Hülsen ihre volle Schuldigkeit gethan. Wiesbaden, davon den Nachbarstädten Frankfurt und Darmstadt in theatra- lischer Hinsicht so lange tu Schatten gestellt war, befiuut sich wieder aus seine Mission und beansprucht seine Solostimme im Concert der deutschen Theater. Die Berechtigung aber zu solchen Aosprücheu hat ihm die Energie de- jungen Herrn v. Hülsen gegeben, der seine Truppen mit scharfem Feld, herrnbltck auf die richtigen Stellungen zu vertheilrn weiß.
Ueber die erste Nummer de-Festprograwm-, da- historische Schauspiel „Der Burggraf" von Joseph Laufs, da« die Aotheilnahme, welche ein Zollern an der Wahl Rudolfs von Habsburg zum deutschen Kaiser gehabt, künstlerisch der« arbeiten möchte, wollen wir uns nicht weiter in kritische- Echauffement versetzen. Da« Stück leistet alles, was man von einer GelegenhetrSdichtung fordern kann, und ist so gur und so schlecht wie Dutzende seines Genre« — ein Kunst, werk ist es nicht. Künstler, ja Dichter find in diesem Falle nur die Leute, welche da« Bühnenmilieu dafür Herrichten. Dieses nimmt fich aber auch so prächtig und so historisch ächt auS, daß die aus der Theaterwelt verschwundenen „Meininger" ihre Freude daran haben könnten, und wir schon ob diese« Drum und Dran froh sein wüsten, zu den Bevorzugten zu gehören, die fich diesen „Burggras" ansehen durften.
Angehört haben wir dann bald darauf ein altes, ewig juugeS Werk, „Der Barbier von Sevilla", de« melodtensprudeluden Rossini, dessen mufikalischer Genius hier durch erste Gesangskräfte verdolmetscht wurde. Eine Erika Wedekind für die allerliebste Heldin „Rosine", einen Paul Bulß für den Schelm von „Figaro", den sieghaften Tenor des HanS Gießen für den „Grafen Alwavta" u. f. w. — kurz, eS war eine Besetzung, die dem Kunst« verstände der Leitung die höchste Ehre und uns die größte Freude machte.
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Hratisöeikage: Hießener Kamilienblätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi« Sonn. 10 Uhr.
Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 goldener Zwicker, 1 Brieftasche mit Inhalt, 1 Regenschirm, 1 Schürze, 1 Knabenhut, 1 Buch, 1 Luftpumpe und 1 Wagenkapsel.
Gießen, den 22. Mai 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
vierteljähriger ASonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
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Der Kießener Anzeiger erscheint täglich, Wit Ausnahme deS Montag«.
Die Gießener Alamikieaölälter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelrgt.
Politische Wochenschau.
Waffenstillstand zwischen Griechenland und der Türkei. — stellte FriedenSbediugunge«. — Fernere Gestaltung der Dinge in Athen.
Ein erfolgreicher Widerstand der griechischen Truppen aus der nach der Niederlage von PharsaloS-Belestinos am 5. und 6. d. MtS. eingenommenen Stellung DomokoS Halmyr oS war nicht zu erwarten. Daß sich die Griechen hier überhaupt so lauge halten konnten, war nur dank der außerordentlichen Langsamkeit der türkischen Operationen möglich gewesen. Am 17. ist nun die Entscheidung aus der ganzen Linie gefallen, die von Neuem in einer vollständigen Niederlage der Griechen geendet hat,- ein Vorfall, der übrigens keine allzugroße Ueberraschung bei den Mächten hervorgerufen hat, da man fich über den AuSgang dieses Gefechtes keinerlei Hoffnungen auf griechische Stege gemacht hatte noch machen konnte und die Wiederaufnahme der Feind- seligkeiten von Setten der Griechen von den europäischen Mächten aufs Schärfste verurtheilt worden war. Es nimmt daher kein Wunder, daß, in Anbetracht dieser Umstande, die von Setten der Mächte betm Sultan gemachten Schritte be- husS Einstellung der Feindseligkeiten kein Gehör sanden. Abdul Hamid hat sich dadurch keineswegs beeinflnflen lassen, sondern sein Programm ruhig bis zu Ende ourchgeführr, was nebenbei gesagt, für die Griechen die Einnahme von DomokoS bedeutete. Inzwischen ist vom Zaren auS eia Handschreiben an den Sultan ergangen, fn welchem Ersterer auf die guten Beziehungen der beiden Länder hinweist und im Interesse aller Betheiltgten den Sultan um Einstellung der Feindseligkeiten bittet. Dieser Brief hat anscheinend seinen Zweck nicht verfehlt- am 18. ist den türkischen Ober- commandos der Befehl zur Einstellung der Feindseligkeiten zugegangen, welcher die Abschließung eines sieb- zehntägigen Waffenstillstands zur sofortigen Folge hatte. Der Augenblick, tu dem dieKrtegshaudlung eingestellt wird, ist für die Türkei günstiger als irgend ein früherer während des ganzen Feldzugs. Besonders gilt dies von Epirus. Während hier wochenlang mit wechselndem Erfolg gekämpft wurde, Prevesa mehrmals dem Falle nahe
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Polizei-Verordnung, betreffend die Benutzung der öffentlichen Brunnen und der 1 städtischen Quellwasserleitung in der Stadt Gießen.
§. 1.
Die Benutzung der auf den öffentlichen Straßen und Plätzen ausgestellten Beutilbruuueu der städtischen Quellwasserleitung ist nur für den gewöhnlichen Hausbedarf gestattet; jede weitergehende Entnahme von Wasser aus diesen Brunnen, insbesondere zu gewerblichen oder laudwirth- schaftlicheu Zwecken, oder unter Verwendung von Schläuchen und Fuhrwerken ist verboten.
Das Wasser aus allen öffentlichen Brnnueu darf nur mit reinen Zübern, Eimern und kleineren Gefäßen entnommen werden.
Ein unnützes Laufenlassen der Ventilbrunnen ist verboten.
Beim Wasserholen gebührt dem zuerst Kommenden für die Füllung höchstens zweier Gefäße der Vorzug.
§. 2.
Jede Bernnreiuiguug der öffentlichen Brnnueu, sowie der zugehörigen Ständer, Schächte und Vorschächte, Ablaufsschalen, Tröge und Rinnen, desgleichen das Ausspülen, Ab- und Auswaschen aller Art von Gegenständen, sowie das Waschen von Gemüse rc. und das Viehtränken an den öffentlichen Brunnen ist untersagt, unbeschadet der Befugniß zur Entnahme von Wasser zu letzterem Zweck.
Desgleichen find verboten alle Handlungen beim Gebrauch der öffentlichen Brunnen, welche im Winter zu gefährlicher Eisbildung Anlaß geben können, ferner das Entleeren von Wasser in die Schächte der Pumpbrunnen und in die Vorüber Einlauf-)Schächte der Ventilbrunnen.
§. 3.
Die unbefugte Entziehung von Waffer aus der Quellwasserleitung, sowie jede den Bestimmungen für den Bezug von Wasser aus dem Wasserwerk der Stadt Gießen widersprechende Benutzung der Wasserleitung ist verboten.
Bei Brandausbruch in der Stadt sind alle Zapfstellen der Privatleitungen bis nach Bewältigung des Feuers möglichst geschlossen zu halten.
§. 4.
Zuwiderhandlungen gegen diese Polizei-Verordnung und die auf Grund derselben erlassenen Verbote werden, sofern nicht höhere gesetzliche Strafen einzutreten haben, mit Geld- strafen bis zu 30 Mark, an deren Stelle im Falle des Unvermögens Haft tritt, bestraft.
Tusii
Gießen, den 21. Mai 1897.
Betr.: Die Aufficht über das Faselvieh.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der zu deu ASrbezirkeu Gießen - Hungen Lieh gehörenden
Gemeinden des Kreises.
Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere, Zuchteber Ategen- und Schasböcke durch die Körcommisfion G. H. L. Utrb demnächst stattfinden. Der Tag der Befichtigung wird Ihnen durch Großh. Kreisveterinäramt Gießen mitgetheilt werden.
Sie wollen die Halter der Faselthiere anweisen, an dem bezeichneten Tage zu Hause zu bleiben und die Thtere der Körcommisfion bei deren Eintreffen vorzuführen, sich auch selbst bereit halten, um [ber Körcommisfion auf Nachsuchen förderlich zu sein.
v. Gagern.
Betr.: Den Umbau der Stadtkirche.
Bekanntmachung.
Die Kirchstraße vorn Kirchenplatz bis zur Wetzsteingasse wird hierdurch für den Fuhrwerksverkehr bis auf Weiteres polizeilich gesperrt.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold. ________________
Betr.. Die Benutzung der städtischen Quellwasserleitung und der öffentlichen Brunnen.
Bekanntmachung.
Da die Wahrnehmung gemacht worden ist, daß von Gewerbetreibenden aus den Ventilbrunnen der städtischen Quellwasserleitung auch zu gewerblichen oder landwirthfchaft- lichen Zwecken Wasser entnommen wird, bringen wir nachstehend den Auszug aus der Polizei-Verordnung vom 25. Mai 1893 mit dem Anfügen wiederholt zur allgemeinen Kenntniß, daß Zuwiderhandlungen unnachsichtig zur Anzeige gebracht werden.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
LerrMetsn.
Wiesbsdrn während der Mustervorstellungen.
(Nachdruck verboten.)
M. Eine kleine Stunde fährt man bekanntlich von Frankfurt nach der ehemaligen TaunuSrestdenz. In diesem kurzen Zeiträume nimmt der empfängliche Sinn de« Reifenden zwei Großstadteindrücke auf, die in reizvollem Gegensätze zueinander stehen. Hier daS gewerbfleißige, geschäftige Frankfurt, dessen Bewohnern man eS sofort anfieht, daß sie ihre Zeit für kostbar halten und fich nicht ohne sehr triftigen Grund irgend einen LuxuS mit derselben erlauben. In Frankfurt lebt man immer sozusagen mit der Uhr in der Hand. In Wiesbaden scheint man fich deS EhronometerS hauptsächlich zu bedienen, um die Promenade in den Wandelhallen des „Kochbrunnen" und die Spaziergänge auf den sorgfältig gepflegten Terrainkurwegen in einer für die Gesund- heit zuträglichen Weise zu controliren. Im Uebrtgen läßt «an fich Zeit, denn man hat ja geradezu die Verpflichtung zur Muße. Schon im Gebrauch, der von den Fahrgelegenheiten gemacht wird, zeigt fich das an. In Frankfurt werden un den Verkehrsknotenpunkten die Tramways förmlich ge- stürmt, Ein- und AuSstetgen vollzieht sich in geschäftiger Haft. Ganz anders in Wiesbaden, wo auch der Herr meistens das Haltesignal in aller GemÜthSruhe abwartet, koo man, wenn man fich bei „Beau fite" in den „Dampfwagen" fetzen will, fast noch immer zurecht kommt. Kurz, «ine gewisse Behaglichkeit, die vornehme Ruhe eines mit allem modernen Luxus anSgestatteten WeltbadeS ruht auf der Stadt, die mit ihren ausgedehnten Parkanlagen und Villen- Kraßen den Fremden wie den Einheimischen tagtäglich eine Fülle der herrlichsten! Genüsse bescheert, Genüsse, die noch Leinen Pfennig kosten und über deren Werth man fich erst ff, recht klar werden würde, wenn Einem, nachdem man lange die würzige Luft des Taunusgebtrge« geathmet, da« Auge
am Silberbande des Rheinstromes bet „Biebrich" gelabt, daS Schicksal plötzlich tn eine mit Fabrikschloten erfüllte Provinzial- ftadt schleudern sollte!
Wie würde man ihn vermissen, diesen Glanz, der schon von den ersten Morgenstunden ab auf dem ganzen Leben, so wie eß fich um Kurhaus, Kochbrunnen, Neroberg rc. herum eoncentrirt, zu lagern scheint, dieses sonntäglich heitere Gepränge, das die Wilhelm«- und Taunusstraße in wahre Fest- atteen verwandeln, in welchen fich gewandte Reiter, flotte Radler, noble Fuhrwerke tummeln?! So elegante Radfahrerinnen wie in Wiesbaden bekommt man nur noch in Wien zu sehen. Wiesbaden trägt ja saft täglich sein Sonn- tagskleid, wie kann da noch von einem besonderen Festschmuck die Rede sein, wie läßt fich baß an fich Schöne noch verschönern? Vielleicht nur tn der Gesammtftimmung, aber diese ist wohl zu beachten. Die Anwesenheit deS Reichsoberhauptes, daS nicht gekommen ist, um ernste, schwere Fragen mit ernsten Mienen zu verhandeln, sondern um fich dem reinen, interesselosen Wohlgefallen an edlen Kunstgenüssen mit freiem Behagen htnzugeben, muß auch dem Leben eines Badeortes unwillkürlich schnellere Impulse geben. Die LebenS- ströme, die sonst hier so gemächlich kreisen, gerathen auf einmal in eine lebhaftere Bewegung. Ein gemeinsames Ziel bekommt das ganze Treiben. Man will Kaiser und Kaiserin möglichst oft sehen, man will da sein, wo fie find, die nämlichen Kunstetndrücke auf fich ,wirken lassen, welche die Anwesenheit der höchsten Herrschasten ins Dasein gerufen hat, und somit ist denntzsür diese Festtage daS Königliche Theater, der Kunsttempel am warmen Damm, der natürliche Mittel- und Anziehungspunkt geworden. Das Losungswort „Mustervorstellungen" ist in dem Sinne zu sassen, daß alles, waS die Bühnenkunst an äußeren und inneren Mitteln einem Werke geben kann, bei dieser Gelegenheit in Anspruch genommen werden soll. Da« bezieht fich sowohl auf die darstellenden Kräfte, wie auf Dekorationen, Maschinerien, Sou» liffen u. s. w. Nach beiden Seiten hin hat die Intendanz


