Ausgabe 
24.3.1897 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

und der Liebe werth ist, das aber aus demselben verschwindet, was die rauhe Wirklichkeit ihm ausgeprägt hat, diese Wirkung hat bet ihm schon das Leben selbst heroorgebracht, sie ist bet ihm, der nach seinem eigenen Bekenntnißdurch Demüthtgungen mehr gelernt hat, als durch alle seine Stege", baa Ergebnttz ernster göttlicher Führung und Schulung, die Frucht unausgesetzter Srlbsterztehung und Selbst- btldung. AlS ein voll ausgereister deutscher Eharacter aus Einem Kern und Wuchs steht er auf der Höhe seines Lebens vor uns, das Bild eines deutschen Kaisers, wie ihn unsere Väter und Großväter fich gewünscht haben und wie wir ihn in keinem Zuge hätten anders haben mögen, eines Kaisers, besten Größe darin bestand, daß fie ihm unbewußt blieb, daß er nichts aus sich machte und für die eigene Person nichts suchte, dem das seine Würde und Hoheit verlieh, daß er immer er selbst war in schlichter Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit, und nie ein anderer scheinen wollte, als der et war wenn er im Kreise seiner fürstlichen Bundesgenossen verkehrte, kein anderer, als wenn er draußen auf dem siegreich behaupteten Schlachtfeld daher- gertttm kam und den ihn umjauchzenden Truppen den schlichten Herzensdank aussprach, ober wenn er, die Gaue des Deutschen Reiches durchziehend, mit dem blauen Kinderauge seine Veteranen S küßte oder den jubelnden Kindern zunickte; in jener großen Stunde, a die Dankbarkeit der deutschen Fürsten und Stämme ihm im KöntgSschloffe zu Versailles die Kaiserkrone reichte, noch derselbe, wie in jenen trüben thränenreichen Tagen, da auf der fluchtähnltchen Reife nach Königsberg der Wagen gebrochen war und dem vor Hunger weinenden Kinde die Mutterhand einen Kornblumenkranz um die Schläfe wand; dort auf den Höben vor Sedan, als er aus der Hand des besiegten Gegners den Degen entgegennahm, derselbe wie damals in jener dunkeln Stunde, da der von Mörderhand Verwundete aus dem Schmerzenslager darauf sann, daß auch dem Geringsten im Reich das Dasein lebenswerth gemacht werde; an jenem 15. Juli 1870, da er schon auf dem Wege geleitet vom drausendm Enthusiasmus des aufstehenden Volkes von Ems in Berlin etngelroffen war, die vor dem Schlosse versammelte Menge in unbeschreiblicher Begeisterung ihn immer und immer wieder ans Fenster rief, und er zuletzt bescheiden um Ruhe bitten ließ,weil der König für sein Volk zu arbeiten habe", derselbe wie der junge Confirmand, der gelobt:unablässig in dem ihm zugewtesenm Kreise thätig zu sein und seine Zeit aufs Beste anzuwenden", oder wie der sterbende Greis, der die Feber festhSlt weil erkeine Zeit hat, mübe zu fein" immer er selbst, immer derselbe in dem dernüthigen KindeSsinn, der ihn alles Gute, daS ihm zu Theil wird, hinnehmer. läßt als ein unverdientes Geschenk, Alles widrige als ihm zukommende göttliche Fügung; immer derselbe in milder Herzensgüte, die nur darauf bedacht ist, anderen Freude zu machen, die keine Kränkung nachträgt und von Herzen vergibt, in der zarten Rücksichtnahme, wie sie ihn dort in Gastein treibt, alle Teppiche eigenhändig zusammenzutragen, damit feine Tritte den Kranken unter ihm nicht stören; in der unwandelbaren Dankbarkeit und Treue, die keinen Liebesdienst vergißt, die dem Entlassungsgesuch Bismarcks jenes festeNiemalsI" entgegensetzt.

Die geschichtliche Forschung ist seither nicht müßig gewesen. Sie hat dem Bilde, wie wir es von ihm im Herzen tragen, manchen sprechenden Zug beigefügt; sie hat andere Züge, welche die erregte Leidenschaft politischerSturmeSjahre ibmangedichlet hatte, alsJrrthum, alS ungerechte Verdächtigung ober böswillige Verleumdung erwiesen; sie hat die Linien des Bildes plastischer heroortreten lassen, seine Farben vertieft, das Bild selbst aber in keinem Zug verändert. Der Einblick in sein tiefes Gemüthsleben, in die Welt seines intimen Denkens und Fühlens, den seine jüngst uns erschlossenen Briefe, voran die an Bismarck, gewähren, hat ihn uns menschlich näher gerückt, aber nicht kleiner, sondern größer gemacht.

Seine Gestalt ist in den Jahren, seit er nicht mehr unter uns weilt, wie von selbst über sich hinausgewachsen zum Idealbild deS deutschen Kaisers. Aber es ist deralte gute Kaiser", wie er in der TageShelle der großen Zeit vor uns stand, dessen Züge dieses Idealbild trägt; nicht eine Kaisergestalt im schimmernden Prunk, täuschender Romantik, noch weniger eines jener auf Goldgrund ge­malten Heiligenschemen byzantinischer Kunst, nein, eine Freilicht­gestalt voll gesunder Frische und lebensvoller Natürlichkeit, wie der deutsche Wald und die Salzfluth des Meeres so haftet er im Gedächtniß des Volkes, so wird er hinüberleuchten ins kommende Jahrhundert.

Und wie mit ihm selbst, so ist es auch mit seinem Lebenswerke. ES bedarf nicht erst der Erinnerung an ba«, was wir dem ersten deutschen Kaiser zu danken haben jedes Kind weiß eS. Es be­darf nicht erst des abwägenden UrtheilS der Geschichte, um einem Deutschen zu sagen, was dies LebenSwerk zu bedeuten hat und werth ist!

Denn Kaiser Wilhelms LebenSwerk, wie es sich vollendete in der Einigung aller deutschen Stämntt zur Nation und ausklang in die Sorge um die Versöhnung aller stände und Schichten im Volk, ist ja doch das eigenste Lebenswerk des deutschen Volkes, für das Tausende unserer edelsten Söhne ihr blühendes Leben gelassen, die Besten, die unser Volk seit hundert Jahren hervorgebracht hat unter dm Dichtern und Denkern, den Staatsmännern und Vaterlands- freunden, ach so erfolglos oft gerungen haben, die Erfüllung unserer heißesten Sehnsucht, unseres kühnsten Hoffens und Träumens. Ja, es ist die Geschichte unserer eigenen Schmerzen und Demütigungen, unserer eigenen Kämpfe und Siege, unfercr eigenen Hoffnungen und Enttäuschungen, die im inhaltreichen Leben Kaiser Wilhelms wie in einem Spiegel uns entgegentritt, die Marksteine dieses denkwürdigen LebenSgangeS sind die Denksteine und Malzeichen unsere« eigenen Werdens und Wachsens, unserer eigenen Entwickelung und Erstarkung nicht daS ijst heute die Frage, was wir ihm zu denken haben, sondern ob mir es ihm in der rechten Weise bauten, ob wir bie Hohe vaterlänbischen Sinnes unb nationalen Opfer- mutheS noch behaupten, ber in ihm sich verkörperte unb unser Volk aus der Tiefe enblich emporgesührt hat auf bie Höhe, ober ob wir nicht, wie es den Anschein hat, in Gefahr stehen, roieber die Beute ber Fehler zu werben, bie unserem deutschen Volke so oft schon zum Verhängniß geworden sind.

Denken wir doch um hundert Jahre zurück!

1797, daS Jahr, in welchem dem edlen KönigSpaar, Friedrich Wilhelm III. und Luise der zweite Sohn geboren worden ist welch' ein trauriges, trostloses Bild ruft eB uns vor die Seele! Der Friede von Basel, den Preußen zwei Jahre vorher, der Friede von Campo Formio, den Oesterreich soeben geschloffen hat, liefert baS linke Rheinufer, Deutschlands blühenden Garten, die Hetmath seiner Heldenlieder unb Sagen, ben Franzosen aus.

Die sübbeutschen Fürsten werben Frankreichs Vasallen. Ihre Truppen werben gezwungen, wider ihr eigen Fleisch unb Blut zu Felde zu ziehen.

DaS heilige römische Reich, schon seit lange ein wesenloses Schattenbild, gebt vollends aus ben Fugen.

1806 legt Kaiser Franz bie deutsche Kaiserkrone, die zu tragen feine Ehre mehr ist, nieber.

Da« Heer Friebrichs beS Großen, einst ber Stolz Preußens unb die Hoffnung der deutschen Patrioten, wird bei Jena unb Aurr- stäbt zertrümmert

Der Friede von Tilsit (1807) macht alles Land zwischen Rhein- strom und Elbe zur französischen Provinz, unter dem Scepter eines Napoleon, den Rhein zumsranzöstschen Strom."

WaS noch übrig ist von deutschem Sinn und deutscher Kraft, von ungebeugtem Muth unb ungebrochener Hoffnung, das flüchtet sich in bie fernste Nordost Ecke Deutschlands, bie schon einmal, im dreißigjährigen Kriege, der ZufluchtS- unb BergungSort deutschen Lebens, Sinnens unb Dichtens gewesen ist. WaS sonst an deutscher Treue unb Tapferkeit sich regt und hervorwagt, baS streckt beS (Sorten Kugel erbarmungslos in ben Sanb. Karl Palm, AnbreaS Hoser müssen fallen, Schill wird geächtet, daS deutsche Volk muß zusehm und schweigen.

Damals schreibt eine edle deutsche Frau, die königliche Dulderin Luise, der Deutschlands Schmach am Marke zehrt, die Worte nieder: Wmn gleich die Nachwelt meinen Namen nicht unter ben Namen

der berühmten Frauen nennen wird, so wird sie doch, wenn fie bie Leiden dieser Zeit erfährt, wien, waS ich durch sie geliltm habe, und wird dann sagen:Sie duldete viel und harrte auS im Duldm!" Dann wünschte ich nur, daß bie Nachwelt zugleich sagen möchte: aber fie gab Ämbern bas Dasein, welche besserer Seilen würdig waren, fie herbeizuführen gestrebt und mdiich sie errungen haben.'

Der Wunsch ist ihr erfüllt wordm, benn Kaiser Wilhelm war ihr Sohn.

Dort in Memel 1807, dem Jahre, das dm Tiefpunkt unserer Geschichte bezeichnet, trat er in die Armee ein, die der Stolz unb die unablässige Sorge seines LebmS gewordm ist, damals ein schwächlicher, kränklicher Knabe.

Drei Jahre herauf, am 19. Juli 1810, kniet er am Sterbe­lager bet früh vollendeten Mutter, beren Liebe unb Seelengröße bie schwere Zeit ben Kindern in ihrer ganzen Tiefe und Fülle erschloffm hatte. ES war wieder am 19. Juli, 60 Jahre darauf, alS der ge­reiste Held am Sarge der Mutter betete, ehe er den Handschuh, ben freolerischer Ueberrnuth ihm htngeworfm hatte, aufnahm, zunächst um feines Volkes Recht zu wahrm, nach Gottetz Rathschluß aber, um in ungeahntem Glanze das Werk hinauSzusübren, das damals die Befreiungskriege begonnen hatten, der Wiener Congreß verdorbm hat, das deutsche Volk aber nicht mehr lassen, nimmer mehr auf« geben konnte.

Dazwischen freilich die lange, bange Zeit beS Harrens unb ber Geduld!

Diese Zeit idealm Sehnms und kraftvollen Ringens, wie es unsre Jugend von heute nicht mehr kennen kann; diese Zeit, arm an greifbaren äußeren Erfolgen, und doch nicht verlorm für unser Volk, Denn es war ja doch die gährungSvolle Werdezeit der Nation, da wir aus Pergamenten unb Ruinen die verlorene deutsche Herrlich­keit hervorsuchtm, unb ben Geist beutschm VolkSthurns begierig in uns sogen; bie Zeit, da wir auf den Turnplätzen und auf allerlei Festen einander suchtm und fanden in der Sehnsucht nach Kaiser unb Reich, eine Zeit der phantastischen Träume, der oerhängnißvollen Jerthümer und herben Enttäuschungen, aber doch bie schöne Zeit der jugend- lichen Ideale und der heiligen Schwüre für den zweit- geborenen Prinzen beS preußischen Königshauses eine Zeit der Selbstbescheidung, der ernsten Sammlung unb nüchternen Arbeit, ba er zur Seite zu stehen hatte, und ihm die Aufgabe zufiel, darüber zu wachen, baß baS Heer von 1813 nicht bemfelben Geschick verfalle, baS Friebrichs beS Großen Armee ereilt halte; einsam unb unverstanden mit seiner, wie er einmal sich ausbrückt,ledernen" aber doch vielleicht practischen", politischen Auffaffung, neben dem königlichen Bruder, der von der Wiederaufrichtung des heiligen römischen Reiches unter Habsburgs Scepter träumte; einsam und unver­standen im Rath ber beutschm Fürsten, die es nicht be­greifen konnten, wie derselbe Mann, der auf deS Königs Ruf so energisch der Soldatenpflicht genügte, in ben Tagen des Sturmes, die Männer so frei gewähren ließ, die Deutschlands Wiedergeburt planten (im Nationalverein); einsam und unverstanden vom eigenen Volk, als er bie Zügel der Regierung übernahm und auf das drang, was Deutschlands Sicherheit und Preußens Stellung nach seiner besten Ueberzeugung unerbittlich forderte; schon entschlossen, die Krone niederzulegen, bis der Mann ihm an bie Seite trat, dem heute in heißem Dank unsere Hände sich entgegenftreefen der allein seinen König ganz verstand, der bereit unb auch der Mann dazu war, die ganze Last der Verantwortung auf seine starken Schultern zu nehmen Otto von BiSmarck, der starke, der hochgemuthe, der treue Recke im Sachsenwald und mit ihm die Zeit der wunder­vollen Erfüllung, da bie Frucht ber Befreiungskriege reifte unb ber ausharrmben Treue der Lohn ward, die Zeit des Erwachens, da plötzlich ein neuer Ton in bie Welt der Diplomaten hineinklang, wie man ihn vorher nicht gewohnt war und bis dahin nicht ver­nommen hatte, seit Martin Luther; der Ton ehrlichen deutschen Freirnuths, mannhafter Geradheit unb stahlharter Entschlossenheit da ben Worten bie Thatm folgten, bie dröhnmbm Kanonenschläge im hohen Norden den Tag der Abrechnung ankündigten da unter schweren Wehm und schmerzlichen Kämpfen das Ideal eines beutschm Reiches beutfdber Nation sich siegreich auSeinanbersetzte mit bem romantischen Trugbild vom heiligen römischen Reich bafür aber in der Stunde der Gefahr mit einem Male wie auB bem Boden gewachsen die deutsche Nation auf bem Plan stand unb zum Rheine zog mit wuchtigem Tritt unb gleichem Schritt, der greife Feldherr voran, ein Herzog nach altgermanischem Vordtld, dem nach einem Siegeszug ohne Gleichen als ein Geschenk der göttlichen Gnade in den Schoß fiel, waS die lebende Generation zu erlangen nicht gehofft hätte, daß er ergriffen bekannte:Ja, ich bin ein von Gott beson­ders gesegneter Mann!"

ES hat an schrillen Mißklängen nicht gefehlt: noch geht ein schneidmdes Weh uns durch die Seele, noch wallt unS das Herz auf in heißer Scham, wenn wir daran denken, daß deutsche Hände sich gefunden haben, die auf biefeS gesegnete Leben haben anlegen können. Ihm hat auch diese Erfahrung sein geliebtes Volk nicht entfremdet, sondern ihn nur zu noch ernsterer Sorge für dasselbe angetrieben, wie sie sich ausspricht in ben Kaiser-Erlassen von 1881.

Auch an dunklen Wolken hat eS nicht gefehlt; doch die schwere Sorge, bie bad letzte Stück seines Weges beschattete, hat er auS beS- elben Gottes Hand, ber ihn so rounberbar gesegnet, stille hinge- nommen in heiliger Ehrfurcht vor Gottes Walten und kindlichem bemüthigem Glaubm sich selber gleich, seinem Wesen treu: auf ber Höhe deS Sieges, in ber Tiefe des Leides, vor der Pforte beS TodeS immer derselbe: edle Einfachheit und stille Größe.

An unS ist es, zu sorgen, daß sein LebenSwerk nicht verkümmere, daß wir'S hinüberretten ins nahende Jahrhundert, daß wir nicht vor unseren Enkeln zu Schanden werden als Menschen, die ihre Zeit nicht verstanden haben und ihrer nicht werth gewesen sind, die den Ruf der Geschichte überhört haben über kleinlichem Parteizank und ärmlichen Sonderinteressen, die große Stunde versäumend, und da versagt haben, da auf unser Volk gerechnet war.

Als ein Vermächtniß Kaiser Wilhelms klingt zu unS herüber baS Wort, baS er nach ber Heimkehr 1871 gesprochen hat: Lange lag bteser Ausgang in den Herzen. Jetzt ist eS an das Licht gebracht. Sorgen wir, daß es Tag bleibe!"

ES wird Tag bleiben, wenn wir nicht gar so viel reden von unseren Rechten, sondern redlich Ernst machen mit unseren Pflichten, ein jeder da, wo er soll, und so, wie er es soll; wenn wir den Wahlspruch deS ersten deutschen Kaisers mit seinem erlauchten Enkel, unserem gegenwärtigen Kaiser, zum eigenen machen:Meine Kräfte gehören bet Welt, bem Vaterlanb!" unsere Herzen einstimmen auf den Ton, in welchem die Herzen Kaiser Wilhelms unb seines eisernen Kanzlers zusammenschlugen, baß, was man auch von unS ordere und wir beschließen, alles aus diesem Tone gehe:Deutsch­land, Deutschland über Alles, über Alle« in ber Welt!"

Gleichsam um den Manen deS großen Kaisers zu hul- )tgen, erhob sich bie Festbersammlung und stimmte baS all- beliebteDeutschland, Deutschland über Alles" an. Die Sänger trugen hierauf den Th. Krause'schen Männerchor Wilhelm der Große" (Gedicht von Hans Meyer) vor, wo­rauf die RegimentScapelle baß Hallelujah aus dem Händl'schen OratoriumDer MessiaS" intonirte. Mit dem Vortrag: Kaiser RothbartS Testament", Gedicht von Köllsch, Männer- chor mit Orchesterbegleitung von Köllner, schloß die Feier.

* ßentenaifeiet des nationaQiberalen Vereins. Die vom nationalliberalen Verein am Sonntag in Steins Garten ver­anstaltete Vorfeier des 2 2. März hatte Angehörige aller Schichten unserer Bevölkerung zahlreich vereinigt. Der Bor- fitzende, Herr Dr. Fuhr, eröffnete die Feier mit folgender Begrüßungsansprache:Meine Damen und Herren! Namen- des nationalliberalen Vereins heiße ich Sie herzlich will­kommen. Ihr so zahlreiches Erscheinen gibt mir den Beweis,

daß wir durch die Beranstaltnng dieser kleinen Borfeier bem Wunsche eines großen ThetleS unserer Mitbürger entgegen- gekommen find. Wie wäre eS auch anders denkbar? Feiert doch heute daS deutsche Volk wieder einmal den Geburtstag seines alten Kaisers, den es fast zwei Jahrzehnte lang aus freiem, vollem Herzensdrange als einen nationalen Fest- und Feiertag zu begehen gewohnt war. DaS deutsche Volk wird in diesen Tagen dem In- und Auslande beweisen, daß die Verehrung dieses, Kais« s nicht Sache einzelner Volksschichten oder gar einzelner Parteien gewesen ist, sondern daß eS eine mit deutschem Fühlen und Empfinden untrennbar verwachsene freie Huldigung deS ganzen Volkes gewesen ist. ES wird des Festredners dankbare Ausgabe sein, Ihnen sein Lebens­bild vorzuführen und darzuthun, durch welch' seltenes Maß von Herrschertugend dieser siegreiche, mächtige und dabei all­zeit demüthige Monarch die Herzen seines Volkes gewonnen hat. Lasten Sie unS heute in ungemischter Freude sein Gc- dächiniß feiern, möge daS deutsche Volk auch mit unS fich die Festesfreude nicht verbittern lasten durch die Wermuths- tropfen, die ihm in diesen letzten Tagen unb Wochen mitten in seine Vorbereitungen zum heutigen Feste gefallen find. Je trüber die Gegenwart, um so heller möge in unserer Er­innerung, in unseren Herzen daS Bild besten strahlen, ber die monarchische Gefinnung im deutschen Volke zu einem rocher de bronce stabilirt hat, ber nicht erschüttert werden kann durch Stürme, wie der junge Lenz sie bringt. ES muß doch Tag bleiben, so lange baß deutsche Volk seinem ersten Kaiser und sich selbst treu bleibt. In Bethätigung dieser monarchischen Gesinnung lasten Sie unS nach gutem Brauch und alter Sitte auch heute zu Beginn unserer Festfeier der beiden Herrscher gedenken, deren Händen daß Schicksal unseres weiteren und engeren Vaterlandes anvertraut ist. Möge eS Kaiser Wilhelm II. und dem Großherzog Ernst Ludwig br- schieden sein, daS Pfund monarchischer Gesinnung, das ihnen von ihren Ahnen anvertraut ist, allezeit zu mehren. M.t diesem Wunsche stimmen Sie mit mir ein in ben Jubelruf: Se. Maj. der Kaffer und Se. Kgl. Hoheit der Großherzog sie leben hoch!" An dasHeil Dir im Siegerkranz" schloß sich das LiedEmpor den Blick zum Kaiserthron", baß bem Vertrauen zu dem regierenden Kaiser Ausdruck giebt, er werde mit weiser Wachsamkeit daS Erbe der Lichtgestalten seiner Väter erhalten. In der Festrede entwickelte Herr Prof. Schwartz zunächst den Ernst der heutigen Feier, daß die Anwesenden die Regiernug Kaiser Wilhelms I. noch erlebt, viele das milde, hoheitsvolle Greisenantlitz noch gesehen hätten, daß die Trauer vor neun Jahren noch in frischer Erinnerung sei und in jedes Mannes Brust, in jedem Frauenherzen heiß und bitter aufwalle die Fluth der Sehnsucht nach dem alten Kaiser. Wir können nicht jubeln am heutigen Tage. Redner fordert dann die Festversammlung auf, sich mit ihm klar zu werden Über daß, waß der alte Kaiser unß gewesen ist und waß sein Andenken unß sein muß. Er will den alten Kaiser nicht feiern alß Wilhelm den Großen. Die Geschichte gibt diesen Beinamen nur genialen Eroberern, deren Reiche rasch nach ihrem Tode zerfallen sind,- auch daß Preußen Friedrichs II. wäre diesem Schicksal nicht entgangen, wenn dieser nicht noch mehr gewesen wäre als ein Eroberer. Dem hat aber das Volk damit gelohnt, daß ihn nicht Friedrich ben Großen, sondern den alten Fritz nannte. Daß Volk spricht nicht wie die officiellen Festredner von Wilhelm dem Großen, sondern von dem guten, alten Kaiser Wilhelm. Der Redner zeichnet bann baß Bild beß Kaisers, wie er war als Soldat, als König, als Deutscher. Er hebt bann die einfache, gründliche Art des alten Herrn hervor, wie ihn sein militärisches, pflicht­treues Wesen vor dem bewahrte, was Goethe die Zappel- Hastigkeit der Fürsten nennt; er schildert, wie ber alte Kaiser mit der Reorganisation ber Armee bie großen Gedanken der Freiheitskriege durchführte. Die königliche Art Kaiser Wil­helms wird näher ausgeführt- sie zeigt sich am glänzendsten in der einzigartigen, 26jährigen Freundschaft von makelloser Treue zwischen dem Hohenzollern unb bem märkischen Junker, einer Freundschaft, die durch ihre ethische Reinheit unb Hoheit zu dem Schönsten gehört, waS die Geschichte aufweist. Den Schluß bilden die Verdienste deS Kaisers um die Einheit Deutschlands, seine FriedenSarbeit, die sociale Gesetzgebung, die kein Geschenk sein sollte, kein Mittel der Versöhnung, sondern eine Erziehung Aller zum modernen Staat, der Jedem Rechte, aber Jedem auch Pflichten gibt. Mit der Aufforderung, baS Andenken des alten Kaisers hoch zu halten, nichts zu thun oder zu sagen, deffen man sich vor ihm schämen müßte, und die Hoffnung auf bie Zukunft deS beutschen Reiches nicht sinken zu lasten und einem Hoch auf daß durch Kaiser Wilhelm I. geeinte Deutschland schließt der Redner. Herr Postsecretär Mayer schilderte in zündenden Worten die der Entwickelung der Wehrkraft gewidmete unablässige Fürsorge des alten kaiserlichen Herrn und brachte ein Hock auf die Armee auS. Herr Dr. Linkenheld gedachte des gewaltigen Kanzlers, deS genialen Meisters am Bau des Reiches. Jubelnd stimmte die Versammlung dem vor geschlagenen Begrüßungstelegramm nach Friedrichsruhe zu. Herr Prof. Dr. Wimmenauer brachte ein Hoch auf die Frauen au8 und schilderte die drei Frauengestalten, die im Leben unseres Helden von Bedeutung sind, die edle Königin Luise, die Geliebte seiner Jugend, die Gefährtin seines Lebens. So möge denn auch diese Feier an ihrem Theitt dazu beitragen, die heilige Flamme der Vaterlandsliebe zu schüren!

Bon bet gestrigen Kaiserparabe hat Herr Heinr. Noll am Marktplatz mehrere gelungene Moment-Auf- nahmen Herstellen lasten, die in den nächsten Tagen käuflich zu haben find.

Die Illumination am gestrigen Abend war glänzender unb allgemeiner als im vorigen Jahre gelegentlich der FriebenSfeier. Selbst an ben entfernt von ber Stadt ge­legenen Gebäuden waren Lichter angebracht. Leider brachte scharfe Zugluft dieselben stellenweise zum vorzeitigen ver­löschen. In der Innenstadt dagegen kam die Illumination zur vollen Entfaltung ihres Glanzes. Einzelne Gebäude