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Nr. 70
Erstes Blatt.
Mittwoch den 24- März
Gießener Anzeig er
General-Anzeiger.
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Amtlicher Theil.
Nr. 11 des Reichs-Gesetzblattes, ausgegeben den 18. bs MtS., enthält:
(Nr. 2366.) Bekanntmachung, betreffend eine IV. AuS- gabt der dem internationalen Uebereinkommen über den risenbahufrachtverkehr beigefügten Liste. Bom 6. März 1897.
Gießen, den 23. März 1897.
Großherzogliches KretSamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, detreffend: Maul- und Klauenseuche zu Beltershain und Grünberg.
Nachdem in einem Gehöfte zu Beltershain und in einem Gehöfte der Gemarkung Gründ erg die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Ge- Höstsperre angeordnet worden ist.
Gießen, den 23. März 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
«olffS telegraphische» Lorrsfpsnde»z->8wre«.
Berlin, 22. März. Die Galatafel fand Abends 6 Uhr Mit Weißen Saale des königlichen Schlaffes statt. Die Tafel bot ein glänzendes, festliches Bild. Sie war hakenförmig gedeckt. In der Mitte faß rechts die Kaiserin, links die Kaiserin Friedrichs zur Linken der Kaiserin Friedrich saß der Kaiser, zur Rechten der Kaiserin der Prtnzregent von Bayern.
folgten auf beiden Setten die fürstlichen Gäste und die Mitglieder des Kaiserhauses, darunter das Prinzenpaar Heinrich, das Prinzenpaar Albrecht von Preußen, Prinzessin Friedrich Carl, die Könige von Sachsen und Württemberg, Vie Großherzöge von Baden und Hessen, Erzherzog Friedrich uon Oesterreich, Großfürst Wladimir, der Herzog von Cou- uaught, der Herzog von Genua, der Kronprinz von Rumänien unb der Graf von Flandern. Den Kaiserinnen gegenüber ßaß der Reichskanzler, zu dessen Rechten der italienische und zur Linken der österreichisch-ungarische Botschafter. ES nahmen ferner Theil das übrige diplomatische CorpS, die preußischen Minister, die StaatSsecretäre, zahlreiche Minister der Etuzel- staaten, BundeSrathsmitglieder, die Bürgermeister der freien Städte und ReichStagspräfident Freiherr v. Buol. Die Tafel trug den herrlichsten Blumenschmuck und die großen silbernen Tafelaufsätze deS königlichen Hausschatzes. — Der Kaiser brachte einen Trtnkspruch aus, worin er bemerkte, es gehe heute ein tiefes Empfinden durch das deutsche Volk. Die Fürsten hätten sich zusammengefunden, um das Andenken des großen verewigten Kaiser- zu feiern. Den versammelten Fürsten sprach der Kaiser den tiefgefühlten innigsten Dank auS, desgleichen allen Vertretern der fremden Souveräne, die theilvehmen wollten an der Feier, um dadurch zu be« weisen, daß Europas Fürsten und Völker ein gemeinsames großes Familienband umschließe. ES sei nicht seines Amtes,
1 einen Großvater zu feiern, aber sein Geist schreite wohl heute durch sein Volk hindurch. Wir gedenken seiner Demuth, seiner schlichten Einfachheit und Pflichttreue, als Sohne- der herrlichen löblichen Königin, die gesagt, daß sie mehr durch Demüthigung als durch Erfolge gelernt habe. Für uns aber, die hohen Fürsten und Verwandten, soll das Andenken ein erneuter Ansporn sein, für unsere Völker zu leben und zu arbeiten für Ziele fortschreitender Cultur, zur Erhaltung des Friedens, der Freundschaft und Waffenbrüderschaft. Wir wollen die Gläser erheben mit dem Ruf: DaS deutsche Volk, da- Vaterland und die Fürsten Hurrah!
Berlin, 21. März. Au- einer großen Anzahl deutscher Städte liegen unS Depeschen über Kaiser Wilhelm- Feiern vor, so besonder- auS Breslau, Königsberg i. Pr., Dresden, Wilhelmshaven usw. In Breslau zogen die Krieger- «reine in festlichem Zuge an dem Denkmal Kaiser Wilhelms I. «rüber- am Abend fand ein Fackelzug der Turner und militärischer Zapfenstreich statt- in Königsberg zogen die Gewerke, Fabriken, Vereine usw., etwa 6000 Mann, nach de» Katserdenkmal beim Schlosse, wo ein Festact veranstaltet wurde- tu Dresden wohnren dem Tedeum in der Hofktrche die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses bei; la Wilhelmshaven wurde auf dem Adalbertplatze großer Fest' gottesdienst abgehalten.
Königsberg, 22. März. Der Magistrat und die Stadt- beiordneten von Königsberg haben heute anläßlich der | Hundertjahrfeier 100,000 Mark als Grundstock für eine
„Kais er-Wilhelm-Stiftung" beceitgestelll, deren Zweck die Errichtung einer Heimstätte für Genesende ohne Unter- schied deS Berufes oder der Religion fein soll. Die betreffende Urkunde wurde heute in festlicher Sitzung der beiden Collegten vollzogen.
London, 22. März. Der „Daily Telegraph" schreibt in einem Leitartikel: Die Geschichte kennt keine andere Bereinigung einer Gruppe von Völkern zu einem mächtigen Reiche, wie die in der Feueresse des Jahres 1870 vollendete. Die Deutschen thun wohl daran, begeisterte Huldigungen dem Herrscher darzubringen, unter dessen Herrschaft und durch dessen persönlichen Werth und Entschlossenheit vor Allem die erstaunliche That vollbracht wurde. Der erste Inhaber des Kaiserthrones hat einen großen Antheil an dem Ruhm der Wiederherstellung des Reiches und daher ein unbestreitbares Anrecht auf den Titel deS „Großen".
Mailand, 22. März. Die deutsche Colonie Mai- lands beging heute den Jahrestag der Geburt des Kaisers Wilhelm I. durch einen FestgotteSdieust.
Depeschen deS Bureau „Herolds
Berlin, 22. März. Das Katserpaar begab sich heute früh 9 Uhr zum Besuch deS Mausoleums nach Char- lottenburg und verweilte daselbst längere Zett in stiller Andacht. Kostbare Blumenkränze wurden vom Katserpaar am Sarge Kaiser Wilhelms I. niedergelegt. Die ungemein zahlreich anwesende Menschenmenge begrüßte daS Katserpaar bet der Ankunft und Rückfahrt mit brausenden Hochrufen. Gegen Vgll Uhr nahm der Kaiser die Besichtigung der unter den Linden aufgestellten Truppen vor und begab sich sodann nach dem Kaiser-Wilhelm-PalatS, von wo er die Fahnen zum Denkmalsplatz überführte. DaS Bild war ein ungemein glänzendes. Die Straße Unter den Linden war dem Publikum unzugänglich. Jedoch waren die Häuser und Straßen dicht mit Zuschauern besetzt. Die Fenster waren zu horrenden Preisen vermiethet. Gegen 11 Uhr erfolgte die Aufstellung der geladenen und befohlenen Persönlichkeiten am Denkmalsplatze. Das Katserpaar, die Kaiserin Friedrich, die Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses und die fürstlichen Gäste nahmen unter dem Prunkzelt Platz. Der Reichskanzler, die Minister, die Bürgermeister und Stadtverordneten von Berlin und sonstige geladenen Personen nahmen vor dem Zelte Aufstellung. Die Geistlichen und die Künstler placirten sich vor dem Denkmal. Nachdem der Bläser-Chor „Lobe den Herren" geblasen und General-Superintendent Faber daS Gebet gesprochen, befahl der Kaiser die Enthüllung. Nach dem Fallen der Hülle riefen die Truppen Hurrah, die Musik spielte die Nattonal-Hymne, Glockengeläute ertönte, 101 Kanonenschüsse wurden gelöst. Am Schluß der Feier defilirten die Truppen vor dem Kaiser, der nun vor dem Denkmal Aufstellung genommen hatte, vorbei. Die Kaiserin, die Kaiserin Friedrich hatten vor dem Denkmal prächtige Blumenkränze niedergelegt, ebenso die übrigen Fürstlichkeiten. Das Wetter war kühl und trüb, jedoch regenfrei. Der Kaiser trug GardeS-du-CorpS-Uniform mit dem Bande des Hohenzollern'schen HausordenS. Die Kaiserin hatte eine kostbare Rosa-Toilette angelegt. Die Kaiserin Friedrich war in Schwarz erschienen. Zahlreiche Offiziere und andere erschienene Persönlichkeiten trugen bereits die eben verliehene broncene Medaille.
Berlin, 22. März. In zahlreichen Städten des In- und Auslandes fanden schon gestern Festlichkeiten anläßlich der Centenarfeier statt.
Berlin, 22. März. Im Mausoleum in Charlotten- burg erschien gestern Nachmittag gegen 3 Uhr Prinz Thomas von Savoyen, Herzog von Genua, um dort im Auftrage König Humberts einen Kranz niederzulegen. Am Sarkophag waren schon gestern die Zahl der Liebeszeichen stark an- gewachsen. Der Vorstand des deutschen KriegerbuudeS brachte einen mit Blumen, Flieder und Camelien geschmückten Lorbeer- kränz. Eine Spende kam vom deutschen Kriegerbunde Newyork. Eine Abordnung von drei Mitgliedern des Bezirks- Verbandes aller Corps-Commandanten Berlins und Umgegend brachte einen mächtigen Lorbeerkrauz mit Palmenzweigen.
Berlin, 22. März. DaS Befinden des Staatssekretär- v. Stephan ist aühaltend gut. DerHeiluugSproceß schreitet zwar langsam, aber sicher vorwärts.
München, 22. März. Die „Münch. Reuest. Nachr." bezeichnen die Einführung der schwarz-weiß-rothen Cocarde bei der bayrischen Armee als einen Act von nicht hoch genug anzuschlagender moralischer und practischer Bedeutung, der zur Hundertjahrfeier daS größte Festgeschenk für den deutschen Patriotismus und daS einige Deutsche Reich bilde.
Paris, 22. März. Der Ministerrath hat einstimmig eine Tagesordnung angenommen, nach welcher der KriegS- minister ersucht wird, im Interesse der Landes Bertheidigung die Befestigungsarbeiten in der Umgebung von Nancy möglichst bald in Angriff zu nehmen.
London, 22. März. „Daily Telegraph" meldet: Wenn Griechenland innerhalb 14 Tagen Kreta nicht geräumt habe, werde die internationale Flotte die zwei Haupthäfen des Piräus bloktren.
WB. Berlin, 23. März. Der heutige dritte Festtag gilt dem Bürger-Festzuge. Nachdem cS in den Morgenstunden stark geregnet, klärte sich daS Wetter gegen 8 Uhr auf. Die Straße Unter den Linden ist vom Publikum dicht besetzt. Ueberall ziehen die Theilnehmer des Zuges heran, vielfach beritten. MufikcorpS in den Uniformen der Ansbacher Kürassiere und Bayreuther Dragoner durchreiten die Straßen, Fanfaren schmetternd, Landsknechte eilen zu den Sammelplätzen, die Kriegervereine und Veteranencorps rücken mit Militärmufik an. Ueberall herrscht erwartungsvollste Festfttmmung.
Locales unb provinzielles.
Gießen, den 23. März.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordueten- Bersammlnug Donnerstag den 2 5. März 1897, Nachmittags 3^Uhr pünktlich. 1. Gesuch des Joh.Gg.Pfaff um Erlaubutß zur Vergrößerung eines bestehenden Backftetn- macherhäuSchenS im Neustädterfeld. 2. Baugesuch des Georg Appel III für die Löwengasse. 3. Desgl. des Johann Kaspar Heß. 4. DeSgl. der Firma Kauffmann u. Co. für den Schiffenbergerweg. 5. Gesuch deS Jacab Atzbach um Beseitigung eines Baumes vor seinem Hause au der Grün- bergerstraße. 6. Desgl. deS Karl Valentin an der Rod- heimerstraße. 7. Gesuch deS Gustav Schulze um Ertheilung der Concesfion zum WirthschaftSbetrieb im Hause Bleichstraße 5. 8. DeSgl. des Leopold Schütz zum Schank- und GastwirthschaftSbetrieb im Hause Bahnhofstraße 15. 9. Desgl. deS Friedr. Jung I. von Klein-Linden zum Schankwtrch- schaftSbetrieb im Hause Frankfurterstraße 165. 10. Gesuch deS Ludwig Weber um Erlaubniß zum Ausschank von Branntwein im Hanse Grünbergerftraße 50.
♦* Ceutrrrarfeier. Der große Festact, welcher anläßlich des 100jährigen Geburtstages des hochseligen Kaisers Wilhelm am gestrigen Tage in SteinS Saalbau stattfand, verlief auf daS Glänzendste. In dem geschmackvoll, der Bedeutung der Feier entsprechend decorirten Saale fand sich schon lange vor der festgesetzten Zeit baß aus allen Ständen unserer Einwohnerschaft bestehende Publikum ein, um dem Gedenken des großen Kaisers in ernster und doch erhebender Weise eine feierliche Stunde zu weihen. Auf dem großen Podium hatte ein ca. 100 Sänger starker, aus den Vereinen „Bürgergesellschaft", „Harmonie", „Heiterkeit", „Liederkranz" und „Sängerkranz" bestehender Chor mit der Capelle des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm Platz genommen. Punkt 5 Uhr gab Herr Mufikdirector Krauße das Zeichen zum Beginn der Feier, und mächtig erfüllten die Klänge des Wagner'schen Katser-MarscheS den Raum. Hierauf ergriff Herr Franz Bauer den Tactstock und kraftvoll setzte der Männerchor mit dem Gellert-Beethoven'schen „Die Ehre GotteS aus der Natur", ein. — Dann ergriff Herr Geh. Kircheurath Prof. D. Köstlin das Wort und richtete an die Festversammlung folgende Ansprache:
Hochansehnliche Festversammlung!
Nicht leicht ist die Aufgabe, die dem gestellt ist, der bei dieser Feier Ihr Mund sein und dem Ausdruck geben soll, was die Herzen erfüllt.
Sonst, wenn man eine Centenarfeier begeht, ist die Gestalt und das Leben des Gefeierten schon durch eine Reihe von Jahren, vielleicht Jahrzehnten den Lebenden aus den Augen gerückt und eS ist gerade dies die Aufgabe solch einer Feier, die Gestalt des Helden, so wie sie einst vor den Zeitgenossen dastand, auf sie wirkte und sich ihnen einprägte, wieder aufleben zu lassen, im Lichte der Geschichte, die in dem Bilde deS Menschen die wesentlichen Züge, an seiner Lebensarbeit das Bleibende seststellt und auS beiden das menschlich Unvollkommene und Vergängliche ausschetdet, die Summe seines Daseins zu ziehen und dem gegenwärtigen Geschlechte zum Bewußtsein zu bringen, was etz an ihm gehabt hat und heute noch hat, ihm auf die Seele zu binden, was es ihm dankt und schuldet.
DaS Bild Kaiser Wilhelms des Ersten bedarf dieser Auffrischung nicht: unauslöschlich ist es mit allen seinen Zügen dem Gedächtniß des deutschen Volkes etngegraben. In voller Frische und Lebendigkeit steht es uns Allen noch vor der Seele. Sind es doch kaum 10 Jahre, daß er noch unter seinem Volke erschien, als ein Vater unter seinen Kindern. Sind's doch erst neun Jahre, daß die Trauer hes ganzen deutschen Volkes ihm das Geleite gab zur letzten Ruhe dort in der stillen Gruft zu Charlottenburg.
Und die« Bild bedarf nicht der Abklärung durch die Geschichte. Die versöhnende und verklärende Wirkung, welche die fern abrückende Zett sonst auf das Bild unserer Heimgegangenen ausübt. daß in demselben daS sich befestigt und hervor tritt, was des Gedächtnisses


