Ausgabe 
23.3.1897 Erstes Blatt
 
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beß Prinzregenten von Bayern, vom Kaiser ebenso wie der König von Sachsen am Bahnhofe empfaagen. Um 10V» Uhr begab fich dal Katserpaar, die kaiserlichen Kinder, die Kaiserin Friedrich, sämmtltche Prinzen und Prinzessinnen del königlichen Hauses und die hier anwesenden Fürstlichkeiten zur Kaiser-WilhelM'Gedächtuißkirche, woselbst Gedenkfeier für Kaiser Wilhelm I. stattfand. Die glänzenden Galawagen der allerhöchsten und höchsten Herrschaften boten wie immer rin farbenprächtige» Bild. Laute Hochrufe ertönten, so oft eine Fürstlichkeit vorbeisuhr. Der Wagen der Kaisern wurde ganz besonder» laut begrüßt. Nach Schluß de» Gotte»« dienste» in der Kaiser-Wilhelm.Gedächtnißkirche bot fich auf der Rückfahrt zum Schlöffe daffelbe Schauspiel dem Auge. Der Kaiser begab fich nach der kirchlichen Feier nach dem Potsdamer Bahnhof, um die dort eingetroffeuen Fahnen und Standarten derjenigen Regimenter, deren Chef Kaiser Wil­helm I. war, nach dem Palai» de» verstorbeuen Kaiser» zu überführen. Dem Kaiser, der große GeueralSuniform an» gelegt hatte, ritt die LeibgenSdarmerte voran, ihm folgte da» Mufikcorp», eine Compagnie vom Alexander-Regiment mir den historischen Blechmützen und eine Schwadron Garde- Ulanen. Direct hinter dem Kaiser wurden die Fahnen und Standarten getragen. Der glänzende Zug bewegte fich vom Potsdamer Bahnhof die Königgrätzerstraße entlang durch da» herrlich decorirte Brandenburger Thor über die Mittel- Promenade Unter den Linden zum Kaiser-Wilhelm Palai», in welchem die Fahnen untergebracht wurden und bi» morgen dort verbleiben. Lauter Jubel brach au», al» der Kaiser fichtbar wurde. Gegen Uhr löste fich der Menschenknäuel unter den Linden auf. Die meisten strebten dem Schlöffe zu, die wenigeren suchten die Nebenstraßen zu gewinnen. Biel Aufsehen erregten besonder» auch die rusfischen Soldaten, lauter kernige Gestalten mit tief gebräunten Gesichtern. Jeder von ihnen wurde von einem hiesigen Soldaten begleitet. In der Mittagszeit wurde e» etwa» ruhiger auf den Feststraßen. Im Schlöffe fand FrÜhftückStafel statt^ an der fämmtliche hier weilenden Fürstlichkeiten theilnahmen. Erst gegen 4 Uhr stellte fich die Menschenmenge wieder ein, um die Fahrt des Kaiserpaares und seiner hohen Gäste zum Opernhause, wo um 5 Uhr Theater pare stattfand, zu erwarten. Dieselbe Vorstellung wie im Opernhause, das Schauspiel1812", wurde zu gleicher Zett auch im kgl. Schauspielhause und im Neuen kgl. Opernrheater (Kroll) gegeben. Den drei Vor- ftMungen wohnten auf Befehl des Kaiser» die Schüler der Berliner Lehranstalten bei. Um 8 Uhr fand in der Bilder- gallerie de» kgl. Schlöffe» Festtafel statt. Da» war der erste Festtag öer 100jährigen Feier de» Geburtstag» Kaiser Wilhelm» I. Der Himmel hatte wenigsten» theilweise ein Einsehen. War e» auch ziemlich kühl und trüb und ging auch ein etwa» heftiger Wind, der die Fahnen lustig flattern ließ, so blieb man doch von Regen verschont, und da» war schon etwa» werth angesichts de» schlechten Wetters der letzten Tage.

Berlin, 21. März. Anläßlich der Centenarfeier fanden im Kunstgewerbe-Museum, in der Aula der Universität und in der Heiligkreuzkirche Festaete statt. Der Festact der Stadt Berlin wurde im großen Saale de» RathhauseS abgehalten.

Berlin, 22. März. Zur UeberfÜhrung der Standarten in das Palais Kaiser Wilhelms I. gestern Mittag ist noch nachzutragen, daß der Kaiser im Fahnen-Zimmer des Schlöffe» in einer markigen Ansprache auf die Bedeutung der Feier htnwie» und fich dann die Commandeure der aus­wärtigen Regimenter vorstellen ließ. Darauf begab fich der Kaiser nach dem Sterbezimmer seine» Großvater», um hier in stiller Andacht einige Minuten zu verweilen. Nach der Vorstellung im Opernhause fand beim Kaiserpaar Festtafel zu etwa 220 Gedecken statt, an welcher fämmtliche hier an­wesenden deutsche und ausländische Fürstlichkeiten theilnahmen.

Berlin, 22. März. In zahlreichen Städten des Jn- und Auslandes fanden schon gestern Festlichkeiten anläßlich der Centenarfeier statt. ZREWÄ

Berlin, 22. März. In der Wandelhalle des Reichs- tage» fand gestern Nachmittag ein Banket statt, an welchem fich etwa 110 Abgeordnete fast aller Parteien betheiligten. Präfident Freiherr von Buol hielt die Festrede.

Berlin, 22. März. Etwa 2300 alte Krieger feierten gestern Abend in der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche da» Andenken Kaiser Wilhelms I.

Antwerpen, 22. März. Einer Meldung aus Hongkong zufolge ist der DampferSanct Marco" infolge einer Exploflon untergegangen. 63 Personen find ertrunken, neun wurden gerettet.

Pari», 22. März. Der Martneminister befahl, daß zwei weitere Kriegsschiffe als Verstärkung der französischen Flotte vor Kreta nach den kretenfischen Gewässern abdampfen sollen.

Athen, 22. März. Wie hiesige Blätter melden, hat der König fich neuerdings dahin geäußert, daß keine Macht den Krieg und Ausstand der Armenier zurückhalten könne, wenn die Wünsche Griechenland» betreff» Kreta» seitens der Groß­mächte nicht erfüllt würden. In Makedonien kam e» bereit» an mehreren Punkten zu Kämpfen.

WB. Berlin, 22. März. Den heutigen Festtag leitete das Kaiserpaar durch den Besuch de» Mausoleums in Charlottenburg ein; Tausende erwarteten längs der Fest­straße die Anfahrt und begrüßten mit rauschendem Jubel daß Kaiserpaar, welches um 8 Uhr 50Min. am Mausoleum ein- traf und dort eine Viertelstunde in stillem Gebet verweilte. Sodann kehrte daS Kaiserpaar nach Berlin zurück. DaS Wetter ist bewölkt, aber regenlol.

Locale» and provinzielles

Gießen, den 22. März 1897.

lieber die Festlichkeiten, welche aus Anlaß der

Centenarfeier in Vereinen rc. gehalten wurden, können

wir wegen Raummangel heute nur theilweise berichten; mehrere Berichte mußten deshalb für die nächste Nummer zurückgestellt werden.

* * Kirchliche Dienstnachrichten. Se. Königl. Hoheit ber Großherzog haben Allergnädigst geruht, den von Sr. Durchlaucht dem Herrn Fürsten zu Jsenburg-Birstein auf die evangelische Pfarrstelle zu Hitzkirchen, Decanal Büdingen, prasentirten Pfarrverwalter August Frey daselbst für diese Stelle zu bestätigen.

* Empfang. Se. Kgl. Hoheit ber Grobherzog empfingen am 20. März u. A. den Eisenbahn-Derkehr»- Jnspector Nord mann von Gießen.

MUitardienstnachrichten. Gahl, Port.-Fähnr. vom Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116, zur Reserve entlüften.

* Die Hundertjahrfeier de8 Geburtstages Kaiser Wil­helm» I. nahm am gestrigen Sonntag durch Festgottesdienst in allen Kirchen ihren Anfang. Die Kriegsrvereiue, deren Gießen zur Zeit fünf besitzt, betheiligten fich geschlossen an dem Gottesdienste, fie marschirten mit ihren Fahnen, die am Altar Ausstellung sanden, in die Kirche. Zu dem daraus folgenden MilitärgotteSdienste trat die ganze Garnison nebst den Offizieren des Beurlaubtenstandes an, nachdem vorher die Fahnen unter klingendem Spiel nach dem Kasernenhofe und von da nach der Kirche gebracht worden waren. Die Stadt prangte bereits gestern in vollem Fahnenschmuck biß in die entlegensten Stadttheile, und wa» diesmal die Inhaber der offenen Geschäfte, Wirtschaften u. a. m. an Schmuck aufgewendet, übertrifft wohl alle» bisher dagewesene. Einige Fensterauslagen sind ebenso originell wie prachtvoll und zogen mit Recht die Aufmerksamkeit de» gestern bis zum Ladenschluß die Straßen durchfluthendeu Publikums an. Am Abend fand der übliche militärische Zapfenstreich statt. Auf den entlang dem Lahnthal liegenden Höhen brannten mächtige Freudenfeuer und Böllerschüffe verkündeten weithin, daß man überall beß großen Kaisers gedenkt. Heute Morgen begann die Feier des Tages mit dem Weckruf der Musik und Spiel­leute beß Regiments. Begünstigt von schönstem Wetter fand um 11 Uhr auf dem Trieb die Parade de» hiesigen Infanterie-Regiment» statt. Herr Oberst v. Mad at hielt eine begeisterte markige Ansprache, welche mit einem Hoch ausklang. Hierauf wurde die Parade abgenommen. Dem Vorbeimarsch schloffen fich der hiesige Veteranen- und Krieger-Verein, sowie Krieger-Kameradschast Gießen und Marine-Verein an. Dem militärischen Schauspiel wohnte eine nach Tausenden zählende Menge bei. Mit klingendem Spiel wurden alßdann die Fahnen in die Wohnung de» Regimentscommandeur» zurück gebracht.

♦♦P. Centenarfeier in der BolkSschule. Die zu Ehren des heutige« Tages in der hiesigen Volksschule veranstaltete Festsei er darf sowohl in ihrer Gesammtwirkung wie auch in den einzelnen Abteilungen als eine packende und von nachhaltiger Wirkung begleitete genannt werden. Eingeleitet durch einen Choral mit darauffolgendem Prolog setzte fie fich fort mit einer zu Herzen gehenden Ansprache, die fich unter Verzicht auf eine breitere Darstellung und Behandlung de» so reichen Stoffes nur auf ein kurzes Lebensbild Kaiser Wilhelms des Großen beschränkte, die eigentliche eben so lehr­reiche als ergreifende Schilderung diese» so inhaltsvollen Leben» dem darauffolgenden Festspiele überlastend. In natur­wahrer Weise stellt dieses prachtvolle und an mancher Stelle geradezu hinreißende Erzähl-Gedicht daß Leben beß herrlichen Mannes in kurzgefaßten, ober die jedesmalige Quintessenz scharf beleuchtenden Zeiträumen (Jahrzehnten) dar, besonderes Gewicht auf die wichtigsten achter und neunter Zeitraum legend, daß Leben wie auch das Streben des greifen Helden in wahrster und erhebendster Weise schildernd, durch­flochten von Perlen beß deutschen Volksliedes. Wir sprechen nach dem Gehörten heute mit Vergnügen auß, daß wir unsere Verwunderung und Anerkennung nicht nur den Vor­tragenden Schülern, sondern auch Demjenigen zollen, der mit Geschick und Eifer verstanden hat, in verhältnißmäßig kurzer Zeit den reichhaltigen Stoff zu bewältigen und ge­hörig abzuklären. Mögen die Schlußworte Eingang finden in die Herzen ber Schüler und bereinst Früchte reifen zu Gottes unb der Menschen Wohlgefallen!

** Ceutenar-Feier. Zum gestrigen GedächtnißgotteSdienste für Kaiser Wilhelm I. in deS JohanueSkirche hielt die Kriegerkameradschaft Gießen mit ihrer neuen Fahne den ersten gemeinschaftlichen Kirchgang. Am Schluffe beß Gotteßdienfte» weihte bann Herr Pfarrer Dingeldey mit markigen unb herzlichen Worten die Fahne unb ertheilte ihr den kirchlichen Segen.

** Der Veteranen Verein veranstaltete gestern Abend im Saale beß Hotel Einhorn im Verein mit dem Artillerie- Verein eine kameradschaftliche Vereinigung, die in schönster Weise verlief. Der erste Vorfitzende, Herr L. Petri, begrüßte die Anwesenden und brachte in schwungvollen Worten ein Hoch aus auf Se. Kgl. Hoheit den Großherzog. Der zweite Vorsitzende, Herr Emil Fischbach, hielt hierauf die Fest­rede, in welcher er der Zeit gedachte, in der der 73 jährige König Wilhelm mit seinen Kriegern auszog zu dem großen Kampf, als beffen Preis er dem Volke den laug ersehnten Kaiser heimbrachte; er gedachte der Tage, an denen im Felde den Kameraden diese frohe Botschaft verkündet wurde; er betonte weiter, daß wohl Keiner würdiger, die deutsche Kaiser­krone zu tragen, al» dieser Heldengreis, ber seine» Volke» erster Solbat gewesen von Kindesbeinen an biß zum Thron, wie er sein Heer außgebilbet zu btm besten der Welt. Redner beleuchtete ferner faßlich baß Leben beß großen Kaiserß alß Jüngling und Mann, rühmte seine allzeit betätigte Un­erschrockenheit gegenüber allen Lebenßlagen, seine große Treue gegen bte beutschen Fürsten unb Völker ließ manche Gegen­sätze fich außgleichen, alten Hader vergeffen. Möge dieser versöhnende Geist fortleben in den Nachfolgern beß großen Kaiserß und der deutsche Kaiserthron stets bleiben eine Stütze des Frieden», ein Ort, zu dem ein großes Volk mit Liebe und Vertrauen hinschauen soll. Herr Fischbach schloß mit

den Worten:In diesem Sinne bringe ich den Manen de» großen Kaiser» unsere Huldigung unb bem Nachfolger, Sr. Majestät Kaiser Wilhelm II., ein bretfache» donnernde» Hoch!" Herr C. Köhler gedachte in trefflichen Worten beß Führer» der hessischen Division, beß unvergeßlichen Groß- herzogß Ludwig TV. Herr W. Hammel brachte ein Hoch au» auf ben Altreichskanzler Fürst Bismarck, Herr Petri auf die Kamerabfchast. Herr Nau gedachte der verewigten Kaiserin Augusta unb der Großherzogin Alice, al» Förderinnen der Krankenpflege im Kriege. Zum Schluß führten die Veteranen unter dem Beifall ber Gäste einen wohlgelungenen Parademarsch au».

*D. Centenarfeier. Gestern Abend sand im Lenz'schen Felsenkeller die Feier de» 100jährigen Geburtstages Sr. Maj» de» hochseligen Kaisers Wilhelm I. statt. Die Werkstätten- arbeitet, Beamten und Vorgesetzten hatten fich hier zusammen­gefunden unb begingen die Feier in würdigster Weise. Be­sonder» verdienen die Vorträge de» Herrn Schufft unb dessen Töchter hervorgehoben zu werden.

Der gestern (Sonntag) ftattgehabte Gottesdienst zu Ehren beß hundertsten Geburtltageß Sr. Majestät weiland Kaiser Wilheml» I. in ber hiesigen Synagoge brachte allen Anwesenden die hohe Freude, noch einmal den in ben wohlverdienten Ruhestand versetzten Provinzialrabbiner, Herrn Dr. Levi, an gewohnter Stelle zu sehen. verdient Bewunderung und Hochachtung, daß c» der greife Herr trotz deß hohen Altcrß fich nicht nehmen ließ, in eigener Person Worte beß Lobe» unb ber Anerkennung, ber Liebe unb Ver­ehrung außzusprechcn unb die Hörer zur ®aterlanbßüebe und zum Opfermut zu ermahnen. Möge unß vergönnt fein, ben alten, lieben Herrn noch lange Jahre in ungetrübter Gesunbheit und geistiger Frische unter un» weilen zu sehen.

Während der heute Abend ftattftnbenben Illumination wird seitens ber Gießener Freiwilligen Feuerwehr im Thurm- haus am Brand eine Feuerwache bezogen.

Die deutsche Kokarde. Eine Extra-Ausgabe de» Armee- VerordnungSblatteß bringt einen Aufruf de» Kaisers anläßlich ber Centenarfeier, worin e» heißt: Eine befonbere Weihe will ich tiefem Jubeltage dadurch geben, daß nein Heer von nun an auch die Farben beß gemeinsamen Vater­landes anlegt; da» Wahrzeichen der errungenen Einheit, die deutsche Kokarde, die nach einmütigem Beschluß meiner hohen Bundesgenossen in dieser Stunde ihren Truppen ebenfalls verliehen wird, soll ihnen für alle Zeiten eine sichtbare Mah­nung sein, einzuftehen für Deutschlands Ruhm und Größe, es zu schirmen mit Muth und Leben. Daß Armee-Ver- ordnungSblatt veröffentlicht ferner eine Urkunde, betreffend Stiftung einer Medaille zur Erinnerung an Wilhelm den Großen auß Bronze von eroberten Geschützen an orange­farbenem Bande. Die Medaille wird nur zum Andenken an den 22. März 1897 verliehen.

Parlamentarische». Die Zweite Kammer der Land stände hält am Donnerstag den 26. März 1897, Vormittags 9 Uhr, eine Sitzung mit folgender TogeSord- nung: I. Eröffnung der Sitzung, II. neue Einläufe, III. Be- richtßanzeigen, TV. Beantwortung eventuell Besprechung 1. der dringlichen Interpellation des Abgeordneten Reinhart, betreffend die Ableitung der Fäkalien unb Schmutzwasser der Stadt Mannheim, vermittelst der Canäle tu den Rhein, V. Wahlprüfungen, VI. Berathung über: 1. die Vorlage Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, den Verkauf de» Braunkohlenbergwerks Ludwigshoffnung in ber Gemarkung Melbach betreftenb, und die Eingabe beß Gemeinberath» zu Wölfersheim, ben Verkauf de» Bergwerks zu Melbach be­treffend, vom Abgeordneten Köhler alß Antrag übergeben; 2. die Vorlage Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, betreffend ben Uebergang ber Großherzoglich hessischen Saline Karl'Theodorßhalle an bie Stadt Kreuznach; 3. die Vorlage Großherzoglichen Ministeriums ber Finanzen, bte Organi­sation ber Verwaltung ber StaatSschulb betreffend; VII. Rück­äußerungen erster Kammer: die Vorlage Großherzoglichen Ministerium» ber Finanzen, bie Regultrung ber Preußisch- Hessischen bezw. Bayrisch-Hessischen Mainstrecke betreftenb.

H. Stadttheater. Daß auch im Gießener Kunsttempel ber Centenarfeier in patriotischer Weise gedacht würde, durfte man wohl bet unserer immer das Richtige treffenden Theater- Direction sicher sein, und so wurde denn die gestrige dafür inscenirte Festvorstellung durch einen Prolog eingeleitet, der, von Frl. Leno in weißem, fließendem Gewand mit Begeisterung vorgetragen, bie Thaten be» hochseligen Kaisers Wilhelm des Großen in inhaltsreichen Worten feierte. Leider konnte die vorgesehene, zur erhebenden Feier die Weihe gebende Nationalhymne durch da» Fehlen der dienstlich ver­pflichteten Regimentscapelle nicht geboten werden. Sodann folgte die Aufführung de» historischen Schauspiel» (der Zettel vermerkte wohl irrthümlichLust"spiel) »Zopf unb Schwert" von Carl Gutzkow, daS, verwöge bei auf histo­rischen Thatsachen begrünbeten Inhalt», in wechselvollen ©eenen bie öerlobungßcontbinationen König Frtebrich Wil­helm» I. von Preußen und seiner Gemahlin über ihre Tochter Prinzessin Wilhelmine schildert und am Schluß den die Prinzessin liebenden Erbprinzen von Bayreuth zur Ver­lobung durch ben König gelangen laßt. Um bk Wieder­gabe machte sich in erster Linie Herr Fritzschler bertient, ber bte anftrengenbe, schwierige Rolle beß Königß in voll« enbeter Weise zur Darstellung brachte. In MaSke und Spiel bot er ein getreue» Spiegelbild beß Soldatenkönigs, so daß wir rückhaltlos unsere Anerkennung barüber aul- sprechen. Die Königin wurde von Frl. Fritzschler ge­winnend, jedoch nicht hoheitsvoll genug gegeben. Frl. Leus al» Erbprinzessin Wilhelmine war etwas stiefmütterlich sowohl in ihrer Rolle alß auch in prinzeßlichen Costümen bedacht. Herr Schröder al» englischer Gesandter Hotham war würdevoll und erfreute durch ansprechende» Spiel. Der Erbprinz von Bayreuth kam nur ungenügend zur Geltung. Ihm fehlte sowohl baß solbatische alß auch baß hofmäonische, etiquettemäßige eavoir-vivre. Herr Fellner, ber biese Rolle verkörperte, muß außer seiner Befangenheit auch die

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