Ausgabe 
23.12.1897 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 301

Der Otetzener -»zeigcr «findet täglich, Ortt Ausnahmk M Montags.

Die Gießener AH«ttle«kktlt<r werd« bew Anzeiger »-chcntlich dreimal bekriegt

Erstes Blatt

Dmnersta, de» 23. December

Siebener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

1897

kierteljährig« Afronutmtniipreisi 2 ERavt 90 Psg. Btt Bringer lohn.

Durch die Post bezog«U.> 2 Mark 50 Pfg.

Rcbactüm, Expedition und Druckerei:

-ch»tstr-ße JrX Fernsprecher 51.

Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.

Hratisöeitage; Kießener Kamitienölätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi- Bor«. 10 Uhr.

Die Ausfichten der Militär-Strafproeetz-Reform.

Wir haben schon früher auSgesührt, daß die Aussichten ^er in erster Lesung im Reichstage erledigten Reform des MilitärstrafproerffeS so uofichere fiod, daß sich ein ungefähres Unheil nicht bilden läßt. Die Berhaudlung im Reichstage gestaltete sich so ruhig und die Erklärungen der einzelnen Parteien waren im Allgemeinen so maßvolle, daß mau kaum aunehmen konnte, diese Vorlage habe seit l1/, Jahren baß öffentliche Interesse in so hohem Grade beschäftigt, wie eS Ihatsächlich der Fall war. Hätte die Regierung nicht dieser Session den Entwurf vorgelegt, so würde die Militärstraf- ^roceßreform die Parole für die nächsten Wahlen geworden sein. Jeder, dem eine Gesundung der innerpolitifchen Ver- hältuiffe am Herzen liegt, muß den Wunsch haben, daß eS zu einer Verständigung zwischen der Regierung und dem Reichstage kommen möge; anderenfalls würden die Gemüther aufs Reue im höchsten Grade erregt, und Spaltungen inner­halb der Parteien würden unser politisches Leben noch schwie­riger gestalten.

Ueber die Verhandlungen des Reichstages bezüglich der Reform haben sich nun die leitenden Preßorgaue geäußert, sodaß es sich jetzt schon verlohnt, einmal ernstlich die Aus­sichten, welche der Milttärstrafproceß in der Faffung der Regierungsvorlage hat, ins Auge zu faffeu. Wenn mau allein nach den im Reichstage gefallenen Aeußeruugen urtheilen wollte, so könnte man die ganze Reform als eingesargt an* sehen,- denn die Regierung hat erklärt, das Dargeboteue sei baß Höchste, wozu sie sich verpflichten könne, uud baß Groß der Parteien hat dargethan, bte Regierung müßte sich noch viel eutgegeukommenber zeigen, ehe au eine Berstänbigung gebucht werden könne. Und trotzdem verlief die erste Lesung für die Regierung viel günstiger, alß nach den Aeußerungeu der Preffe der verschiedenen Parteien erwartet werden durfte. Außer den Rednern der beiden conservativen Parteien und -er Nationalliberalen erkannten auch Vertreter anderer ein­zelner Gruppen an, daß die Vorlage eine brauchbare Grund» tage für die weiteren Verhandlungen bilde. Auch aus dem Tentrum fehlte die Anerkennung nicht- freilich dürfte das» selbe in dieser Frage kaum geschloffen vorgehe«, da die baye­rische Auffaffuvg zu schwer mit den Ansichten der übrigen Mitglieder des SeutrumS in Einklang gebracht werden kann und man aunehmeu muß, daß ein großer Theil der Partei die Vorlage mit weniger ungünstigen Augen ausieht, alß der Redner der süddeutschen Gruppe. Diese scheinen auch die Aeußeruvg des bayerischen Reservatrechts in Bezug auf den Mtlitärstrafproceß alß conditio sino qua non hinstellen '2U wollen. Der BundeSrath hat nicht ohne Grund diese Frage offen gelaffeu, da eine Lösung derselben die Reform «och weiter htnauSgezögert haben würde. Es wäre ganz gut, wenn auch der Reichstag an der ReiervatSfrage nicht rüttelt, da dieselbe sehr blffkil ist und gerade jetzt io Süd- deutschlaud zu AuSlaffungen führen könnte, welche im Jntereffe des inneren Friedens zu vermeiden find. Hält der Bundes» -rath die Erörterung jener Frage für schwierig, so ist der Reichstag noch weniger in der Lage, eine Debatte darüber sachlich und erfolgreich zu führen- es würde fich dabei nur um eine Verschwendung von Worten haudeln.

Daß auf die Aufrechterhaltung der DiScipliu bei einer Neuordnung beß MilitärstrafprozeffeS gebühreube Rückficht genommen werben muß, ist nicht mehr als selbstverständlich unb auch von beu meisten Rebuern im Reichstage anerkannt Worden. Freilich gehen die Anfichten über das Maß dieser Rücksichtnahme noch auseinander, aber die Grundlage für eine Verständigung ist wenigstens vorhanden. Unb die Re­gierung wird Entgegenkommen zeigen, so weit dies nur mög­lich ist, uud im Laufe der CommtsfionSverhaudlungen den Reichstag nicht im Unklaren darüber laffen, was sie -ugestehen kann. Siebt eS aber erst fest, auf welcher Linie allein die Zustimmung des BundeSrathS zu etwaigen Beschlüffen des Reichstages zu erwarten ist, dann befindet fich dieser vor der Nothwendigkeit, zu entscheiden, ob er daß Erreichbare nehmen ober ob er die Verantwortung für daß Fortbestehen so mancher thatsächlich auerkaouteu Mißstände tragen will. Diese Entscheidung ist, daß geben wir zu, sehr schwer- denn darf nicht verkannt werden, daß augenblicklich eine Strömung vorhanden ist, welche mit einer Sonder»GerichtS» verfaffung für daß Militär überhaupt aufräumeu möchte, welche nicht zugeben will, daß bei der Beurtheiluug der ganzen Frage die DtSctplin in erster Linie berücksichtigt werden muß, daß die MannSzucht von entscheidender und sundameutaler Bedeutung für die Güte unseres Heeres ist- weuigstenS leugnet man auf jener Seite ab, daß auch durch

die Neuorganisation des StrafprozeffeS tu ihrem Sinne die MannSzucht gesährdet sein kann.

Unseres Erachteuß thut der Reichstag gut, immer deffeu eingedenk zu sein, daß baß Bessere der Feind beß Guten ist, und daß er mit allen Kräften dahin strebt, zu einer Ver­ständigung zu gelangen, wenn auch heute noch nicht alle Wünsche erfüllt werden können. (xx)

WolffS telegraphisches Eorrefplmdsuz*Bm«m.

Thorn, 21. December. In Gegenwart beß Kaisers fand heute Vormittag die feierliche Einweihung der hiefigen neuerbauten evangelischen Garuisoukirche statt. Der Kaiser traf kurz vor 10 Uhr auf dem Bahnhöfe ein. Die Einweihung der Kirche vollzog Feldpropft Richter, die Fest» rede hielt DtvistonSpfarrer Strauß. Rach der kirchlichen Feier nahm der Kaiser die Parade über die Truppen der Thorner Garnison ab uud fuhr darauf um 11 Uhr 45 Mio. nach Graubenz weiter.

Srandenz, 21. December. Um 2 Uhr 30 Mtu. traf ber Kaiser tu Begleitung beß KriegSmiuisterß v. Goßler unb beß Gefolges von ber Besichtigung der Forts vor dem hiesigen Rathhause ein, wo er vom 1. Bürgermeister Kühnast feierlich begrüßt wurde. Um 4 Uhr trat der Kaiser die Rück» reise nach Potsdam an.

Paris, 20. December. Pauamaprozeß. Der Prä­sident verhörte heute den Angeklagten Plauteau, welcher ebenfalls leugnete, Geld erhalten zu haben.

Paris, 21. December. Das §Echo de Paris" meldet, daß General Jamont zum Nachfolger des Generals Sausfier als GeueraliffimuS bestimmt sei unb baß der commandirende General beß 6. Armeecorpß, Hervs, zum Gouverneur von Paris ernannt werden soll.

Madrid, 21. December. Nach Meldungen auSHavan'nah würde die conservative Partei die Autonomie von Cuba aunehmeu, es aber ablehnen, irgend welche amtlichen Posten zu '.übernehmen.

Depesche» d-S Burean »Herold.*

Berlin, 21. December. DemBerl. Tagebl." geht aus Marinekreiseu die Nachricht zu, daß Prinz Heinrich in nicht zu ferner Zeit zum Oberbefehlshaber der in Ostafieu vereinigten Seestreitkräfte ernannt werden dürfte.

Berlin, 21. December. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Bei Erörterung der Vorgänge an den Küsten Chinas ist in deutschen Blättern auch die Der« muthung ausgesprochen wordev, daß durch die gegenwärtigen Ereigniffe der Anfang zur Thetlung beß chinesischen Reichs gemacht werde. In dem thatsächlicheu Hergang ber Dingt, soweit er biß jetzt erkennbar geworden ist, findet diese Ber- muthung keinerlei Anhalt. Wenn die Besetzung Hougkongß durch die Engländer und der Verlust bedeutender Gebiets- theile des chtuefischen Südens an Frankreich den Verfall des gesammteu Reiches nicht zur Folge gehabt hat, so ist nicht abzusehen, warum ber Erwerb von Niederlassungen und ber Aufenthalt deutscher unb russischer Kriegsschiffe in dem einen oder anderen Hafen eine gewaltsam veränderte Wirkung aus­üben sollte. kommt hinzu, daß, soweit die politische Lage in Ostafieu dies zur Zeit überseheu läßt, bei keiner der europäischen Großmächte die Neigung voraußgesetzt werden kann, ber Wahrnehmung ihrer Jutereffen in China eine Form zu geben, bte zu so weitgehenden Conftqueuzen sühren könnte.

Berlin, 21. December. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt osficiöß: In der Preffe finden fich ueuerdiugß wieder Andeutungen, bte baß Verbleiben beß ReichßkanzlerS auf seinem Poften in Frage stellen. Wir können bem- gegenüber erklären, baß Fürst Hohenlohe fich nicht im Geringsten mit RückzugSgebaukeu trägt und weder während ber Dauer der gegenwärtigen parlamentarischen Sesfiou noch darüber hinaus irgend ein Anlaß erkennbar ist, der einen Wechsel in der Leitung der Rtichsgeschäfte nach fich ziehen könnte. Der greise Staatsmann hat heute Morgen den großen Schmerz gehabt, seine Gattin zu verlieren, die ihm 50 Jahre hindurch eine treue und verstäudnißvolle Gefährtin war. Wir ver­trauen aber darauf, daß der so oft bewährte opferwillige unb patriotische Sinn beß Fürsten Hohenlohe ihm ermöglichen wird, auch nach diesem schweren Schlage dem Vaterlande noch fernerhin bte Dienste zu leihen, auf die Kaiser unb Reich nicht verzichten wollen.

Berlin, 21. December. Zu ber Krankheit ber Fürstin Hohenlohe wird gemelbet: In ber vergangenen Woche war bie Fürstin nach Paris gereist, wo fie an einer linksseitigen Lungeuentzünbung erkrankte. Stark fiebernd hatte

Alle Anvoucen-Biireaux be8 In- und Muitanbri adjmca I Anzeige» für denGießener Sa-eiger" entgeh».

fie die Rückreise angetreleu. Am Freitag Abend langte sie in sehr leidendem Zustande hier an. DaS Fieber stieg bis auf 40 Grad, trat Herzschwäche hinzu und man war schon in der Nacht zum Montag auf daß Schlimmste gefaßt« Nachdem im Laufe des gestrigen TageS -'ne unbedeutende Beffernug eingetrcten war, verschlimmerte fich in ber letzte« Nacht der Zustand wieder, bis die Fürstin heute Vormittag im Kreise der Ihrigen entschlief. Sie blieb biß wenige Minuten vor ihrem Tode bet vollem Bewußtsein. Dem Kaiser wurde von dem Ableben sofort telegraphisch Mittheilung gemacht. Unmittelbar nach Bekanutwerden der Todesnachricht trafen zahlreiche Kundgebungen beß Beileidß ein. Die Kaiserin fuhr gegen 12 Uhr vor dem RetchSkanzlerpalatS vor, um ihr Beileid persönlich auszusprechen. DouuerStag Abend 6 Uhr wird die Einsegnung der Leiche stattfiuden, die sodann tu aller Stille nach dem Bahnhofe überführt wird, um in Schillingsfürst am 26. beigeseyt zu werden.

Berlin, 21. December. DiePost" weist an der Hand des nunmehr vorliegenden amtlichen stenographischen Berichts über die Reichstagßfitzuvg vom 15. d. M. nach, daß der Ab­geordnete Bebel in dem amtlichen Bericht über bteDebatte betreffenb ben Fall Fink wesentliche Abänderungen vor- genommen hat. Gegen dieses Verfahren Bebels hat der Ab­geordnete Freiherr v. Stumm beim Reichstags-Präsidenten Einspruch erhoben unb Remedur beantragt.

BreSlau, 21. December. In einer heute stattgehabten Generalversammlung des Breslauer Landwirthschaft- licheu Vereins wurde, wie derBreSl. Geu.-Auz.^ meldet, ein Vorgehen in dem Sinne beschlossen, daß in den hiefigen unb benachbarten Kreisen ber Hanfirhanbel mit Schweinen Zwecks Verhinderung von Viehseuchen verboten werde. ES sei bereits in anderen Kreisen ein solches verbot eing^ührt und Seitens beß Strehlener Lanbwtrthschaftliche« Vereins an ben Königlichen Landrath eine Petition im gleichen Sinne abgesaudt worben.

Danzig, 21. December. Im Beisein ber Generalität unb ber Spitzen der Behörden fand heute Vormittag 11 Uhr die Taufe beß Panzerkreuzers M durch ben Abmiral Hollmaun statt. Als Vertreter ber Marine waren n. A. anwesend: Staatssecretär Tirpitz unb Abmiral Büchsel. DaS Schiff erhielt ben NamenBiueta".

Danzig, 21. December. In ber Rede, mit welcher Admiral Hollmann den KreuzerBineta" taufte, heißt : Den dir zugedachten Namen übernimmst du von einem Schiffe, welches in Erfüllung der gleichen Aufgabe, wie fie dir jetzt zufällt, die Weltmeere durchfurcht uud im Dienste des obersten Kriegsherrn auf zahlreichen Expeditionen die deutsche Macht im Auslande vertreten hat. Ebenso wie da­mals um die Mitte der 60er Jahre dein Vorgänger als stolzer Zuwachs für die Flotte begrüßt wurde, wird auch von dir erwartet, daß du eine Lücke in de» Reiches Wehr­macht zur See ausfüllst, bie schwer empfunden wurde. Dein Nams weckt die Eriuoerung an geschwundene Herrlichkeit und vergangene Macht, ober beide, lauge schmerzlich vermißt, find mit dem neuen Reiche wieder erstanden, unb auch dir wirb beschieden sein, unter energischer Führung deiner künftigen Commandanten und selbstloser Hingebung deiner Besatzung für Kaiser unb Reich kraftvoll eiuzutreten unb, sei zum Schutze ober zum Trutze, beine Waffen zur Geltung zu bringen.

Frankfurt a. M., 21. December. DieFranks. Ztg." meldet aus Paris: Die Regierung hat dem Panzerkreuzer B ah ar d" Befehl ertheilt, nach ber Bucht von Along (Nord- Tonkiu) abzubampfeu.

Bien, 21. December. In hiefigen politischen Kreisen ist man der Auficht, daß .die von Deutschland und Rußland vorgenommene Besetzung chinesischer Häfen zwar zu Maßnahmen Seitens Englands und Frankreichs führen werden und erwartet man trotz alledem keine unmittelbare Gefahr für den Frieden. Man glaubt allgemein, daß die Großmächte, welche fich in Konstantinopel vertragen gelernt, auch in^Peking zu einer Verständigung gelangen dürften.

Gorz, 21. December. Hofrath v. Klaudy, der fich stets in der Begleitung des Kaisers Franz Josef befindet, sobald dieser Reisen unternimmt, ist an einem Nierenleiden schwer erkrankt.

Budapest, 21. December. Wie verlautet, soll den Bemühungen des Präfidenten beß Abgeordnetenhauses Szilagyt gelungen fein, bie ObstructionSparteieu zur Annahme eines CompromiffeS in ber Angelegenheit beß AuSgleichS-Pro- vi soriums zu bewegen. Daß Compromiß soll barin be­stehen, baß in bas Gesetz eine Bestimmung ausgenommen wird, welche sestsetzt, daß Ungarn vom 1. Januar 1898 an auf der BafiS eines besonderen Zollgebietes steht.

TerneSsar, 21. December. In Mehadia, einem