1S97
Sonntag den 23 Mai
Ur. 120 Drittes Blatt
Der Oiete«er Axzei-er erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagZ.
Die Gießener K«milie»vlälter »erden dem Anzeiger »Achintlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Liertelsähriger Avonnemeutspreis^ 2 Mark 20 Pfg. mt» vringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 $f0-
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Amts- und Anzeigeblatt für den TLveis Gießen.
Feuilleton.
Wochendriefe ans der Residenz.
(Originalbericht deS .Gießener Anzeigers^).
Z. Darmstadt, 20. Mai.
Bom Srotzherzoglichea Hofe. — Soucertbericht. — Theater.
Auf die geräuschvollen Hoffeste, welche mit dem so glanzvoll verlaufenen Wohlthätigkeitsfeste unter dem Pro- tectorate Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin AuSgangs des verfloffenrn Winters ihren würdigen Abschluß gefunden hatten, war eine lauge Zeit der Stille in dem gesellschaftlichen Leben der höchsten Kreise der Darmstädter Aristokratie gefolgt, die namentlich durch die Abwesenheit deS landeSfürst- lichen Paare- veranlaßt war. Nun da die Allerhöchsten Herrschaften wieder in der Restdenz eingetroffen find, ist auch wiederum regeres Leben in jenen Cirkel gekommen. Die hohen Herrschaften weilen sehr gerne unter den hier einheimischen Familien der Hofgesellschaft, wie die verschiedenen Einladungen der letzten Z'.it deutlich beweisen. So fanden tu den verfloffenrn Tagen der vorigen Woche verschiedene Hoftafeln im Neuen PalaiS und Schloß statt, zu denen die diplomatischen CorpS, die Minister, eine Anzahl Standes- Herren und viele Mitglieder der Hofgesellschaft mit ihren Damen geladen waren. Auch eine Tanz-Unterhaltung, die am vergangenen SamStag arrangirt war, führte etwa 80 Damen und Herren der Gesellschaft in den Räumen deS „alten PalaiS" am Luifenplatz zusammen. Letzten Montag zeichneten die Allerhöchsten Herrschaften Herrn Major Freiherr» 0. Hehl zu Herrnsheim durch einen Besuch in dessen herrlicher Billa an der Wehprechtstraße dahier auS, bet dem
] Gratisbeilage: Gießener Kamilienökätter
■enorme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« fangenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Alle Annonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Betr.: „BtlderatlaS zur Geographie von Europa", mit beschreibendem Text von Dr. Alois Geiftbeck.
Die
Gtttzh. KreiS-SchulcommGov Gießen
au die Schulvorstände des Kreises.
Bon nachstehender Verfügung geben wir Ihnen Kenntniß. v. Gagern.
Darmstadt, am 12. Mat 1897. Betr : Wie oben.
Das Großh. Ministerium des Innern
Abtheilung für Schulangelegenheiten au die Großherzoglichen Directioueu der Gym- «asieu, Realgymnasien und Realschulen, höheren Mädcheuschnleu, Schullehrer-Semiuarieu, sowie die Großherzoglicheu Kreisschuleommisfioueu.
Im Verlag des Bibliographischen Instituts tu Leipzig und Wien ist der obige BilderatlaS erschteuen, welcher auf 184 Seiten eine größere Anzahl von europäischen LandschaftS- und Städtebildern rc. in Holzschnitt, nebst zugehörigem be schreibendem Text, enthält. Der Preis dieses Werks (in Leinwand gebunden) beträgt 2.25 Mark.
Wir machen Sie auf daffelbe zur gelegentlichen Anschaffung für die Bibliotheken der Ihnen unterstellten Anstalten «ud Schulen aufmerksam.
__________________V. Knorr.___________________
Bekanntmachung,
betreffend: die Veranstaltung von Berloosungen innerhalb deS GroßberzogthumS.
Der Oberhesfische Bienenzüchterverein beabsichtigt in Verbindung mit der am 13. September l. I. zu Grünberg stattftndenden 37. Wanderversammlung eine Berloosung von Bienenvölkern, Bieuenproducten und Utensilien zu veranstalten.
Das Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Berloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 3 000 Loose zu 0.50 Mk. das Stück auSgegeben werden dürfen und mindestens SOpCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden find.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.
Gießen, den 20. Mat 1897.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, l
betreffend Maul- und Klauenseuche.
In Amönau und Freisbach, Kreis Marburg, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrocheu, und deshalb Gemarkungssperre angeordnet worden.
In Merlau und Nieder-Ohmen, Kreis Alsfeld, Rinderbügen und Bingenheim, Kreis Büdingen und Wetterfeld, Kreis Schotten, ist die Maul- und Klauenseuche erloschen und find die verhängten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben worden.
Gießen, den 20. Mai 1897.
Großhsrzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Großh. Ministerium der Finanzen hat genehmigt, daß mit Rücksicht auf die verspätete Zustellung der Steuerzettel die Frist zur Borbringung von Reklamationen für dieses Jahr erstreckt wird:
in den Landgemeiudeu bis Mitte Juni, in der Stadt Gießen bis Mitte Juli.
Die Großh. Bürgermeistereien werden ersucht, dies in ortsüblicher Weise bekannt zu machen.
Gießen, den 21. Mai 1897.
Großh. Steuercommiffariat Gießen.
Bähr.
Bekanntmachung.
Die Provinzial Fohlenweide bei Merlan be- ginnt in diesem Jahr am 1. Ium. Die Fohlen müssen an diesem Tage zwischen 10 und 1 Uhr Mittag- daselbst mit gezeichneter Halfter und Kette, sowie mit Gesundheits- schein von Großherzoglicher Bürgermeisterei oder Veterinär' arzt abgeliefert und den 30. September d. I. um dieselbe Tageszeit abgeholt werden, wobei der Besitzer beim Einfangen behülfltch sein muß.
Die Fohlen erhalten neben Behandlung und Weidefutter auf ca. 34 Hektaren, Kleegras von 12 Morgen, Abend- in vollen Rationen auf den Raufen- ferner Morgens vor Austrieb per Stück 4 Pfd. Heu und außerdem pro Tag und Stück 3 Pfd. Hafer aus der Vereinskaffe. Jeder Besitzer kann jedoch Haferzusatz in Natur oder durch Selbftzahlung geben laffen.
Das Weidegeld für bezeichnete Zeit von 4 Monat beträgt pro Fohlen 54 Mk. 90 Pfg. oder pro Tag 45 Pfg. und muß die Hälfte beim Eintrieb und die andere Hälfte vor dem 1. August l. I. an die Verwaltung resp. Großherzog' heben Baurath Dr. Dieffenbach in Grünberg bezahlt werden. Allenfallsige Kurkosten der Fohlen muß der Eigenthümer be> zahlen. Letzterer kann wegen begründeter Verhältnisse sein
Fohlen zu jeder Zeit zurücknehmen und bezahlt dann nur die benutzte Wetdezeit. Kranke und bösartige Thtere, sowie über P/t Jahr alte Hengste, welche die anderen Thiere stören, können auSgeschloffeu werden. Sonstige Auskunft ertheilt der genannte Grobherzogliche Baurath Dieffenbach.
Laubach, den 20. Mai 1897.
Der Präsident de- landwirthschaftl. Vereins von Oberheffen. Friedrich Graf zu SolmS-Laubach.
226. Sitzung. Freitag, den 21. Mai 1897.
Die Beratbung der Handwerker-Vorlage wird fortgesetzt bei S 100, der von den Zwangstnnungen handelt. Eine Zwangs- tnnung soll nach der Vorlage nur dann von der höheren Verwaltungsbehörde angeordnet werden können, wenn die Mehrheit der beteiligten Gewerbetreibenden zustimmt.
Die Commission hat auf Antrag Gamp einen neuen Zusatz dahin beschlossen, daß die Behörde in besonderen Fällen auch ohne Zustimmung der Mehrheit der Betheiligten die Errichtung einer Zwangsinnung anordnen kann. Einem zweiten Zusatz zufolge soll, auf bezüglichen Antrag, der Beitrittszwang auf diejenigen Gewerbetreibenden beschränkt werden können, welche der Regel nach Gesellen und Lehrlinge halten. „
Abg. Metzner (Centr.) beantragt, für diesen letzteren Fall sollen an der Abstimmung der Betheiligten über Errichtung der Zwangsinnung auch nur diejenigen Meister theilnehmen, welche der Regel nach Gesellen und Lehrlinge halten.
Abg. B-sfermann (natl.) beantragt die Errichtung der Zwangsinnung nicht von der Zustimmung der einfachen Mehrheit, sondern von 2/3 Mehrheit der Betheiligten abhängig zu machen. Die Errichtung der Zwangsinnungen dürfe nicht zu sehr erleichtert werden, sonst werde Gegendruck erzeugt. Nur wenn eine entschiedene überwiegende Mehrheit den Beitrittszwang wünsche, sei ein gedeihliches Wirken der Innung zu erwarten Starke Bedenken stünden aus diesem Grunde dem Zusatz 1 der Commission entgegen, wonach in besonderen Fällen die Zwangsinnung selbst auf den bloßen Wunsch einer Minorität soll angeordnet werden können. Er bitte, diesen Zusatz zu streichen.
Abg. Frhr. o. Hertling (Ctr.) weicht in Bezug auf die Beschlüsse der Commissio» von feinen Freunden ab. Die Commission habe diesen S 100 so umgestaltet, daß er für ihn unannehmbar sei. Mit seinen Freunden theile er selbstverständlich das Interesse für das Handwerk. Er glaube aber, daß das Gerede von dem Niedergange des Handwerks sich ebenso sehr als Lüge herausgestellt habe, wie das Gerede von der Verelendung der Massen. (Lebhafte Bewegung.) Eine Zwangsorganisation nach der Schablone halte er für nicht ersprießlich. Der Zwang schaffe nur ein Jnnungsleben auf dem Papier. Auf den Boden der früheren Berlepsch'schm Vorlage habe er daher nicht treten können, dagegen sehr wohl auf den Boden der jetzigen Vorlage in ihrer ursprünglichen Fassung, gemäß dem Kompromiß der verbündeten Regierungen. Wolle die Mehrheit der Bethetligten den Jnnungszwang, dann laffe sich allenfalls annehmen, daß derselbe im Interesse der Betbeiligten liege. Aber für die von der Commission beschlossene Umgestaltung könne er nicht stimmen, denn dadurch sei das Pcinctp der Vorlage durchbrochen und die Errichtung der Zwangsinnung vollständig in das discretionäre Ermessen der Verwaltungsbehörden gestellt. Der Reichstag habe gar keinen Anlaß, weder auf wirthschaftlichem, noch auf politischem Gebiete das behördliche discretionäre Ermessen noch zu erweitern. Dazu komme, daß bei Einführung dieses discretionären Ermesiens die Agitation gar niemals aufhören werde, denn wenn eine Verwal-
genannter Herr den hohen Herrschaften durch ein gerade hier anwesendes Zauberkünstlerpaar eine Reihe von Kunststückchen vorführen ließ, die die Herrschaften sehr amüsirten. Auch die eben gerade hier stattfiudende Meffe besuchte die Großherzogin mit der kleinen Prinzeß Elisabeth und den Kindern des Prinzen Ludwig von Battenberg. Die hohe Frau durchwanderte mit den Kleinen die Reihen der Buden- stadt, machte mit ihnen mancherlei Einkäufe, besuchte auch einen Waffelwagen und unternahm sodann zur großen Freude ihrer Begleiterinnen eine Fahrt auf einem am Ernst-Ludwig-- Platz stehenden Carouffel. Zum Schluffe ließ die hohe Frau noch in einer der nie bet der Meffe fehlenden Moment- Photographie-Buden die Kinder zusammen photographiren.
Auch die vom hiesigen Musik-Verein zu Ehren deS verstorbenen großen Tondichters Johannes BrahmS veranstaltete Gedächtnißfeier beehrte das Großherzogliche Paar mit Allerhöchst Seinem Besuche. Das Podium des großen Saales deS Städtischen SaalbauS zeigte im Hintergründe die lorbeergezierte Büste des entschlafenen Meisters in reichem Pflanzeuschmucke und im Saale und auf den Galerien hatte ein außerordentlich zahlreiches, andächtig gestimmtes Publikum Platz genommen.
Den Beginn der würdigen Feier machte der ergreifende Vortrag des herrlichen Chorwerks „Nänie" durch den Verein. Alsdann betrat der leider inzwischen ebenfalls Heimgegangene Geh. Hofrath Theodor Münzer, der ausgezeichnete Declamator und frühere langjährige Director des hiesigen HoftheaterS, die Bühne und trug einen aaS der Feder des Gymnasiallehrers Dr. Eduard Otto stammenden, die Verdienste des Meisters in formvollendeten Versen feiernden Prolog tu warm empfundener, außerordentlich vornehmer
Weise vor. Frl. Emma Plüddemann auS Berlin sang dann drei Lieder von Brahms, unter denen namentlich die Wiedergabe von „Feldeinsamkeit" op. 86 eine Leistung größten Stiles genannt werden muß. Dr. Felix Kraus auS Wien wußte ferner mit seiner herrlichen Baßstimme die Hörer durch den Vortrag deS letzten Werkes des Entschlafenen: „Vier ernste Gesänge" op. 121, zu entzücken. Den zweiten Theil des geschmackvollen Programms bildete die Wiedergabe deS „Deutschen Requiems", in dem Chor uud Orchester unter Leitung Willem de Haans zeigten, daß sie selbst den höchsten Aufgaben der Kunst voll und ganz gewachsen find. Der Eindruck, den das erhabene Werk hinterließ, war tief ergreifend, und der Musikveretn hat durch die Veranstaltung dieser erhebenden Feier seinem alten RuhmeSkranze ein neues, wohlverdientes Blatt hinzugefügt.
Einen intereffanten Ueberblick über die Thätigkeit des Großh. HoftheaterS in der abgelaufenen Saison gibt der vor einigen Tagen veröffentlichte statistische Rückblick auf dieselbe. Danach haben in der letztwinterlichen Spielzeit 160 Vorstellungen stattgefunden, davon find 30 Opern-, 3 Operetten-, 4 Ballet-, 17 dem komischen Genre augehörende, und 73 Schau- und Lustspiel-Aufführungen gewesen. Nickr weniger wie 50 Novitäten oder Neu - Einstudirungen tarnt n heraus, so daß fast jeder dritte Abend eine solche brachte. Welche enorme Zahl von Proben dazu gehört, kann man sich denken. Die Statistik verzeichnet deren neben den täglichen Proben deS Chors und Ballets 375 Stück! 26 Gäste betraten im letzten Winter die hiesige Bühne, worunter die Namen der gefeiertsten Künstler und Künstlerianeu sich befinden. Das Institut kann fürwahr zufrieden sein mit seiner Arbeit!


