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23.7.1897 Erstes Blatt
 
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Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Erstes Blatt Freitag den 2Z. Juli_________________________

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 21. Juli. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin trafen heute Vor­mittag von Jagdschloß WolsSgarten hier ein und haben fich Mittags dorthin zurückbegeben.

Berlin, 20. Juli. DieBedeutungderpreußischen Staatsbahnen für die Finanzen deS Staates erhellt auS dec Thatsache, daß die Eisenbahneinnahmen, welche 889 488579 Mk. im Jahre 1890/91 betrugen, bU auf 1039 420 046 Mk. iw Jahre 1895/96 gestiegen waren, und im Jahre 1896/97 den Etatsansatz von 1020592400 Mk. sehr erheblich überstiegen haben, für da« laufende Rechnungs­jahr etat-mäßig auf 1110210350 Mk. veranschlagt sind, mährend sämmtliche Einnahmen deS Staates den Betrag von 2 Milliarden Mk. nur unwesentlich übersteigen. Mehr als die Hälfte der sämmtlichen Staatseinnahmen wird daher jetzt von den Eisenbahnen aufgebracht. Die directen und motrecten Steuern figuriren in dem Etat mit zusammen 234,5 Millionen Mk., die Berg und Hüttenverwaitung mit rund 127, Domänen und Forsten mit rund 91 Millionen Mk., also rund 21 %, etwa- über 11 und 8% der Ein­nahme aus den Eisenbahnen. Noch deutlicher wiro die große finanzielle Bedeutung der Staatsbahnen, wenn man den so« genannten Nettobetrag der Betrachtung zu Grunde legt. Der Uebrrschuß der Eisenbahnen ist in dem laufenden Etat, wenn man auch die einmaligen Ausgaben mit 48 Millionen Mk. von den Einnahmen abzieht, aus rund 436 Millionen Mk. veranschlagt. Von diesem Ueberfchuß ist zunächst die Ver­rufung und Tilgung der Eisenbahncapitalfchuld mit rund 191 und 26, zusammen rund 217 Millionen Mk. zu be­streiten. Die Eisenbahnen liefern daher zur Deckung des Bedarfs anderer Ressorts nicht weniger als 219 Millionen Mk. Der ganze Bedarf zur Bestreitung dieser Ausgaben beziffert fich aber netto auf 480 Millionen Mk., die Eisen­bahnen liefern mithin neben den Mitteln zur Verzinsung und Tilgung der Etsenbahnschulden beinahe 46% deS Nettobe­darfs für die Ausgaben aller anderen Zwetge der Staats- Verwaltung. Bei der vorsichtigen Veranschlagung der Eisen- bahueinnahmen pflegt, von einzelnen Ausgaben abgesehen, der Antheil der Eisenbahnen an der Deckung des Staat«. Bedarfs fich in Wirklichkeit noch höher zu stellen, als im Hat vorgesehen ist. In dem soeben abgeschlossenen Jahre 1896/97 sollten z. B. die Eisenbahnen zu dem Nettobedarf der anderen Ressorts mit 440 Millionen Mk. nach Deckung de« Bedarfs für die Eisenbahncapitalfchuld mit nicht voll 224 Millionen Mk. rund 174 Millionen beitragen. Dabet war der Elfenbahn-Ueberfchuß zu 438 Millionen Mk. ange- nommen worden. In Wirklichkeit beträgt er ober rund 500 Millionen Mk., fodaß 230 bis 240 Millionen Mk von d m Eifenbahn-Ueberfchuß für allgemeine Staatszwecke ver­fügbar blieben. Selbst nach Speisung des Dispositionsfonds er Eifenbahnverwaltung mit 20 Millionen Mk. konnte da- ? her im letzten Jahre ungefähr die Hälfte des Nettobedarfs iilr die gesummten Ausgaben der übrigen Ressorts dem lleberschusse der Eisenbahnverwaltung entnommen werden ' und, wenn der Gesammt-Ueberschuß deS Jahres 1896/97 auf mehr als 100 Millionen Mk. angegeben wird, so ent­fällt die größere Hälfte auf den Mehrüberschuß, welchen die Eisenbahnverwaltung über den Etat geliefert hat.

Berlin, 20. Juli. Der nach Berlin zum Professor berufene Amtsgerichtsrath Dr. Reinhold in Wiesbaden hielt dort vor seinen ehemaligen AmtSgenosien eine Abschieds­rede, die in weiten Kreisen Aufsehen erregt hat. U. A. sagte Reinhold darin, feine Berufung in ein akademisches Lehramt habe durch ihr Zusammentreffen mit dem Vorgehen der Re- Gerung gegen den sogen. Katheder-SocialitmuS rin Aufsehen und einen Lärm erregt, der neben berechtigter Kritik vor Allem wieder die Gehässigkeit der Partetleidenschaft zeigt. Während ihm die Ausficht gewinkt habe, in Wiesbaden, auf dieser Insel der Seligen", friedlich sein Dasein fortzuspinnen, sei er jetzt wieder in daS offene Meer des Streites hinein- g.trieben und sofort einer derartigen Entstellung seiner Ge- fmnung und seiner politisch - wirthschaftlichen Ueberzeugung preisgegeben worden, daß er diese Gelegenheit zur Berich- ügung der über ihn geäußerten übelwollenden und einander widersprechenden Meinungen mit Eifer ergreife. Er nehme seine heutige Anwesenheit unter wohlwollenden Hörern wahr, um wenigstens in einigen Strichen ein Bild seiner prin- cipiellen Stellung zu den für feine künftige Lehrtätigkeit m Betracht kommenden Problemen der Gegenwart zu zeichnen unb damit zugleich einer von anderer Seite her auf ihm lastenden GewisienSpflicht zu entsprechen. ES betreffe dies ba« Verhältnis der gegenwärtigen Regierung zum Volk. Durch seine Vergangenheit, sein Richteramt, seine Ueberzeu-

gung von der Nothwendigkeit einer starken Staatsgewalt, eine treue Gesinnung für die Monarchie und seine uner* schütterliche Ansicht von der rettenden Bedeutung einer mäch­tigen Armee auf die Seite der Regierung gewiesen, sehe er, wie unzählige, gleichgesinnte Freunde, mit wachsender Sorge eine Entfremdung zwischen Regierung und Volk einreißen, welche schwere Gefahren berge. Man fragt fich erstaunt, ob die Regierung die Stimmung und die Bewegung im Lande nicht sehe ob r nicht sehen wolle, und auf welche Elemente fie denn ein haltbares System zu gründen gedenke, wenn sie die breiten Kreise deS gebildeten und gemäßigt liberalen BürgerthumS tödtlich verletze und dem ohnehin riefig anwachsenden RadicaliSmuS zutreibe. Prof. Reinhold gab dann eine Charakteristik des Katheder - SocialiSmuS und der gegenwärtigen Regierungspolitik, deren gemeinsamen Jrr- thum er in einer Ueberschätzung der Möglichkeit, auf den Weltlauf einzuwirken, und in einer verkehrten Stellung zum Problem der Freiheit erblickte.Die in der modernen Zeit, namentlich in Preußen, weit verbreitete Meinung, in der Socialpolitik sei auf dassociale Königthum" die Hoffnung der Zukunft zu setzen, ist eine Illusion. Das Königthum ist heute völlig unvermögend, große resormatorssche Thaten, wirkliche Umwälzungen in der Volkswirthschast und in der Gesellschaft durchzusetzen. Dies kann allein ein zwar stark regiertes, aber freies Volk. Nur auf einer nicht formell, aber dem Wesen nach demokratischen Grundlage ist der Versuch einer kühnen Socialpolitik möglich."Das nächste Jahr wird uns eine erschütternde KrifiS bringen. So un« endlich schwer es auch ist, baß deutsche Volk zu einem ein­heitlichen Willen und zu einer deutlichen Erklärung zu bringen, so ist doch sicher, daß in einem Punkte klar, fest und deutlich sein und bet den nächsten Wahlen fich dahin einheitlich außsprechen wird, daß eS so nicht weiter regiert sein will. Ich höre nicht mit Lassalle den ehernen Schritt der revolutionären Arbeiterbataillone, aber ich höre den dröhnenden Schritt der Wählerbataillone: man wird eine Kundgebung deß deutschen Volke« von einem drohenden Ernst erhalten, wie fie bisher bei uns unerhört gewesen ist. Der nächste Wahlkampf in Deutschland wird daS größte Ereigniß des ausgehenden 19. Jahrhunderts sein. Die ganze civili- firte Erde wird ihm athemloS zuschauen. Denn eS handelt sich um die weltgeschichtliche Entscheidung darüber, ob daS Land der Geistesfreiheit und der Cultur, der Bannerträger deß Gedankens der Persönlichkeit und freien Menschlichkeit sich aus die aussichtslose Seite der Reaction stellen oder daß Erbe Friedrichs des Großen ersolgreich vertheidigen wird. In jedem Falle steht ein schwerer, alle Grundlagen deß neuen deutschen Staateß erschütternder Kamps bevor. An die verantwortlichen Staatßlenker ergeht da« warnende Wort, daß ein großes Volk in Zeiten der Gefahr den Beauftragten seine« Willens zu tief:Videant consules ne quid detri- menti respublica capiat.

Homburg v. d. H., 21. Juli. Während de« Kaiser« Manövers werden in der Zeit vom 3.5. September außer dem Kaiser Wilhelm noch in Homburg wohnen: die Könige von Italien, von Sachsen und von Württemberg, die Großherzoge von Baden, von Sachsen und Hessen, der Fürst von Hoyrnzollern, die Prinzen Albrecht und Heinrich von Preuyen, vier bayerische Prinzen, der Prinz Bernhard von Sachsen-Weimar, außerdem eine große Anzahl fremdländischer Offiziere. Sodann werden noch hier untergebracht: das Kriegsministerium, der Große Generalstab der Armee, die Generalstäbe des 11. und 16. Armeecorp« mit der Rad« sahrer-Abtheilung und die StabSwache; ferner der Stab der 83. Infanterie-Brigade, eine Compagnie des 11. Jäger- bataillonS, die Leibgensdarmerie, die Ehrenwache und zwei Mufikcorps. Die Festhalle des mittelrheinischen Kreis« Turnfestes wird zu Stallungen für den kaiserlichen Hof« marstall eingerichtet.

Wolff« telegraphische« Correspondenr-Bureiu.

Berlin, 21. Juli. Einern Privattelegramm derGer- mania" zufolge wird auS den deutschen Schutzgebieten in der Südsee geschrieben, der Forschungsreisende Ehler« sei im Kaiser WilhelmS-Lande seiner Zeit nicht ertrunken, sondern mit dem begleitenden Polizeiunteroffizier von seinen hungernden und meuternden Bukkalenten erschoffen und dann inß Wasser geworfen worden. Die Sache sei von einem der Betheiligten jetzt angezeigt und der Mörder bereits zum Tode verurtheilt.

Berlin,21. Juli. Der Saatenstand für Preußen Mitte Juli weist folgende Ziffern auf: Winterweizen 2,4, Sommerweizen 2,8, Winterspelt 2,1, Winterroggen 2,5,

Sommerroggen 3,2, Sommergerste 3,0, Hafer 3,1, Erbsen 3,2, Kartoffeln 2,9, Klee und Luzerne 2,8, Wiesen 2,8, wobei 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel bedeutet- hierzu wird bemerkt: Die meisten Berichte beklagen die große Dürre, namentlich in den Oftprovinzen. Seit dem zweiten Julidrittel trat in der Osthälfte Preußens Regen ein, der den Futterpflanzen und den Kartoffeln sehr nützlich war. Die AuSfichten auf eine gute Ernte bei der Sommerung find wesentlich herab« gemindert. Au« manchen Gegenden wird großer Hagelschaden gemeldet.

Rom, 21. Juli. Mit dem König kommt auch die Königin von Italien am 3. September nach Homburg vor der Höhe, um den großen Mauövern beizuwohnen.

Bergen, 21. Juli. DieHohenzoller.n" ging heute Vormittag 9 Uhr nach Norden ob; dem Vernehmen noch zunächst nach Sogn. Der KreuzerGefion" mit Herzog Karl Theodor in Bayern an Bord ging bereits eine halbe Stunde vorher nach Göteborg ab. Das Wetter ist klar und schön.

Ronca, 21. Juli. (HavaS.) Der Gouverneur begab fich gestern nach Retimo an Bord des russischen Admiral« schiffes, um Über die neuerlichen Unruhen Aufklärung zu geben. Danach verließen die Türken SamStag Nacht die Stadt und griffen die Christen an, wobei fieben Personen getödtet und drei verwundet wurden. Eine Person wurde geblendet. Gestern griffen unbewaffnete Türken eine russische Provlantcolonne mit Lebenßwitteln für die Christen an. Die Soldaten trieben die Angreifer mit Kolbenstößen zurück. Die Ordnung wurde Dank der Inter­vention deS Admiral« wiederhergestellt. Die Aufregung dauert fort.

Depeschen de« Bureau ,Hrrvw."

Berlin, 21. Juli. DemLocalanzeiger" wird au« Konstantinopel telegraphlrt: Der Kaiser habe den Sultan eingeladen, zu den deutschen Manövern einige Offiziere zu entsenden. Der Sultan sprach seinen Dank au« und wird Grumbkow Pascha mit einem Adjutanten und wahrscheinlich noch einigen Offizieren dazu commandiren.

Berlin, 21. Juli. Daß Herrenhaus tritt morgen Mittag um 12 Uhr zu seiner 27. Plenarfitzung zusammen. Auf der Tagesordnung steht nur die zweite Abstimmung über die Vereinsgesetznovelle.

Berlin, 21. Juli. Als eventueller Nachfolger de« Untcrftaatöfecretär« im ReichSpostamt, Dr. Fischer, wird der Geheime Rath Sydow genannt.

Berlin, 21. Juli. Der Minister der öffentlichen ar­beiten hat neuerdings Veranlassung genommen, die Bestimmung in Erinnerung zu bringen, nach welcher die Untersuchung der Eisenbahnunfälle nach Möglichkeit zu beschleu­nigen ist.

Berlin, 21. Juli. Wie derVolkszeitung" zufolge verlautet, soll die preußische Regierung die Einführung der Staffeltarife planen.

Berlin, 21. Juli. Im conservativen Bürgerverein Moabit sprach gestern Abend Rechtsanwalt Ulrich über die menest en W andlungen im Ministerium und deren Be­deutung für die conservative Partei. Redner be­zeichnet Herrn v. Miquel als den kommenden Mann. Man müsse Miquel, obwohl er in seiner Jugend revolutionäre Anwandlungen hatte, hochachten, da er seine Jrrthümer offen eingestanden hat. Miquel befitze das Vertrauen des Kaiser« unb so lange kein Beweis vorliege, daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werde, könne man in Miquel den tünftigen Mann erblicken. Mit der Solinger Rede des Herrn v. Miquel könnten fich die Conservativen vollständig einverstanden er­klären. Die conservative Partei könne froh sein, wenn Miquel ans Ruder komme. Daß Freiherr v. Marschall noch einmal eine leitende Staatsstellung erhalte, fei völlig ausgeschlossen.

Hamburg, 21. Juli. Die gelammte Kreuzer« Division bleibt demHamburger Corresp." zufolge von Ende Juli ab längere Zeit in den japanischen Gewässern stationirt.

Dessau, 21. Juli. Der 2 5. VerbandStag des Verbandes deutscher Barbiere, Friseure und PerÜckenmacher-Jnnungen bestimmte gestern al« Ort des nächstjährigen VerbandStage« BreSlan.

Straßburg, 21. Juli. Der katholische Geistliche und Gymnasial Professor Wilhelm Bunkofer zu Wertheim a M. veröffentlicht in derStraßb. Post" eine längere, ausführlich begründete Erklärung, in der er seinen Austritt au« der katholischen Kirche und seinen Uebertritt zum Protestantismus anzeigt. Brunkofer erklärt,- seiner Ueberzeugung und dem