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Zweites Blatt
DienSlag dm 23. Mär;
18»»
Gießener Anzeiger
Keneral-Htnzeiger.
und Airzergel>l«»tt für den Kreis Giefzen
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Htehencr Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamirienötälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegc.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 20. März 1897. Betreffend: DaS Behüten der Wiesen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
** die Grstzh. Bürgermeistereie« M Kreises.
Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß das Behüten der Wiesen nach der Wtesenpolizei-Ordnung für den Kreis Gießen vom L. April an untersagt ist. Sie wollen die Schäfer hierauf aufmerksam machen und die Feldschützen strengstens anweisen, etwaige Uebertretungen zur Anzeige zu bringen. Die Gendarmerie ist gleichfalls angewiesen, bet Zuwiderhandlungen gegen diese« Gebot Anzeige zu erheben, v. Gagern.
Bekanntmachung.
Nachstehende Bekanntmachung des König!. Preußischen KrtegLministertumS, RemontirungS-Abtheilung, bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß.
GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
den Ankauf von Remonten für 1897 im Großherzogthum Hessen betreffend.
Zum Ankäufe von Remonten im Alter von drei und ausnahmsweise vier Jahren find im Bereiche des Großherzog- thumS Hessen für dieses Jahr nachstehende Märkte anberaumt worden und zwar:
am 17. Mai, Borm. 9 Uhr, in Gernsheim,
,/ 18. „ „ 9 „ „ Groß-Gerau,
,/ 19. „ „ 8 „ „ Reinheim,
,, 20. „ „ 8 „ „ Nidda.
Die von der Remonte-AnkaufS-Commission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt.
Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, find vom Verkäufer gegen Erstattung deS Kaufpreise- und der Unkosten zurückzunehmen, ebenso Krippensetzer und Klophengste, sowie Wallache mit ausgeprägter Hengllmanter, welche sich in den ersten zehn bezw. achtundzwanzig Tagen nach Einlieferung in den Depot« al- solche erweisen. Pferde, welche den Verkäufern nicht
eigevthümlich gehören, oder durch einen nicht legitimtrten Bevollmächtigten der Commission vorgestellt werden, find vom Kauf ausgeschlossen.
Die Verkäufer find verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rtndlederne Trense mit starkem Gebiß und eine neue Kopfhalfter von Leder oder Hanf mit zwei mindestens 2 Meter langen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugebeu.
Um die Abstammung der vorgeführten Pferde feststellen zu können, find die Deckscheine resp. Füllenscheine mitzu- bringen, auch werden die Verkäufer ersucht, die Schweife der Pferde nicht zu coupireu oder übermäßig zu verkürzen. Ferner ist es dringend erwünscht, daß ein zu massiger oder zu weicher Futterzustand bet den zum Verkauf zu stellenden Remonten nicht stattfindet, weil dadurch die in den Remoute- Depots vorkommenden Krankheiten sehr viel schwerer zu überstehen find, al« dies bet rationell und nicht übermäßig gefütterten Remonten der Fall ist. Die auf den Märkten vorzustellenden Remonten müssen daher in solcher Versüssung sein, daß fie durch mangelhafte Ernährung nicht gelitten haben und bet der Musterung ihrem Alter entsprechend in Knochen und Muskulatur ausgebildet find.
Berlin, den 3. März 1897.
Königlich Preußisches KrtegSministerium, RemoutirungS« Abtheilung.
(gez.) Hoffmann-Scholtz.
Gießen, am 20. März 1897.
Be tr.: FrühjahrS-Controlversammlungen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
M Me Grstzh. Vikgerrrretßterete» x* ÄrNk*.
Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen.
v. Ga.'gern.
Bekanntmachung.
Bei den diesjährigen Frühjahrs-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Gießen gehörigen:
1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr 1. Aufgebots (Anzug: Kleiner Dienst- Anzug).
2) Reservisten, sowie zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen.
3) Wchrlcute I. Aufgebots, die vom 1. October 1884 ab eingestellt worden.
4) ErsatzReservisten, geübte und nicht geübte.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Controlpflichtigen anzutreten haben:
A. Zu Gießen
in Oswalds Garten für die Bewohner von Annerod, Burk- hardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Heuchelheim, Klein-Linden, Oppenrod und zwar:
am 12. April 1897.
1 Appell Vormittags 8 Uhr:
Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve und Landwehr I. Aufgebots.
Sämmtliche Reservisten der Infanterie, der Jahrgänge 1889, 1890 und 1891.
2. Appell Vormittags 11 Uhr:
Sämmtliche Reservisten der Jahrgänge 1892, 1893, 1894, 1895 und 1896, sowie zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschastm der Infanterie.
3. Appell Nachmittags 2 Uhr:
Wehrleute I. Aufgebots der Infanterie.
Am 13. April 1897.
1 Appell Vormittags 8 Uhr:
Reservisten sowie zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften und die Wehrleute I. Aufgebots aller übrigen Waffen und zwar: der Garde, Jäger, Cavallerie , Feld, und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), Sanitäts- und Veterinärpersonal, Büchsenmacher, Oeconomie- Handwerker, und Marine-Mannschaften.
2. Appell Vormittags 11 Uhr:
Sämmtliche Erfahre! eroisten.
3. Appell Nachmittags 2 Uhr:
für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.
Reservisten und Wehrleute I. Aufgebots sowie zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen und Ersatz-Reservisten.
B. Zrr Lollar
am 14. April 1897, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.
Feuilleton.
Sine Bierreise.
Humoreske von E. Krickeberg.
(5. Fortsetzung.)
Alexander wurde elegisch:
„Weißt Da wohl noch, Dicker, wie wir da« letzte Mal hier saßen ... wir hatten einen verlängerten Frühschoppen im Elysium hinter uns — Schlot war total bekaeipt, er schnarchte wie eine Sägemühle am Tisch, und Pump mit seiner nicht todt zu kriegenden Suada ließ eine Philippika über die andere gegen alle erdenklichen Dinge los, die uns in der Gotteswelt nicht« angingen. Faß, Du kennst ihn vielleicht noch" — sein Blick glitt verschmitzt über mich hin- weg — „erhob sich dann und wanu schwerfällig, um mit einem: „BiSmarck ist der rechte Mann, Bismarck soll leben — hoch!" den Redner aus dem Coutext zu bringen."
„Ja, und ein gewiffer Räkel, Du kennst ihn vielleicht auch noch," schaltete ich ein, „wollte von der alten dicken Wtrthin mit aller Gewalt eine Haarlocke haben —"
Alexander lachte auS vollem Herzen.
„Ja, ja, und weißt Du, plötzlich steht Schlot auf, er- klärt mit etwa- schwerer Zunge, eS sei Zeit, zu Bett zu gehen, und beginnt ganz gemüthlich, sich auSzukleiden."
Ich saß wie auf Kohlen bet diesen Remtvt-cevzen Alexanders aus unserer Jugendzeit. Brauchten denn da« fremde Ohren zu hören — ich sah ganz deutlich, wie sich die Portiöre zum Nebenzimmer leise bewegte, und ich glaubte flüsternde Stimmen dahinter zu vernehmen. Dort saß wohl die gestrenge Wirthin und controlirte ihre hübsche Kellnerin. — Aber war denn daS wirklich eine Kellnerin? Die- Zimmer eine Weißbierftube? Schier unglaublich. Uud doch sah ich ii der Erinnerung, wie Alexander, ein einfaches Buffet- recht- tu der Ecke eben diese- Raume- stehen. DaS alles machte «ich ganz verwirrt.
„Ich verspüre Appetit," erklärte Alexander plötzlich, „die Bedienung hier läßt wirk.ich manches zu wünschen übrig" — er setzte wieder seinen Schlüssel in Tätigkeit. „Haben Sie Flack?" forschte er, als das junge Mädchen vor ihm stand.
„Was ist das, Flack?" fragte fie, seine ostpreußtschr breite Manier nachahmend, so daß wir hell auflachen mußten.
„Jh, seh einer daS Blitzmädel! Willst Dich wohl gar über mich lustig machen, Kleine?" Und er versuchte, ihre Hand zu erfassen. „Sei doch nicht so zimperlich, — komm, gieb mir einen Kuß, kannst da- in allen Ehren thun."
Sie wich ihm entsetzt au-, ein glühendes Roth ergoß fich über ihr Antlitz und in ihren Augen zitterte der Schreck über diese Vertraulichkeit.
„DaS, wa- Sie wünschen, haben wir nicht," stieß fie hastig hervor, „aber etwas anderes werde ich Ihnen schicken" — und fie eilte hinaus.
„Du gehst zu weit," rief ich ärgerlich, „Du stehst doch, daß das keine gewöhnliche Kellnerin ist."
„Ach, Unsinn, ich meine es gut mit ihr," entgegnete er gereizt.
Als aber ein anderes Mädchen, dem man den Dienstboten sofort ansah, erschien und unS delicaten HäringSsalat und Appetitbrödchen verlegen und stumm vorsetzte, schlug seine Laune mit einem Male um. Schweigend verzehrte er einige Bissen und dann erklärte er plötzlich: „Ich bin müde, wir wollen nach Hause gehen." Er trommelte mit dem Schlüssel an da- GlaS: „Zahlen!"
Diesmal erschien die alte Dame. Sie erklärte mit feinem Lächeln:
„Die Herren befinden fich in einem kleinen Jrrthum, hier ist kein Local. Früher einmal wurden diese Räume zu Restaurationszweckeo benutzt/ seitdem aber mein Mann gestorben und die Brauerei in andere Hände übergegangeo ist, habe ich dem Wirth gekündigt und meine Privatwohnuog hier aufgeschlageu."
„Alle Wetter!" fuhr Alexander heran-.
„Lassen Sie fich hierdurch nicht beirren," fuhr die Dame verbindlich lächelnd fort, „eß ist zwar nicht hübsch, daß Sie mir meine Tochter haben abspenstig machen wollen, aber trotzdem würde es mich freuen, wenn das Weißbier heut so wie ehemals seine Schuldigkeit gethan und der altbekannte Raum angenehme Erinnerungen in Ihnen aufgefrischt hätte. — Und nun guten Abend, meine Herren!"
Wie wir auf die Straße gekommen find, weiß ich nicht — wir fanden uns eift wieder, als wir bemerkten, daß wir uns mit grenzenlos verlegenen Gefichteru anftarrteu. Jede Spur von Rausch war urplötzlich von uns gewichen.
„Mir scheint, wir haben da eine gewaltige Dummheit gemacht," brachte Alexander endlich kleinlaut hervor.
„Ja, das war Deine „famose Idee", rief ich ärgerlich, „unsterblich blamtrt haben wir uns."
„Ich habe die alte Dame einen Drachen, ein gräßliches altes Weib, und was weiß ich genannt," ächzte Alexander.
„Ja," bestätigte ich mit innerer Genugthuung, „und die Tochter einen netten Käfer, irgend eine Stelle in Deinem Ostpreußen hast Du ihr angeboten."
„Verfl . . stieß Alexander hervor, „ich glaube, ich habe fie sogar geduzt."
„Das hast Du," bekräftigte ich bo-haft, „Du warft eben schrecklich bekneipt."
„Du etwa nicht?"
„ES kann bei mir doch nicht so arg gewesen sein, denn ich habe mir keine solche Dummheiten zu Schulden kommen lassen und daS junge Mädchen nicht einen Augenblick für eine Kellnerin gehalten," log ich dreist.
„Und davon haft Du mir nichts gesagt, Du lieber Freund?"
„Al- ob Du den ganzen Abend ein einzige- Mal auf mich gehört hättest!"
(Schluß folgt.)


