen Tagen vielleicht eine Nuance höher find, als gelegentlich des Besuch» unseres Kaisers, und wenn die franzöfischen Blätter in ihrer Begeisterung aus den Vorgängen in Peterhof Schlüffe ziehen, für welche bet nüchterner Anschauung der Dinge jede Berechtigung fehlt. (XX)

Deutsche- Seich.

Berlin, 21. August. Der Staatssecretär des Au»- wärtigen Amte», Frhr. v. Marschall, ist, von seiner Be- fitzung Neuenheim bet Freiburg t. Baden kommend, hier etn* getroffen.

Berlin, 21. August. Der DivifionSgeneral in der türkischen Armee, v. Grumkow Pascha, General-Adjutant deS Sultans, ist hier etugetroffen.

Berlin, 21. August. Der Kais,er empfing auf Schloß Wilhelmshöhe heute Vormittag 10 Uhr den Chef de» Militär- Cabinets, General v. Hahnke, zum Vortrage.

Berlin, 21. August. Die Annahme, daß der Vice­präsident de» Staatsministeriums, Dr. v. Miquel, in den nächsten Tagen hierher zurückkehre, dürfte sich als trrthüm- lich erweisen. Wie eine Correspondenz erfährt, hat Herr v. Miquel einen osficiellen Urlaub von sechs Wochen ge­nommen, von dem bis jetzt erst 14 Tage verstrichen find. Ein Anlaß zu einer früheren Rückkehr liegt nicht vor. Der­selbe wird vielmehr erst im zweiten Drittel des September zu erwarten fein.

BreSlau, 21. August, lieber Lauban, Markliffa, Greiffen- berg, Krummöls und Liebenthal sind schwere Gewitter niedergegangen. Queis und Bober überflutheten viele Ort­schaften.

Beutheu, 21. August. 400 Mann der Belegschaft der C ä c i l t e n g r u b e sind heute nicht eingefahren. Sie richteten an den Handelsminister Brefeld telegraphisch die Bitte um Vermittelung zwischen der Grubenverwaltung und den Strikenden.

Neu Fahrwafier, 21. August. In der letzten Nacht wurde eine Dampfbarkasse des PanzerschiffsWeißenburg" durch ein Torpedoboot überrannt. Dasselbe sank sofort nach der Collifion, der Matrose Cowert nnb der Oberheizer Sewallisch find ertrunken.

Frauksurt a. M., 21. August. Au» Copenhagen wird derFranks. Ztg." berichtet: Der englische Arbeiterführer Tom Man ist hier eingetroffen. Er will für die Ein­führung de» achtstündigen Arbeitstage» agitiren.

Frankfurt a. M., 21. August. DerFranks. Ztg." wird au» London telegraphirt: John Burn theilte mit, daß von 240 Londoner Unternehmern 208 die Forderungen der Maschinenbauer bewilligt hätten. Trotzdem nimmt der Ausschluß und der Strike zu. Man glaubt, derselbe werde sich bis Weihnachten hinziehen.

Wiesbaden, 21. August. Der auch als Schriftsteller be- kannte Kurdirector Ferdinand Hehl ist In der vergangenen Nacht gestorben.

Kreuznach, 21. August. In der Gemarkung Langen- lonSheim find zwei Reblausherde gesunden worden.

Köln, 21. August. DerKöln. Ztg." wird au» Hannover gemeldet: Die Untersuchung über den Unfall, der den Frankfurt-Hamburger D-Zug am 14. d». bet Celle betraf, befindet sich, wie wir vernehmen, nunmehr tu den Händen deS Gerichts, nachdem durch die sowohl von der Staat». eisenbahn-Verwaltung wie vom Reich»eisenbahnamt vor- genommenen Untersuchungen festgestellt worden ist, daß die Ursache des Unfalles weder im Zustande der Bahn oder de» Geleises, noch in der Beschaffenheit der Locomotive und der Wagen, noch in dem Verhalten der für die Sicherheit de» Zuges verantwortlichen Beamten liegen kann. Sowohl die Lage des Geleises wie die Beschaffenheit der Schienen und Schwellen, ebenso die Bauart und der Zustand der Fahr­zeuge hat sich, wie bestimmt verlautet, als ganz normal er­wiesen. Auch konnte festgestellt werden, daß die Geschwindig- kett des Zuges nicht über das zulässige Maß hinauSging. Dagegen erscheint eS nach verschiedenen bet der bisherige« Untersuchung ermittelten Thatsachen wahrscheinlich, daß etn Verbrechen vorltegt. ES ist deßhalb auf die Ermittelung deS ThäterS eine namhafte Belohnung ausgesetzt.

Este» a. d. Ruhr, 21. August. DieRhetnisch-West- fälische Ztg." meldet aus Köln: In der heutigen Haupt- Versammlung der deutschen Drahtsttftsabrikanten, tu welcher sämmtliche Productionsgruppen Deutschlands vertreten waren, wurde einstimmig die Bildung eine» ShndicatS beschloffen. Zur Ausarbeitung der Statuten wurde eine Commission ge­wählt. Die Preise für Drahtstifte sind vorläufig um eine Mark per 100 Kilo erhöht worden.

Arrrlaird.

Wie«, 21. August. Wie die Abendblätter melden, wurde der hier eingetroffene Redacteur deS Berliner Anarchisten- BlattesBocialtst", Gustav Landauer, verhaftet.

Asch, 21. August. Trotz des Verbotes der Abhaltung des deutschen VolkStageS treffen hier große Mafien Deutsch- Oesterreicher ein. Sollte morgen die Abhaltung der Ver­sammlung durch Gendarmerie verhindert werden, so soll die­selbe auf deutschem Boden stattfinden.

Pilse«, 21. August. Um weiteren nationalen Excefien vorzubeugen, Hal die Regierung umfafiende SicherheilS- Vorkehrungen verfügt. Die ganze Garnison ist config- nirl worden. Die deutschen Gebäude werden bewacht. DaS Tragen nationaler Abzeichen ist streng verboten.

Graz, 21. August. Gestern Nacht zwischen 1 und 2 Uhr wurde hier und in der Umgebung ein heftiger E r d ft o ß verspürt.

Madrid, 21. August. Zu der gestern erfolgten Hin­richtung deS Mörder» CanovaS', Angiolitto, wird noch gemeldet: Bi» zum letzten Augenblick blieb Angiolitto voll­ständig gefaßt. Er verweigerte den geistlichen Beistand und wiederholte, keine Mitschuldigen zu haben. Sein Tod werde gerächt werden.

Konstantinopel, 21. August. Die Stadt war auch gestern vollständig ruhig. Die von der Polizei angekündigten weiteren Bomben-Attentate haben nicht stattgefunden. Um etientl. vom türkischen Pöbel zu erwartenden Christen-Metze­leien vorzubeugen, haben sämmtliche Vertreter der auswärtigen Mächte ihre Stationsschtffe in den Bosporus berufen. Die unter dem Verdacht, die Bombe geworfen zu haben, ver­hafteten Personen sollen durchweg mit russischen Päffen ver­sehene Individuen sein.

Skutari, 21. August. Anläßlich der Besetzung eines von verdächtigen Armeniern bewohnten Hauses wurden die Polizet-Agenten mit R e v o l v e r s ch ü s s e n empfangen. Nach- dem militärische Hülfe herbeigeholt war, gelang eS, in da» Hau» etnzudtingen, wo man 15 Frauen und Männer, alle bewaffnet, vorfand, welche nach starkem Widerstande über­wältigt und in da» Gefängniß gebracht wurden.

K-nea, 21. August. (Meldung derAgence Hava» }.